Keine Woche in der Fußball Bundesliga vergeht, ohne dass es wieder neue Kritikpunkte am Aufsteiger aus Leipzig gibt. Eine der letzten Ärgernisse (zumindest für den Rest der Liga) war die Abmeldung der U23-Mannschaft. Stattdessen möchte man sich stärker auf den eigenen Nachwuchs und hier im Besonderen, auf die U19 konzentrieren. Damit rückt auch automatisch das Leipziger Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) in den Fokus, da man schließlich leicht vergessen kann, dass der eigentliche Nachwuchs nicht in Salzburg ausgebildet wird.  Das hauseigene NLZ ist immerhin in den vergangenen Jahren mit Höchstnoten ausgezeichnet worden und wartet nun auf die ersten „Eindringlinge“ in die erste Mannschaft. Was zeichnet aber das Leipziger Modell aus und warum darf man auf die zukünftigen Jahrgänge gespannt sein?

Alpha und Omega

Ralf Rangnick hätte im Oktober 2015 nicht stolzer sein können, als er auf einen Koloss aus Stahl und Beton blickt. Vor ihm steht das neue Leistungszentrum des RB Leipzig, das Schmuckstück des zu dem Zeitpunkt neuen Zweitligisten. Ein Neuzugang, wie gemacht für die Ostdeutschen: jung, modern und im oberem Preissegment angesiedelt. Denn im 33-Millionen Euro Komplex fehlt es den Jugendspielern an nichts mehr: Wellnessbereiche, Kunstrasenplätze, Sporthallen, Internatsgebäude für 15 Jugendliche (Höchstwert in der Bundesliga). Ganz im RB-Sinn wird hier nicht gekleckert, sondern geklotzt. Eine Fertigstellung in Hochgeschwindigkeit, die einen vorzeitigen Abschluss in der Weiterentwicklung der Jugendarbeit bedeutet.

Wir reden von einer Jugendabteilung, die innerhalb weniger Jahre auf links gekrempelt worden ist. Nach dem Einstieg des österreichischen Brauseherstellers galt es schließlich, die Nachwuchsmannschaften in kürzester Zeit an Top-Niveau im Jugendbereich heranzuführen. Analog zum Seniorenbereich fand daher auch bei den Jahrgängen ab 1997 eine Blutauffrischung statt. Die besten Jugendspieler der Republik wurden angeworben, um sich der blau-weiß-roten Doktrin aus schnellem Power-Fußball zu verschreiben. Das Ziel war klar: in jeder Altersklasse in der höchstmöglichen Liga vertreten sein, um altersgerechte Spielpraxis aus höchstem Niveau zu genießen. Ralf Rangnicks Plan seit seiner Ankunft in Leipzig konnte mit der Fertigstellung des NLZ endlich in die finale Phase gehen.

Schwäbische Weggefährten

Dabei obliegt Rangnick nicht die alleinige Verantwortung für den Bullen Nachwuchs. Er geht lediglich, wie in fast allen Bereichen, mit seinen Ideen voran und vertritt diese energisch. Entscheidend für die methodische Umsetzung und Ausrichtung des Nachwuchses sind zwei alte Bekannte aus Stuttgarter bzw. schwäbischen Zeiten. Zum einen Frieder Schrof, aktueller Nachwuchschef in Leipzig und offizieller Ansprechpartner des NLZ. Zum anderen Thomas Albeck, Leiter des NLZ. Schrof hat zuvor rund dreißig Jahre beim VfB Stuttgart in verschiedenen Positionen im Jugendbereich gearbeitet. Auch Albeck kann auf dreizehn Jahre Arbeitserfahrung beim VfB, sowie dreizehn Jahre beim württembergischen Verband zurückblicken. Beide waren mitverantwortlich, dass die Jugendabteilung der Schwaben spätestens in den 00er Jahren zum Besten gehörte, was Deutschland zu bieten hat. Die beiden haben 15 Nationalspieler und über 50 Jugend-Nationalspieler ausgebildet und dabei Stars wie Sami Khedira oder Mario Gomez entdeckt und gefördert.

Schrof und Albeck folgten dem Ruf ihres alten Weggefährten nach Leipzig, zu einem Zeitpunkt als man die Durchlässigkeit des Stuttgarter Nachwuchses bemängelte und die Chancen von RB erkannte. Gemeinsam mit Rangnick sah man die Gelegenheit, eine Jugendabteilung zu gründen, deren Spielidee radikaler und deren Möglichkeiten unbegrenzter als je zuvor sein sollten. Die Umsetzung sollte in zwei Schritten erfolgen. Zunächst die Stärkung der älteren Jahrgänge durch neue Spieler, die kurzfristigen Erfolg im Jugendbereich versprechen. Gleichzeitig sollte aber für die Jahrgänge bis 1998 ein umfassenderes, langfristiges Konzept erarbeitet und in Gang gesetzt werden, welches diese Spieler von Beginn an durchlaufen. Dieses sieht die typischen RB-Komponenten vor: schnelles Spiel nach vorne, aggressives Verschieben gegen den Ball, etc. Diese Spieler sind mit diesem Konzept groß geworden und sollen dieses bis zum Erwachsenwerden verinnerlicht haben, so der Grundgedanke.

