Bis vor kurzem hätte er noch in der B-Jugend spielen können, nun steht er vor dem Durchbruch im Profifußball: der Däne Nikolas Nartey hat unter Peter Stöger auf Anhieb den Sprung in den Profikader geschafft und gilt schon jetzt als der Gewinner der Vorbereitung beim 1.FC Köln. Beobachter bescheinigen dem Mittelfeldspieler eine außergewöhnliche körperliche Reife. Nartey selbst zeigt sich von all den Vorschusslorbeeren unbeeindruckt und verhält sich auf dem Platz bereits überraschend abgeklärt.

Es läuft die zweite Halbzeit im Spiel der U17 des FC Kopenhagen bei Aalborg BK. Die Jungs aus dem dänischen Norden führen durch ein Tor aus der ersten Halbzeit gegen die favorisierten Kopenhagener, stehen tief in der eigenen Hälfte und versuchen, die knappe Führung über die Zeit zu bringen. Für den FC Kopenhagen ergeben sich kaum Räume, die Offensivbemühungen wirken statisch. Einfallslos wird der Ball in den eigenen Reihen hin und her geschoben. Den Spielern fehlt durch das lange Anrennen auf tiefem Boden die Frische, um Lücken in die gegnerischen Abwehrreihen zu reißen. Auf halblinker Position steht Nikolas Nartey und wartet darauf, von seinen Mitspielern in einen Angriff eingebunden zu werden. Seine Körpersprache wirkt teilnahmslos, fast schon gelangweilt, als er den Ball auf seinen linken Fuß gespielt bekommt. Sofort erkennt Nartey, dass sich sein Gegenspieler etwas zu weit weg, etwas zu frontal zu ihm positioniert hat. Wie aus dem Nichts nimmt Nartey explosiv Tempo auf, sucht den Weg in das Zentrum, ist mit zwei Schritten an seinem Gegenspieler vorbei, spielt einen Doppelpass mit dem linken Außenrist, zieht an zwei weiteren Verteidigern vorbei und schiebt den Ball diesmal mit dem rechten Außenrist am Torhüter vorbei zum Ausgleich.

Folgenschwerer Formfehler

Vielleicht haben die Scouts der Kölner diesen Treffer damals live gesehen, vielleicht später auf Video. Vielleicht ist es auch nur ein Wunschdenken des Autors dieser Zeilen, dass man auf Seiten der Kölner Verantwortlichen dieses Tor einst zum Anlass nahm, sich über eine Verpflichtung des damals 16-jährigen Dänen Gedanken zu machen. Weil es so wunderbar passen würde. Und es solch eine schöne Geschichte wäre. Ein Tor, das alles beinhaltet, was das Talent von Nartey ausmacht: Spielintelligenz, Handlungsschnelligkeit, Technik, Dynamik, Antrittsstärke – alles komprimiert in einer einzigen Spielsituation. Zumindest gilt es als verbürgt, dass die sportliche Leitung des FC mehr als nur überzeugt war von den Fähigkeiten des zentralen Mittelfeldspielers, als sie ihn im Winter vergangenen Jahres von Kopenhagen loseisten. Peter Stöger soll sich persönlich für die Verpflichtung des neunmaligen U17-Nationalspielers stark gemacht haben. Die FC-interne Rekordablösesumme für einen Jugendspieler in Höhe von 400.000 Euro ist zudem Beleg für den bleibenden Eindruck, welchen Nartey bei den Vereinsoberen hinterließ. Selbst der ehemalige FC-Coach Stale Solbakken, inzwischen wieder in verantwortlicher Position in Kopenhagen, soll die Kölner nach den Wechselgesprächen für den Transfer beglückwünscht haben. Dass ein Formfehler bei den Ablösemodalitäten schließlich dazu führte, dass die FIFA im Anschluss die Spielberechtigung für Nartey verweigerte und der Youngster monatelang ohne Spielpraxis nur dem alltäglichen Trainingsbetrieb nachgehen konnte, dürfte für entsprechende Verstimmung auf Seiten der Rheinländer gesorgt haben.

Der Zeit voraus

Immerhin konnte Nartey aufgrund dieses unglücklichen Umstandes ganz behutsam und im Schatten der Europapokal-Euphorie, fernab des boulevardesken Medieninteresses an das Profigeschäft herangeführt werden. Einigen Regionalligaeinsätzen gegen Ende der vergangenen Saison und den ersten Trainingseinheiten mit den Profis folgte nun in der Sommervorbereitung die Reise ins Trainingslager mit den Profis nach Bad Radkersburg. Dort hinterließ der Däne offenbar einen derart bleibenden Eindruck, dass Coach Peter Stöger, ansonsten nicht gerade für wilde Gefühlsausbrüche bekannt, geradezu ins Schwärmen geriet. Es mache „Spaß, ihm zuzusehen“, gab der FC-Trainer zu Protokoll und bescheinigte Nartey, seiner Zeit voraus zu sein. Tatsächlich deutet erst einmal nichts darauf hin, dass der frühreife Nartey gerade die Spielberechtigung für die A-Junioren erhalten hat, wenn er auf dem Trainingsplatz neben gestandenen Profis wie Matthias Lehmann oder Jonas Hector aus dem Zentrum die Bälle verteilt. Körperlich wirkt der Siebzehnjährige ausgesprochen robust, muskulös und ausgewachsen. Am Ball tritt er bereits jetzt äußerst souverän und abgeklärt auf, von Nervosität oder gar Unsicherheit keine Spur. Dennoch zeigt sich Nartey keineswegs großspurig. Hinweise der älteren Kollegen nimmt er widerspruchslos an, eigene Anweisungen an die Mitspieler verkneift er sich. Noch. Denn eigentlich zeigt er auch in seiner Spielanlage und seinem Spielverständnis eine Reife, die man in dieser Form nicht einmal bei einem Zwanzigjährigen erwarten würde. Im Passspiel erlaubt er sich wenige Fehler, offenbart ein gutes Gefühl für die richtigen Lösungen im Aufbauspiel, ist präsent, aufmerksam und anspielbar. In der Vorwärtsbewegung spürt man seine Lust und sein Verlangen, den Ball zu haben. Seine technischen Fertigkeiten sind bisweilen gar eine Augenweide.

