Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des „Relativen Alterseffekts“

Man könnte meinen, es sei schlicht alter Wein in neuen Schläuchen. Auch die deutsche Fußballwelt hat das Thema „Relativer Alterseffekt“ für sich entdeckt und erkannt, dass das deutsche Ausbildungs- und Selektionssystem eher einem verdammt groben Sieb gleicht, als einer wirklich gut organisierten und integrativen Nachwuchsförderung. Die ausnahmslose Elitenförderung im DFB der vergangenen Jahre reicht nicht mehr, um ganz oben mithalten zu können. Spätestens seit der Euro 2016 blickt die große Fußballnation Deutschland fragend ins Ausland, denn es war ein mehr oder minder kurioses Turnier. Im Viertelfinale stand damals nämlich das kleine Island, das zuvor im Achtelfinale das Mutterland des Fußballs England mit 2:1 aus dem Turnier gekegelt hatte. Island bringt es auf gerade einmal 350.000 Einwohner und beheimatet damit „nur“ 100.000 Menschen mehr, als die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt Kiel – und hat damit acht Mal weniger Einwohner als das dazugehörige Bundesland Schleswig-Holstein. Das Halbfinale der Euro 2016 erreichte – genauso wie Deutschland und Frankreich – der kleine Bruder Englands, das beschauliche Wales. Wales kann immerhin mithalten mit den wenig gesprächigen Nordlichtern aus Schleswig-Holstein, schließlich haben sie ganze 200.000 Einwohner mehr im Einwohnermelderegister als Deutschlands nördlichstes Bundesland. Europameister wurden schließlich – mit einem Fußball, der sehr wenig daran interessiert war, das runde Leder tatsächlich am Fuß zu haben – die zehn Millionen Portugiesen unter der Anleitung Cristiano Ronaldos, des Sohnes des Fußballgottes höchstpersönlich. Das allein war also noch eine zu vernachlässigende Größe für die Fußballmacht Deutschland. Auch die kleinste Fußballnation der Welt hat den Fußballgott von Zeit zu Zeit auf ihrer Seite und wenn nicht, dann haben sie zumindest seinen Sohn – Cristiano Ronaldo – in ihren Reihen. Kein Grund zur Sorge also. Schließlich ist Deutschland ja noch Weltmeister. Ein Land von 82 Millionen Weltmeistern wohlgemerkt. Und die Portugiesen leben zwar in einem kleinen Land, aber die waren schließlich schon immer gut am runden Leder. Es stellte sich bereits nach dem Titelgewinn 2014 ein nicht zu trübendes Wohlgefühl ein, wie es wohl zuletzt nach dem WM-Titel 1990 die deutsche Nation beseelt hatte. Wir sind über Jahre unschlagbar, und auch wenn wir 2016 gegen Frankreich im EM-Halbfinale mal gegen den Gastgeber ausgerutscht sind, haben wir schließlich noch unsere Nachwuchsförderung, die wir Anfang der 2000er überarbeitet haben. Auf zur „Mission Titelverteidigung“. Doch in den darauffolgenden Jahren wurde es dann doch noch ein wenig kurioser. Island qualifizierte sich auch für die Weltmeisterschaft 2018 in Russland. Deutschland beendete das Turnier nach einer gruseligen Vorstellung als Gruppenletzter in der „Todesgruppe“ mit den „Fußballgiganten“ Südkorea, Mexiko und Schweden. Das kleine Kroatien wurde mit ihren Weltklasse-Spielern Modric und Rakitic Vize-Weltmeister und das kleine Belgien errang mit seiner goldenen Generation einen verdienten dritten Platz. Bei der FIFA-Wahl zum „Best Player“ wurde wieder einmal kein Deutscher berücksichtigt und stattdessen krönte sich besagter Modric aus dem kleinen Kroatien am 24.09.2018 in London zum besten Kicker des Planeten. 11 Millionen Menschen wurden WM-Dritter, vier Millionen sind Vize-Weltmeister. Und die deutsche Fußballwelt fragte sich, wie es nur möglich sein konnte, dass ein Land wie Kroatien, das etwas mehr als halb so viele Einwohner wie der „Deutsche Fußball-Bund“ (DFB) Mitglieder hat, eine so hohe Dichte an Weltklasse-Spielern hervorbringen konnte, um sich bis in das epische Ringen um die Krone der Fußballwelt in Moskau gegen eine starke französische Nation vorzukämpfen. Während sich der überwiegende Teil der deutschen Sportberichterstattung auf die Themengebiete Mesut Özil, Ilkay Gündogan und den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan oder wahlweise die Frage, ob Julian Brandt in der Startelf hätte stehen sollen oder nicht, konzentrierte, kochte in Folge dessen zurecht auch das Thema „Relativer Alterseffekt“ wieder hoch und es kam die Frage auf: Macht Deutschland zu wenig aus seinen gigantischen Möglichkeiten?

Der „Relative Alterseffekt“

„Man kann getrost davon ausgehen, dass mindestens die Hälfte der Fußballtalente, aber auch Begabungen in anderen Sportarten, verloren gehen durch die Folgen des Relativen Alterseffekts.“
– Prof. Dr. Martin Lames
Zitat: FAZ vom 11.09.2018, „Die Gnade der frühen Geburt“ von Daniel Meuren

Im Grunde ist es ein altes Thema und nicht schwer zu verstehen, was hinter dem ominösen Begriff des „Relativen Alterseffekt“ steht. Bei der Festlegung einer Altersklassengrenze gibt es zwangsläufig einen Stichtag, der bestimmt, in welcher Altersklasse ein Spieler im Jugendfußball antreten muss. Früher war das in Deutschland – mit Bezug auf den Beginn einer Saison – der 01. August. War man also am 31. Juli geboren, hatte man es mit Gegenspielern zu tun, die am 01. August des vorherigen Kalenderjahres geboren waren und somit war man faktisch ein ganzes Jahr jünger. Der DFB änderte über die Jahre den Stichtag, nicht aber das System. Heute spielen also Kinder, die zu Jahresbeginn an Neujahr das Licht der Welt erblickten, gegen Kinder, die geboren wurden, während gerade der Silvester-Klassiker „The Final Countdown“ der Band „Europe“ im Radio zwölf Monate später das verstrichene Jahr verabschiedete. Die DFB-Reform des Stichtags bewirkte also nur eine Verschiebung, nicht aber eine Veränderung des Problems.

