Furiose Dribblings, Beinschüsse, Fallrückzieher, spektakuläre Finten und Weitschüsse, die sich in unnachahmlicher Manier aus dreißig Meter nach einer physikalisch nahezu unmöglichen Flugkurve unhaltbar in die Maschen senken. Höchstes Tempo, gepaart mit einer nahezu kindlichen Spielfreude am runden Leder, die jede Aktion so leichtfüßig, so einfach und doch so elegant wirken lässt, als wäre sie ein perfekt choreographierter Tanz zu einem hypnotisierenden Rhythmus, den nur der Künstler am Ball selbst vernimmt. Es ist diese Art von Spielern, der seit der Erfindung des „Beautiful Game“ gottgleiche Verehrung entgegenschlägt. Ihr Ruf hallt durch die Geschichte des Sports und trägt ihre Magie in die nächste und übernächste Generation. Kaum ein Kind, das den Fußball für sich entdeckt hat, kennt nicht die Namen von Pelé, Maradona, Zidane und Ronaldinho, obwohl keines von ihnen einen dieser Spieler wohl jemals in Aktion – geschweige denn in ihrer Blüte – hat genießen dürfen. Genährt wird dieser Mythos von der ungebrochenen und blinden Liebe der Fans, die stets darum bemüht sind, die Sagen und Erzählungen über diese legendären Ballkünstler am Leben zu halten. Wie auch ein großer Teil der Weltöffentlichkeit, die Medien und nicht zuletzt jene, die mächtig daran verdienen, bringen sie dem Spiel und seinen Protagonisten eine unerschütterliche, flammende Zuneigung entgegen. Die Strahlkraft dieser Menschen, die das schöne Spiel erst schön gemacht haben, stellt für viele Fans sogar jede Unsportlichkeit auf oder neben dem Platz, jeden Steuer-, Doping- oder Drogenskandal der Fußballwelt in den Schatten. Sie können es sich scheinbar erlauben, denn die Menschen kommen für die Messis, Ronaldos und Neymars und nicht für die Sergio Busquets dieser Welt ins Stadion.

Spektakel, Chaos, Unberechenbarkeit. Eben alles, was der moderne Fußball in seiner kühlen Rationalisierung, mit gescripteten Interviews und seiner immer stärker werdenden Kommerzialisierung mehr und mehr zu verlieren scheint. Doch auf den zweiten Blick stellt man schnell fest, dass niemand zum jetzigen Zeitpunkt für die cleveren Organisatoren und Taktgebern des Spiels wie einst Xavi, Andrea Pirlo oder Xabi Alonso, die mit ihrem unglaublichen Raumgefühl und ihrem großen Spielverständnis nahezu nach Belieben rhythmisierten, eine dreistellige Millionensumme zahlt. Die großen Ablösen fließen für solche Spieler wie Neymar, Mbappé oder Coutinho. Solche, die durch ihre Spielweise so auffallen, dass sich beinahe jedes fußballbegeisterte Kind ein Trikot mit ihrem Namen erquängelt. Die Dribbler, die Ballkünstler, die spektakulärsten und mutigsten Spieler sind es, die die Stadien immer größer, luxuriöser und unwirklicher im Vergleich zu den sympathischen Ackern der kleinen Dorfclubs werden lassen. Während von vielen der Straßenfußball für tot erklärt wird, da seine Kinder in der von außen unglaublich diszipliniert anmutenden Welt des Profifußballs auf den ersten Blick keinen Platz mehr haben, sprechen die Deals der Zehnerjahre des neuen Jahrtausends eine andere Sprache. Denn der Transfermarkt wartet mit immer größeren Summen für diejenigen auf, die durchaus in die Kategorie „Straßenfußballer“ gehören. Die Kommerzialisierung des Fußballs gibt ziemlich objektiv Aufschluss darüber, welcher Spielertyp sich im breiten Publikum gut vermarkten lässt und welche Art von Spielertypen im modernen Fußball händeringend gesucht werden, da sie selten anzutreffen sind.

Mit Paul Pogba (Ablöse: 105 Millionen Euro), Ousmane Dembelé (Ablöse: 105 Millionen Euro), Philippe Coutinho (Ablöse: 120 Millionen Euro), Kylian Mbappé (Ablöse: mit Boni 180 Millionen Euro) und nicht zuletzt Neymar (Ablöse: 220 Millionen Euro) sind die sechs teuersten Spieler vor Beginn der Transferperiode des Sommers 2018 allesamt auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen: Offensiv, technisch versiert und häufig mit einem großen Maß an Markenpräsenz durch ihre extravaganten, polarisierenden Persönlichkeiten. Neben ihrem Dasein als Individualisten, das sich meist sehr auffällig in den Boulevardmedien und in den sozialen Medien, insbesondere „Instagram“, beobachten lässt, und dem Gefühl, Künstler am runden Leder zu sein, eint sie jedoch auch ihre spielerische Herkunft. Sie alle haben ihre spielerischen Fähigkeiten nicht in der einschleifenden Schule von „Wiel Coerver“ und auch nicht unbedingt durch die Ausbildung in den Leistungszentren von Proficlubs erworben, sondern haben die prägende Zeit ihres fußballerischen Lebens auf Hinterhöfen, Sandplätzen und in Fußballkäfigen verbracht.

