Hallo Herr Tjikuzu, Sie kamen damals mit 16 Jahren als hoffnungsvolles Talent aus Namibia zu Werder Bremen. Wie waren die Bedingugen als Sie damals in Namibia mit Fußball begonnen haben und wie wurden Sie entdeckt?

Als Kind habe ich meistens in der Schule Fußball gespielt und ich habe im Spiel mit meinen Freunden nichts vermisst. Werder Bremen hat damals jedes Jahr Scouting-Reisen durch Afrika gemacht und dann hat mich der damalige Vizepräsident Klaus Dieter Fischer von Werder Bremen bei einer Sichtung entdeckt. Für mich war es als Junioren-Nationalspieler sicherlich ein Stück einfacher entdeckt zu werden als für andere talentierte Jungs!

Als junger Spieler haben Sie früh ihre Familie verlassen und sind auf einen anderen Kontinent gewechselt. Wie schwer fiel es Ihnen mit 16 Jahren in den Flieger zu steigen und wie war die Anfangszeit in Bremen?

Es war natürlich enorm schwer meine Familie in Namibia zu lassen, aber ich wollte die einmalige Chance nutzen und meinen großen Traum der Karriere als Fußballer zu verwirklichen. In der Anfangszeit kann ich mich noch besonders an das andere Wetter erinnern (Tjikuzu grinst)! Insgesamt war mir von Anfang an klar, dass ich schnell Deutsch lernen musste und nun neue Freunde kennenlernen musste. Das Jugendinternat hat mir damals sehr bei der Integration geholfen und ich hatte großes Glück zu einem so besonderen Club zu gehen, der außerdem für eine der besten Jugendarbeiten in Deutschland stand.

Sie setzten sich schnell durch und machten insgesamt 140 Bundesligaspiele in der Bundesliga. Was waren die schönsten Erinnerungen aus ihrer Zeit in Deutschland?

Habe sehr viele gute Erinnerungen an die Zeit in Deutschland. In meiner Zeit bei Werder Bremen wurden die Grundlagen geschaffen, habe viel gelernt und als Team haben wir zusammen schönen Fußball gespielt. Bei Hansa Rostock habe ich mich auch sehr wohlgefühlt und viel Spaß mit meinen alten Teamkollegen gehabt. Kann mich an einige schöne Tore erinnern und hoffe das Hansa Rostock die alte Mannschaft noch einmal einlädt, damit wir als tolle Truppe wieder zusammen kommen können.

Nach einigen Stationen in der Türkei kehrten Sie zurück nach Namibia, wo Sie mit 47 Länderspielen ein sehr bekannter Mann und Idol für viele Kinder sind. Wie schätzen Sie die Qualität im Fußball von Namibia ein?

Der Fußball in Namibia hat besonders in der Organisation noch großen Nachholbedarf. Ein Beispiel: Der gesamte Ligabetrieb ist in diesem Jahr ausgefallen  und viele Spieler  haben enorme Schwierigkeiten ihre Familien zu ernähren. Besonders für die Jugend finde ich die Entwicklung schade, doch versuche ich als Jugendtrainer beim Sport Club Windhoek den jungen Spielern zu helfen und etwas zurückzugeben. Ein verstärktes Engagement oder Kooperationen mit deutschen oder europäischen Vereinen könnte einen entscheidenen Schub für namibianische Talente geben.

Wie sieht die Talentförderung in Namibia derzeit aus? Sind die Bedingungen besser als zu Ihrer Zeit als Talent geworden?

Die Talentförderung kann man nicht mit Deutschland oder Europa vergleichen, dennoch gibt es viele spannende Talente in Namibia. Aufgabe muss nun sein, diesen jungen Spielern durch Connections zu helfen und Chancen zu verschaffen, wie ich es damals bekommen habe. Eine Chance, die das komplette Leben für die jungen Talente und ihre Familie verändern könnte.

Was muss sich in der Talentförderung in Namibia und Afrika konkret noch verbessern?

