Sieben Jahre lang spielte Till Stockmann für den SV Sandhausen, durchlief seit der U13 alle Jugendmannschaften des Vereins und erreichte dieses Jahr mit der U19 das Viertelfinale des DFB-Pokals. Zur kommenden Saison wechselt das Nachwuchstalent zum Soccer-Team der University of San Diego. Wir sprachen mit dem Linksverteidiger über den College-Fußball in den USA, seine Zeit beim SV Sandhausen – und weshalb er seinen Vater kurzerhand als Kameramann einspannen musste.

Frage: „Hallo Till, du wechselst zur kommenden Saison zu einer College-Mannschaft in die USA. Ein eher ungewöhnlicher Schritt für einen deutschen Nachwuchskicker. Wie kam es zu der Idee, dein fußballerisches Glück mehrere tausend Kilometer fernab der Heimat zu suchen?“

Till Stockmann: „Tatsächlich war es ursprünglich mein Bruder, der in der 10.Klasse eine Zeitlang in San Francisco war und dort sehr oft auf den deutschen Fußball angesprochen wurde. Insbesondere die Colleges würden sich immer besonders über deutsche Spieler freuen, da diese taktisch besonders gut ausgebildet seien. Zudem bekäme man als Fußballspieler am College ein Stipendium, wodurch das Studium erschwinglich sei. Als ich das gehört habe, kam zum ersten Mal die Idee, zum Studieren in die USA zu gehen – und dies mit dem Fußball zu verbinden.“

Das heißt, die Entscheidung hatte eine recht lange Vorlaufzeit?“

Stockmann: „Ja, seit der achten Klasse. Ich wurde einige Zeit zuvor von meinem damaligen Trainer Hans Jenneck in die U13 des SV Sandhausen geholt und habe erste Erfahrungen in einem Nachwuchsleistungszentrum gesammelt. Mich hat sofort die Idee fasziniert, dass mein Studium exakt an meine Trainingszeiten angepasst wird und ich so Fußball und Studium unter einen Hut bekommen kann. Das wäre in Deutschland wesentlich schwieriger geworden.“

„Ohne Highlight-Video läuft in den USA überhaupt nichts.“

Wie lief das anschließende Bewerbungsverfahren genau ab? War es für dich als Spieler in einem Nachwuchsleistungszentrum schwierig, einen College-Platz zu ergattern?“

Stockmann: „Der erste Kontakt in die USA lief über eine Agentur im Ruhrgebiet. Dort habe ich zunächst an einem großen Vorspielen mit Bewerbern aus ganz Deutschland teilgenommen. Dann haben wir das Ganze aber doch in die eigene Hand genommen. Mein Vater hat ein Highlight-Video zusammengeschnitten. Das war die Grundlage für die Kontaktaufnahmen mit mehreren Colleges in den USA.“

Highlight-Videos kennt man hierzulande eigentlich hauptsächlich von Spieler-Beratern, die ihre Klienten mit recht fragwürdigen Methoden an potentielle Vereine vermitteln wollen. War dieser Zusammenschnitt für die Universität in San Diego wirklich ausschlaggebend?“

Stockmann: „Nicht ganz. Ich habe fast zeitgleich Sven Stadtrecher, einen ehemaligen Trainer von Mannschaftskameraden, kennengelernt. Er hat zu diesem Zeitpunkt ebenfalls über viele Kontakte in die USA verfügt und diese genutzt, um mich bei meinem Vorhaben zu unterstützen. Die Trainer, die er anschließend kontaktiert hat, waren von mir alle recht angetan – spätestens als der Hinweis auf den SV Sandhausen und die 2.Bundesliga erfolgte. Tatsächlich wollten sie aber trotzdem alle ein Highlight-Video von mir sehen.“

Ohne Highlight-Video läuft nichts?“

Stockmann: „Ganz genau. Das ist in den USA das Standard-Medium, um einen ersten Eindruck von einem Spieler zu bekommen. Erst danach kam es von verschiedenen Unis zu einer Einladung für ein Probetraining. Nichts desto trotz war meine Status als Spieler des SV Sandhausen zunächst ein wichtiger Türöffner, um mich für die Unis interessant zu machen.“

„Das Verhalten des SV Sandhausen war keineswegs selbstverständlich.“

Wie war die Reaktion auf dein Highlight-Video?“

Stockmann: „Extrem positiv. Die Coaches waren scheinbar ziemlich beeindruckt. Zumindest haben auf Grundlage des Videos gleich eine ganze Reihe von Universitäten ein ernsthaftes Interesse bekundet – unter anderem auch Yale.“

Die Elite-Uni?“

Stockmann: „Ja. Das war ziemlich beeindruckend. Allerdings hat man in Yale extrem hohe Ansprüche an die Noten, weshalb ein Studium für mich dort vielleicht schwierig geworden wäre.“

Letztlich hast du dich dann für San Diego entschieden.“

Stockmann: „Ich wollte unbedingt nach Kalifornien, das war mir schon ziemlich wichtig. Nach einigen Gesprächen kam ich schließlich in Kontakt mit der San Diego University. Die Cheftrainer haben mir dann mitgeteilt, dass sie wegen eines anderen Spielers sowieso vor hatten, nach Deutschland zu kommen. In diesem Zusammenhang haben sie sich dann auch ein Spiel von mir angeschaut – und mir direkt im Anschluss bei einem Gespräch in Heidelberg mitgeteilt, dass sie in San Diego mit mir planen möchten.