Doch wie wurden diese Spieler spielerisch zu dem, was sie heute sind? Warum drängen erst jetzt auch nach und nach Spieler in den deutschen Profifußball, die dieses „gewisse Etwas“ haben? Eine Spurensuche der fußballerischen Talententwicklung.

Der französische und südamerikanische Straßenfußball

In den letzten zwanzig Jahren hat sich der europäische Fußball massiv verändert. Nicht nur die taktischen Revolutionen durch Visionäre wie Johan Cruyff mit seinem „voetbal total“, Arrigo Sacchi mit seiner Raumdeckung oder Josep Guardiola, der mit seinem FC Barcelona in großen Teilen das Gegenpressing erfand, um sein Positionsspiel im modernen, dynamischen Fußball in cruyffscher Tradition spielen zu können, sondern auch durch die Art und Weise, in der in Europa ausgebildet wird und welche Aspekte des Fußballspiels dabei einen hohen Stellenwert genießen. In Spanien formierte sich durch Johan Cruyff und seine Revolution von „La Masia“ ein Schwerpunkt auf Technik, Spielformen und gruppentaktischer Ausbildung. In der cruyffschen Ausbildungphilosophie stehen das kollektive Pressing und das Kurzpassspiel im Vordergrund. Es gipfelte schließlich bis auf Weiteres im spanischen „Tiki Taka“, das den furiosen Siegeslauf des Nationalteams zwischen 2008 und 2012 im internationalen Fußball begründete, bei dem Spanien zwei Mal in Folge den Europameistertitel gewann und 2010 schließlich erstmalig Weltmeister wurde. Obwohl einer der schärfsten Kritiker des „Tiki Taka“, veredelte nicht zuletzt Pep Guardiola mit seinem legendärem Barcelona-Team und Positionsspiel das cruyffsche Erbe. In Deutschland reformierte der DFB die Ausbildungsstrukturen mit der Schaffung von Stützpunkten und Nachwuchsleistungszentren, nachdem man die katastrophalen Leistungen der Nationalelf um die 2000er Jahre (die WM 2002 vom erfolgsorientierten Denkstandpunkt aus gesehen einmal ausgenommen) als Weckruf empfand. Währenddessen ging man in Frankreich einen anderen Weg. Kurz nach dem Bau eines Fußballcampus, der 1988 in Clairefontaine-en-Yvelines eröffnet wurde und bis heute Neidobjekt des DFB und Vorbild für die neue Akademie des DFB ist, begann der FFF im Vorlauf zur Fußball-WM 1998 in Frankreich damit, den Fußball direkter an der Basis zu fördern. Da Frankreich nicht nur aufgrund seiner Sozialstruktur, sondern auch in seiner nationalen und religiösen Zusammensetzung durch die große Einwanderung aus den ehemaligen Kolonien in Afrika geprägt ist, ging dieser Weg jedoch nicht wie in Deutschland über die doch sehr deutsche „Vereinsmeierei“. Der französische Verband wählte einen wesentlich pragmatischeren und urbaneren Ansatz, indem man sich mehr als „Streetworker“ begriff, um die Jugendliche zu erreichen und für den Fußballsport zu begeistern. Der FFF förderte Plätze, die für die Jugendlichen geeignet waren, in ihrer Freizeit ohne Anleitung Fußball zu spielen. Genauso wie in Südamerika hat auch der „Futsal“-Sport in Frankreich einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland, das hinsichtlich des „Futsals“ bis heute ein Entwicklungsland ist. Die Errichtung von Kleinfeldern in typischer „Bolzplatz“-Manier, geeignet für „3 vs. 3“ bis „6 vs. 6“-Spiele (wobei das „5 vs. 5“ die häufigste Variante ist), war also deutlich naheliegender für den französischen Verband, als es das für den DFB gewesen wäre. Der FFF durchlief über die Jahre weit weniger radikalen Reformen als der DFB oder der spanische RFEF, sondern unterlag in Relation zu anderen Verbänden einem eher kontinuierlichen Entwicklungsprozess, der seit je her viel auf Straßenfußball setzte. Mehr Evolution als Revolution in der Ausbildung – dafür in der medialen Wahrnehmung aber stets mehr Revolution als Evolution in den Turnieren der Équipe Tricolore. Nicht zuletzt wegen der „Französischen Revolution“ bei der WM 2010, bei dem eine Gruppe französischer Profis gegen ihren Trainer rebellierte. Angeführt wurde diese Revolution – wie sollte es anders sein – von Spielern, deren Wurzeln man im Straßenfußball findet.