Zugleich liegt ein wesentlicher Teil auf der Persönlichkeitsentwicklung der Nachwuchskräfte, ein Mittel, das sich bereits in Stuttgart bewährt. Ausgefallene Frisuren, Tattoos, Shisha rauchen, oder ähnlich fußball-irrelevante Sachen sind verboten und werden hart bestraft (s.u.). Stattdessen gehen schulische und außerschulische Ausbildung voran und bilden das Grundgerüst des NLZ neben der fußballerischen Weiterentwicklung. Rangnick verweist immer auf den Fall Draxler, dem Felix Magath zu Schalker Zeiten einen Schulabbruch nahegelegt habe, um sich auf das Profi-Sein konzentrieren zu können. Rangnick, damals unmittelbarer Nachfolger Quälix‘, unterband dies anno 2011 erfolgreich. Seither betont er die Wichtigkeit der abgeschlossenen Schul- oder Berufsausbildung, die sich RB groß auf die Fahnen schreibt.

RB-System vom Scheitel bis zur Sohle

Wesentlich für die Umsetzung in der Nachwuchsabteilung ist der Trainerstab. Dieser wird in Leipzig fast schon stützpunktartig zusammengezogen und durch RB-eigene Trainerausbilder weitergebildet. Besonders herausragende Trainer werden mit den älteren Mannschaften belohnt, etwa Achim Beierlorzer (U19) oder Sebastian Hoeneß (U17), die anderen können vereinsintern auf sich aufmerksam machen. Dazu gehört jedoch auch die Möglichkeit der Freistellung, i.d.R. am Ende der Saison, um hoffnungsvollen Trainern den Weg bei RB zu bereiten. Auch hier setzt sich ein RB-Schema durch: Vorschusslorbeeren sind zwar schön, sie müssen jedoch bestätigt werden. Was bei Spielern zutrifft (u.a. Massimo Bruno), trifft auch bei Trainern im Jugendbereich zu.

Der Erfolg in der laufenden Saison ist dabei in etwa auf dem Niveau der ersten Mannschaft. Die U19, die zuletzt 2015 die Bundesliga Nord/Nordost gewonnen hat, befindet sich zurzeit auf dem dritten Platz der Staffel, hat jedoch bereits elf Punkte Rückstand auf den VfL Wolfsburg. Diese erwartet man auch am kommenden Freitag zum Topspiel, nachdem man am vergangenen Spieltag der zweitplatzierten Hertha ein Unentschieden abtrotzen konnte. Spielerisch gefällt die Beierlorzer-Elf durch Angriffsfußball und dem zweitbesten Sturm der Liga. Sie zeigt sich jedoch auch zu anfällig in der Defensive, in der man durchschnittlich mehr als ein Gegentor pro Spiel kassiert.

Die U17-Mannschaft von Sebastian Hoeneß steht aktuell besser dar in der Tabelle, hat jedoch als Tabellenzweiter aktuell auch keine Chance auf den Spitzenplatz in der Nord/Nordost Staffel. Die Bremer Jugend marschiert dort mit 18 Siegen aus 18 Spielen vorweg, muss sich jedoch in Sachen Toren den Leipzigern geschlagen geben, die 66 Treffer in 18 Spielen erzielt haben. Auch die U16 und U15 Mannschaften befinden sich aktuell im oberen Drittel ihrer jeweiligen Tabelle. Sie alle zeichnet der ausgeprägte Offensivfußball aus – den Rangnick, Schrof und Albeck dozieren – und alle Spieler von der U19 bis zur U15 haben eine Sache gemeinsam: Zu großen Teilen haben sie über längere Zeit das Leipziger NLZ durchlaufen und damit eine fußballerische RB-Professionalisierung genossen, die das Ergebnis des langfristigen Konzepts sein soll. Denn diese Jahrgänge sind die ersten, die auch in die erste Mannschaft integriert werden sollen, da sie den fußballerischen Ansprüchen der Oberen genügen. Doch wen sollte man auf dem Zettel haben?

