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Analyse

Ralph Hasenhüttl: Die Evolution eines reflektierten Pragmatikers

Trainerkarrieren hängen ungewöhnlich häufig an dem kleinen Wort „Wenn“. Wenn Peter Neururer nur endlich als Trainer von Real Madrid hätte zeigen können, dass er mehr als ein Feuerwehrmann sein kann. Wenn Christoph Daum doch wirklich ein absolut reines Gewissen hätte haben können, um mit Deutschland schon 2002 Weltmeister zu werden. Wenn Stefan Effenberg… ach, lassen wir dieses Trainer-Kapitel lieber geschlossen.

Auch Ralph Hasenhüttls Trainerlaufbahn ist mit einigen, bedeutungsschweren 50:50-Situationen gepflastert. Im Anschluss an seine Profi-Karriere bot man ihm bei den Bayern keinen Nachwuchstrainer-Job an, sondern manövrierte ihn stattdessen in einen bereits ausgebuchten Trainer-Lehrgang. In Aalen war er eigentlich schon entlassen, nachdem er die Zweitliga-Vorbereitung aufgrund eines Hantavirus‘ nicht bestreiten konnte und sein Nachfolger bereits bereitstand. Und in einem Wintervorbereitungsspiel überzeugte er mit seinen Ingolstädtern ausgerechnet die Leipziger Vorgesetzten, statt in Marbella oder Katar gegen Lokalauswahlen zu spielen. Was wäre aus der Trainerkarriere von Hasenhüttl geworden, wenn eine dieser Alternativen tatsächlich eingetreten wäre? Müßig darüber zu spekulieren. Aber diese besonderen Momente deuten an, warum der Leipziger Trainer einen steilen Weg in die Champions League hingelegt hat. Denn Hasenhüttl bahnt sich seinen Weg unter die Top-Riege deutschsprachiger Trainer und mittlerweile formuliert er seinen Anspruch auch öffentlich.

„Denn ich bin ein Lernender und werde das auch immer bleiben.“ (Hasenhüttl, Mai 2017)

Seine ersten Schritte als Profi-Trainer geht Ralph Hasenhüttl an der Seite von zwei bayrischen Legenden: Harry Deutinger und Werner Lorant. In Unterhaching ist es vor allem Deutinger, der dem gebürtigen Steirer Hasenhüttl das Trainer-Einmaleins bei- und ihm den Trainerberuf näherbringt bzw. was es bedeutet, sich Fußball zu (er)arbeiten. Schließlich hat Hasenhüttl bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich als Aktiver agiert und sich zuletzt bei Bayern München II versucht, ehe man ihm dort die bereits angesprochene Nachwuchsposition verwehrt. So findet er sich nach seinem Trainer-Lehrgang bei Haching wieder, zunächst als Co-Trainer und anschließend, nach Lorants Entlassung, auch als Chefcoach. In seiner ersten vollständigen Saison erreicht er mit den Bayern letztlich einen sehr guten vierten Platz in der Regionalliga, mit damals hervorhebenswerten 66 Punkten. Punkte, die in den kommenden Spielzeiten für Aufstiege reichen sollen.

Nachdem er sich in der Folgesaison mit dem Vorstand und Sponsoren überwirft, aufgrund unterschiedlicher Erwartungshaltungen, beschließt er, sich möglichst vielseitig weiterzubilden. Er pendelt also zwischen den Trainingsplätzen der Bayern aus München und der Sechziger, hospitiert bei van Gaal, besucht Trainingslager von Bundesligisten mit dem Fahrrad und wartet geduldig auf die nächste Aufgabe im Profibereich. Mit dem VfR Aalen übernimmt er schließlich im Januar 2011 eine abstiegsgefährdete Drittliga-Mannschaft, die er vor dem Sturz in die Bedeutungslosigkeit bewahren soll. Er glaubt, dass er die Mannschaft mit einer offensiven Spielweise und genug Trainingseinheiten auf einen proaktiven Klassenerhalt trimmen kann (vgl. Favre-Gladbach 2011). Doch als sich der Erfolg weiterhin nicht einstellen will, wirft Hasenhüttl sein Konzept schnell über den Haufen, um mit einer defensiv, auf Konter ausgerichteten Mannschaft den Klassenerhalt problemlos zu schaffen. Damit schafft er gleichzeitig die Basis für einen unerwarteten Aufstieg im Folgejahr, als er mit einer ähnlichen Spielweise Aalen in die zweite Bundesliga hievt. Schnell zeigt sich, dass Hasenhüttls reflektierte Art eine seiner großen Stärken ist. Statt sich einer bestimmten Orientierung auf dem Feld sklavenhaft zu unterwerfen, konzentriert er sich, in Aalen noch mit etwas Anlaufzeit, auf die Gegebenheiten seines Kaders und einer darauf abgestimmten, effektiven Spielweise. Ein Mantra, das ihn durch seine Karriere begleitet.