Denn in Frankreich spielte beim Fußball die soziale und politische Landschaft eine nicht unwichtige Rolle in der Hervorbringung von Talenten, die heute zu den begehrtesten der Welt gehören. Es ist absolut kein Zufall, dass Frankreich mit dem jüngsten Kader des Wettbewerbs die WM 2018 in Russland für sich entscheiden konnte und dabei Ausnahmekönner wie Kylian Mbappé eine tragende Rolle spielten.

Während der Fußball-WM 1998 gab es in Frankreich eine gewaltige Integrations- und Einwanderungsdebatte, die bis heute anhält. Als in Deutschland Ende Juli die Diskussion rund um Ex-Nationalspieler Mesut Özil entbrannte, hatte Frankreich bereits zwanzig Jahre Debattenkultur in den Schwerpunktthemen Fußball im Verbund mit Integration und Rassismus hinter sich. Wer einen Eindruck darüber gewinnen möchte, wie intensiv diese Debatte in Frankreich im Vergleich zu der deutschen Debatte rund um (legale und illegale) Migranten, den Islam und Integration (oder Assimilation) geführt wird, der muss sich nur die Zitate sowohl von französischen Politikern, als auch französischen Nationalspielern wie Karim Benzema oder Lilian Thuram ansehen.

1998 beschäftigte Frankreich eine Debatte, die Jean-Marie Le Pen – seines Zeichens Vater der rechtsradikalen „Rassemblement National“-Parteivorsitzenden (früher: „Front National“) Marine Le Pen – angestoßen hatte. Kern der Diskussion war die Frage, warum viele Nationalspieler mit Migrationshintergrund, darunter der spätere WM-Held und Weltfußballer Zinédine Zidane, die Nationalhymne nicht mitsangen. Fußball war und ist bis heute in Frankreich stets ein Politikum, das die französische Öffentlichkeit aber auch die Jugend auf der Straße beschäftigt. Auf den Hinterhöfen und in den Käfigen der Vorstädte spielen sie gemeinsam, egal ob „black“, „blanc“ oder „beur“, wie ein bekannter Leitspruch in Anspielung auf die unterschiedlichen Hautfarben im Rahmen der Fußball-WM 1998 lautete. Symbolisch für die Aufgeladenheit der Debatte ist ein Zitat des damaligen französische Innenministers und späteren Staatspräsidenten Sarkozy. In einer Banlieue-Gemeinde mit dem Namen Argentueil äußerte er damals zur Empörung von Nationalspieler Lilian Thuram, er würde die Gegend „vom Abschaum (…) befreien“ und meinte damit nicht nur diejenigen, die Tage zuvor an gewalttätigen Ausschreitungen teilgenommen hatten, sondern in erster Linie die Bewohner der sozialschwachen Banlieues, die oftmals einen Migrationshintergrund haben.

Diese französische Sozialstruktur, die von sozialen Brennpunkten in den Vororten geprägt ist, begünstigte jedoch den Straßenfußball und die Entwicklung von Ausnahmetalenten enorm. Die Banlieues, die typsichen französischen Vororte, die von vielen Franzosen als „Einwandererghettos“ angesehen werden, in denen Franzosen nordafrikanischer und schwarzafrikanischer Herkunft gemeinsam mit sozialschwachen mitteleuropäischen Franzosen eine Paralellgesellschaft zum wohlhabenden französischen Bürgertum bilden, wurden Dreh- und Angelpunkt des Straßenfußballs. Ähnlich wie in Südamerika – besonders in Brasilien mit seinen Favelas und an den Stränden der Copa Cabana – entwickelte sich eine Straßenfußballkultur, die in Europa wohl ansonsten ihresgleichen sucht. Während die europäischen Nationen diese kreativen und technisch versierten Straßenkicker aus Südamerika durchaus zu würdigen wussten (in der Saison 2005/06 liefen bei den Viertelfinalisten in der UEFA Champions League 51 Südamerikaner auf, von denen 27 Brasilianer und 15 Argentinier waren), bildete zu dieser Zeit nur Frankreich solche Spielertypen tatsächlich selbst aus. Faszinierend dabei ist, dass keiner dieser Spieler angeleitet ausgebildet wurde, sondern sie alle intuitiv das Spiel mit dem runden Leder lernten. Die Gemeinsamkeiten des französischen Straßenfußballs und der südamerikanischen Straßenfußballkultur und auch der Spieler sind unübersehbar.