Die Division One ist die höchste Spielklasse für College-Mannschaften in den USA. Die fußballerische Qualität wird gerne mit dem Niveau der deutschen Oberliga verglichen. Du bist 18 Jahre alt, hast dein ganzes Leben in einem Nachwuchsleistungszentrum gespielt. Siehst du deinen Wechsel in die USA als fußballerischen Rückschritt?“

Stockmann: „Überhaupt nicht. Viele Spieler, die in Deutschland aus einem Nachwuchsleistungszentrum in den Erwachsenenbereich wechseln, kommen in der Regional- oder Oberliga in den ersten ein, zwei Jahren meist nicht regelmäßig zum Einsatz. Ich habe die Perspektive, auf einem nach wie vor hohen Niveau Spielpraxis zu sammeln. Zudem kann ich auf eine tolle Zeit beim SV Sandhausen mit vielen Erfahrungen zurückblicken. Eine Profikarriere habe ich mit meinem Wechsel in die USA sicherlich nicht abgehakt. Zumal der College-Fußball für viele Spieler schon ein Sprungbrett in die Major League Soccer war.“

Stichwort ‚SV Sandhausen‘: Wie hat dein Heimatverein auf deine Entscheidung reagiert?“

Stockmann: „Sehr positiv. Natürlich war man von Vereinsseite ein wenig enttäuscht. Letztendlich hat mich der Club in meiner Entscheidung aber voll unterstützt, mich während der laufenden Saison für ein Probetraining freigestellt und mir sogar einen Official Visit in San Diego ermöglicht. Dem SV Sandhausen bin ich daher sehr dankbar für seine Unterstützung. Solch ein Verhalten des Vereins ist sicherlich nicht selbstverständlich.“

„In den USA in einer Viererkette zu spielen – das würde mir schwerer fallen.“

In Sandhausen kamst du meistens als Linksverteidiger zum Einsatz. Weißt du schon, ob und welche taktischen Veränderungen in den USA auf dich zu kommen?“

Stockmann: „Ja, mein neuer Trainer Brian Quinn (ehem. US-Nationalspieler, Anm. d. Red.) hat mir in einem Gespräch seine Philosophie erläutert und erklärt, wo er er mich innerhalb der Mannschaft sieht. Er plant, zur kommenden Saison mit einer Dreierkette zu spielen und will mich vor allem auf der Position des Left Back oder des linken Flügelspielers einsetzen. Das ist auf dem Papier zwar eine Umstellung für mich – in der Realität haben wir in den Nachwuchsmannschaften des SV Sandhausen allerdings meist mit extrem hoch stehenden Außenverteidigern gespielt. Das kommt einem Flügelspieler in einem 3-5-2 schon ziemlich nahe. Ich glaube, dass es mir sogar schwerer fallen würde, in den USA in einer Viererkette zu spielen, da man dort ein wesentlich konservativeres Bild des Linksverteidigers hat.“

Die San Diego University ist in den USA ein ziemliche Hausnummer und hat dreimal in den letzten sechs Jahren ihre regionale Liga, die West-Coast-Conference, gewonnen. Hast du dir persönliche Ziele gesetzt, die du mit dem Team erreichen möchtest?“

Stockmann: „Nicht konkret, nein. Ich habe die Mannschaft ja schon mal besucht und gemerkt, dass sie sehr viel Qualität hat. Bestimmte Ziele habe ich mir mit dem Team jedoch noch nicht gesetzt, außer natürlich im Derby die University of California in Los Angeles zu schlagen. (lacht) Allerdings: Einen Mannschaftstitel zu gewinnen – das wäre schon ziemlich traumhaft.“

In den USA werden auch persönliche Auszeichnungen vergeben. Welche Bedeutung hat so etwas für Dich?“

Natürlich würde ich mich sehr darüber freuen. Aber für mich war Fußball schon immer Mannschaftssport. Und ich feiere am liebsten gemeinsam mit meinen Teamkameraden.

Abschließend eine Frage zu deinem Wortschatz: ‚Football‘ oder ‚Soccer‘?“

Stockmann:(lacht)„Oh, ich fürchte, dass ich bald ‚Soccer‘ sagen werde. Das lässt sich in den USA kaum vermeiden.“

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