Es gibt Länder in Afrika die in der Talentförderung schon einige Schritte weiter sind in der professionellen Weiterentwicklung. Insgesamt müssen sich sehr viele Dinge verbessern wie die bereits angesprochene Organisation und die bestmöglichen Rahmenbedingungen zu schaffen, um die jungen Spieler fußballerisch, aber auch menschlich ausbilden und fördern. Bildung ist ein wichtiger Eckpfeiler, der auf keinen Fall zu vernachlässigen ist. Desweiteren gibt es noch zu häufig große Probleme mit Korruption, Betrug und der Verteilung von wichtigen Positionen. Vielleicht sollte die FIFA häufiger genauer hinschauen. Wir dürfen generell keine Zeit verlieren und ich hoffe, dass durch dieses Interview auch viele Personen aus Deutschland ihre Aufmerksamkeit nach Afrika verlagern. Vielleicht ergibt sich auch durch dieses Interview konkrete Hilfe für unsere namibianischen Talente, sodass eine Profikarriere realistischer erscheinen kann.

Wir haben nun viel über die strukturellen Probleme geredet. Der Africa-Cup ist vorbei und Kamerum ist der Sieger. Welche Mannschaft und welche Talente haben Sie in diesem Turnier überzeugt?

Ich möchte kein einzelnes Talent herausheben,aber als Mannschaft hat mich tatsächlich Kamerum sehr überzeugt. Ich habe mich privat besonders für meinen Ex-Trainer Hugo Broos gefreut, bei dem ich damals bei Trabzonspor in der Türkei spielen durfte. Kamerun hat einen Umbruch hinter sich und eine sehr junge, dynamische Mannschaft, die sehr powervoll spielen.

Jährlich gibt es viele Spieler, die den Sprung in den europäischen Profi-Fußball wagen. Sie sind den Weg damals selbst gegangen und wissen um die Chancen und Schwierigkeiten sich als afrikanischen Talent durchzusetzen. Was braucht ein Talent um sich im Profifussball durchzusetzen?

Eine spannende Frage! Wenn du als Talent nach Deutschland wechselst, ist es schwieriger als in anderen Ländern, da man sich gegen hervorragend ausgebildete Spieler aus den deutschen Nachwuchsleistungszentren durchsetzen muss. Man muss mehr tun als die Konkurrenz – extra Trainingseinheiten absolvieren und vor allem fokussiert bleiben. Möglichst wenig an Zuhause denken, wozu man wirklich tapfer sein muss – glauben Sie mir! Können Sie sich vorstellen, wie Sie mit 15 Jahren ihr Elternhaus zu verlassen und den Kontinent zu verlassen? Ich bin diesen Weg gegangen für einen besseres Leben, auch wenn es den Nachteil mitsich bringt als Persönlichkeit noch nicht so gewachsen zu sein. Insgesamt war es eine super Erfahrung und ich überlege derzeit ein Buch zu schreiben, indem ich vielen afrikanischen Jugendspielern konkret weiterhelfen und inspirieren möchte, dass eine Karriere möglich sein kann.

Sie leben seit einiger Zeit wieder in Namibia. Wie sieht ihr Leben zurzeit aus und wie sind Sie dem Fußball verbunden geblieben?

Ich bin weiterhin sehr fußballbegeistert. Ich lebe derzeit in der namibianischen Hauptstadt Windhoek, wo ich auch als Jugendtrainer einiges zurückgeben möchte. Vielleicht spiele ich selbst noch ein Jahr, aber danach ist auf jeden Fall Schluss, da die Aufgabe die Jugendarbeit und strukturelle Organisation Projekte sind, die ich angehen will und wegweisend sein können.

Können Sie sich eine Rückkehr nach Deutschland vorstellen?

Selbstverständlich kann ich mir eine Rückkehr nach Deutschland vorstellen. Meine Tochter und mein Sohn leben in Deutschland und dieses besondere Land ist längst mein zweites Zuhause geworden. Mein Sohn ist selbst sehr talentiert, doch lustigerweise Borussia Dortmund Fan. Ich hoffe, dass er sich noch besinnt und später lieber für Werder Bremen spielen möchte (Tjikuzu lacht). Wo ich gerade über Deutschland und meine Erfahrungen nachdenke, möchte ich mich zum Abschluss des Interviews noch bei Thomas Schaaf bedanken, der immer an mich geglaubt hat und mir entscheidend dabei geholfen hat.

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