Von der Brand-Zentrale bis zur Schaltzentrale

Zunächst wären hier eigentlich Jungs wie Idrissa Touré und Vitaly Janelt zu nennen, beides U19-Nationalspieler Deutschlands und hochveranlagten zentrale Mittelfeldspieler. Da beide jedoch während eines U19 Lehrgangs im vergangenen Oktober einen Shisha-Brand auslösten und aus dem Hotel flogen, zog auch der Verein Konsequenzen. Beide Spieler, vereinsintern bereits „vorbestraft“, mussten aus der Akademie ausziehen, durften nur noch individuell trainieren und wurden zu Kita-Sozial-Stunden verdonnert. Toure kommt folglich lediglich auf acht, Janelt gar nur auf einen Einsatz in der laufenden Saison. Wie gesagt, wenn RB etwas ankündigt, dann wird es auch konsequent durchgezogen.

Stattdessen können in der U19 andere Spieler auf sich aufmerksam machen. Da wäre Agyemang Diawusie, Jahrgang 1998, zu nennen, der bereits im Oktober 2015 in einem Testspiel für Leipzig begeistern konnte. Der Angreifer überzeugt durch seine enorme Schnelligkeit, sein Gespür für den freien Raum hinter der Abwehr und seinen Offensivdrang. In der abgelaufenen Saison verzeichnet er acht Tore und sieben Torvorlagen und glänzt neben seinem Sturmpartner Ermedin Demirovic, der sogar 13 Treffer erzielt hat. Letzterer hat bereits die U17 Staffel noch im Trikot des HSV kurz und klein geschossen und ist genau wie Diawusie auf dem Sprung in den Profibereich. Sie würden damit Spielern wie Dominik Franke, Felix Beiersdorf oder Timo Mauer folgen, die den Sprung aus der U19 in die U23 geschafft haben und dort regelmäßig zum Stammpersonal gehören.

In der U19 wäre des Weiteren Kilian Senkbeil zu erwähnen, der alle Spiele in der Abwehrzentrale absolviert hat und eine feste Größe der Mannschaft ist. Der Innenverteidiger, Jahrgang 1999, besticht durch gutes Aufbauspiel und Torgefahr und könnte in Zukunft eine ernste Alternative in der Profimannschaft sein. Es wird zu klären bleiben, ob sie bereit sind für den Sprung in die Bundesliga Mannschaft, nachdem die U23 zur kommenden Saison wegfällt. Denkbar wären ggf. auch Leihen in untere Ligen, um den Jungspielern weiter Einsatzzeiten zu garantieren.

Die großen Talente und die Frage nach der Zukunft

Die noch größeren Talente warten aber wohl in der U17 der Leipziger, in der vor allem Kapitän Erik Majetschak hervorsticht. Der 17-Jährige, der bislang als einzig genannter auch aus dem ostdeutschen Raum stammt, ist seit Jahren Stütze in Auswahlmannschaften und strahlt als 10er ungeheure Torgefahr aus. Gepaart mit seinem Spielverständnis, seinem Tempo und seinem Passspiel stehen ihm alle Türen offen, wie die Verantwortlichen immer wieder betonen. Gleiches gilt für seinen Teamkollegen Elias Abouchabaka. Der Linksaußen ist ein begnadeter Techniker mit Zug zum Tor, der vor allem in der deutschen U16-Auswahl von Christian Wück beim Algarve-Cup im vergangenen Jahr für Aufsehen gesorgt hat. Beiden Spielern werden beste Voraussetzungen nachgesagt, um den Sprung in den Profibereich zu schaffen.

Denn daran wird das NLZ der Leipziger, samt seiner Aushängeschilder Rangnick, Schrof und Albeck, letztlich auch gemessen werden. Der Plan der Übergangsphase ist seit diesem Jahr offiziell abgeschlossen und von nun an möchte man die Spieler, die 1998 oder später geboren sind, kontinuierlich in die Profimannschaft eingliedern. Die Voraussetzungen hat man dafür geschaffen: Herausragende infrastrukturelle Maßnahmen, die ihresgleichen in Deutschland suchen; ein fachlich kompetentes und erfahrenes Führungstrio, das mit Weitsicht und Konzept handelt; ein ausgereiftes Trainersystem und hoffnungsvolle Spieler, die RB-eigen ausgebildet wurden und auf den nächsten Schritt warten.

Die Leipziger müssen jetzt beweisen, dass sie trotz ihres sportlichen Höhenflugs auch gewollt sind, diese Spieler fördern zu wollen, denn durch den Wegfall der U23 bleiben wenig andere Möglichkeiten übrig. Eine erfolgreiche Integration würde vielen Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen und das Konstrukt neu legitimieren. Eine misslungene Integration könnte getrost als Geld- und Ressourcenverschwendung gesehen werden. Klar ist, dass die kommenden Monate darüber entscheiden, wie ernst es Rangnick und Co. mit ihrem Nachwuchskonzept meinen. Die Möglichkeiten sind geschaffen worden, wie sieht es um die Bereitschaft aus?

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