Man konnte Carlos Tevez fast schon bewundern, als er am 11.07.2015 von Juventus zu seinem ersten Proficlub, den Boca Juniors, zurückkehrte. Tevez hätte auch in Europa noch die ein oder andere Saison auf höchstem Niveau spielen können, galt als einer der besten Mittelstürmer. Er entschied sich aber für die Heimat, für die Emotionen – was angesichts der Atmosphere im Bombonera verständlich ist. (Schließlich sieht es dort regelmäßig so aus, oder auch so. ) Als im Dezember letzten Jahres Tevez Rekordgehalt-Wechsel zu Shanghai Greenland Shenhua publik wurde, dachte man sich dann eben: Doch nicht so bewundernswert. Und Tevez so: Emotion und Heimat schon geil, Geld einfach noch geiler. Aber wir sind hier nicht Moralkritiker, deshalb ist der Bezug zu Tevez nicht Bares, sondern Bentancur. Rodrigo Bentancur, 19-jähriger Mittelfeldspieler von Boca, war nämlich im Rahmen des ersten Tevez-Geschäftes Handlungsobjekt: Bis April 2017 besitzt Juve nämlich eine Kaufoption für ihn; über 9,4 Millionen Euro, wie berichtet wird.  Was nicht nur angesichts der 10,5 Millionen Euro Ablöse, die die Chinesen für Tevez zahlten, ein wirklich gutes Geschäft ist. Warum? Bitte weiterlesen.

Glückbringende Liebschaft

Bentancur, im Juni 1997 in Nueva Helvecia geboren, machte seine ersten Schritte auf dem grünen Rasen beim kleinen Club Artesano in seinem Geburtsland Uruguay. Im Parque Raul Gugelmeier, der so beschaulich ist, wie er klingt, lief er bis zum Alter von 13 Jahren auf. Aus der uruguayischen Peripherie bzw. der nahenden Karriere als Profi in Uruguay (ein Wechsel ins wenige hundert Kilometer entfernte Montevideo lag nahe) bewahrte ihn kurioserweise eine Liebschaft des Vaters. Papa Bentancur vermählte sich 2009 mit einer Argentinierin, folglich zog die ganze Kleinfamilie in die Heimat der Stiefmutter. Was vorerst auf eine wenig lustige Lebensphase des Heranwachsenden hindeutet, erwies sich langfristig als Glücksfall. Mit dem Umzug ging ein Wechsel zu den Boca Juniors einher, bei denen sich Bentancur fortan prächtig entwickeln sollte und 2015 mit 17 Jahren direkt aus der U20 in die erste Mannschaft wechselte. Während er in der Saison 14/15 schon überragende 18 Spiele in La Boca absolvierte, fiel er 15/16 aufgrund einer Knieverletzung für einige Zeit aus, etablierte sich zur aktuellen Saison aber wieder als Stammspieler. Mit 19 Jahren hat Bentancur also schon ganze 46 Spiele als Profi auf dem Buckel – bemerkenswert.
Wie es für einen Spieler von seinem Format zu erwarten ist, kann er auch Einsätze für La celeste vorweisen. Für Uruguays U20 lief er acht mal auf, erzielte ein Tor – und war kürzlich maßgeblich am Gewinn der U20-Südamerikameisterschaft in Ecuador beteiligt. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis Bentancur von Tabarez in die erste Garde seines Landes berufen wird. Seinen Hauptkonkurrenten dort, Matías Vecino und Álvaro González, die beide bereits in der Serie A, wohl Bentancurs baldiger Wirkungsstätte, spielen, steht er in nichts nach. Denn:

Walzertänzer

U20-Südamerikameisterschaft, das klingt, in Hinblick auf Mittelfeldtalente, nach viel Samba und Joga Bonito, nach dramatischen Edeltechnikern und entwürdigenden Dribblings. Die Erwartungen wurden teilweise auch erfüllt, da gab es einen brasilianischen zentralen Mittelfeldspieler namens Lucas Paqueta, der im Mittelfeld stets zu einem Raunen verursachenden Tänzchen bat, es gibt auf YouTube ein Video, das seine Highlights im Spiel gegen Ecuador in Augenschein nahm. Bloß: Nach drei Minuten Video hatte man schon sechs Tänzchen gesehen, die damit endeten, dass Paqueta auf dem Boden lag. Und das Ende vom Lied: Brasilien schloss den Wettkampf auf Rang fünf ab, Erster wurde, wie schon erwähnt, Uruguay. Bei denen tanzte im Mittelfeld ein gewisser Rodrigo Bentancur, der statt Paquetas gravitationsbejahenden Moves einen ruhigen Walzer wählte. Was Erfolg hatte, ohne an dieser Stelle behaupten zu wollen, dass Paquetas Interpretation des Spiels schlechter wäre als die Bentancurs, aber es hat in diesem Fall eben nicht gepasst.
Was zeichnet Rodrigo Bentancur also aus? Er agiert, wie erwähnt, auf dem Spielfeld sehr abgeklärt und ruhig. In einer fast schon aufreizenden Gelassenheit moduliert er ohne Ball mit Bedacht sein Stellungsspiel, um sich in die richtige Position zu bringen, mit einer Sicherheit, die vor allem aufgrund seines jungen Alters bemerkenswert ist. Mit Ball zeigt er eine Eigenschaft, die für einen zentralen Mittelfeldspieler ohne Frage unabdinglich ist: Eine sehr sichere Grundlagentechnik, was Ballführung und Passspiel angeht. Besonders Erstere beherrscht Bentancur auch in hohem Tempo sehr sauber, was ihn des Öfteren dazu bewegt, nach einer Balleroberung oder aufgrund einer anderen relativ engen, unsortierten Situation im Zentrum nach Außen zu ziehen und so das von ihm bespielbare Feld von vier auf drei Richtungen zu verringern. Und auch wenn man jetzt natürlich anmerken kann, dass ihm das im Zentrum neue Räume erschafft, was auch richtig und vorteilhaft ist, muss erwähnt werden, dass dieses Verhalten darin begründet ist, dass Bentancur in kniffligen Situationen ein wenig die Übersicht fehlt, um diese vorteilhaft (und bzw. somit nach vorne) aufzulösen, ohne viel konditionellen Aufwand durch das beschriebene nach-außen-Ziehen zu betreiben. In der argentinischen Liga und bei U20-Wettbewerben mag dieses Verhalten ein durchaus probates Mittel sein, wie es in der Serie A und etwaigen Championsleague-Spielen aussieht, sei dahin gestellt. Nichtsdestotrotz ist die angerissene Kritik eine auf hohem Niveau und seine sehr situationsspezifische, die Bentancurs vorzügliche Fähigkeiten nicht in den Schatten stellen soll. Schließlich ist dieser in erster Linie ein sehr sicherer Zentrumsspieler, der eine technisch blitzsaubere Ballführung und eine gute Wendigkeit mitbringt.

Vorbild Tevez – aber nicht in letzter Konsequenz

Auch wenn noch nicht mit allerletzter Sicherheit gesagt werden kann, dass Juventus Turin bis zum 20.04. die Kaufoption über 9,4 Millionen Euro ziehen wird, gilt es doch als unbestritten, dass Bentancur zur kommenden Saison in einer von Europas Topligen auflaufen wird. Somit muss die Perspektive des Talentes aus einem kritischeren Blickwinkel betrachtet werden, was dennoch nichts an einem positiven Fazit ändert. Rodrigo Bentancur ist kein Spieler für fancy Highlight-Videos wie Lucas Paqueta, er bringt dennoch vergleichbare technische Fähigkeiten mit, richtet seinen Spielstil aber nicht danach aus, sondern tritt in einer unspektakulären, nüchternen Konstitution auf. Seine Abgeklärtheit macht ihn wohl auch neben dem Platz einem vernünftigen Akteur, der hoffentlich gute Karriereentscheidungen treffen kann und sich dann (wieder auf dem Platz) angemessen akklimatisieren kann, was Lösungen (vor allem) mit Ball betrifft.  Wenn dem so ist, dann kann der Uru zum nächsten Bombonera-Schützling werden, der in Turin geliebt wird – solange Bentancur nicht gerade bis in die letzte Konsequenz den dem chinesischen Locken gefolgten Tevez als Vorbild auserkoren hat.

 

 

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