40 Millionen Euro investierte der FC Bayern im Sommer 2016 in den portugiesischen Europameister Renato Sanches, der das ohnehin schon qualitativ hoch besetzte Mittelfeld des FC Bayern erneut aufwertete. Xabi Alonso, Thiago Alcantara, Arturo Vidal, Joshua Kimmich, dann noch Niklas Dorsch – der Oberfranke, ein halbes Jahr jünger als Sanches, wird sich angesichts der Ablösesumme für Sanches, die ja schon als große Erwartung gewertet werden darf, sicher nicht gefreut haben. Wer wird es ihm verdenken? Zwar steht Dorsch seit dieser Spielzeit mit Profi-Vertrag im Profi-Kader, doch wurde er unter Carlo Ancelotti noch kein einziges Mal eingesetzt. Was in erster Linie eben auch daran liegt, dass der FCB dann doch lieber auf einen Renato Sanches setzt, der sein Leistungspotenzial zwar noch nicht annähernd entfaltet hat und wohl kaum effektiver sein dürfte als Dorsch, aber eben 40 Millionen Euro gekostet hat – und seine Profiberechtigung so auf andere Art und Weise erhält. Spieler wie Gianluca Gaudino und Lucas Scholl spielen, obwohl ihnen bei den Bayern ebenso viele Lorbeeren gereicht wurden, aktuell in der Schweiz und in Nordhausen. Warum es für Dorsch zwar auch an der Zeit ist, zu gehen – die Destination dabei aber höher anzusiedeln ist.

Schlüsseljahr 2015

Wie bei so vielen kam Niklas Dorsch, geboren am 15.01.1998 in Lichtenfels, über die Familie zum Fußball. Der ältere Bruder – der über den Amateurbereich übrigens nie hinauskam – war in jungen Jahren Dorschs erstes Ziel, das es zu erreichen galt. Ihm eiferte er nach, ihm wollte er auf Augenhöhe begegnen. Bald sollte er ihn sogar übertrumpfen. Beim SV Baiersdorf, einem Verein, der im fränkischen Bereich sehr gut vernetzt ist und über überdurchschnittlich professionelle Strukturen im Jugendbereich verfügt, begann Dorsch kurze Zeit nach der Jahrtausendwende mit dem Kicken. 2006 war es bereits an der Zeit, den BSV zu verlassen – nach einem Probetraining wechselte Dorsch an die Deutsch-Tschechische Fußballschule in Rehau, welche als interkulturelles Bildungsprojekt finanzielle Förderung durch den Staat genießt und nicht zuletzt hierdurch über gute Möglichkeiten der sportlichen Förderung verfügt. Doch auch über die Fußballschule wuchs Dorsch schnell hinaus. 2009 hieß es mit elf Jahren: Bundesliga-NLZ, 1.FC Nürnberg. Fortan entwickelte sich Dorsch konstant zu einem Spieler, der vor allem über sein Spielverständnis kommt. Die Berufung in die U15-Nationalmannschaft, also zum frühestmöglichen Zeitpunkt, ließ 2012 nicht lange auf sich warten. Fast parallel ging Dorsch auf Vereinsebene den nächsten Schritt zum FC Bayern, der sich in der Retroperspektive als nicht ausnahmslos vorteilhaft bezeichnen lässt. Nichtsdestotrotz trieb er seine Karriere vorerst einmal an: Dorsch wurde 2014 zum Leistungsträger in der U17-Nationalmannschaft, 2015 gewann er die Fritz-Walter-Medaille in Silber. Träger der goldenen Medaille war damals Felix Passlack, ein Nationalmannschafts-Kollege und Freund von Dorsch. Die Ereignisse überschlugen sich in dieser Zeit: Dorsch durfte bereits mit 16 Jahren bei den Profis unter Pep Guardiola trainieren. Von der BILD-Zeitung wurde er mit Toni Kroos verglichen, in verschiedenen sozialen Netzwerken gehyped. Fast zwei Jahre, ein Wadenbeinbruch (Mai-September 2015) und ein Pfeiffersches Drüsenfieber (Jahreswechsel 2016/17) später, sieht die Realität leider anders aus: Dorsch findet unter Carlo Ancelotti keine Beachtung, sein Fußballalltag spielt sich in Hof, Schweinfurt und Buchbach statt in Madrid, Dortmund und Turin ab. Dabei wäre er durchaus zu Höherem berufen:

Zielorientierter Verbindungsspieler

,,Niklas ist ein typischer Spieler für die Zentrale. Er nimmt den Ball links mit dem Rücken zum Tor an und hat schon rechts die Lösung parat, um sich zu drehen und das Spiel zu beschleunigen. Diese Qualität ist selten und gerade für das zentrale Mittelfeld unabdingbar.“ – so zitiert die Medienabteilung des DFB Marcel Lucassen, eine niederländische Trainerkoryphäe, die während Dorschs Zeit in der U17 beim DFB diesen intensiv betreute. Lucassen, der bereits für den MSV Duisburg, Manchester United und 1899 Hoffenheim tätig war, arbeitete mit dem zentralen Mittelfeldspieler als “Individualtrainer Technik/Taktik“ im Dienste des DFB.  Weiter bezeichnet er ihn als ,,Verbindungsspieler“, was als Begrifflichkeit ebenso als Ausdrucksweise von einer großen Stärke Dorschs zu sehen ist: seinem Spielverständnis.