Biographischer Vergleich: Straßenfußballer und Akademiespieler

Die unterschiedlichen Arten des Fußballspiels in verschiedenen sozialen und wirtschaftlichen Systemen sind auch im Profifußball noch deutlich erkennbar, sowohl in den Nationalmannschaften als auch bei den Ligaprima der jeweiligen Verbände. Taktisch sind europäische Teams, deren Nachwuchs im Wesentlichen in Vereinen, Fußballschulen und -internaten, Nachwuchsleistungszentren und Stützpunkten das Spielen erlernt haben, oft wesentlich geschulter, als es in Ländern wie Brasilien der Fall ist. Die Mitteleuropäer, besonders die Deutschen und die Engländer, zeichneten sich lange durch eine unglaubliche Laufstärke, Körperlichkeit und Disziplin aus. Taktisch sind mitteleuropäische Mannschaften im Schnitt bis heute genauso überlegen, wie die Akademiespieler aus Europa es den Straßenkickern sind. Die Südamerikaner, allen voran dabei die Brasilianer, waren im Kontrast zu diesen Werten in vorangegangenen Jahrzehnten stets bekannt dafür, den Fußball nicht zu kämpfen, sondern zu genießen. Es ist daher keine Überraschung, dass in Südamerika die klassische Karriere mit der Vita „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ nach wie vor möglich ist, wie Gabriel Jesus von Manchester City erst kürzlich bewies, während es in Europa eine Sensation ist, dass ein ehemaliger Fabrikarbeiter wie Jamie Vardy Leicester City zum Meister machen kann. Die Biographien, die zwischen Straße und Akademie als Wege in den Profifußball führen, könnten unterschiedlicher nicht sein. Und dieser Unterschied ist spielerisch sichtbar – und natürlich heutzutage auch messbar.

In den Banlieus und Favelas erwerben die Kinder ihre technischen Fähigkeiten sowohl motorisch als auch spielerisch anders als im durchgeplanten Techniktraining der NLZs und Akademien. Während in Europa Kinder früh in die Vereine eintreten, dabei auf gepflegten Rasen- und Kunstrasenplätzen trainieren, immer das neuste Schuhwerk anhaben und mit aufgepumpten Bällen in isolierten Techniktrainingseinheiten, sprich gerade während des Erwerbs der Grundtechniken ohne Raum-, Zeit- oder Gegnerdruck in typisch einschleifender Manier trainieren, haben Kinder auf Bolzplätzen ganz andere Herausforderungen beim Erlernen von Bewegungen. Kinder aus Akademien und NLZs spielen sehr früh oft sehr reif – taktisch diszipliniert, intelligent und besitzen oftmals bereits in jungen Jahren ein strukturelles Verständnis des Fußballspiels, welches das von so manchem Nationalspieler der 1980er und 1990er wohl in den Schatten stellt. Kinder aus sozialen Brennpunkten hingegen, wie es die Banlieus und Favelas nun einmal leider sind, spielen auf Straßen, Ascheplätzen, Hinterhöfen, Kleinfeldern, Stränden und asphaltierten Bolzplätzen, die von Käfigen oder anderen Banden umgeben sind. Diese Bolzplätze haben dabei die interessantesten Formen und Größen, die teils vollkommen vom originalen Spielfeld abweichen. Mal sind sie rund, mal unglaublich kurz oder auch sehr eng, mal vollkommen asymmetrisch und auch dreieckige Plätze sind durchaus anzutreffen. Selten wird mit perfekt aufgepumpten Fußbällen der Größe 5 und dem neusten Nike Mercurial-Schuh, sondern meist mit mangelhaften Bällen aller Formen und Größen und diversem Schuhwerk oder gar Barfuß gespielt. Diese oftmals „schlechten Verhältnisse“ im Straßenfußball haben jedoch aus sportwissenschaftlicher Perspektive hinsichtlich der Ausbildung der Spieler tatsächlich einen Vorteil: Asphalt, Schotter, unebene Böden, schlechte Bälle und asymmetrische Felder sorgen dafür, dass an die Spieler differenzielle Anforderungen gestellt werden, die die Kreativität und Koordination der Spieler immer auf ein Neues in differenzieller Weise herausfordert. Differenziell meint dabei schlicht und einfach sich verändernde Umstände. Hinsichtlich Raum, Gegner, Alter und Körperlichkeit der Gegner und Mitspieler, Spielgerät – es gibt unzählige Variablen. Sämtliche Faktoren, die zunächst als Mangel erscheinen, stellen sich stetig verändernde Differenzen und erfolgsunsichere Situationen für die Kinder und Jugendlichen dar, die den Spieler dazu zwingen, zu jedem Zeitpunkt unter Druck neue Lösungen zu finden. Dabei bekommt er nach dem „Trial and error“-Prinzip eine unmittelbare und konkrete Rückmeldung, die ihn in seiner Entwicklung klarer prägt, als jede deduktive Technikkorrektur eines Trainers es wohl je könnte 1. Entweder er kommt vorbei – oder eben nicht. Entweder er bleibt im Gleichgewicht – oder er verletzt sich auf den schlechten Böden. Was nach einem sehr rauen Klima zum Aufwachsen und Lernen klingt, ist letzten Endes häufig der Grund, warum Spieler wie Ousmane Dembelé über ein so gewaltiges Repertoire an Finten verfügen und unglaublich schwierig vom Ball zu trennen oder aus dem Gleichgewicht zu bringen sind. Der Straßenfußball entwickelt dabei eine ganz eigene Dynamik im Sinne der Theorie des differenziellen Lernens, die in Übungen des Vereinsfußball oftmals fehlt. Doch was meint differenzielles Lernen?

