Es war die 70. Minute beim Audi-Cup 2017 in der Allianz Arena. Da fiel Ryan Kent den deutschen Fußballfans das erste Mal ins Auge, als er Rafinha aussteigen ließ und dessen Abend noch viel schlimmer machte, als er ohnehin schon war. „Wie heißt der? Kent? Kennt niemand!“ Doch schon bald wird Ryan Kent kein Niemand mehr sein. Denn jetzt kann er sich ganz Fußballdeutschland in der Bundesliga präsentieren, als Spieler des SC Freiburg.

13 Jahre Liverpool

In Oldham geboren, begann Ryan Kent bereits früh an seiner Karriere als Profifußballer zu basteln. Mit sieben Jahren wechselte er zum FC Liverpool und blieb seinem Jugendverein bisher treu. Weit über 10 Jahre bei den Reds zu spielen, klingt eher nach Legenden wie Steven Gerrard. Doch Gerrard absolvierte in dieser Zeit seine Einsätze in der ersten Mannschaft. Kent kam bisher eher selten unter Klopp zum Zug und wurde mit seinem Wechsel zum SC Freiburg schon zum dritten Mal in den letzten drei Spielzeiten ausgeliehen. Dabei ging es aber immer weiter bergauf. Von Coventry, also der vierten englischen Liga, ging es in die zweithöchste Spielklasse zum FC Barnsley und nun in die erste Liga Deutschlands. Dort will er sich empfehlen, um bald auch in Liverpools erster Mannschaft regelmäßig zu spielen.

Dribbeln, Dribbeln, Dribbeln

Wenn man eine Stärke bei Ryan Kent herausheben müsste, dann wäre es ohne Zweifel das Dribbling. Dank seiner guten Technik klebt der Ball förmlich an seinem Fuß. Und was zunächst wie eine flache Phrase daherkommt, wird im nächsten Moment Realität, wenn er auf seinen Gegenspieler zuläuft. Dabei kann man bei ihm vor allem zwei Varianten beobachten. Die erste Variante spielt er vor allem aus der Defensive heraus. Kent läuft frontal auf den Gegner zu und legt den Ball mit Tempo durch die Beine des Gegenübers oder an ihm vorbei. Ein schneller Antritt und schon ist er durch. Auf diese Art und Weise leitet er aus dem Abwehrdrittel schnelle Konter ein und treibt das Spiel an. Auch aus der Bedrängnis, nutzt er diese Art des Dribblings oft, um sich zu befreien. Die Aktionen sind meist ansatzlos und fließend aus der Bewegung heraus. Die zweite Variante ist Dribbling à la CR7: Übersteiger ohne Ende und viele Körpertäuschungen oder Haken. Es sieht fast schon übertrieben aus, wenn er einen Haken oder Übersteiger an den anderen reiht, aber oft ist er so erfolgreich. Vor allem gepaart mit einem explosiven Tempowechsel kommt er so, in Strafraumnähe, immer wieder in gefährliche Positionen.

Laufen, Schießen, Laufen

Ein Vergleich liegt sofort auf der Hand, wenn man Kent spielen sieht – der zu Arjen Robben. Der Engländer bleibt kaum auf der Außenlinie kleben, sondern zieht fast immer Richtung Sechzehner. Auch hier spielt er meist in zwei Varianten. Oft prescht er, nahe zur Grundlinie, in den Strafraum vor und läuft so nah wie möglich ans Tor, um dann mit einer scharfen, flachen Hereingabe abzulegen. Zieht er vor dem Sechzehner nach innen, ahnt man was kommt, der klassische Arjen. Kent läuft in eine zentrale Position und sucht den Abschluss, oft auch ins lange Eck. Durch seine Beidfüßigkeit kann er sich auch den Luxus erlauben, egal von welcher Seite er kommt, immer das Bein zu nehmen, das näher zum langen Eck steht, anders als der Holländer mit dem lustigen Laufstil. Laufen, das tut Kent mittlerweile auch lieber als früher und zeigt sich auch defensiv sehr engagiert. Oft erobert er Bälle, indem er aus der Offensive zurücksprintet und so aus dem Rücken des Gegners kommt. Er läuft mehr als nötig und das macht ihn wertvoll für den laufbetonten Fußball in der Bundesliga.

Hinfallen, Aufstehen, Weitermachen

Gegen stärkere Offensivteams fehlt Kent jedoch oft die Durchschlagskraft. Wird er gedoppelt oder ihm seine angestammten Laufwege zugestellt, tut er sich schnell schwer und seine Offensivgefahr verwandelt sich in eine Rückpassorgie oder eine Compilation der schlimmsten Ballverluste. Doch beim Audi-Cup zeigte er gegen Bayern oder Atletico, dass er sich weiterentwickelt hat und das Potential gegen bessere Teams auch vorhanden ist. Eine Entwicklung, die Kent vor allem seiner Leihe nach Barnsley zu verdanken hat. Dort blühte er vergangene Saison richtig auf und arbeitete im Gegensatz zu früher hart an sich. Er wurde physisch deutlich stärker, ist nun auch schneller als vor einem Jahr und besitzt nun das angemessene Tempo für einen Flügelspieler. Vor seiner Zeit in Barnsley trat er kaum in Erscheinung, jetzt hätte ihn Klopp gerne im Team behalten, doch Kent will spielen, um sich weiter zu verbessern. Er hat aus seiner Trainingsmüdigkeit gelernt und will ihn Freiburg den nächsten Schritt machen. Glück für die Freiburger, denn auf den Flügeln herrscht im Breisgau momentan ein Qualitätsvakuum.

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