Außergewöhnlich kompletter Box-to-Box-Spieler

Es fällt schwer, wirkliche Schwächen in Narteys Spiel auszumachen. Zumindest, wenn man seine Auftritte in den U-Mannschaften und den bisherigen Testspielen mit den FC-Profis zum Maßstab nimmt. Sicherlich, die mangelnde Erfahrung wird beim genauen Hinschauen in manchen Situationen deutlich. Hier etwas zu spät die Lücke erkannt, dort ein wenig übermotiviert im Zweikampf – aber dies sind Kleinigkeiten. Das Gesamtbild, dass man von Nartey bekommt, ist beeindruckend. Ein Box-to-Box-Spieler wie er im Buche steht und für sein Alter bereits außergewöhnlich komplett. Dass er sich im Profifußball jetzt erst wird beweisen müssen, steht wiederum auf einem anderen Blatt. Die Konkurrenz im Kölner Kader ist dabei erst einmal gewaltig. Kapitän Matthias Lehmann und Nationalspieler Jonas Hector, den man durch die Verpflichtung von Linksverteidiger Jannes Horn vermehrt für das Zentrum freihalten möchte, wirken im Zentrum zunächst gesetzt. Dahinter konnte Milos Jojic in der vergangenen Rückrunde gewaltig Bonuspunkte sammeln und sich somit gegen den kampfstarken Marco Höger durchsetzen. Schließlich wissen die Kölner mit Salih Özcan ein weiteres Talent in ihren Reihen, das gerade erst mit der Fritz-Walter-Medaille in Gold ausgezeichnet wurde. Ein gemütlicher Sommerspaziergang in die erste Elf wird es für Nartey in der Domstadt wohl kaum.

Lobeshymnen im Koksrausch

Zugute wird Nartey eventuell kommen, dass Peter Stöger nach dem Abgang von Toptorjäger Anthony Modeste die Spielphilosophie des FC wird umstellen und ballbesitzlastigeren Fußball entwickeln müssen. Vorstellbar wäre, dass die Kölner vermehrt mit einer hoch stehenden Dreierkette und drei Zentrumsspielern im Mittelfeld agieren werden. Dies würde die Einsatzchancen für Nartey signifikant erhöhen, wobei Peter Stöger bereits jetzt die Erwartungen dämpft und einen behutsamen Umgang mit seinem jungen Toptalent anmahnt. Der Trainer ist lange genug im Geschäft – und mittlerweile wohl auch lange genug in der Domstadt –, um sich der Gefahren eines zu großen Hypes um junge Toptalente bewusst zu sein. Insbesondere in einer Medienstadt wie Köln, wo der durchschnittliche Boulevardjournalist nur darauf wartet, einen Minderjährigen nach fünf Ballkontakten und einem zusammengestotterten Fernsehinterview zum legitimen Nachfolger Lukas Podolskis hochschreiben zu können. Mahnend dürften dem ein oder anderen FC-Fan noch die Lobeshymnen auf Adil Chihi in den Ohren klingen, der von manchem Übungsleiter im Kokainrausch bereits mit Christiano Ronaldo verglichen wurde. Chihi spielt mittlerweile in Marokko, nachdem er sich beim FSV Frankfurt in der 3.Liga nicht durchsetzen konnte. Christiano Ronaldos Nervosität vor der Verleihung des Ballon d’Or hielt sich im vergangenen Jahr in Grenzen.

Unsere Prognose

Nikolas Nartey wird sich in der Bundesliga durchsetzen, da legen wir uns fest. Wie schnell er dies schaffen wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Wie steuert Peter Stöger die Belastung seiner Profis? Welches Spielsystem wird bei den Kölnern diese Saison dominieren? Wie hoch ist das Risiko, das der FC-Trainer mit der Vielzahl an Talenten im Kader gehen wird? Und vor allem: Wie wird Nartey mit den Reaktionen auf seine ersten Einsätze, auf Erfolg oder Misserfolg umgehen? Bisweilen zeigt sich der Jungspund auf dem Platz überraschend abgeklärt, das verstärkte Medieninteresse stellt derzeit noch kein Problem für ihn da. In den Testspielen gegen Graz und Uerdingen überzeugte das Ausnahmetalent, spielte unbeschwert auf, wirkte dabei aber jederzeit fokussiert und fleißig. Eine geballte Ladung Selbstverstrauen konnte man wiederum gegen Bologna beobachten, als Nartey Mitte der zweiten Halbzeit mit einem Zidane-Trick gleich zwei Gegenspieler aussehen ließ wie eingeschüchterte Schülerlotsen. Behält er diese Mentalität bei, werden ihn auch kurzfristige Rückschläge nicht aus der Bahn werfen – und Adil Chihi das vorerst letzte Talent der Kölner in Marokko bleiben.

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