Die Theorie des differenziellen Lernens

Die „Theorie des differenziellen Lernens“ ist eine spätestens seit 1999 vom Sportwissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Schöllhorn postulierte Theorie. Wie es der Zufall so wollte, war ein gewisser Thomas Tuchel für einige wenige Semester Student eben jenes Professors, bevor er schließlich sein Sportstudium abbrach, um sich vollends auf seine Karriere als Fußballprofi konzentrieren zu können. Auch wenn Tuchels Versuche als Spieler nicht von größtem Erfolg gekrönt waren, wird die Theorie des differenziellen Lernens von Professor Dr. Schöllhorn einen nachhaltigen Eindruck bei ihm hinterlassen haben. Denn sie ist eines seiner wichtigsten Werkzeuge auf seinem Weg zum Erfolg. Jeder Dortmund- oder Mainz 05-Fan, der einmal ein Training von Tuchel beobachten durfte, wird bei genauem Hinsehen bemerkt haben, dass Tuchel Dinge selten in gleicher Form zweimal trainieren lässt. Stattdessen ändern sich permanent die Umstände. Fast alles, was bei ihm Lehrinhalt ist, lässt er in Spielformen trainieren und baut dabei stets Varianten ein. Das ging sogar so weit, dass er den Greenkeeper in Mainz anwies, den Rasen nicht zu mähen, um eine weitere Differenz für seine Spieler einzubauen. Dabei sieht Tuchel Technik und Taktik als nahezu untrennbare Einheit und widerspricht somit in dieser Hinsicht implizit der Zergliederung des Fußballs in unterschiedliche Teilaspekte. Niemals käme er wohl auf die Idee, Teilaspekte des Fußballspiels isoliert trainieren zu lassen, wenn sich dies vermeiden lässt. Weder Technik noch Taktik oder Offensive und Defensive sind in einer Trainingseinheit von Tuchel außen vor. Stattdessen modelliert er die Bedingungen und Differenzen so, dass die Spieler implizit forciert werden, seiner Spielidee Folge zu leisten. Das erreicht er taktisch zum Beispiel durch die Modifikation der Felderformen und -größen, wie er unlängst in seinem berühmten „Rulebreaker“-Vortrag preisgab 2. Möchte er den Ball „Long Line“, also einen Pass, der flach und vertikal an der Linie herunter gespielt wird, im Spiel seiner Mannschaft nicht sehen, schneidet er das Feld so zu, dass dieser Ball gar nicht erst möglich ist. In diesem konkreten Fall würde sich ein rautenförmiges Feld anbieten. Wo andere stetig deduktiv korrigieren und erklären, warum dieser Ball für den Gegner leicht zu erobern ist, sorgt Tuchel schlicht und einfach dafür, dass dieser Ball im Training nicht stattfindet und schafft gleichzeitig in seinen Übungen ein vollkommen anderes Ökosystem, als es der Spieler im Spiel am Wochenende vorfinden wird. Tuchel lässt auch von Zeit zu Zeit in unheimlich engen, nicht spielnahen Feldern spielen, damit seine Spieler im echten Spiel den Eindruck haben, sie hätten massig Platz für ihre Aktionen.