„Die Arbeit gegen den Ball steht immer im Mittelpunkt unseres Handelns. Das ist der Schlüssel unseres Erfolgs.“ (Hasenhüttl, Mai 2015)

Als Hasenhüttl den Hantavirus übersteht und damit seinen Job in Aalen rettet, setzt er zu einem weiteren Überraschungsschlag an, als er die Schwaben auf einen sensationellen neunten Platz führt. Das Erfolgsrezept bleibt weiterhin eine stabile Defensive, ein ausgeprägtes Pressing-System und effektives Konterspiel. Doch der Trainer merkt schnell, dass er mit dieser Mannschaft nicht mehr herausholen kann und entzieht sich dem drohenden Abstiegskampf in der neuen Saison. Stattdessen heuert er wenige Monate und einige Hospitationen später beim FC Ingolstadt an. Der Anfang einer märchenhaften Geschichte.

Die Schanzer stehen im Oktober 2013 am Tabellenende, als das Hasenhüttl’sche Patentrezept im Süden Bayerns greift. Beeindruckt von der Pressing-Maschinerie, die Jürgen Klopp seit einigen Jahren in Dortmund aufzieht und bestärkt durch seine positiven Erlebnisse mit Aalen, versieht der österreichische Fußballlehrer die Mannschaft mit einer rigorosen Defensiv-Ausrichtung, um noch schneller Konter fahren zu können. In einer Mischung aus 4-4-2 und 4-5-1 verleiht er der Mannschaft damit zunächst Stabilität im Spiel gegen den Ball, die die Truppe letztlich auf Platz Zehn abschließen lässt. In der kommenden Saison schafft er dann gar die Sensation, indem er mit Ingolstadt tatsächlich aufsteigt. Denn ausgehend von der stabilen Abwehr, schafft es Hasenhüttl jetzt auch immer öfter, aggressiver zu pressen und noch schneller den Ball vor das gegnerische Tor zu bekommen. Dazu kommt eine ungeheure Effizienz bei Standards, die die Ingolstädter regelrecht beflügelt. Der Trainer kann sich dabei auf eine Achse verlassen, die die Mannschaft trägt: Torwart Ramazan Özcan, Innenverteidiger Matip/Hübner, Mittelfeldmotor Pascal Groß und Torgarantie Moritz Hartmann.

Doch nicht nur die Spieler wachsen über sich hinaus und beweisen ihr Potenzial für die Bundesliga, sondern auch Ralph Hasenhüttl entwickelt sich in dieser Zeit. Wirkt er zu Beginn seiner Karriere zwar reflektiert, verbal gewandt, reich an Fußballwissen, aber auch zurückhaltend, setzt sich nun bei ihm auch eine gewisse Selbstverständlichkeit durch. Er möchte seine Arbeit gewürdigt wissen. Er zeigt sich in Interviews immer noch von seiner witzigen Seite und ist für lockere Sprüche zu haben, doch die Arbeit in Ingolstadt lässt ihn auch erstmals mit der Traditionsdebatte in Berührung kommen. Hasenhüttl wird nicht müde zu betonen, dass nicht die finanzielle Alimentation, sondern die harte, sportliche Arbeit für Erfolg stehe. Er schlägt sich auf die Seite der Modernen, die sich nicht der blinden Tradition verschreiben wollen und gibt damit indirekt eine erste Bewerbung in Richtung Leipzig ab.

