18 verschiedene Übungsleiter der ersten Mannschaft – so viele hat Wolfgang Schellenberg in seinen beiden Amtsperioden erleben müssen beim TSV 1860. Er kam genau zur Abstiegsepoche der Löwen, nicht lange nach der Jahrtausendwende als U17-Trainer, erlebte wenig ruhmreiche Zeiten (exemplarisch Falko Götz und Schoko Schachner) und kehrte nach einem Intermezzo in der Bayernliga 2007 als Maurer-Co-Trainer wieder zurück. Und da der Cheftrainer-Posten und alle mit diesem zusammenhängende beim TSV traditionell keine sattelfesten ist, zog es Schellenberg bald vor, sich zurückzuziehen und als Jugendleiter zu arbeiten – und ist in dieser Funktion wohl eine der einzigen Konstanten überhaupt im Personalkarussell der Löwen. Jetzt steigen sowohl die U17 als auch die U19 aus den Bundesligen ab – was Schellenberg Handlungsbedarf beschert, in mehrfacher Hinsicht.

Ruhmreich

Es ist keine große Spielerkarriere, auf die Wolfgang Schellenberg zurückblicken kann. Der Münchner, am 12. November 1971 geboren, spielte vor Ort in Pasing, erst bei DJK, dann bei der TSG. Dann wechselte er nach Pang, seinen Höhepunkt erreichte er bei Wacker Burghausen – allerdings nicht lange. Zum Ende seines dritten Lebensjahrzehnts hin beendete Schellenberg seine Karriere als Aktiver und trat mit 30 Jahren den Posten bei der U17 der Junglöwen an, ehe er, von immer wieder hochkochenden Unruhen im Verein begleitet, 2007 das Weite suchte und zur U17 des 1.FC Nürnberg wechselte. Nur vier Niederlagen aus dreißig Spielen war eine Bilanz, die Schellenberg zu seinem ersten Cheftrainerposten bei den Senioren brachte, diesen trat er beim TSV 1860 Rosenheim in der Bayernliga an. Doch auch bei den Rosenheimern blieb er nicht lange, zog nach vier Niederlagen in Folge selbst die Reißleine und trat zurück. Und das, obwohl er vereinsseitig die volle Rückendeckung genoss – sein Abteilungsleiter Hans Klinger lobte ihn in den höchsten Tönen, sprach von Schellenbergs ,,großartiger Arbeit“, stellte weiterhin fest: ,,Es gibt nur wenige Trainer in der Bayernliga, die sich mit so viel Fachkompetenz und einem derartigen Engagement, das weit über eine normale Tätigkeit hinausging, einbringen können. Wolfgang Schellenberg hat die Mannschaft im April in einer sehr schwierigen Lage übernommen, mit einem Kraftakt den Abstieg verhindert und ein tolles langfristiges Konzept für die Zukunft des Fußballs beim TSV 1860 Rosenheim erarbeitet. Er hat erfolgreich junge Spieler wie Georg Lenz und Florian Bichler eingebaut, auch jetzt schon wieder einige Talente aus unserer Jugend im Blick gehabt. Schade, wir hätten sehr gerne langfristig mit ihm gearbeitet und sein Konzept umgesetzt.“ Ein Zitat, das eine bessere Empfehlung nicht sein könnte – trotz nicht von der Hand zu weisenden sportlichen Misserfolgs verabschiedete sich Schellenberg also ruhmreich aus Rosenheim und kehrte als rechte Hand von Reiner Maurer zum TSV 1860 zurück.

Zur Saison 2012/13 trat er aber von diesem Posten wieder zurück und widmete sich der Jugendleitung, in der er seitdem tätig ist. Zwischendurch musste er immer wieder interimsmäßig für die U17, U19 und das Regionalligateam einspringen, beschreibt seine eigentliche Position aber selbst als ,,über den Dingen schwebend.“ Als Trainer beim FCN etablierten sich unter seiner Regie Spieler wie Marvin Plattenhardt, beim TSV debütierte Flo Neuhaus unter Schellenberg. Letztendlich ist er aber eher ein stiller Beobachter, was auch seine vorherige Karriere zeigt. Jetzt steigen die U17 und die U19 der Löwen aus den Bundesligen ab, was für Schellenberg bedeutet, dass er plötzlich selbst richtig anpacken muss. Denn der Abstieg der U17 bedingt zeitgleich den Abstieg der U16, welcher konsequenterweise die Spieler der U15 betrifft, die nächste Saison in der U16 spielen sollen. Bis auf die Jahrgänge 98 also, die ohnehin in den Seniorenbereich ziehen müssen, muss es Schellenberg also schaffen, NLZ-Spieler aus vier Jahrgängen (99, 00, 01, 02) eine sinnvolle Perspektive trotz fehlender kompetitiver Argumente zu bieten. Nicht einfach für den 45-Jährigen, der nämlich keiner ist, der gerne Dinge erzwingt, sondern lieber mit großer Planungssicherheit arbeitet:

Formel Schellenberg

,,Aufgrund … der nach wie vor angespannten Situation im Umfeld trete ich mit sofortiger Wirkung von allen meinen Ämtern zurück.“ – So zitierte das Oberbayerische Volksblatt Schellenberg nach seinem Rücktritt in Rosenheim. Die Ansprache der ,,angespannten Situation im Umfeld“ bleibt besonders hängen, zeigt sie doch wegen der Kausalfunktion in seinem Ausspruch die Beweggründe Schellenbergs auf und führt weitergehend zu der Erkenntnis, dass Wolfgang Schellenberg nicht arbeiten möchte, wenn die Umstände widrig sind. Diese vorzeitige Schlussfolgerung stützen Tatsachen wie Schellenbergs Weggang vom TSV 1860 nach seiner ersten Amtsperiode zu einer Zeit, als die Dinge dort so sehr eskalierten wie schon lange nicht mehr (Schoko-Tabellen (Schachner), öffentliche Beschimpfungen (Ziffzer/von Linde), Verscherbelung der Allianz Arena (Ziffzer)), sein Rückzug als Co-Trainer Maurers, nicht lange bevor dieser selbst den Hut ziehen musste und eben die “Über den Dingen schwebend“-Aussage. Schellenberg ist niemand, der in unübersichtlichen Situationen versucht, sich selbst zu profilieren, aber auch keiner, der äußerst riskante Aufgaben annehmen mag. Der Leser wird sich an dieser Stelle wohl fragen: Und das soll etwas Besonderes sein? Nein, auf den ersten Blick natürlich nicht, besonders ist allerdings die berechnende und klug vorausschauende Art und Weise, in der Schellenberg sich sein Umfeld zurecht legt. Während beispielsweise Viktor Skripnik in Bremen auch mehrfach wiederkehrende Alarmsignale missachtete und sich immer wieder auf vage Vertrauensaussprüche von Vereinsseite verließ, analysierte Schellenberg die Situation in Rosenheim bereits weit im Voraus und legte sich einen Plan zurecht. Und natürlich ist Bayernliga nicht Bundesliga und Rosenheim nicht Bremen, aber der Vergleich verdeutlicht an dieser Stelle auch Schellenbergs analytischen Charakter: Der 45-Jährige ist ein Theoretiker, absolut rational und objektiv. Und während bei 1860 über die Jahre neben den 18 Cheftrainern etliche weitere Co- und Spezialtrainer, Physiotherapeuten, Sportdirektoren, Geschäftsführer, Präsidenten,  Vorstandsmitglieder, Beiräte, ja selbst Zeugwärte und Pressesprecher gingen und gehen mussten, blieb Wolfgang Schellenberg in seiner Position absolut unberührt. Denn: Der Erfolg der Jugendteams gab ihm immer Recht, und hierbei darf nicht vernachlässigt werden, dass er für diesen Erfolg einen nicht unerheblichen Anteil geleistet hat.