243 Spieler und Spielerinnen (U15-U19) laut Kaderlisten auf dfb.de (Stand Juli 2015,
Quelle der Daten: Deutscher Fußballbund, Quelle der Grafik: zeit.de („Nachwuchsfußball: Fußballprofis zeugt man im April“ von Oliver Fritsch und Sascha Venohr))

Raider heißt jetzt Twix,… sonst ändert sich nix!“

Es ging also weiter wie bisher. Während die Wissenschaft als Teil der Expertiseforschung den „Relativen Alterseffekt“ in diversen Tätigkeitsfeldern, die Talent, aber auch Talententwicklung benötigen, nachwies, wurde auch der Fußball und die Sportwissenschaft in Person von Professor Martin Lames auf diesen Umstand aufmerksam. Januarkinder wurden viel häufiger Profifußballer als Dezemberkinder und das nicht, weil sie pauschal talentierter waren als die Spätgeborenen ihres Jahrgangs, sondern weil sie schlicht und einfach körperlich weiter – in der Fachsprache akzeleriert – waren als ihre Gegenspieler, die im Dezember ihren Ehrentag begangen. Besonders sichtbar wird dieser Umstand der körperlichen Akzeleration im C-Jugend-Alter, in dem der biologische Altersunterschied durchaus auch einmal bis zu sechs Jahre betragen kann, je nachdem, ob ein Talent sehr früh oder sehr spät in die Pubertät kommt. Es ist ein durchaus merkwürdiges Bild, wenn im C-Jugend-Alter Zwölf- bis Dreizehnjährige aus dem jungen Jahrgang auf Vierzehn- bis Fünfzehnjährige des alten Jahrgangs treffen. Schon als Jugendspieler haben meine Mitspieler und ich Scherze gemacht, dass unser Gegenspieler heute wohl vertretungsweise für seinen Sohn spielen würde, wenn wir wieder einmal einen gefühlt zwanzig Zentimeter größeren, vollbärtigen jungen Mann als Gegenspieler zugewiesen bekamen, der uns nur anzugucken brauchte, damit wir den Zweikampf gegen ihn verloren. Auch uns Kindern und Jugendlichen entging nicht, wenn Gegenspieler körperlich massiv überlegen waren. Wo Vollbart auf Bubigesicht und Bass- auf Sopranstimme in einem direkten körperlichen Duell aufeinandertreffen, kann von Vergleichbarkeit der Leistung keine Rede sein, obwohl das Ergebnis auf der Anzeigetafel am Ende eine Vergleichbarkeit der spielenden Akteure suggeriert. So fielen viele gute Techniker und spielintelligente Mittelfeldregisseure schlicht und einfach herunter, weil der Gegenspieler einfach an ihnen vorbeilief und dem für das große Tor viel zu kleinen Torhüter die Bälle um die Ohren schoss, sobald die Jüngeren den Ball verloren. Nach und nach wurden die jüngeren, kleinen, langsamen, körperlichen schwachen Spieler gegen Jungs ersetzt, denen man spielerisch rein gar nichts in Abrede stellen möchte, die aber den Zuschlag schlicht und einfach aufgrund ihrer Frühentwicklung oder Körperlichkeit bekamen. Der DFB reagierte halbherzig. Erst kürzlich offenbarte DFB-U20-Trainer Frank Kramer in einem FAZ-Interview, welches sich mit dem „Relativen Alterseffekt“ auseinandersetzte, dass DFB-Auswahlteams mittlerweile Quotenregeln für Spätgeborene bei inoffiziellen Länderspielen eingeführt haben. Er würde es am liebsten sehen, so sein Standpunkt im FAZ-Interview von Autor Daniel Meuren, wenn Vereine Elfjährige mindestens vier Jahre fördern müssten und zusätzlich eine Quotenregelung für Spätgeborene eingeführt werden würde. Der technische Direktor des FC Schalke 04, Peter Knäbel, widerspricht im selben FAZ-Interview seinem DFB-Kollegen und plädiert stattdessen für eine „Green Card“-Lösung wie in der Schweiz, mit dem spätgeborene Talente im jüngeren Jahrgang mitspielen dürften. Und während man in Belgien schon einen sehr pragmatischen Weg eingeschlagen hat, bei dem man Talente nicht mehr nach kalendarischem, sondern nach biologischem Alter aufteilt sowie ein Stichtagrotationssystem testweise einführte und dadurch eine regelrechte Flut an Talenten hervorgebracht hat, wird an DFB-Stützpunkten weiter über starre Quoten nachgedacht oder sie werden vielerorts auch einfach ganz aktivistisch eingeführt. An einigen Stützpunkten muss nun die Hälfte der Stützpunktspieler in der zweiten Jahreshälfte geboren sein. Es ist mehr als fraglich, ob man damit nachhaltigen Erfolg hat oder das Problem nicht einfach wieder nur verschiebt. Quoten sind immer ungerecht. Der Ansatz der Belgier ist dabei zwar aufwändiger, wohl aber deutlich präziser und progressiver. Doch wohl möglich könnte das Problem des deutschen Fußballs weit über den „Relativen Alterseffekt“ hinausgehen, der zwar begründet und sauber erkennt, dass körperlich akzelerierte Spieler Vorteile in der Selektion genießen, diesen Gedanken aber nicht weiterführt. Denn der Grund dafür, dass große, kräftige Spieler in Deutschland tonangebend sind, hat nicht ausschließlich mit dem „Relativen Alterseffekt“ zu tun. Stattdessen gesellen sich zum „Relativen Alterseffekt“ nämlich noch die verheerenden Kriterien, nach denen in Deutschland aus einem kulturell sehr kompromisslosen Fußballverständnis heraus gescoutet und in der Bundesliga gespielt wird. Neben dem Alter und den damit einhergehenden „Relativen Alterseffekten“ und synergetischen Selektionseffekten in den NLZs und an den Stützpunkten gibt es eine weitere Auffälligkeit, die Fragen aufwirft. Denn das deutsche Selektionssystem, welches vornehmlich nach den Kategorien der physischen Kraft, der physischen Geschwindigkeit und der körperlichen Dynamik (Kraft und Größe) sortiert, bestimmt, wer als NLZ-Spieler und später als ausgewachsener Profifußballer in Deutschland überhaupt in Frage kommt.

Der „Zwergenaufstand“ von Wembley 2011

Talent ist im Fußball wichtiger als eine gute Physis.“
– Xavi Hernandez
Zitat: Xavi Hernandez bei Goal.com, 01.04.2012