Was aber hat nun ein Thomas Tuchel mit Straßenfußball zu tun? Die Antwort ergibt sich nicht auf den ersten Blick, ist aber einleuchtend, wenn man versteht, dass der differenzielle Ansatz des Übungsleiters im Kern genau das ist, was die Straßenfußballer technisch so unglaublich virtuos werden lässt. Denn die Korrektheit der Theorie des differenziellen Lernens gilt mittlerweile als empirisch belegt, nicht zuletzt weil Prof. Dr. Schöllhorn selbst entsprechende Beobachtungen in den Disziplinen Kugelstoßen und Fußball heranziehen konnte. Und auch im Golfsport ist die höhere Wirksamkeit Methodik des differenziellen Lernens in Relation zu traditionellen Ansätzen mittlerweile belegt worden. 3 Anders als bei der herkömmlichen Methode des Einschleifens, bei der immer noch die sprichwörtlichen „10.000 Wiederholungen“ eingefordert werden, die angeblich nötig seien, damit man einen Bewegungsablauf fehlerfrei beherrscht fußt die differenzielle Lernmethode auf zwei Prinzipien: Beim differenziellen Lernen werden Fehlerbewegungen nicht länger zwangsläufig als Fehler, sondern vielmehr als Schwankungen gesehen. Diese Schwankungen werden auch hier wieder nach dem „Trial and error“-Prinzip ins Training integriert, statt diese zu korrigieren. Dabei stellte Prof. Dr. Schollhörn fest, dass Bewegungen stetig natürlichen Schwankungen unterliegen. Eine Bewegung kann nämlich nie eins zu eins wiederholt werden. Hinzu kommt, dass jeder Mensch sich abhängig von Genetik, Physis, Wahrnehmung und koordinativen Fähigkeiten individuell bewegt, was den Schluss zulässt, dass sich kein Mensch wie ein anderer bewegt und eine Korrektur im traditionellen Sinne nicht sinnvoll ist, vorausgesetzt die Bewegungen des Spielers erfüllen die Ziele des Spiels (z.B. Raumgewinn, Gegner überwinden, Tore erzielen etc.).

Verdeutlichen lässt sich das anhand zweier aktueller Bundesliga-Spieler, die beide in die Kategorie „Straßenfußballer“ fallen. Bei Aminé Harit und einen Franck Ribéry wird bei aufmerksamer Beobachtung sehr schnell deutlich, dass beide vollkommen unterschiedliche Techniken und Stile, den Ball zu führen verwenden, und doch beide erfolgreich sind. Das Ziel des differenziellen Lernens ist also, Eigenarten der Spieler als Varianten zu akzeptieren und sogar zu provozieren, um den Spieler möglichst häufig in Situationen zu bringen, in denen er seine individuelle Technik unterschiedlich einsetzen muss. Der Straßenfußball schafft genau diese Umstände. All das sind Erfahrungen, die Vereinsspieler in der Regel nicht machen, die aber dafür sorgen, dass Straßenfußballer Dinge am Ball wagen, die spielerisch über den Tellerrand hinaus gehen.

Biologisch betrachtet lösen unerwartete und erfolgsunsichere Handlungsereignisse mit positivem Ausgang für den Spieler deutlich stärkere Dopaminsignale im Gehirn aus, als Situationen, die erwartbar einen positiven Ausgang hatten. Den Lernvorgängen leisten erfolgsunsichere Handlungsereignisse also einen enormen Vorschub und dafür sorgen, dass durch diese hormonelle Belohnung Bewegungslösungen, die in individuellen Spielsituationen erfolgreich sind, präferiert und sehr viel schneller erlernt werden, wenn diese als für diese als spezielle Situation angemessene Bewegung erkannt werden. Im Laufe des Spiels entstehen ähnliche, aber nicht gleiche Situationen und die Bewegungsabläufe werden unter Hinzunahme neuer Varianten optimiert.

Das Kernargument ist, dass keine Situation im Fußball wie die andere ist und für jede individuelle Situation somit auch eine individuelle Lösung gefunden werden muss. Somit bieten isolierte Trainingsübungen, wie sie häufig in Vereinen abgehalten werden (Dribbeln um Stangen ohne Gegner-, Zeit- oder Raumdruck), nur sehr geringen Lernerfolg in Relation zu konkreten Spielformen und Situationen, die stets Differenzen erhalten und neue Entscheidungen erfordern.

Einige Shootingsstars der Trainerszene der Bundesliga, die in ihrer Arbeit in der Tradition Tuchels stehen, haben diese Vorteile bereits erkannt:

„Ich halte nichts von Automatismen, weil diese davon ausgehen, dass eine Situation immer gleich ist. Ansonsten funktioniert der Ablauf ja nicht mehr. Das passt jedoch nicht zur Realität mit 22 Spielern auf dem Platz. Wenn der Gegner nur einen halben Meter weiter links steht, dann weiß der Spieler auf einmal nicht mehr, was er machen soll.“

– Julian Nagelsmann
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.10.2016 („Ich hatte nicht viel Zeit, jung zu sein“)

Der trainingswissenschaftliche Rahmen des Straßenfußballs als Variante für das deutsche Ausbildungssystem

