Selbst der routinierte Zweitliga-Fan runzelte die Stirn, als er kürzlich folgende Meldung zur Partie TSV 1860 – Würzburger Kickers las: ,,Sieben Spieler aus dem 1860-NLZ standen im Heimspiel des TSV 1860 auf dem Platz.“ Wie bitte? Sieben Spieler? In letzter Zeit hörte man ja nur noch von der Internationalisierung und zusammenhängend vom Identitätsverlust der Münchner Löwen. Aber: Klar, bei den Kickers spielen ja Taffertshofer, ,,die Axt aus Giesing“ Kurzweg und Weihrauch. Und bei Sechzig ist ja seit dieser Saison wieder Stefan Aigner dabei, zudem Maxi Wittek, Flo Neuhaus stand nach seiner Verletzung wieder in der Startelf, und dann wäre da ja noch: Ohis Felix Uduokhai, der sich in der Stammformation fest etabliert hat und wohl ,,the next big thing“ aus der Löwenschmiede ist.

The next big thing

Weigl, Benders und Co.: Die Liste von Spielern, die aus der Löwenakademie stammen, ist lang. Zuletzt aber stagnierte die Erfolgsgeschichte ein wenig, A- und B-Jugend der Sechzger kämpfen in der Bundesliga gegen den Abstieg, nach Ju Weigl schien sich kein Spieler mehr so richtig für höhere Aufgaben zu empfehlen. Doch wahrscheinlich war man zu ungeduldig – neben Flo Neuhaus, den der von Leicester City umworbene Trainer Pereira als seinen ,,Lieblingsspieler“ bezeichnete, spielte sich vor allem Ohis Felix Uduokhai in den Fokus. Der 19-Jährige (Jg. 97), der 46 Spiele in der A-Jugend Bundesliga bestritt, ist spätestens seit Pereira im Profiteam des TSV unumstritten. Während Kosta Runjaic noch auf Viererkette und erfahrenere Männer in der Abwehr setzte, kommt Uduokhai in der neuen Dreierkette neben Ba und Boenisch immer zum Einsatz und spielt den Umständen entsprechend gut. Doch wer ist der junge Mann eigentlich? Uduokhai wurde am 9. September 1997 in Annaberg-Buchholz (Erzgebirge) geboren, begann dementsprechend auch seine Karriere in der sächsischen Kreisstadt. Schnell merkte man aber, dass der junge Abwehrmann zu Höherem berufen war – Uduoakhai zog es in den Nachwuchs von Erzgebirge Aue, sportlich und geographisch naheliegend. Seine Zeit dort währte aber nicht lange, bereits zwei Monate vor seinem elften Geburtstag heuerte Uduokhai beim TSV 1860 an, da seine Familie nach München zog. Damals hatte er auch die Möglichkeit, zum FC Bayern zu gehen, wie er in einem Interview verriet. Doch der damalige U11-Spieler entschied sich für die Blauen, wo er seitdem beharrlich seinen Weg ging und Jugend für Jugend zu den Leistungsträgern zählte, mittlerweile hat er auch Einsätze für die deutsche U19- und U20 Nationalmannschaft vorzuweisen. Eine stringente Karriere, die ihr Ende wohl kaum in der zweiten Liga finden wird. Denn dagegen sprechen Uduokhais sportliche Qualitäten.