Wie tickt der Fußballer Niklas Dorsch? Sicherlich ausschlaggebend sind seine fußballerischen Anfänge, als er stets in höheren Altersklassen gegen physisch deutlich überlegene Spieler antrat, auch im Training. Wie von einigen Seiten in den Vordergrund gerückt, muss man hier aber aufpassen, von diesen Umständen nicht auf oberflächliche Folgen zu schließen. Dorsch bekam durch diese Zeit zwar sicherlich das mit, was man gerne als “Kampfgeist“ bezeichnet, doch grundlegender betrachtet, prägte diese Phase in seiner Karriere einen Spieler, der in erster Linie von großem Ehrgeiz und hochgesteckten Ambitionen lebt. Dies spiegelt sich nicht nur in einem stringenten Karriereverlauf, sondern auch auf dem Platz wieder: Dorsch tritt sehr ballsicher und zielstrebig auf, die ihm gerne angehängte Zweikampfstärke lässt sich eigentlich gar nicht als seine beste Qualität ausmachen. Sein unbedingter Wille, Ball und Spiel zu kontrollieren, führt zwar schon zu einer guten Aggressivität gegen den Ball, in erster Linie garantiert sie ihm aber eine sehr sichere Ballführung, deren Automatisierung weit fortgeschritten ist. Eine Fähigkeit, die zu der Qualität führt, welche Lucassen beschreibt: Er spricht eben von einem Spieler, der bei der Annahme den nächsten Schritt schon im Kopf hat und die eigenen Linien durch das (indirekte oder direkte) Überspielen von Gegenspielern verbinden kann. Und um diese große Gabe des taktischen Verständnisses, das Dorsch zweifelsohne besitzt, auch praktisch sichtbar werden zu lassen, braucht es grundlegende Komponenten der Ballführung und des Passspiels, die Dorsch einerseits durch eine gute Technik, andererseits aber vor allem durch seine Ambitioniertheit und folglich einer starken Fokussiertheit mitbringt. Um den Spielertyp Niklas Dorsch bündiger zu benennen: Ein kluger Fußballer fürs Zentrum, der die Theorie durch einen zielorientierten Fokus in die Praxis umsetzt und obendrein über gute Grundtechniken verfügt.

Zukunft in Augsburg?

Ist Niklas Dorsch also ein Spieler, der keine Schwächen hat und sich beim FC Bayern eigentlich auch durchsetzen muss? Nein. Einerseits ist da die große Konkurrenz, die schon einmal über eine ganz andere Ausgangslage als Dorsch verfügt (Stichwort: 40 Millionen). Andererseits sind da Schwächen, die Dorsch wohl nur mit einer Luftveränderung bekämpfen kann: Die angesprochene stringente Karriere überschlug sich in den Jahren 2014 und 2015 derart, dass sein für ihn als Typen essentieller Ehrgeiz zu nicht realisierbaren Ansprüchen anwuchs. Dorsch zeichnet sich eben dadurch aus, immer das Optimum herausholen zu wollen, immer mit äußerster Zielorientierung zu Werke zu gehen. Aber bei einem Verein wie dem FC Bayern als 18-Jähriger an die Spitze vordringen zu wollen, schafft falsche Vorstellungen und kann im schlechtesten Fall dazu führen, viel Selbstvertrauen zu verlieren. Seit Carlo Ancelotti da ist und Dorsch (zwar auch wegen mittlerweile überstandener gesundheitlicher Probleme) auch im April 2017 noch immer keine Chance erhalten hat, weiß dieser aber, woran er ist und sollte seine Perspektiven realistisch überdenken. Sicherlich könnte er bis Vertragsende im Sommer 2018 im Regionalligateam kicken. Doch es ist nicht vermessen, Dorschs Zukunft höher anzusiedeln. Die SPORTBILD bezieht sich in dieser Hinsicht auf das user-generierte Portal 90MIN.com und nennt den SC Freiburg als Favoriten von Niklas Dorsch. Dies muss sicher nicht für bare Münze genommen werden, rein sportlich betrachtet ergäbe es aber durchaus Sinn. Denn was der 19-Jährige jetzt braucht, ist ein ruhiges, geerdetes Umfeld, in dem er sich auf realistische Ziele konzentrieren kann, die ihm von Trainern und Mitspielern vorgelebt werden und so eine klare Selbsteinschätzung und optimal kanalisierten Ehrgeiz ermöglichen. Christian Streich und der SCF würden da schon eine vorzügliche Rolle abgeben, geographisch näherliegend und auch sportlich sinnvoll wäre aber auch der FC Augsburg: Die Fuggerstädter verlieren im Sommer mit Dominik Kohr einen zentralen Mittelfeldspieler, der zu Bayer Leverkusen zurückkehrt. Zudem ist der Kader immer noch veraltet, gerade auf der Position von Dorsch gibt es extrem viel Handlungsbedarf für Stefan Reuter. Und auch wenn der Klassenerhalt noch lange nicht gesichert ist, wäre es hier für beide Seiten nicht verkehrt, an Niklas Dorsch zu denken. Der 19-Jährige bringt die nötige fußballerische Klasse bereits in diesem Alter mit, würde einen großen Anteil zur Lösung der Verjüngungsproblematik beitragen und könnte durch einen Transfer im Profibereich Fuß fassen. Ob in erster oder zweite Liga, ist kurzfristig ohne Belang. Es wird interessant zu beobachten sein, welche Vereine sich im Sommer mit Dorsch beschäftigen – das Potenzial, einigen Clubs aus Liga eins und zwei weiterzuhelfen, hat er ohne Frage.

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