Ein 4-2 gegen Borussia Dortmund, Zu-Null-Siege gegen Schalke 04 und Mainz – Hannover 96 ist das Team der Stunde in der Ersten Fußballbundesliga. Entscheidenden Anteil an dem Aufschwung der Norddeutschen hat dabei ein Eigengewächs der 96er, das mit gerade einmal 21 Jahren im Schatten von Martin Harnik oder Niclas Füllkrug zu einem echten Leistungsträger herangereift ist. Dabei überzeugt Waldemar Anton keineswegs mit einer sonderlich spektakulären Spielweise. Unser Autor Christoph Rehm über einen Spieler, dessen Wert für die Mannschaft erst bei näherem Hinsehen deutlich wird.

Man ist geneigt, den Abwehrrecken von Hannover 96 auf den ersten Blick etwas zu belächeln. Aufgrund des ausgefallen Namens, bei dem man nicht genau weiß, wie man den jungen Mann bei einer persönlichen Begegnung ansprechen sollte. Waldemar? Anton? Anton-Waldemar? Und weil er sich in einer Art über den Platz bewegt – den Mund halb geöffnet, die Augenlider leicht geschlossen – die ein wenig den Eindruck vermittelt, dass sich das Eigengewächs der Hannoveraner gerade mühevoll aus dem Bett geschält und leicht verkatert auf den Fußballplatz geschleppt hat. Doch es bedarf auch kaum mehr als eines zweiten Blickes, um zu erkennen, dass dieser Eindruck gewaltig täuscht. Während des Spiels strahlt Anton trotz seiner Jugend eine gewaltige Präsenz auf dem Platz aus, wirkt in jeder Sekunde hochkonzentriert, sowie in seinen Bewegungen schnell und dynamisch. Für Hannover brachte er diese Attribute bislang in allen Saisonspielen auf den Platz – über 90 Minuten, wohlgemerkt. Mit seinen 21 Jahren ist Breitenreiters Musterschüler der Dauerbrenner im Team der 96er und aus der Startelf derzeit nicht mehr wegzudenken. Mehr noch: Der U21-Nationalspieler ist zu einem Garanten des hervorragenden Saisonstarts der Norddeutschen geworden.

Der Mann für die entscheidenden Momente

Antons statistische Werte lesen sich dabei – abgesehen von der erwähnten Einsatzzeit – keineswegs sonderlich beeindruckend: Eine Passquote von 81,3%, 55% gewonnene Zweikämpfe auf dem Boden, 65% der Kopfballduelle für sich entschieden. Das alles bei einer Laufleistung von knapp 11km pro Spiel. Ordentliche Werte, keine Frage. Aber sind dies Zahlen, mit denen man in der Ersten Fußballbundesliga nachhaltig auf sich aufmerksam machen kann? Ähnliche Werte bringt beispielsweise der Hamburger Lewis Holtby aufs Papier, dessen einziges Karriereziel derzeit darin zu bestehen scheint, sich möglichst unauffällig durch die Saison zu mogeln. Tatsächlich zeigen die über sechs Fehlpässe pro Spiel nachdrücklich, in welchen Bereichen der junge Hannoveraner noch Entwicklungspotential besitzt. Allerdings: Anton weist für sein Alter bereits jetzt eine erstaunliche taktische Reife und Spielintelligenz auf, die sein Spiel im Defensivverbund der 96er prägt. Mag sein, dass er nur etwas mehr als die Hälfte seiner Zweikämpfe gewinnt – in den entscheidenden Momenten ist er jedoch stets zur Stelle, verhindert gefährliche Pässe in die Schnittstelle der Abwehr oder unterbindet das gegnerische Umschaltspiel durch intelligentes Laufverhalten und kompromisslose Zweikampfführung. Im Spiel gegen den Ball ist er zweifelsohne Hannovers Fixpunkt – egal ob in der Innenverteidigung oder auf der Sechs im defensiven Mittelfeld.