Schellenberg ist nicht nur in eigenen Belangen analytisch hart und kompromisslos, sondern auch, was Trainer und Spieler angeht – ohne viel Aufhebens zu machen, ist das Personal stets kritischem Auge unterworfen, bei den Spielern gilt die Devise: Nach neuen Spielern wird immer gescoutet, doch hinzu kommt nur, wer besser als der Durchschnitt des vorhandenen Teams ist. Wird durch einen Neuzugang der Durchschnitt angehoben, dann fällt am unteren Ende ein Spieler aus dem Kader. Dass gerade bei der Beurteilung von Talenten immer viel Risiko im Spiel ist, ist auch für Schellenberg kein Geheimnis. ,,Man muss es akzeptieren, weil man zu einem bestimmten Zeitpunkt eine sachliche Entscheidung treffen muss. Das Ganze ist ja ein fließender Prozess, in dem in beide Richtungen Entwicklungen stattfinden können. Manchmal ist einfach zu dem bestimmten Zeitpunkt eine Position bereits gut oder besser besetzt.“, sagt er zu möglichen Entscheidungen gegen junge Spieler, die dann wo anders durchstarten. Ihm selbst passierte das mit Träsch, dem er unter anderem wegen der Bender-Zwillinge die Tür wies: ,,Aber es ist ja nicht so, dass man sich gegen die Interessen des Spielers entscheidet. Träsch ging dann nach Stuttgart, wurde Nationalspieler. Das spiegelt natürlich auch unsere gute Ausbildung wider.“. Hängen bleibt, wie fast bei jeder Entscheidung in Schellenbergs Karriere, zuletzt ein positives Résumé. Welche Trainerhandschrift führt zu diesen positiven Ergebnissen? Schellenbergs analytischer, sicherlich auch harter Blick auf die Dinge ist das Eine – muss aber eben noch mit Inhalt gefüllt werden. Und hier erzählt Schellenberg, der übrigens am Liebsten im 4-2-3-1 mit klarer positioneller Strukturierung spielen lässt, dass es für ihn sechs Beurteilungskriterien für ein Talent gäbe: Taktik, Technik, Zweikampfverhalten, Athletik, Spielintelligenz, Persönlichkeit. Hier gelingt es ihm als Jugendleiter, jeden Spieler nach intensiver Beobachtung genau zu beurteilen, wobei alle sechs Kriterien gleich gewertet würden. Das ist die Grundstruktur eines Spielers, die Schellenberg sieht und misst, auf dem Platz beobachtet er aber sehr differenziert, wie schon durch sein positonell klares System deutlich gemacht. So beschreibt er beispielsweise Julian Weigl, der ja auch durch seine Hände ging, besonders in positioneller Hinsicht, gerade wenn es um Vergleiche mit den Benders geht.
Man muss diese Sichtweise und Beurteilungsstrategie nicht als bedingungslos “gut“ ansehen, könnte ihr eine gewisse Starre und Eindimensionalität vorwerfen – letztendlich ist sie aber eine Formel, die einen klaren Plan vorgibt und für Wolfgang Schellenberg nicht nur in externer Hinsicht immer erfolgsträchtig war.

Stolperschritt?

Wie geht es weiter mit dem Mann, der beim TSV 1860 über Jahre hinweg einer der wenigen einzigen Konstanten zu sein scheint? Der Abstieg der beiden höchsten Jugendteams bedeutet für Schellenberg, wie schon erwähnt, dass er vielen jungen Spielern Erklärungen schuldig ist und darüber hinaus eine gesamtheitliche Umstrukturierung angehen muss. Unzweifelhaft eine Aufgabe, die nicht nur zeitlichen, sondern auch zwischenmenschlichen Druck mit sich bringt – vor allem (oder auch nur) zweiterer ist von einer Sorte, die Wolfgang Schellenberg so gar nicht behagt. Zwar erfährt er diese Art von Druck auch in Personalentscheidungen mit Spielern, die er regelmäßig treffen muss, jetzt befindet er sich aber in einer Lage, in der er nicht uneingeschränkt über die Machtposition in den Gesprächen verfügt. Einerseits verkleinern sich die sportlichen Argumente auf seiner Seite, andererseits muss der sportliche Misserfolg auch irgendwie verantwortet werden. Zieht Schellenberg angesichts dieser Situation vielleicht sogar die Reißleine?
Nein. Die nach wie vor komfortable Grundsituation beim TSV wird den Jugendleiter dazu bewegen, seine Geschicke weiterhin mit den Löwen zu lenken – denn selbst in bewegten Zeiten (Die Ära unter Hasan Ismaik ist durchaus mit den Zeiten Ziffzer und Co. vergleichbar) konnte Schellenberg ungestört arbeiten und sich ein Umfeld aufbauen, das seinen Prinzipien entspricht. Und nachdem die Profis – die für die Jugendabteilung ja Grundlage und Perspektive zugleich sind – nach langer Zeit erstmals wieder in ruhige, sinnvolle Fahrwasser zu steuern scheinen (natürlich unter der Bedingung, dass ein Abstieg abgewendet bleiben kann), könnten sich Schellenbergs Arbeitsumstände sogar noch verbessern. Auf lange Sicht gesehen dürfte der Abstieg von U19, U17 und U16 also vielleicht nur ein Stolperschritt am Fuße eines aufwärts gehenden Pfades gewesen sein.

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