„Mein Lehrmeister ist mittlerweile der tägliche Job.“ (Hasenhüttl, Mai 2017)

Schließlich stellt sich der sportliche Erfolg auch mit den häufig unterschätzten Schanzern in der Bundesliga ein. Der Grund für den Erfolg? Eine noch aggressiver pressende Mannschaft, die das Fußballspiel in eine Treibjagd verwandelt, um von den eigenen technischen Mängeln abzulenken. Hasenhüttl beschreibt diese Spielweise gegen den Ball als „extremste“, die er in der Bundesliga gesehen hat. Dazu zeigt sich die Defensive weiterhin als Prunkstück, sodass Spiele mit Ingolstadt kein Augenschmaus werden und am Ende häufig genug ein 1:0 oder 1:1 steht. Meist mit einem späten Treffer für Hasenhüttls Männer, die konditionell top eingestellt sind und den kraftvollen Fußball bis zum Spielende durchziehen können. Auch wenn am Ende oft genug auch ein Elfmeter herhalten darf, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Analog zur Situation zuvor in Aalen muss Hasenhüttl aber wieder einsehen, dass ein solches Ergebnis (Platz Elf) kaum zu wiederholen ist, sodass er wieder vorzeitig die Zelte abbricht, um erstmals den Fußball-Süden zu verlassen. Der Weg führt nach Leipzig, zum Red Bull-gesponserten Emporkömmling.

Für die Ostdeutschen ist Hasenhüttl der perfekte Trainer: Österreichische Herkunft (toll für den Sponsor), an Pressing-orientierte Mannschaften gewöhnt (toll für Ralf Rangnick) und geübt darin, Aufsteiger in der Bundesliga zu halten (toll für Verein und Fans). Und der Trainer zeigt sich weiter anpassungsfähig. Hat er in Ingolstadt noch ein kompaktes 4-3-3 spielen lassen, um die Räume möglichst eng zu machen, adaptiert er in Leipzig das von den Spielern favorisierte 4-2-2-2, obwohl er dieses noch nie zuvor hat spielen lassen. Stattdessen packt er die Gelegenheit beim Schopfe, mit außergewöhnlich guten Spielern einen Fußball spielen zu lassen, den er in den Jahren zuvor immer wieder angedeutet, aber nun zur Vollendung gebracht hat. Statt ein Abwehrbollwerk zur notwendigen Bedingung zu machen, degradiert er es zur hinreichenden, um seinen Fokus voll auf Ballgewinn und Umschaltspiel zu legen. Das Hasenhüttl’sche Pressing-Denken wird mit dem Leipziger Chaos-Fußball zu einer Offenbarung für Fußballdeutschland.

„Wenn du jemanden überholen möchtest, kannst du nicht in seine Fußstapfen treten.“ (Hasenhüttl, April 2017)

Leipzig erobert die Liga im Sturm und Hasenhüttl legt sein Meisterstück ab. Er verleiht der Mannschaft innerhalb eines Jahres ein unverwechselbares Gesicht und stellt sie gleichzeitig noch variabler auf. Das breite Pressen, das mit überfallartigen Drucksituationen verbunden wird, ist für weite Teile der Bundesliga nicht zu verteidigen. Doch die Leipziger ruhen sich eben nicht darauf aus, sondern entwickeln darüber hinaus auch noch ballbesitz-orientierte Automatismen, die den Spielaufbau flüssiger erscheinen lassen. Obwohl der eigene Ballbesitz immer noch die ungeliebte Spielsituation bleibt, gestalten die Bullen diese Phasen immer erfolgreicher. Hasenhüttl schafft es aber nicht nur, seine Mannschaft zu emanzipieren und diese nach Europa zu führen, sondern er emanzipiert sich auch von RB-Übervater Rangnick mehr und mehr.

Das offensive Auftreten in den Medien lässt den Trainer immer weiter zum Sprachrohr für den Fußball der Leipziger werden, während sich Rangnick vornehmlich um die Ausrichtung auf großer Ebene kümmert. Hasenhüttl formuliert dabei auch immer schärfere Ansagen an die Konkurrenz, spricht von notwendigen Kaderverbesserungen, um die Ziele in der neuen Saison zu erreichen und verspricht der Bundesliga, dass Leipzig und sein Fußball sich etablieren werden. Beispiele aus Leverkusen unter Roger Schmidt zeigen, dass sich ein solcher Tempofußball auch abnutzen kann und der langfristige Erfolg nicht bleiben muss. Hasenhüttl wird dies verhindern müssen und seine vielschichtige Herangehensweise und Flexibilität sprechen für eine langfristige und erfolgreiche Entwicklung der Leipziger.

Denn bei einer Sache darf man nicht vergessen, dass Ralph Hasenhüttl sich schnell eingeengt fühlt, wenn Vereine ihre Grenzen erreichen. Zum Glück ist er in Leipzig gelandet, einem der wenigen Orte in der Bundesliga, an denen eben dieses „Wenn“ nicht zu existieren scheint.

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