Vom Innenverteidiger zum Taktgeber im Mittelfeld

Diese Entwicklung hatte sich bereits in der vergangenen Zweitligasaison angedeutet, in welcher Anton in 31 Spielen für die Hannoveraner auf dem Platz stand. Immer klarer wird in dieser Saison jedoch auch Antons zunehmende Wert für die Spieleröffnung des derzeitigen Tabellenvierten. Der U21-Nationalspieler gibt zunehmend Impulse nach vorne, übernimmt als Taktgeber Verantwortung im Zentrum, leitet handlungsschnell Kontersituationen ein und agiert vermehrt sogar im gegnerischen Spieldrittel. Ein Grund, warum Coach André Breitenreiter in dem 21-jährigen einen zentralen Pfeiler seines Spielsystems sieht. Mit dem dribbelafinen Salif Sané bildet er so ein kongeniales Duo in der Innenverteidigung, als Sechser im defensiven Mittelfeld strahlt er Ballsicherheit und Übersicht aus – und auch in einem System mit Dreierkette bekleidet er bereits jetzt die verantwortungsvolle Position des zentralen Verteidigers. Dabei fällt vor allem Antons souveränes und klares Passspiel auch in Drucksituationen auf: Der 1,89 Meter große Hannoveraner zeigt eine erstaunliche Symbiose aus körperlicher Robustheit und guter Ballbehandlung, welche ihm eine außerordentliche Pressingresistenz verleiht. Durch diese agiert er auch unter hohem Gegnerdruck abgeklärt und mit guter Übersicht. Nicht zuletzt ist es diese Ruhe am Ball, weshalb Anton in dieser Spielzeit zunehmend im defensiven Mittelfeld zum Einsatz kommt, während er in den vergangenen Saisons hauptsächlich als Innenverteidiger aufgeboten wurde.

Marktwert? Unverkäuflich!

Es ist naheliegend, dass in Antons Spiel noch nicht alles Gold ist, was glänzt. Gegen Frankfurt erwischte auch der gebürtige Usbeke nicht gerade einen Sahnetag auf der Sechs, ließ gegen die defensiv gut formierte Eintracht die nötigen Impulse aus der Schaltzentrale vermissen und zeigte vereinzelte, individual- und gruppentaktische Schwächen im Stellungsspiel. Doch insgesamt weist Anton im bisherigen Saisonverlauf eine außergewöhnliche Konstanz auf, spielt beständig auf einem überdurchschnittlichen Niveau – und manchmal auch darüber. Keineswegs überraschend ist daher das Interesse zahlreicher Bundesligaclubs an dem Rechtsfuß. Im Sommer hätte Hannover dem Vernehmen nach bereits eine zweistellige Millionensumme an dem Eigengewächs verdienen können. Man entschied sich jedoch gegen einen Verkauf und für eine Vertragsverlängerung bis 2021 – zu stark verbesserten Konditionen, versteht sich. Die bisherige Leistungsentwicklung scheint Horst Heldt in dieser Entscheidung mehr als Recht zu geben. Der derzeitige Marktwert Antons wird bei den einschlägigen Onlineportalen auf knapp 4 Millionen Euro taxiert. Ein tatsächlicher Verkaufserlös dürfte angesichts der momentanen Preisspirale ein Vielfaches betragen. Dennoch: Der Wert des 21-jährigen für das Team von André Breitenreiter wiegt bereits jetzt derart schwer, dass Anton von den Vereinsoberen als „unverkäuflich“ deklariert wird.

Waldi Internationale?

Der große Durchbruch in der U21-Nationalmannschaft blieb hingegen bislang noch aus. Stefan Kuntz vertraute in der Vergangenheit auf die international erfahreneren Thilo Kehrer und Jonathan Tah in der Innenverteidigung. Bei der U21-Europameisterschaft wurde Anton so Europameister, ohne selbst eine einzige Minute gespielt zu haben. Mittlerweile deutet sich jedoch auch im Trikot der Nationalmannschaft an, dass man die Qualitäten Antons in der defensiven Schaltzentrale zu schätzen weiß. Bemerkenswert: Im Testspiel gegen Ungarns Juniorenauswahl wechselte Kuntz im Laufe des Spiels die komplette Erste Elf aus – lediglich Anton spielte im defensiven Mittelfeld 90 Minuten lang durch. Ein Hinweis, dass mit dem Hannoveraner in Zukunft auch auf internationaler Ebene zu rechnen sein wird. Und die 96er sich irgendwann vielleicht doch mit einem Verkauf Antons beschäftigen müssen. Denn dieser hat ein persönliches Ziel bereits eindeutig formuliert: Einmal für seinen Traumverein aufzulaufen – den FC Barcelona.

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