Fragt man Fußballfans – die nicht gerade in ihrer Freizeit einen Real Madrid- oder Cristiano Ronaldo-Schrein in ihrem Wohnzimmer pflegen – nach dem besten Fußball, den sie je in ihrem Leben gesehen haben, werden wohl viele sagen: Der FC Barcelona unter Pep Guardiola! Auch wenn das Jahrhundert noch vergleichsweise jung ist, sind sich viele Experten einig, dass das, was Guardiolas Mannen da auf den Platz brachten, der fußballerische Höhepunkt des 21. Jahrhunderts gewesen sei und seitdem nie wieder getoppt worden wäre. Auch wenn Real Madrid unter Zinediné Zidane drei Mal in Folge die Champions League gewinnen konnte, gab es kein anderes Team, dass den schönen Fußball so sehr verkörperte, wie der FC Barcelona. Das Team aus Katalonien begeisterte über vier Saisons mit einem atemberaubenden Fußball, den die Welt in dieser Radikalität noch nicht gesehen hatte. Das Orchester rund um den hoch veranlagten Solisten Lionel Messi spielte Guardiolas Partitur auf eine absolut einzigartige Weise, die wohl niemals wieder zu replizieren ist. Guardiolas Fußball war neu, regelbrechend und absolut ungewöhnlich. Der Fußball hat drei große Epochen erlebt. Eine Zeit vor der Raumdeckung, in der der Gegenspieler im Geiste der alten Kreisliga-Weisheit „Bis auf die Toilette!“ verfolgt wurde, die Zeit nach der Erfindung der Raumdeckung, in der Arrigo Sacchi mit dem AC Mailand Europa dominierte und eine Zeit nach dem „Tiki Taka“, wie es zu Guardiolas Leidwesen im Volksmund genannt wird. Nahezu alles, was seit Arrigo Sacchis Erfindung der Raumdeckung als feste Größe des Spiels betitelt wurde, erfand Guardiola neu. Nicht aus dem Selbstzweck der Innovation heraus, sondern weil er ein begnadeter Eklektiker ist – ein Chamäleon, das seine Spielidee stets fixiert hält, sein Spielmodell aber an die Umwelt und seine Spieler anpasst –, wie er später auch in Deutschland und England unter Beweis stellen sollte. Und der FC Barcelona, ein Team der Mittelfeldspieler und der kleinen Techniker, war fußballerisch ein Paradies für den katalanischen Startrainer, der mit seinem Fußball auch unterklassig in Barcelonas zweiter Mannschaft wider Erwarten den Aufstieg mit einer neuen Art von Fußball errungen hatte und so in den Fokus des Barcelona-Vorstands als Nachfolger von Frank Rijkaard rückte.

Guardiola brach Dogmen und Regeln einfach kompromisslos. Es begann mit dem Torhüter Victor Valdes, der nicht nur außergewöhnlich klein für einen Schlussmann war (1,83m während der durchschnittliche Torhüter in Europa 1,88m misst), sondern der von Guardiola die Anweisung erhielt, sich als erster Angreifer und als letzter Verteidiger zu begreifen, der den Ball eben gelegentlich in die Hand nehmen darf. Eine Idee, die Manuel Neuer 2014 auf die Spitze trieb. Da war außerdem noch das Dogma, dass Innenverteidiger große Hühnen sein mussten, deren Hauptaufgabe es ist, den Ball vom eigenen Tor fernzuhalten und die 1 vs. 1-Luftzweikämpfe kompromisslos gewinnen mussten. Mit Javier Mascherano setzte Pep einen spielstarken Innenverteidiger im Champions League-Finale 2011 gegen ein englisches Team ein, der mit 1,74m das genaue Gegenteil von Gardemaß besaß, denn mit seiner geringen Körpergröße war Javier Mascherano sogar minimal kleiner, als der Durchschnittsargentinier (1,746m). Diesen Regelbruch wiederholte Guardiola mit gleichem Erfolg später mit Joshua Kimmich (1,76m) und bescherte diesem damit nicht nur seinen Durchbruch bei Bayern, sondern auch sein Ticket für EM 2016. Ein absolutes Novum. Doch es war nicht das einzige Dogma, dass er schlicht brach. Zentrale Mittelfeldspieler hatten vor dem FC Barcelona von Guardiola gefälligst schnell und zweikampfstark zu sein. Sie waren Ausputzer vor der eigenen Kette und fraßen ihre Gegenspieler regelrecht auf. Furchterregenden Vertreter dieser Zunft wie Frankreichs Patrick Vieira bescheren ihren ehemaligen Gegenspielern wohl noch heute die ein oder andere schweißgebadete Albtraumnacht. Stattdessen setzte Guardiola auf den langen, schlaksigen, wenig muskolösen und eher langsamen Sergio Busquets anstelle des dynamischen, kräftigen, großen und abschlussstarken Yaya Touré (der über diese Kränkung wohl bis heute nicht hinweg ist). Busquets hatte wohl auch den Bonus, ein Spieler zu sein, der Pep wohl ein wenig an sich selbst zu seinen aktiven Zeiten erinnerte. Busquets‘ Qualitäten sind alles andere als offensichtlich, denn im Grunde macht er nichts Spektakuläres. Er bietet sich an, spielt einen (meist sehr risikoarmen) Pass, bietet sich wieder an, spielt wieder einen Pass. Seine saisonübergreifenden Zweikampfquoten bewegen sich meist um einen Wert zwischen 50-60% und sind damit alles andere als bemerkenswert für einen alleinigen Sechser, der bis zu Guardiolas Regelbruch zur Aufgabe hatte, vor der Abwehr für Klarheit zu sorgen. Abzuräumen. Zu zerstören. Stattdessen fiel er statistisch, wie auch seine beiden kongenialen Partner Xavi und Iniesta, durch sehr positive Passquoten auf. Und während der ein oder andere Beobachter bereits einen Alibipasser entlarvt haben wollte, der ja ohnehin nur Querpässe spiele, bahnte sich der junge Sergio Busquets seinen Weg von der vierten spanischen Liga (Saison 07/08) in die Startelf des späteren Champions League-Siegers (Saison 08/09) und von dort aus in die spanische Weltmeistermannschaft von 2010. Busquets Mittelfeldpartner waren Xavi und Iniesta – beide mit 1,70m und 1,71m noch kleiner als Javier Mascherano –, denen man damals nachsagte, sie könnten nicht produktiv zusammenspielen, da sie zu ähnliche Spielertypen seien. Aussagen der spanischen Presse, die retrospektiv an Naivität wohl kaum zu überbieten sind. Und dann waren da noch David Villa (1,75m), Pedro (1,67m) und der wohl talentierteste Fußballer unserer Zeit, Lionel Messi (1,70m). Diese drei durchaus sehr kleinen Spieler, die auch den Bevölkerungsdurchschnitt ihrer Heimatländer mit ihrer Größe zum Teil weit unterboten (Spanien: 1,76m, Argentinien: 1,74m), waren in der Lage, die englische Abwehr von Manchester United vor dem Kasten von Edwin van der Sar (1,99m) rund um Rio Ferdinand (1,89m), Nemanja Vidic (1,90m) und Sechser Michael Carrick (1,89m) in zwei Spielen (rechnet man das Finale 2009 mit) ganze fünf Mal zu überwinden – Messi ironischerweise sogar 2009 einmal per Kopf. 

Große Spieler werden Profis – die Kleinen schauen in die Röhre

Barcelona bewies, dass Größe im Profifußball der Erwachsenen eine eher untergeordnete Rolle spielt. Der FC Barcelona war und ist aber das exakte Gegenbeispiel zu einem Trend, der bis heute anhält: Profifußballer sind deutlich größer als die durchschnittlichen Männer ihrer Heimatländer. Bei Barcelona hingegen waren von 22 Spaniern im Kader der Champions-League-Siegermannschaft von 2011 „nur“ 14 von 22 Spielern größer als der spanische Durchschnittsmann. Zum Vergleich: Bei den Bayern 2013 waren es von 12 von 15 deutschen Spielern, die größer als der Schnitt der Deutschen war. Anhand der letzten vier Weltmeister lässt sich dieser Trend sehr bildlich darstellen.

