Was ist Potenzial? Dieser hochspannende Komplex wurde kürzlich in einer Podiumsdiskussion zwischen Fachleuten aus Sport- und Wirtschaft im NLZ von Wacker Burghausen diskutiert. Talentkritiker nahm am Fachaustausch teil und berichtet über die Erkenntnisse der Veranstaltung:

Am 6. Juli lud das Nachwuchsleistungszentrum Burghausen zum Gespräch: Auf Initiative des BFV-NLZs fanden sich Vertreter aus Spitzensport und Wirtschaft in der Salzachstadt ein, um das Thema ,,Potenzial“ aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und zu diskutieren. Nach knapp vier Stunden lebhafter Debatte konnte man zwar gemeinsame Nenner in den Begriffen ,,Vertrauen“ und ,,Selbstreflexion“ ausmachen, deutlich wurde aber auch, dass die Komplexität der Thematik noch große Chancen zur weiteren Diskussion bietet.

Woran kann guten Gewissens festgemacht werden, welche Kinder besonders gefördert werden sollen? Auf welche Aspekte ist vordergründig zu achten, wenn es um die Gestaltung dieser Förderung geht? Diese beiden Fragen sind elementar für alle Belange der Talententwicklung, und der Begriff des ,,Potenzials“ bietet hierbei einen guten Fixpunkt. Sich auf die Annahme stützend, dass die Annäherung an diese unscharfe, aber zugleich bedeutungsvolle Thematik von verschiedenen Perspektiven profitieren würde, versuchten sich Gäste mit unterschiedlichen Schwerpunkten an den Fragestellungen. Neben Organisator Lukas Brandl (Koordinator U11-U13 im NLZ) und NLZ-Leiter Georg Ramstetter waren der Sport Agent und FOCUS ON PERFORMANCE-Gründer Martin Weddemann sowie der globale MD ELEKTRONIK – Personalchef Florian Frey die Hauptdiskutanten der Veranstaltung.

Zunächst stand die Frage nach möglichen Potenzialindizien und bestehenden ,,Talentkriterien“ im Raum, wo Ramstetter zu Beginn auf der Suche nach abstrakteren, möglichst offenen Faktoren auf die Attribute ,,kreativ“ und ,,mutig“ kam. Weddemann, welcher auf Basis umfassender und vielfältigen Erfahrungen in der internationalen Fußball- und Sportwelt sprach, betonte hierbei die Relevanz des Konstrukts ,,Persönlichkeit“. Frey nannte vor dem Hintergrund seiner ehemaligen Führungspositionen bei Siemens, Osram und Ledvance auch die Wichtigkeit, in gewissen Bereichen über auffällige Kompetenzen zu verfügen und stellte als Parallele zum Sport fest: ,,Ohne einen starken Förderer – also eine höhere Führungskraft – funktioniert in der Regel keine Karriere oder Weiterentwicklung‘‚.
Im weiteren Verlauf des Austausches, welcher von Wortmeldungen weiterer Gäste wie Mario Demmelbauer (ehem. NLZ-Leiter und Profitrainer in Burghausen), Kathrin Neuhofer (International Football Institute), Dr. Andreas Roßberg (Chirurgische Praxisklinik Mühldorf) sowie Günther Schatz (DFB) bereichert wurde, konnten die verschiedensten Gedanken und Erfahrungen auf die Wichtigkeit der Selbstreflexion einer Person komprimiert werden. Diese würde nämlich einerseits dabei helfen, in den ständig wechselnden und anspruchsvollen Herausforderungen eines kompetetiven Umfelds nicht die Orientierung zu verlieren, andererseits aber auch unter dem Aspekt der Selbstregulation dafür sorgen, dass die individuell facettenreichen Aspekte des Potenzials einer Person zielgerichtet entfaltet werden können.