Der Straßenfußball hat definitiv vor allem sportlich Einiges herzugeben. Nationen, die eine große Straßenfußballtradition haben, profitieren auf der einen Seite massiv davon, sind aber auch schon das ein oder andere Mal darüber gestolpert. Denn so beeindruckend die Fähigkeiten von Spielern von der Straße sind und auch wenn es Fakt ist, dass durch die taktische Entwicklung des Fußballs die Qualitäten dieser Könner immer mehr gefragt sind, so häufig haben sie auch schon dafür gesorgt, dass Kollektive in einem Mannschaftssport, wie es der Fußball ist, ihretwegen scheitern. Denn die andere Seite der Medaille ist, dass der Straßenfußball wahrscheinlich mehr als jede andere Variante des „Beautiful Game“ eine Einzelsportart ist. Niemand ist auf der Straße darauf angewiesen, dass sein Team gewinnt, um sich Respekt zu verschaffen, denn selten ist das wirklich gefragt. Viel mehr geht es darum, individuelles Können zu zeigen und zu beeindrucken, da der Punktestand ohnehin oftmals nicht mitgezählt und das Match durchaus auch mal durch die „Letztes Tor entscheidet“-Regel beendet wird. Der Fußball in einem Verein, einem NLZ oder einer Akademie hingegen stellt für Spieler in den allermeisten Fällen eine sehr positive Charakterschule dar, die der Professionalisierung des Fußballs im Umgang mit sportlichen Werten und den Körpern der Athleten trotz der teils unmoralischen Angebote und Summen definitiv zuträglich war. Schon so mancher Profi, der aus dem Straßenfußball kam, ist auf seinem Weg in den bezahlten Fußball genau daran gescheitert, diese Charakterschule nicht durchlaufen zu haben. Teamfähigkeit, Verträglichkeit, das Befolgen von Anweisungen und Respektieren von Autoritäten, das Ziel, seine Mitspieler besser zu machen und nicht zuletzt die Disziplin jeden Tag hart an sich selbst und dem eigenen Körper zu arbeiten sind in der Prioritätenliste des Straßenfußballs naturgemäß sehr weit unten, weil es schlicht nicht auf diese Fähigkeiten ankommt, um sich dort durchzusetzen. Wenn Neymar den Verkauf eines Mitspielers fordert, weil dieser den Elfmeter schießen darf und nicht er, dann ist es wahrscheinlich ein Paradebeispiel für die massiven Nachteile, die der Straßenfußball mit sich bringen kann. Und auch wenn sein Umgang mit dem Ball bis heute und wohl auch noch die nächste und übernächste Generation verzückt, hätte ein Ronaldinho wohl eine noch spektakulärere Karriere hinlegen können, wenn er genauso häufig im Kraftraum gewesen wäre wie in den Nachtclubs der katalanischen Metropole.

Es wird also in Zukunft wohl nicht darauf ankommen, zurück zu den Wurzeln zu gehen und sämtliche Errungenschaften des deutschen Ausbildungssystems seit den Reformen um die Jahrtausendwende zu Gunsten des Straßenfußballs über Bord zu werfen. Stattdessen muss es das Ziel der Vereine sein, die sportlichen Vorteile des Straßenfußballs in ihrem Training zu integrieren und ihre Spieler weiterhin charakterlich und pädagogisch gut zu begleiten. Die sportlichen Kennziffern des Straßenfußballs müssen also Einzug in die NLZs halten, um Spieler zusätzlich mit den Fähigkeiten eines Straßenfußballers zu demütigen und reifen Profis auszubilden. Elementar sind dafür, dass das Techniktraining nicht länger nur als Techniktraining, sondern als Entscheidungstraining begriffen wird, in denen Spieler Entscheidungen treffen müssen und das angesprochene „Trial and Error“-Erlebnis haben. Geeignet dafür sind insbesondere Spielformen wie z.B. verschiedenste Formen der Rondos/Positionsspiele (z.B. mit oder ohne Spielrichtung, mit oder ohne Torerfolg etc.), die nahezu unendlich Varianten an themenspezifischen Variationsmöglichkeiten zulassen. Spielformen sind in jedem Fall den Übungsformen vorzuziehen, denn auch der Straßenfußball ist immer eine Spielform. Diese Spielformen dürfen selbstredend auch taktische Strategien, Prinzipien und Sub-Prinzipien vermitteln. Wichtig ist durch alle Altersklassen, dass die Spieler vor Aufgaben gestellt werden, die sie zwar bewältigen können, die aber trotzdem ein gewisses Maß an Überforderung mit sich bringen – besonders was die Parameter Komplexität, Handlungs- und Anpassungsschnelligkeit und emotionalen Stress angeht. Zusätzlich müssen Differenzen Einzug ins Techniktraining erhalten. Auch Gegnerdruck darf nicht länger ein Tabu im Techniktraining sein. Die ständige Modifikation von Räumen, wie sie in Taktikeinheiten durchaus schon eingesetzt wird (Größe, Form, Ausschnitte, Tabuzonen), auch während eine Übung läuft, ist ebenso überlegenswert. Der Straßenfußball muss in seinem Wesen durchdrungen und seine Vorteile in die Abläufe integriert werden: Das bewusste Nichtverwenden von Leibchen, damit die Spieler Gesichter erkennen müssen und so ihre Übersicht schulen. Spielen auf verschiedensten Untergründen (z.B. im Wechsel Kunstrasen, kurzer Rasen, langer Rasen) und mit verschiedenen Schuhwerken (durchaus auch mal Barfuß) und Bällen (Größen, Formen, Gewicht). Das Integrieren von Bewegungsfehlern um spielerspezifische Techniken zu fördern oder auch um negative Verhaltensweisen abzutrainieren (Beispiel: Thomas Tuchel drückte seinen Spielern Tennisbälle in die Hand, damit sie im Zweikampf die Hände weglassen).