Der männliche Durchschnittsfranzose misst 1,79m, die Finalelf aber – trotz des kleinen Sympathieträgers N’Golo Kanté in ihren Reihen – stolze 1,83m. Deutschlands Finalelf war mit 1,86m ganze sechs Zentimeter größer als der deutsche Durchschnittsmann (1,80m), im gesamten 23er-WM-Kader (1,858m) waren mit 1,70m und 1,76m (Lahm und Götze) nur zwei Spieler kleiner als der Durchschnittsdeutsche. Alle anderen waren größer als 1,80m, nur Mesut Özil repräsentierte mit seinen 1,80m exakt das Mittel. Spaniens Finalelf (1,79m) übertraf die eigene Bevölkerung (1,76m) etwas weniger stark um etwa drei Zentimeter und auch die italienische Eleven von 2006 (1,83m) war im Schnitt deutlich länger als ihre männlichen Fans (1,77m) zuhause.

Der durchschnittliche männliche Erdenbürger misst 1,72m, wenn man die Durchschnittsgrößen der Kontinente unabhängig ihrer Bevölkerungszahl gleich gewichtet zusammenrechnen würde. In Relation zu den Bevölkerungszahlen würde dieser Wert wohl noch etwas niedriger ausfallen, da das „kleine Asien“ (1,68m) wesentlich mehr Menschen ihr zu Hause nennen als das „große Europa“ (1,79m). Fußballer, die in einem Verein der UEFA ihr Geld verdienen, messen trotz ihrer weltweiten Herkunft im Schnitt 1,83m. Damit wären die Fußballprofis der UEFA nicht nur im Mittel vier Zentimeter größer als die größte durchschnittliche Bevölkerung der Welt, die männlichen Europäer, sondern auch ganze elf Zentimeter größer als der durchschnittliche männliche Mensch weltweit. Diese zweite Zahl relativiert sich natürlich ein Stück weit, da in Europa logischerweise wiederum zahlenmäßig mehr „große Europäer“ spielen, als „kleine Südost-Asiaten“. Trotzdem stellt die Körpergröße 1,83m eine mehr als signifikante Abweichung vom Durchschnitt dar.

Die durchschnittlichen Körpergrößen und das Durchschnittsgewicht der Männer weltweit, aufgeschlüsselt nach Kontinenten. Ohne Gewichtung nach Bevölkerungszahlen der Kontinente ergibt sich ein Mittel von 1,718m. (Quelle: laenderdaten.info)


Der spanische Nationalkader von 2010 kam dem, was einer Normalverteilung noch am nächsten kommt – nämlich, dass die Hälfte größer und die Hälfte kleiner als der Bevölkerungsschnitt ist – im Weltmeistervergleich noch am nächsten. Hier waren unter 23 Akteuren im Kader der Weltmeistermannschaft immer hin noch 7 Spieler dabei, die kleiner als der spanische Bevölkerungsschnitt von 1,76 waren. Wenig verwunderlich: Spitzenwert unter den für das Nationalteam abstellenden Clubs war der FC Barcelona mit drei der sieben Spieler. Zählt man den im Sommer 2010 wechselnden David Villa hinzu, sind es sogar vier.

Der „Relative Größeneffekt“?

„Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass sich unter den verlorenen Talenten nicht auch der ganz große Ausnahmekönner verbirgt. Scheitern in früher Jugend hat ganz andere Gründe.“
– Prof. Dr. Martin Lames
Zitat: FAZ vom 11.09.2018, „Die Gnade der frühen Geburt“ von Daniel Meuren

Auffällig also: Nicht nur die spätgeborenen Spieler werden selektiert, sondern auch körperlich kleine Spieler haben länderübergreifend deutlich geringere Chancen auf eine Profikarriere, auch wenn sie von ihrer fehlenden Körpergröße später als erwachsene Spieler keinen allzu großen Nachteil mehr haben würden.
Selbstredend hängen diese zwei Beobachtungen wohl auch ein Stück weit zusammen, denn auch hier schlägt wohl der „Relative Alterseffekt“ anteilig zu. Wer schon früh groß und kräftig ist, setzt sich gegen seine Altersgenossen besser durch, bringt also kurzzeitig gute Leistung und wird eher in die nächste NLZ- oder Akademie-Mannschaft übernommen und weiter gefördert, während kleine Spieler, die über vergleichbare oder sogar bessere technische Fähigkeiten verfügen, zu Gunsten der Größeren oftmals frustrierende Absagen bekommen, die sie für den Fußball verloren machen. Es geht also nicht nur um das kalendarische und das biologische Alter, sondern auch schlicht um die potenzielle Körpergröße. Ein Kind, dessen Eltern überdurchschnittlich groß sind, wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch mit zwölf Monaten kalendarischen Rückstand größer und kräftiger sein, als ein Kind mit unterdurchschnittlich großen Eltern und sich somit trotzdem gegen den Älteren durchsetzen – was den „Relativen Alterseffekt“ ein Stück weit relativieren würde. Denn Frühentwicklung bringt nichts, wenn in Sachen Wachstum aufgrund der genetischen Veranlagung bei 1,68m Schluss ist. Deshalb überrascht es nicht, dass von den elf spätgeborenen Spielern des FC Bayern der Saison 18/19 (Ulreich, Hummels, Süle, Boateng, Martínez, Rafinha, Tolisso, Sanches, Müller, Lewandowski, Wagner) zehn Spieler leicht bis deutlich größer als der Schnitt ihrer Heimatländer ist. Die Vermutung, dass Spieler wie Wagner, Boateng, Hummels und Süle schon im Kindes- und Jugendalter nicht die kleinsten und schwächsten Spieler ihrer Mannschaften waren, liegt dabei durchaus nahe. Einzig Rafinha unterbietet den Schnitt seines Heimatlandes Brasilien um einen Zentimeter und stellt damit wohl die sprichwörtliche regelbestätigende Ausnahme dar.

Auch hier lässt sich mehr als berechtigt anführen, dass die kleineren Fußballer wohl kaum pauschal in Relation zu ihren größeren Mit- oder Gegenspielern die schlechteren Fußballer sind. Dass fußballerischer Erfolg sehr wenig mit körperlicher Größe zu tun hat, bewiesen schließlich die Katalanen (1,77m) des FC Barcelona am 29. November 2010, als sie das im Schnitt sechs Zentimeter größere Real Madrid (1,83m) im El Clasico mit 5:0 auf die Heimreise schickten. Und auch Fabio Cannavaro (1,76m) – seines Zeichens der einzige Innenverteidiger, der jemals Weltfußballer wurde – belegt, dass selbst auf dieser Position die Körpergröße wohl nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Das selektive Ungleichgewicht eher Profifußballer zu werden, wenn man eine überdurchschnittliche Körpergröße an den Tag legt, scheinen aber auch die progressiven Belgier mit ihren rotierenden Stichtagen und der Einteilung nach biologischem Alter noch nicht ganz gelöst zu haben. Ihr WM-Kader 2018 ist mit 1,85m zwar nur ganze drei Zentimeter größer als der Durchschnittsmann zuhause, aber nach wie vor signifikant messbar größer. 