In der zweiten Hälfte der Diskussion wurde der Fokus vermehrt auf die Umstände bestmöglicher Potenzialentfaltung gelenkt. Rasch wurde hierbei klar, dass hierfür auch eine gewisse Idealvorstellung für das Attribut ,,bestmöglich“ nötig ist. Das reine, quantitative tabellarische Ergebnis ist dabei keine geeignete Maxime, sondern eine recht kurzsichtige Alternative, da ein solche Fokus das Potenzial – wenn überhaupt – nicht umfassend und nicht nachhaltig entfalten kann. Weddemann schlug in Folge ,,Durchlässigkeit“ als geeignetes Ideal vor, welche er als Ergebnis eines vertrauensvollen, geduldigen Umfelds, das für die Entwicklungsmöglichkeiten unerlässlich wäre, sieht. Damit stieß er auf breite Akzeptanz und man suchte anschließend nach zielführenden Prinzipien für diese Durchlässigkeit. Dabei kam man auf die Gefahr von Überoptimierung zu sprechen und stellte die Wichtigkeit einer gewissen Gelassenheit heraus, welche aber eng mit dem Vertrauen in sich selbst und das Umfeld zusammenhängt. Vertrauen sei ,,unverzichtbar und die wertvollste Währung“ bei der Potenzialentfaltung, machte Weddemann deutlich.

Bilanzierend lässt sich festhalten, dass zur Ausmachung von Personen mit hohem Potenzial deren Fähigkeit zur Selbstreflexion und -regulation einen stabilen Indikator darstellt, da dies die Schwankungen und Widrigkeiten sowohl äußerer, als auch innerer – sozusagen personaler – Entfaltungsumstände in Schach halten kann und die Realisierung relevanter Fertigkeiten somit konstanter ermöglicht. Zudem ist eine auf begründetem Vertrauen (in sich selbst, aber auch von ,,Förderern“ in die ,,zu Fördernden“) basierende Gelassenheit als Grundprinzip für die Umfeldgestaltung eine wichtige Erkenntnis, da dies Entwicklungsoffenheit garantiert und dabei hilft, vermeintliche (und unvermeidbar auftretende!) Misserfolge produktiv zu bearbeiten.
Beide Erkenntnisse beruhen auf einer Vielzahl von Überlegungen und entstanden aus der bereichernden Verschiedenenheit der Perspektiven, von welchen diese getroffen wurden: Georg Ramstetter als NLZ-Leiter von 140 jungen Fußballern mit jahrelanger Tätigkeit im Talententwicklungs-Kerngeschäft, Florian Frey als Personalchef eines internationalen Unternehmens mit 5000 Mitarbeitern und umfassender Erfahrung in der Personalentwicklung auf höchster Ebene sowie Martin Weddemann, dessen Arbeit sich tagtäglich in allen Facetten der europäischen Top-Clubs und deren Akademien abspielt.

Als jeweils persönliches Resumé erwähnte Ramstetter am Ende noch die Wichtigkeit von Transparenz und Kommunikation zwischen allen Beteiligten im Bereich der Potenzialentfaltung eines Spielers; Frey wies auf die Beobachtung und Beachtung des vielfältigen Umfelds und der Lebenssituation einer Person hin und formulierte hierzu als pragmatischen Leitsatz: ,,Will eine Person nicht – oder kann sie (gerade) nicht?“; Weddemann betonte wiederum die Rolle einer qualitativ hochwertigen, auf einem Expertennetzwerk beruhenden und humanen, auf Vertrauen basierenden Beratungsleistung zur Meisterung einer erfolgreichen Entfaltung in einer unwägbaren, bizarren Fußballwelt und stellte die Gefahr von unqualifizierter Goldgräber-Beratung ohne fachliche Kompetenz gegenüber.

Alles in allem gab die Veranstaltung über tiefgreifende Überlegungen erste, abstrakte Anhaltspunkte für das Phänomen der ,,Potenzialentfaltung“, ist zugleich aber ein klarer Aufruf für eine weitere Bearbeitung dieser Thematik.

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Über den Autor

Lukas Brandl
Redakteur

Lukas Brandl, Jahrgang '98, trainiert seit gut vier Jahren verschiedene Jugendmannschaften in Oberbayern, aktuell im NLZ des SV Wacker Burghausen. Der B-Lizenz-Inhaber studiert Bildungswissenschaft in Wien und Hagen Das dienstälteste TK-Mitglied begeistert sich für die Vielschichtigkeit des Fußballs aus Spieler- und Trainerperspektive: Individualität und Differenziertheit bei Aspekten der Potentialentfaltung, der Taktik, der nackten Leistung und vielem mehr sieht er als wichtige Grundprinzipien für seine Artikel an. Folgen Sie Lukas Brandl auf Twitter unter "BrandlL"

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