Die aiserbaidschanische Plattform xəzər xəbər, für den Leser lateinischer Schrift besser unter Meydan TV erkenntlich, veröffentlichte vor etwa eineinhalb Jahren einen Beitrag über Ramil Sheydaev, welcher morgen im Kader Aserbaidschans für das Spiel gegen die deutsche Nationalmannschaft steht. Zu damaliger Zeit hatte Sheydaev gerade eine Flaute in Sachen Nationalmannschaft durchleben müssen. Nachdem er für russische Juniorenteams sage und schreibe 40 Tore erzielen konnte, schwebte er seit Ende 2014 unverständlicherweise in der Luft. Erst im September 2016 lief der Mittelstürmer wieder für ein Nationalteam auf, allerdings nicht mehr für Russland, sondern für Aserbaidschan. Vor allem mit Blick auf die Statistik verwundert der vermeintliche sportliche Abstieg.  Bisher wurde er einzig in dem einen Beitrag bei Meydan TV erwähnt. Sorgt er bald wieder für Schlagzeilen? Das soll Talentkritikers Blick auf die fußballerischen Qualitäten Sheydaevs klären.

Durch die SDYuShOR-Schule

Ramil Teymur oglu Sheydaev, wie der Spieler der heutigen Talentkritik mit vollem Namen heißt, vollendete vor zehn Tagen das 21. Lebensjahr – geboren wurde Sheydaev 1996 in Sankt Petersburg als Sohn einer Russin und eines Aserbaidschaners geboren. In Petersburg, wo Sheydaev aufwuchs, begann er auch seine fußballerische Karriere, man kann ihn also guten Gewissens als einen wirklich typischen Spieler der SDYuShOR, so der Name der Petersburger Jugendabteilung, bezeichnen. Und obwohl Sheydaev in der Nationalmannschaft von der U15 bis zur U21 Russlands ein absoluter Leistungsträger mit überragender Torquote war, bekam er bei Zenit keine echte Chance bei den Profis. Lediglich bei der Zweiten durfte er des Öfteren vorspielen, er wurde nach Kazan ausgeliehen, nach Rückkehr wurde sein Vertrag nicht verlängert. Im Juli 2016 holte Trabzonspor Sheydaev in die Türkei und zahlte knapp 170.000 € Ausbildungsentschädigung nach Petersburg, auch hier blieb dem jungen Russen der Durchbruch aber bisher verwehrt, er kommt lediglich auf einen Pflichtspieleinsatz. Es scheint, als könnte Sheydaev nur unter Dmitri Khomukha, der Sheydaev fast seine ganze Nationalmannschaftskarriere begleitete, glänzen. Zum Ende der Hinrunde im letzten Jahr begann Sheydaev dann mit 20 Jahren, die Geduld zu verlassen und er handelte. Zuerst entschied er sich für Aserbaidschan als das Land, für das er spielen möchte, hatte er doch in Russland auch wenig Aussicht auf Erfolg. Dann – zur Rückrunde 16/17 – ließ er sich zu MSK Zilina in die erste slowakische Liga ausleihen, wo er schon jetzt auf vier Einsätze kommt. Im Sommer 2018 wird er nach Trabzonspor zurückkehren – und dann endgültig den Durchbruch ins Profitum schaffen?

Durchblickt?

Man darf skeptisch sein. Auf den ersten Blick ist Ramil Sheydaev vor allem eines: Ein Vollblut-Strafraumstürmer. In der Box ist der 187 Zentimeter große Spieler extrem effektiv, was einerseits an einem abwartenden, sehr berechnenden Stellungspiel liegt, andererseits aber auch an einem gezielten, bedingungslosen Einsatz seines Körpers. Sein gutes Timing beschert ihm hier des Öfteren Torgelegenheiten, wo Andere (und unter diesen sind auch teilweise Verteidiger zu zählen) schon eine entglittene Chance oder einen geklärten Ball gesehen hätten. Hauptverantwortlich dafür ist schlicht und einfach Sheydaevs Coolness, sein Kalkül der Verteidiger: Wird ein gegnerischer Spieler einen für Sheydaev zu langen Ball nicht sofort schlagen, sondern erst versuchen, ihn zu kontrollieren, so scheint Sheydaev das zu wissen. Und wenn in dieser Situation ein anderer Angreifer versucht hätte, noch vor den Abwehrspieler an den Ball zu kommen oder sich in den scheinbar kommenden langen Ball zu werfen und so verladen zu werden, wartet Sheydaev ab und zwingt den Verteidiger jetzt zu einem Zweikampf im eigenen Sechzehner – clever. In seiner Jugendzeit machte er so seine Tore, störte im entscheidenen Moment, spritzte zum richtigen Zeitpunkt dazwischen und stellte zur rechten Zeit zu. Bei den Profis, das musste der Ex-Sbornaja-Akteur schmerzlich erfahren, geht das nicht so leicht. Erstliga-Senioren sind abgeklärter und können ihm besser Paroli bieten, es liegt jetzt also auch am jungen Stürmer, sein Spiel zu verbessern, auf die nächste Stufe zu heben.
Aber leider sind auch andere Mängel Sheydaevs unübersehbar: Muss er selbst das Spiel machen, geht also mal nicht unbedingt um die letzte, abschließende Aktion, tut er sich schwer. Hauptursache hierfür: Mangelnde Ballkoordination, fehlebehaftete Ballführung. Der Schlaks ist schlicht und einfach nicht dafür gemacht, als Spielmacher zu agieren, auch wenn ihm wohl das Auge und die Ruhe hierfür durchaus zur Verfügung stünden. Doch was im Kopf passiert, muss eben auch erst einmal zu Platze getragen werden.. Und im modernen Fußball wird es ein Spieler, dem es hier fehlt, leider schwer haben.

Spielpraxis und harte Arbeit

Wo soll es nun enden mit Ramil Sheydaev, dem Russen, der zum Aiserbaidschaner wurde? Um seinem Namen als Talent die Ehre zu erweisen und gleichzeitig den Sprung in den bezahlten Fußball gänzlich zu meistern, muss er nicht nur das perfektionieren, was er am besten kann (und somit andere Mängel kaschieren) sondern eben auch die größte andere Problemstelle, die da wohl die Ballführung im Tempo wäre, bestmöglich beheben. Spielpraxis, wie er sie jetzt in Zilina bekommt, kann da nicht schaden, aber ohne harte Arbeit wird auch das nichts nützen. Notwendig also: Ein Appell an Sheydaevs Moral.
Dass sich die Verteidiger der deutschen Nationalmannschaft morgen von Sheydaev düpieren lassen werden, sei vorsichtig hinterfragt. Nichtsdestotrotz werden die Aserbaidschaner und auch der 21-Jährige mit vollem Kampfgeist zu Werke gehen, so hat ja auch Robert Prosinecki erwähnt, dass alles andere als eine Niederlage eine absolute Sensation im Lande wären. Und somit die Gelegenheit für Ramil Sheydaev, wieder für Schlagzeilen zu sorgen – auch über Meydan TV hinaus.

 

Facebook-Kommentare