In den NLZs selbst könnte auch durchaus darüber nachgedacht werden, zum Beispiel eine Trainingseinheit oder auch nur einen Teil einer Trainingseinheit in der Woche dafür zu verwenden, jahrgangsübergreifend trainieren zu lassen, um die Verhältnisse im Straßenfußball zu imitieren. Nicht nur ergebe das den Vorteil, dass wesentlich jüngere Spieler sich etwas von „den Großen“ abschauen könnten, sondern es würde sich sicherlich auch förderlich auf das Verhalten der älteren Jugendspieler auswirken, Vorbild zu sein. Sich aktiv mit den Inhalten auseinandersetzen zu müssen, weil man sie den neugierigen jüngeren Spielern beibringen muss, hat nachweislich positive Effekte auf das eigene Leistungsvermögen. Das Hochziehen von hochveranlagten Talenten, denen man damit oftmals die Chance raubt, in ihrem Jahrgang Verantwortung für eine Mannschaft zu übernehmen und sich zu Führungsspielern zu entwickeln, könnte so zum Teil umgangen werden, ohne die Vorteile der Wettbewerbshärte der Älteren missen zu müssen. In diesen Trainingseinheiten selbst könnte dann mit dynamischen Überzahl- und Unterzahlsituationen gearbeitet werden. Um den jeweiligen Jahrgängen auch taktisch Dinge auf den Weg zu geben und die verwendete Trainingszeit für alle Jahrgänge nicht ungenutzt zu lassen, könnte man auch durchaus mit jahrgangspezifischen Provokationen innerhalb einer gemischten Trainingsgruppe arbeiten. Der Kreativität sind hier nahezu keine Grenzen gesetzt, wenn es darum geht, den Spielern neue Reize zu setzen und für sie erfolgsunsichere Situationen zu kreieren.

Somit ist hier die Rolle der Trainer natürlich alles andere als obsolet. Im Gegenteil: Neben dem Übungsablauf und der gezielten Modifikation der Differenzen hinsichtlich des Stärken- und Schwächenprofils eines Talentes, aber auch als Reflektionshilfe hat der Trainer massiven Einfluss auf seine Schützlinge, auch wenn das Coaching durch diese Erkenntnisse zunehmend subversiver, interrogativer und induktiver wird, als es beim deduktiven Korrigieren von „Technikfehlern“ der Fall ist. Darüber hinaus ist es am Trainer zu erkennen, auf welchem Stand sich seine Spieler technisch befinden und ob die eigenen Spieler über eine für eine spielnahe Trainingsübung wettkampfstabile Technik verfügen oder ob er an den Stellschrauben der Übung schrauben muss, um das zu gewährleisten. Die Ausbildung von Millionenstars, die kicken, als wären sie gerade vom Bolzplatz gekommen und die trotzdem die typische mitteleuropäische „taktische Disziplin“ aufweisen, ist also keineswegs eine Utopie, sofern Trainer die Vorteile des Straßenfußballs durch Simulation seiner Eigenarten mit den wissenschaftlichen Erkenntnisse im Bereich der Didaktik und des Lernens zu verknüpfen und in das eigene Training zu integrieren wissen.

1 „Modifikation motorischer Lernprozesse durch Instruktionen – Wirksamkeit von Analogien und Bewegungsregeln“, Nele Tielemann, 2008 (https://d-nb.info/1018304045/34)
2  Thomas Tuchel, Votrag für den Think Tank „2b.ahead“ bei den „Executive Days 2012“, 17.09.2012 und 18.09.2012 in Zürich
3 „Lernen an Unterschieden und nicht durch Wiederholung,“ Patrick Hegen, Wolfgang Schöllhorn, 2012 (https://sport.uni-mainz.de/files/2008/01/Artikel_fussballtraining_Druckfassung.pdf)

 

Bildquellen: express.de // berliner-zeitung.de

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