Der Plan heutiger Nachwuchstrainer ist klar: Erfolgreiche Jugendarbeit leisten, warten bis die Arbeit der Profimannschaft nicht mehr so professionell ist und nach dem Rausschmiss des Profi-Coaches zur Stelle sein und als „unerfahrener“ Nachwuchstrainer die Bundesliga aufräumen. Im Idealfall so erfolgreich wie Julian Nagelsmann, mindestens so erfolgreich wie Alexander Nouri, am besten nicht so erfolglos wie Valerien Ismael, aber der war ja auch schon erfolgreicher Profi, das ist doch auch was.

Was tut man aber, wenn die letzten 3 Spielzeiten in der dritten Liga von, gelinde gesagt, mäßigen Erfolg geprägt waren und am Ende sogar der Abstieg in die vierte Spielklasse folgte? Und wenn die erste Mannschaft von Trainern wie Jürgen Klopp und Thomas Tuchel trainiert wird, deren Nachfolge einen ungeheuren Leistungsdruck bedeuten würde? Naja, eigentlich gibt es nur einen Weg: Man geht in die zweite englische Liga, rockt die Scheiße und wird zum am heißesten gehandelten Trainer auf der Insel, oder nicht, David Wagner?

Hoffenheim – Dortmund – Huddersfield Town

David Wagner hat es nämlich genau so gemacht. Nach einer im besten Falle als ordentlich zu bezeichnenden aktiven Profikarriere mit Stationen in unter anderem Frankfurt, Mainz, Schalke (war im 97er Eurofighterkader) und Darmstadt entschloss sich Wagner zu einer Trainerkarriere, die, wie auch die Karriere von Nagelsmann oder Domenico Tedesco in Hoffenheim begann. Dort durfte Wagner erst in der U19 und dann in der U17 ran, bevor er die U23 von Borussia Dortmund übernahm. Zufälligerweise in der Zeit, in der ein Mann namens Jürgen Klopp dort die Profis trainierte. Eben jener zählt zu Wagners engsten Freunden. So eng, dass er sogar Kloppos Trauzeuge war. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Mit der U23 der Borussia passierte Wagner dann oben beschriebenes Malheur, das, nach einem erfolglosen Start in Liga 4, die Trennung vom BVB brachte. Zu diesem Zeitpunkt war Klopp übrigens schon in Richtung England unterwegs, wo auch Wagner, so ein Zufall, nun hin ging. Allerdings folgte er Klopp nicht nach Liverpool, sondern ging nach Huddersfield Town, ein Name, der mich immer an die Simpsons-Folge erinnert, in der Flanders kleine Figürchen anmalt. So beschaulich wie bei den Simpsons geht es für Wagner in Huddersfield Town allerdings nicht zu. Das Gegenteil ist der Fall.

Wagner ist nämlich auf dem besten Weg mit dem kleinen Verein aus der Grafschaft Yorkshire in die englische Premier League aufzusteigen. Aktuell rangiert er mit seinen Jungs auf dem vierten Platz, was den Verein ein Qualifikationsspiel um den Aufstieg bringen würde. In der zweiten englischen Liga steigen nämlich der Erste und der Zweite direkt auf, während der dritte bis sechste Platz untereinander einen weiteren Aufsteiger ausspielen.

Das größte Ding seit Leicester

Der Aufstieg der Towns in die Premier League nach 45 Jahren wäre eine Sensation. Wagner hat es geschafft ein Team nach vorne zu bringen, das vom Etat zu den letzten der zweiten englischen Liga zählt. Einige Leihspieler kombiniert mit Spielern aus dem Ausland (ganze 5 aus Deutschland), die in Huddersfield plötzlich Leistungen zeigen, die ihnen schon fast nicht mehr zugetraut wurden, schaffen eine Dynamik, die einen ganzen Klub trägt. Und mitten drin steht der Boss Wagner. Der seine Mannschaft immer weiter voran treibt und immer besser macht. So, wie er auch sich selbst immer besser macht. In jeder Trainerstation holte er im Schnitt mehr Punkte pro Spiel als in der vorherigen. Waren es in Hoffenheim noch 1,27 PPS, wurden es in Dortmund 1,33 und in Huddersfield nun 1,54.

Kein Wunder, dass jetzt Stimmen aufkommen, die ihn zu Höherem berufen. Der Deutsch-Amerikaner wird von Medien schon auf die Bänke englischer und deutscher Topklubs gesetzt. Angeblich wollte Wolfsburg ihn letztes Jahr schon verpflichten, entschieden sich dann aber für Ismael. Das haben sie jetzt davon.

Wagner reagiert darauf sehr kühl und sagt, er sei offen für alles, aber er wäre kein Träumer.

Wie ein Leipziger Terrier

Das Wappen der Towns ziert ein kleiner Terrier und genau wie das hyperaktive Tier sieht Wagner seine Mannschaft auch gerne: bissig, ausdauernd und niemals aufgebend. Bei generischen Ballbesitzt beginnt die wilde Jagd, die wir mittlerweile von einigen Mannschaften kennen. Allen voran den Jungs aus Leipzig. Das ist kein Zufall. Wagner war damals Trainer in Hoffenheim als Ralf Rangnick die Mannschaft coachte und seinen aggressiven schnellen Spielstil einführte, der bei Leipzig von Hasenhüttl, unter den wachsamen Augen Rangnicks, nun auch betrieben wird. Rangnick prägte Wagner entscheidend.

Ähnlich verhält es sich im Offensivspiel. Die Terrier bauen das Spiel kontrolliert auf, um dann explosiv nach vorne zu starten. Schnelle Pässe in die Schnittstellen und wilde Angriffe sind effektiv gegen die englischen Innenverteidiger der alten Schule.

Wagner leitet das Ganze von draußen so emotional, das er, im bester Klopp Manier, schon mal einen gegnerischen Funktionär tackelt oder quer über den Platz sprintet um, wie im Spiel gegen Leeds, auf den Haufen seiner feiernden Jungs zu hüpfen. Seine Art schnellen Fußball spielen zu lassen gleicht in der eher raubeinigen zweiten englischen Liga an eine kleine Revolution und beweist sich doch mit dem jetzt verdienten vierten Tabellenplatz.

Die Chance wird kommen

Vollkommen unabhängig davon allerdings, ob Wagner mit Huddersfield Town aufsteigt oder nicht, wird es in Zukunft eine Chance bei einem größeren Verein geben. Ob in der Bundesliga oder der Premier League sei dahin gestellt, aber die Verantwortlichen beider Ligen werden David Wagner mit Sicherheit auf dem Zettel haben. Das ist für Wagner die Chance zu einer großen Karriere und somit auch die Chance, aus dem Schatten seine Freundes Jürgen Klopp zu treten, der, ob gewollt oder nicht, da ist.

Wagner Emanzipation geht nur über Erfolg und wer weiß, vielleicht spielt Wagner bald in England gegen Klopp oder in Deutschland gegen Nagelsmann und beweist, was für ein guter Trainer er ist, denn auch wenn er kein Träumer ist, der Plan ist klar: Rock die Scheiße und become so hot right now!

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Über den Autor

Tobias Haubert

Der große (auf die Körpergröße bezogen) Tobias Haubert wurde am östlichen Rande des Ruhrgebietes geboren. Nach einer normalen Jugend und einem normalen Studium der Literatur und Germanistik ist er ein normaler Typ mit überragendem Bart.

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