Der durchschnittliche Fußballprofi in Vereinen der UEFA-Mitgliedsländern misst gerundet 1,83m – der Durchschnittsmann weltweit aber nur 1,72m (Quelle: Statista)


Nun ließe sich argumentieren, dass dies absolut einleuchtend ist. Schließlich ist Körpergröße ein athletischer Vorteil gegenüber den Gegenspielern. Wenn Profifußballer also überdurchschnittliche Athleten sind, ist es nur logisch, dass sie auch eine überdurchschnittliche Physis aufweisen, die ihnen den Weg für ihre Profikarriere neben harter Arbeit an sich selbst, Verzicht und Disziplin geebnet haben. Doch selbst wenn diese verkürzte Erklärung für dieses massive Ungleichgewicht in der Körperlichkeit im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung zutreffend wäre, würde dies ebenso wenig an der Tatsache ändern, dass eine Vielzahl unterdurchschnittlich großer Talente somit nie eine ehrliche Chance hatte, Profi zu werden. Denn wurde ihr Talent am Ball nicht – durch Trainer und Vereinsverantwortliche – in der Beurteilung ihres Talentes und des Wertes für Spielmodell, Mannschaft und Verein höher gewichtet als ihre fehlende Körperlichkeit, so ist die Tür ins Profigeschäft aller Wahrscheinlichkeit nach für immer geschlossen. Dabei ist es durchaus interessant zu sehen, welche Fähigkeiten Spieler mit körperlichen Nachteilen häufig an den Tag legen.

Kompensationsstrategien und versteckte Talente

„I pass and I move, I help you, I look for you, I stop, I raise my head, I look and, above all, I open up the pitch. The one who has the ball, is the master of the game.“
– Xavi Hernandez
Zitat: „Our Competition is the World“ von Stan Baker, Seite 30

Die technischen Ausnahmekönner im Fußball sind überproportional häufig unterdurchschnittlich groß, sowohl im Vergleich zur Normalbevölkerung, besonders aber in Relation zu Mit- und Gegenspielern. Die Erklärung dafür ist erst einmal naheliegend: Ihr Schwerpunkt liegt näher zum Spielgerät und somit haben sie es schlicht einfacher als ihre großen Mitspieler, die filigranen Dinge mit ihm zu vollführen. Sie sind wendiger und beweglicher. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. Denn es ist auffällig, dass Spieler mit athletischen oder körperlichen Nachteilen, sofern sie mit entsprechendem Talent gesegnet sind, ihre physischen Nachteile auf verschiedenste Art und Weise kompensieren. Ein Paradebeispiel für diese Beobachtung ist erneut das Mittelfeld des FC Barcelona von 2011.

Xavi Hernandez sagte selbst, dass er sehr wohl gerne schneller und größer wäre. Seine physischen Limits waren ihm über die Jahre seines Spielerdarseins auf höchster internationaler Ebene keinesfalls verborgen geblieben. Trotzdem gelang es ihm als junger Mann, einen ebenfalls körperlich limitierten, aber in Sachen Spielintelligenz wohl unübertroffenen Altstar mit dem Namen Josep Guardiola von der Position des zentralen Mittelfeldspielers des FC Barcelona zu verdrängen und sich der Behauptung zu erwehren, ein zentraler Mittelfeldspieler müsste groß, schnell und robust sein. Xavi hatte das Glück mit elf Jahren nach La Masia zu kommen. Dort wurde in seiner geringen Größe und seinem geringen Tempo zu seinen Gunsten nicht als Hindernis, sondern als Potenzial gesehen. Denn Spieler, die einen Zweikampf nicht deshalb gewinnen können, weil sie ihrem Gegner körperlich überlegen sind, die nicht einfach am Gegenspieler vorbeilaufen können, müssen Wege finden, im Leistungsfußball zu bestehen. Xavi kompensierte seine Mängel nicht nur, indem er seine Technik weiter verbesserte, sondern indem er Fußball nicht nur spielte, sondern ihn dachte. Ganz in cruyffscher Tradition spielte er den Fußball mit seinem Kopf und begriff seinen limitierten Körper nur als sein Instrument, den Ball zu bewegen. Barcelona gab Xavi aufgrund seiner Technik und weil man erkannte, dass Xavi über eine großartige Intelligenz verfügte, die Chance und den Rahmen, sich zu einem der besten Spielgestalter der Fußballgeschichte zu entwickeln, auch wenn Xavi selbst auf Nachfrage nach dem besten Mittelfeldspieler wohl immer Paul Scholes nennen würde. Xavi am Ball zuzusehen ist ein Genuss, doch zu sehen, wie er sich bewegt, bevor er den Ball bekommt, ist wohl noch interessanter. Nicht nur, dass er permanent seine Umgebung nach Räumen absucht, er versteht es auch, sich mit unauffälligen Bewegungen genau im richtigen Moment in eben jene Räume zu schleichen, um beim Gegner maximalen Schaden anzurichten. Selten geht er einmal in ein 1 vs. 1, denn aufgrund seines fehlenden Tempos wird er es in den meisten Fällen verlieren. Stattdessen spielt er den Ball, bevor er in den Zweikampf gehen muss und beginnt unmittelbar danach wieder mit der Suche nach einem neuen Raum. Er zieht den Gegner mit kleinen, kurzen Pässen auseinander, ohne dass dieser überhaupt merkt, dass er die Ordnung bei dem Versuch verliert, Xavi zu stellen und in einen Zweikampf zu verwickeln. Xavi ist wie ein Schachspieler, der gelernt hat, die Züge des Gegners zu antizipieren und den Plan des Gegners bereits zu unterbinden, bevor dieser überhaupt begriffen hat, dass dieser Plan überhaupt eine Option darstellte.

Sergio Busquets Qualitäten hingegen sind auf den ersten Blick noch unsichtbarer als die von Xavi Hernandez, denn selten war er es, der den entscheidenden Pass spielte. Busquets muss auch nur sehr selten spektakuläre Zweikämpfe führen, denn er hat sich bereits fünf Pässe vorher so positioniert, dass er den Ball einfach abfangen kann. Auch in Kopfballduellen ist Busquets ein eher spärlich gesehener Teilnehmer. Während die anderen Spieler noch herumhüpfen, hat Busquets bereits erkannt, wohin der zweite Ball fallen wird. Für diese Art von Zweikampfduellen wäre er wohl ohnehin zu langsam, körperlich schwach und zu ungelenk. Stattdessen herrscht er über den Ball und den Raum und schätzte selten einmal eine Situation falsch ein. Busquets war und ist bis heute ein Taktgeber und Meister des Rhythmus‘, der selten einmal die Anerkennung für seine Leistungen bekommt, die er verdienen würde. Er überspielt die gegnerischen Linien, in dem er mit rasiermesserscharfer Präzision Bälle durch Lücken spielt, die nur für den Bruchteil einer Sekunde existierten und schafft damit Struktur und Ordnung im Spiel. Wenn Guardiola die Partitur schrieb, die das Orchester Barcelona spielte, dann war Sergio Busquets der Dirigent, der dafür sorgt, dass jeder Ton so gespielt werden konnte, wie Guardiola ihn auf das Papier gebracht hatte.