Wandlungsfähiges Abwehrhirn

1,92 Meter, hünenhafte Statur – die physischen Gegebenheiten lenkten Vieles hinsichtlich positioneller Zukunft in der späten Jugend-Fußballkarriere des gebürtigen Sachsen, obwohl Uduokhai bis zur C-Jugend auf dem offensiven Flügel eingesetzt wurde. Im Seniorenbereich beschert ihm diese Vergangenheit aber eine für einen Zweitliga-Innenverteidiger untypische Technik, die über Grundfertigkeiten hinausgeht und seine theoretische Spieleröffnung praktisch besser möglich macht. Sein Spiel kennzeichnet die figurtypische Motorik eines Jerome Boateng, mit dem sich Uduokhai allerdings nicht vergleichen möchte, auch wenn er dessen Spieleröffnung lobt. Die Vorbilder des Abwehrmannes: Die Spanier Ramos und Puyol, zwei Mentalitätsspieler, was auf den zweiten Blick Sinn macht. Uduokhai wirkt auf dem Platz ruhig und introvertiert, allerdings ist das sicher mehrheitlich seinen 19 Jahren zuzuschreiben. Fußballerisch ist der Innenverteidiger laut, was er durch einen offensiv-aggressiven Verteidigungsstil äußert, oft und gerne den wartenden Angreifer anläuft und Pässe in die Spitze abfängt, ein probates Mittel in Pereiras sehr flexiblem und vielgesichtigen 3-4-3. Wie im gestrigen Spiel gegen die Kickers enden diese Zweikampfansätze des Öfteren in einem Foul, da zu ungestüm und/oder zu spät, also zeitlich falsch kalkuliert, oft ist Uduokhai aber auch erfolgreich und zwingt den Gegner so nach der Balleroberung in eine unsortierte Defensive zurück. Boenisch, rechts von Ba, verteidigt mit Lacazette und dem umtriebigen Wittek auf seiner Seite assymetrisch deutlich tiefer, Udo, wie der 19-Jährige aus ortographischen Gründen gerne genannt wird, hat mit Lumor einen sehr laufstarken Spieler im Vierermittelfeld vor sich, der absichernd oft nach hinten mitgeht. Vor diesem Hintergrund ist sein Verteidigungsstil auch mannschaftstaktisch legitimiert. Zugleich ein Zeichen für Udos Spielintelligenz, die Grund für eine kalkulierende, abwägende Grundhaltung in seiner Spieleröffnung ist, wobei diese im Gesamtvergleich neben dem Bereich der Zweikampfführung wohl der Bereich ist, in dem Uduokhai noch am meisten Luft nach oben hat. Zwar erinnert er hier nicht nur physiognomisch an Boateng (oben erwähnte Motorik), sondern sucht auch die gleichen Mittel wie der Weltmeister, probiert also oft den präzisen, gleich mehrere Reihen überspielenden Ball aus einem Antritt, der den Gegner zum Umsortieren zwingt, heraus, bevorzugt flach. Doch gerade die neue Rolle in der Dreierkette, die ihm räumlich bereits weniger Möglichkeiten und konsequent somit weniger Wege für derartige Bälle bietet, macht Udo zu schaffen. Was zeigt: Der 19-Jährige braucht noch Zeit, bis er allen Unabwägbarkeiten des Profifußballs gefeit ist. Gleiches gilt auch für seine Zweikampfführung, wo er zwar dank seiner Athletik und Beweglichkeit hervorragende Voraussetzungen mitbringt, aber viel abgeklärter und schlicht und einfach sicherer werden muss. Die Erfahrung wird das richten. ,,Die Gegenspieler sind cleverer, arbeiten mehr mit ihrem Körper. So habe ich schnell gemerkt, an welchen Stellen ich noch an mir arbeiten muss.“, sagt er im Interview. So ist es.

Spätestens in eineinhalb Jahren auf höchster Ebene

Wie geht es nun weiter mit Ohis Felix Uduokai? Als spielstarker, körperlich präsenter Vertreter der Innenverteidigerzunft ist er gefragt. Kürzlich verlängerte er aber seinen Vertrag bei den Münchnern: ,,Wenn ich keine Zukunft bei 60 sehen würde, hätte ich nicht verlängert. Ich werde hier sehr gut unterstützt, die Jugendarbeit ist hervorragend. Vor allem die Durchlässigkeit zwischen Jugend- und Profibereich ist da. Alle arbeiten eng zusammen und für uns Nachwuchsspieler ist es eine schöne Sache, dass die Chance besteht, sich in der 2. Bundesliga zu beweisen.“ Warme Worte, die den Vereinsverantwortlichen und Fans natürlich gefallen, doch jeder weiß, wie viel vage Aussagen und Verträge im Profifußball bedeuten. Eines ist gut vorstellbar: Wenn 1860 es in der nächsten Saison tatsächlich schaffen sollte, aufzusteigen, dann bleibt Udo. Wenn nicht – schwer vorstellbar. Seine Entwicklung zeigt, dass er sich schnell und effektiv an neue Herausforderungen gewöhnen kann, dass es in einigen Bereichen Verbesserungsbedarf gibt, hat er selbst erkannt. Bis Sommer 2019 in der zweiten Liga? Wohl kaum. Ohis Felix Uduokhai wird spätestens in eineinhalb Jahren auf höchster nationaler Ebene zu betrachten sein.

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