Sie beide kompensierten ihre Mängel, indem sie begannen, das Maximale aus dem zu machen, was sie hatten. Die Not der beiden wurde ihre Tugend – bis in die Weltspitze des Profifußballs. Wichtig dabei war zweifelsohne die cruyffsche Affinität zu kleinen und technischen Spielern, die das Ausbildungs- und Spielmodell des FC Barcelona prägten und den beiden so trotz ihrer physischen Unterlegenheit eine Chance einräumte. Denn es ist unwahrscheinlich, dass einer der beiden in England oder Deutschland eine vergleichbare Karriere hätte spielen können. So kam es, dass Barcelona nicht nur die erste Jugendakademie war, die alle drei Kandidaten der „Ballon d’Or“-Verleihung 2010 stellte, sondern wahrscheinlich auch der erste Verein, der drei in ihren Heimatländern und in Europa unterdurchschnittlich große Spieler in diese erlesenen Sphären brachte. 

Das Scouting nach Offensichtlichkeiten

„Guardiola war noch ein Junge und die Leute sagten zu mir: „Oh, ja. Er ist einer der Besten“. Also schaute ich ihn mir im Laufe des Jahres beim Reserve-Team an und stellte fest, dass er dort gar nicht zum Einsatz kam. Dann ging ich zu unserem ersten Jugendteam, doch auch dort spielte er nicht. Ich fand ihn schließlich in der dritten oder vierten Jugendmannschaft.
Ich sagte den Trainern: „Ihr sagtet, er sei einer der Besten!“ und sie sagten „Ja, schon, aber körperlich…“, worauf ich sagte „Lasst ihn ins Reserve-Team. Er wird dort wachsen. Keine Sorge, jeder wächst“. Und sie sagten „Aber wir werden verlieren“. Ich sagte: „Wenn wir verlieren, dann verlieren wir halt. Wir wollen Spieler kreieren.“ Und er hat es sehr gut gemacht.“
– Johan Cruyff (über Pep Guardiola)


Xavi, Iniesta und Sergio Busquets wären in deutschen NLZs keine Profis geworden!
Was sich zunächst nach einer steilen These anhört, wird durchaus plausibel, wenn man sich das Spiel in der Junioren-Bundesliga, der Bundesliga und die Spieler der deutschen Nationalmannschaft anguckt. Spieler, deren Art zu spielen der von den drei Barcelona-Ikonen nahekommt, finden sich bestenfalls in Toni Kroos, Ilkay Gündogan und Julian Weigl. Es ist wohl kein Zufall, dass die beiden WM-Teilnehmer aus Deutschland „geflohen“ sind und stattdessen in Ligen und bei Teams spielen, die ihren Qualitäten eher entsprechen und Julian Weigl in Thomas Tuchel seinen Entdecker fand, der damals in Dortmund ein durchaus ähnliches Spielmodell für das sonst Pep Guardiola bekannt ist implementierte. Es ist kein Geheimnis, dass deutsche Talentspäher primär nach zwei Kriterien Ausschau halten: Tempo und Körper. Technik ist eher ein untergeordneter Faktor – das könne man den Spielern noch beibringen, so die verbreitete Ansicht. Spielintelligenz und Raumgefühl hingegen sind Faktoren, die nahezu gar nicht beachtet werden. Nicht, weil der deutsche Fußball diese Fähigkeiten mittlerweile nicht zu schätzen wüsste, sondern weil das Erkennen dieser Talente wahrscheinlich einen weitaus größeren Aufwand mit sich bringen würde und auch zu kurzfristigen Erfolgen, wie den Klassenerhalt einer Junioren-Bundesliga-Mannschaft, wenig beitragen würde. Spieler wie Timo Werner, die mit ihrem Tempo beinahe jeden Gegenspieler hinter sich lassen, sind für Scouts nicht so schwer zu erkennen. Schnell, kann gut schießen, trifft – gekauft. Möchte man aber die gesamte Kunst eines Sergio Busquets, eines Xavi oder eines Iniesta erkennen, verstehen und für sich nutzbar machen, muss man wahrscheinlich einiges an Arbeit investieren, um die Spielintelligenz und das strukturelle Verständnis eines Spielers überhaupt zu objektivieren. Hinzu kommt, dass diese Art der Fähigkeiten bei Kindern und Jugendlichen aufgrund der geringeren Lebenserfahrung zwar sichtbar, aber noch viel weniger ausgeprägt und somit noch schwieriger zu erkennen sind. Die deutsche Fußballkultur ist dabei ein weiterer Faktor. Raumdeuter, Dirigenten und kleine Spieler, die den Ball in den Fuß gespielt brauchen, um zu glänzen, gehen im deutschen Fußball, der von Kampf, Tempo, Pressing, Gegenpressing und der Idee, den Ball möglichst innerhalb von sieben Sekunden auf das Tor des Gegners zum Abschluss zu bringen, geprägt ist, zwangsläufig unter – egal ob früh- oder spätgeboren. Denn sie gewinnen keine Zweikämpfe, erlaufen keine Bälle, schalten selten schnell gegnerorientiert um, da sie ihre Gegner weder mit Tempo, noch mit Körperlichkeit dominieren können und haben viel zu selten den Ball, um zeigen zu können, dass sie ein Spiel ordnen können, da die Umschaltmomente die relevanten Phasen des Spiels zu sein scheinen. Die deutsche Fußballkultur entwaffnet Spieler, die den Ball immer haben wollen, das Spiel verstehen und es strukturieren, also nahezu.

Zu häufig fällt bei Stützpunkten und in NLZs der symbolische Satz: „Der ist zwar technisch super und wirklich intelligent, aber der wird Probleme mit dem Tempo bekommen und hat keinen Körper.“ Das Spielmodell oder die Rolle des Spielers im System so anzupassen, dass ein technisch hoch veranlagter, intelligenter, aber kleiner oder langsamer Spieler trotz seines körperlichen Mangels weiterhin einen Zugewinn für eine Mannschaft darstellen kann, scheint in Deutschland nahezu unmöglich zu sein. Es ist wie mit Pep Guardiola, dem in England gesagt wurde, er könne dort als Trainer seine Art des Fußballs nicht so spielen lassen, wie er es in Deutschland und Spanien getan hatte – bis er bewies, dass das sehr wohl ginge, wenn man die Idee nur so lange modifiziert, bis sie in den fußballkulturellen Rahmen passt. Trotz der scheinbaren Gewissheit vieler Trainer, dass Spieler mit geringem Tempo und kleiner Größe keine bis wenig Chancen hätten, in den Junioren-Bundesligen in Deutschland zu bestehen, ist es auffällig, dass es ohnehin bei den wenigsten deutschen Vereinen eine kohärente Philosophie oder Spielidentität gibt, die Anforderungsprofile für einzelne Positionen, Spielmodelle oder Spielertypen definiert, die der Club ausbilden möchte. Kaum ein Club sucht seine Cheftrainer im Herren- und Jugendbereich danach aus, ob sie mit der Clubphilosophie und Spielkultur zusammenpassen. Es geht leider häufig um Namen und Titel im Portfolio – schlicht Reputation. Ob ein Spieler übernommen wird oder nicht hängt dann an der Entscheidung einiger weniger Personen, die ihre persönlichen Präferenzen für gewisse Spielertypen, Spielweisen und taktische Moden des Fußballs als ausschlaggebendes Kriterium für ihr Urteil festgelegt haben, statt einer universellen Vereinsdefinition, was für den Club ein Talent zu einem Talent macht. Der FC Barcelona hat diese Definition eines idealen Spielertyps bereits in den 1990ern unter Johan Cruyff vollzogen. Das Ergebnis ist bekannt: Der spanische Fußball ist in Sachen körperlicher Stärke und Größe normalverteilter als andere Top-Nationen in Europa. Und der FC Barcelona gewann 16 Titel in vier Jahren mit Guardiola, der die Qualitäten und Mängel seiner Spieler perfekt in ein Spielmodell unter seiner Philosophie integrierte.

Es wäre ein Anfang, wenn man beginnen würde, kleine und langsame Spieler auch in Leistungszentren nicht pauschal auszusortieren, sondern mit ihnen gemeinsam Kompensationsstrategien zu erarbeiten, die ihren Qualitäten entsprechen und ihre Mängel kompensieren. Technischen und intelligenten Spielern wäre bereits damit geholfen, Übungen zu entwerfen und in das Training zu integrieren, die dafür sorgen, dass diese Spielertypen auf der einen Seite klare „Try and Error“-Erlebnisse haben – also durchaus mal an ihrem Gegenspieler hängen bleiben – die ihnen auf der anderen Seite aber auch Erfolgserlebnisse ermöglichen. Häufig sorgt nämlich ihr fehlendes Durchsetzungsvermögen in Einheiten, die darauf ausgerichtet sind, Duelle durch Körperlichkeit und Tempo statt durch Intelligenz und Technik zu entscheiden, dafür, dass spielintelligente Spieler keine Erfolgserlebnisse haben und somit schnell die Lust am Fußball verlieren. Im schlimmsten Fall haben dann nicht nur die Spieler selbst, sondern auch ihre Trainer den Eindruck, sie würden gegenüber ihren Mitspielern leistungsmäßig abfallen – und das nur, weil die Übungs- oder Spielform nicht zu ihren Fähigkeiten passt. Besagte Erfolgserlebnisse lassen sich dabei nicht nur durch das Übungsdesign, sondern auch durch implizites Coaching und interrogatives Erarbeiten gemeinsam mit den Spielern selbst erzeugen, denn selbst ein U11-Spieler wird auf die Frage „Was kannst du machen, wenn dein Gegenspieler schneller und stärker ist als du?“ recht bald auf die Antwort kommen, den Ball abzuspielen, bevor der Gegner seinen körperlichen Vorteil ausnutzen kann. Die Schlussfolgerung daraus ist, dass für langsame, aber intelligente Spieler das Entscheidungstraining noch viel wichtiger ist, als für diejenigen, die aufgrund von körperlicher Überlegenheit seltener in die Situation kommen, sich falsch zu entscheiden. Körperlich starke Spieler haben somit deutlich weniger „Try and Error“-Erlebnisse in ihrer Ausbildung, als kleine und langsame Spieler. Diese langsamen oder kleinen Spieler müssen noch mehr als andere permanent Erfahrungswerte in Spielformen sammeln, die diese Situationen immer wieder für sie generieren und sie zwingen, Entscheidungen zu treffen. Modifizierte Felder, die aufgrund ihres Schnittes Zentrumssituationen, die technisch aufgelöst werden müssen, erzeugen, Rondos und Positionsspiele, bei denen es um das Ballhalten geht, bieten sich für diesem Spielertypus als Förderungsmaßnahme schon in jüngstem Alter an. Den Spielern wird in jungem Alter dabei keinerlei Taktik, die sie überfordern könnte, vermittelt. Ihnen wird viel mehr ermöglicht, selbstständig Kompensationsstrategien zu erlernen oder zu entwerfen, bei denen sie mit ihrer Technik und ihrem Kopf zu Lösungen kommen und ihre körperlich überlegenen Gegner als Gruppe oder Mannschaft durch individuelle Entscheidungen überwinden. Wichtig dabei ist, besonders in den Spielformen, nicht zu viel aktiv zu coachen. Viele Trainer neigen dazu, ihren Schützlingen unzählige Ratschläge für konkrete Situationen zu geben, statt sie selbst Erfahrungen sammeln und Entscheidungen treffen zu lassen, die ihren Erfahrungsschatz bedeutend mehr bereichern, als eine Rede ihres Übungsleiters. Sie dabei positionstechnisch variabel einzusetzen, ist ebenso wichtig, denn auch wenn sie auf den Außenpositionen höchstwahrscheinlich weniger Erfolgserlebnisse haben werden als im Zentrum, sorgt es dafür, dass sie ihr Spiel permanent hinterfragen und verändern müssen. Und auch die Mannschaft profitiert von den daraus entstehenden synergetischen Effekten. Der Spieler und die Beziehungen, die er mit anderen Spielern und dem räumlichen Kontext, in dem er aufgestellt wird, eingeht, provozieren das Auftreten bestimmter Verhaltensweisen und Spielsituationen, die ihn neue Erfahrungswerte sammeln lassen, die seine Entscheidungsfindung verbessern. Setzt man diese Spieler nun regelmäßig in Wettbewerben in ballbesitzrelevanten Räumen ein, ermöglichen ihre Entscheidungen auch den (körperlich vielleicht überlegenen) Mitspielern das Gefühl der eigenen Weiterentwicklung mit Ball. Es ist der Weg zur Ausbildung von Komplementärspielern, die ihre Mitspieler durch ihre richtigen Entscheidungen resultierend aus ihren Kompensationsstrategien besser machen. 

„Ihr Schwachen, Kleinen und Langsamen aller Länder, vereiningt euch!“

„Spieler von vierzehn Jahren, die von den C-Junioren zu den B-Junioren gemusst hätten, wurden abgelehnt, weil ihnen physisch noch etwas fehlte. In dem Alter wächst man noch und außerdem lehnt man sie nicht einfach so ab (…). Kleine haben nämlich zwei Vorteile: Weil sie klein sind, müssen sie sich auf dem Spielfeld immer gut orientieren, müssen schnell handeln, sonst werden sie überrannt, entwickeln also eine gute Übersicht, und zweitens kann jemand der technisch stark, aber körperlich schwach ist, fast immer beidfüßig spielen.“
– Johan Cruyff
Zitat: „Ajax, Barcelona, Cruijff. Das ABC eines eigensinnigen Maestros“, Frits Barend & Henk van Dorp, 1997

Deutschland macht viel zu wenig aus seinen Möglichkeiten. Viel zu viele Talente, die unter den Auswirkungen ihres Relativen Alters oder ihrer geringen Körpergröße leiden, gehen uns für die Nationalmannschaften und die NLZs verloren. Andere Nationen, wie zum Beispiel Spanien (hinsichtlich der Körpergröße) und Belgien (hinsichtlich des „Relativen Alterseffekt“), haben für diese Problematiken bereits ein ganz anderes Bewusstsein entwickelt. Der DFB muss über die Einteilung nach biologischem Alter, über rotierende Stichtage und Perspektivteams für das dritte und vierte Quartal im Jugendfußball nachdenken. Ob Auf- und Abstiege jahrgangsübergreifend sinnvoll sind (Beispiel: Der starke 06er-Jahrgang eines Vereins steigt eine Klasse auf, aber die schwächeren 07er müssen diese Klasse in der nächsten Spielzeit spielen und steigen punktlos wieder ab), sollte ebenso zur Debatte stehen, wie eine NLZ-Liga (wie in England), in der es keine Auf- und Abstiege gibt. Es bleibt zu hoffen, dass Deutschland und der DFB bald nachziehen und es ist die Pflicht eines jeden Trainers, die eigene Selektions-, Beurteilungs- und Einsatzpraxis im Team ständig zu hinterfragen.

Eine mögliche Handlungsempfehlung, um auch nur annähernd so etwas wie eine Normalverteilung der Größen wie in Spanien zu erreichen? Wenn zwei Spieler, die gleich gut sind, um den selben Platz im Team konkurrieren, gebt den kleineren, jüngeren, langsameren Spielern den Zuschlag! Denn diese werden ständig mehr gefordert sein und auch entsprechend mehr an Herausforderung und Verantwortlichkeit wachsen als jemand, der lange Zeit durch seine Körperlichkeit bestehen konnte, aber schnell überrumpelt ist, wenn sein körperlicher Vorteil aufgrund von Wachstum und fortschreitendem Alter der Anderen abhanden kommt. Dem alten Meister Cruyff würde dieser Gedanke wohl gefallen. Zweifelsohne muss man die Kleineren natürlich nicht bevorzugen – eine echte Chance haben sie aber alle Mal verdient, auch wenn die Talenterkennung bei ihnen ungleich schwieriger ist und sie viel länger brauchen werden, um auch ergebnisorientiert Leistung bringen zu können. Intelligenz ist schwieriger zu scouten als Dynamik, Kraft und Tempo. Häufig wird das Argument vorgetragen werden, dass man mit diesen Spielern kurzfristig geringere ergebnisorientierte Erfolge erzielen wird. Diese Kritiker haben recht, wie auch Johan Cruyff zugab. Doch der langfristige, ganzheitliche Nutzen übersteigt die kurzfristigen Nachteile und Niederlagen. Auch in Sachen Position darf fehlende Körperlichkeit oder Größe kein Kriterium sein. Glaubt man also, dass ein Spieler eine überragende Spieleröffnung hat, er aber unter herkömmlichen Gesichtspunkten zu klein oder zu leicht für die Innenverteidiger-Position ist und man dadurch Spiele verlieren würde, sollte man ihn trotzdem dort aufstellen. Ebenso wie bei der Bewältigung des „Relativen Alterseffekt“ ist der Weg in Deutschland bezüglich dieser Ausbildungsmentalität aber noch ein sehr weiter, da es in Deutschland trotz anders lautender Absichtserklärungen zu viel um kurzfristige Resultate geht. Der sogenannte „Matthäus-Effekt“ ist dabei ein Katalysator für den „Relativen Alterseffekt“ und ebenso für die Nachteile von kleinen, schwachen und langsamen Spielern. Ein niedriges relatives Alter oder fehlende Körperlichkeit führen dabei zu aktuell/kurzfristig niedrigeren Leistungen in Relation zu den weiterentwickelten oder größeren Konkurrenten, was dann in kürzeren Einsatzzeiten, weniger individueller Förderung und somit wiederum in niedrigeren Leistungen mündet. Ein Dropout ist beinahe zwangsläufig. Durch den Matthäus-Effekt gehen schätzungsweise zwischen 15-20% der Athleten verloren, die aus dem letzten Quartal stammen, während 25% der geförderten Spieler aus dem ersten Quartal letztlich trotzdem keine Zukunft im bezahlten Fußball haben. Auch die Diskussion, ob das Großfeld nicht schlicht zu groß für den jungen C-Jugend-Jahrgang ist, ist zum Beispiel keine neue Diskussion. Dass die „Drop-Out“-Raten im Alter der C-Jugend, in dem der Relative Alterseffekt und die Größenunterschiede am dramatischsten zuschlagen, am höchsten sind, ist dem DFB durchaus bekannt, auch wenn häufig auf die Pubertät und sich ändernde Interessen als Schutzbehauptung verwiesen wird. Auch der DFB selbst, der zwar spielerische Leitlinien verabschiedet hat, bei U-Mannschaften und Landesauswahlen jedoch auch in der Tendenz körperlich starke und schnelle Spieler bevorzugt, um verbandsintern im Landesvergleich oder bei den internationalen U-Meisterschaften kompetitiv zu sein, hat keine ganz klare Idee, welche fußballerische Identität das Fußballland Deutschland denn nun hat. Das Potential, das kleine und undynamische Spieler haben, wird in Deutschland wenig geschätzt und auch der DFB hat keine klare Idee wie kleine, langsame Spieler ihre oftmals gute Technik und ihr Spielverständnis trotz ihrer Dynamiknachteile zum Wohle des deutschen Fußballs einbringen könnten. Stattdessen wird vielerorts das isolierte, häufig zentrale 1 vs.1 nach wie vor als Keimzelle des Teamsports Fußball betrachtet, obwohl es in Relation zu Spielformen mit komplexeren (Über- oder Unter-)Zahlenverhätlnissen weniger differenziell ist und langsamen und kleinen Spielern wohl die wenigsten möglichen Erfolgserlebnisse in einem Training beschert. Langsame und schwache Spieler haben im inhaltlich stark auf das 1 vs. 1 fokussierte Training der Stützpunkte aufgrund ihrer Dynmaiknachteile wenige Möglichkeiten zu glänzen, selbst wenn sie strukturell intelligenter im gruppen- und mannschaftstaktischen Gesamtkontext spielen als ihre Konkurrenten. Die Drop-Out-Raten von kleinen, langsamen und schwachen Spielern, die aber technisch stark sind, sind dabei wohl fast schon selbsterklärend. So ist es beinahe ironisch, dass ausgerechnet Mario Götze die Deutsche Nationalmannschaft 2014 gegen die staunenden argentinischen Innenverteidiger-Kanten Martin Demichelis und Ezequiel Garay zum WM-Titel schoss. Der zweitkleinste Spieler im deutschen Team. 1,76m. Nach einer halbhohen Flanke.

Quellen: transfermarkt.de, laenderdaten.info, Statista, zeit.de, FAZ.de, DFB.de

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