,,Nirgendwo gibt es so viele junge Kicker, nirgendwo so wenig Konkurrenz“ – mit diesem Paradoxon beschreibt der Journalist und Talentscout Paul Nehf die Situation für Fußballtalente in Afrika. Warum gibt es letztendlich doch verhältnismäßig wenig afrikanische Fußballstars und warum rangiert der afrikanische Vereinsfußball ganz unten? Die Gründe dafür sind korrupte (und auch deshalb) marode Strukturen, die nicht zu selten hochtalentierten Spielern eine große Karriere zunichte machen. Und doch begeistern regelmäßig Kicker vom afrikanischen Kontinent die europäischen Ligen – man erinnere sich an Drogba oder die Touré-Brüder. Aktuell bot der Afrika-Cup einen Schauplatz für Talente, um sich zur Wintertransferzeit zu zeigen. Talentkritiker blickt auf drei heiße Geheimtipps.

Fabrice Ondoa

Casillas, Buffon, Cech; dazu Neuer und Lloris; Oblak, ter Stegen, Courtois, de Gea… Auf der Position des Torhüters herrscht in Europa eine beispiellose Leistungsdichte. Kein anderer Spielertyp tastet sich regelmäßig so nah an ein Ideal, oft entscheiden Nuancen über die Karriere eines Spielers. In Europa allerdings eher selten: Torhüter von Weltklasse-Format afrikanischer Nation. Woran das liegt, könnte die obige Einleitung erklären, doch aktuell überzeugte beim Afrika-Cup neben Ägyptens Legende Essam El Hadary (der, nebenbei, über den Talentstatus leider schon knapp hinaus ist) der Kameruner Schlussmann Fabrice Ondoa. 26 Länderspiele sprechen für den 21-Jährigen, der in jungen Jahren eine respektable Konstanz vorweisen kann. Ondoa ist ein sehr proaktiver Torwart, der von einem guten Timing und seiner Körpersprache lebt. Kommt es zu einer Situation, in der er die Entscheidung Herauskommen vs. Auf der Linie bleiben fällen muss, so trifft es so gut wie immer die erste Option. Gestenreich und energisch ist das Auftreten des Kameruners in diesen Fällen – seine Reaktionsschnellig-, aber vor allem -freudigkeit beschert sodann auch zumeist Erfolg, deren Ursache nicht zu selten in der Verunsicherung des Ballführenden liegt. Doch um die Klasse Ondoas nicht zu sehr einzuschränken: Erwähnte Reaktionsgabe verhilft ihm auf der Linie nicht zu selten zu überragenden Reflexen. Tja, warum kennt man den guten Mann trotzdem nicht? Ondoa spielt in der zweiten spanischen Liga bei Sevilla B (ausgeliehen von Gimnastic), seine Leistungen beim Afrika-Cup könnten das aber schon bald ändern. Dabei war er schon einmal bei den ganz Großen: Mit Barcelonas U19 gewann Ondoa die Youth League. Die Katalanen musste er aber verlassen, da er spielerisch nicht gut genug war (und auch immer noch nicht ist). Zudem lässt sich nicht abstreiten, dass Ondoas Stil ein recht risikobehafteter ist.

Franck Kessié

Der 20-Jährige Ivorer spielt seit Anfang 2015 für Atalanta Bergamo. Die Italiener, die ihn bei seinem Heimatverein Club Stella in Italien entdeckten, liehen ihn erst aus, bis sie ihn für 300.000 € fest verpflichteten. Es folgte eine Leihe nach Cesena – mittlerweile ist Kessié aus Atalantas Mittelfeld nicht mehr wegzudenken. Sein Marktwert wird von transfermarkt.de mittlerweile auf 12 Millionen Euro geschätzt, für eine sogar noch höhere Summe dürfte Kessié seinen ersten europäischen Verein im Sommertransferfenster wohl verlassen. Ein plausibles Ziel: Die englische Premier League, in der sein Spielstil nach wie vor angesagt ist. Kessié ist ein Box-to-Box Player, der kurzentschlossen, aber stets bestimmt auftritt und dieses Gebaren mit einer aggressiven Ballführung und einer formidablen Beweglichkeit veredelt. Zudem bringt er eine bemerkenswerte Torgefährlichkeit mit, sechs Tore in 17 Partien lassen sich für einen zentralen Mittelfeldakteur durchaus als effektiv bezeichnen, wenn man zudem beachtet, dass Bergamo mit Sicherheit kein Spitzenteam ist.
Dass Kessie von der großen Beratungsagentur firsteleven ISM betreut wird, könnte noch entscheidend sein – Inhaber Franjo Vranjkovic betreut sehr viele Spieler englischer Clubs, darunter auch Klienten bei ManCity, ManUnited, Liverpool und Chelsea London. Franck Kessié: Ein Kandidat für die baldige ganz große Bühne.

Bertrand Traoré

Dass Burkina Faso es bei diesem Afrika-Cup so weit gebracht hat, grenzt an eine Sensation: Erst im Halbfinale scheiterten die Mannen von Paulo Duarte im Elfmeterschießen an Ägypten und oben erwähntem El Hadary. Duarte, der gerne mit José Mourinho verglichen wird, kann diesen Erfolg beispiellos disziplinierter Trainingsarbeit zuschreiben, die seinem Team neben einer taktischen Stabilität und Routine auch athletische Vorteile brachte. Offensiver Schlüsselspieler seiner Mannschaft ist neben Torgaranten und ehemaliger Bundesliga-Attraktion Aristide Bancé der 21-jährige Bertrand Traoré, der offensiv alle Positionen bekleiden kann, von Duarte aber vorzugsweise auf der Zehn eingesetzt wird. Traoré, der aus seiner Heimatstadt Bobo-Dioulasso über Auxerre nach Europa kam, gehört dem FC Chelsea, ist aber nach der Zwischenstation Vitesse Arnheim momentan an Ajax Amsterdam ausgeliehen. Dass das nicht der schlechteste Ort für junge, aufstrebende Spieler ist, ist bekannt, auch Traoré blüht auf in der Eredivisie: Seit Ajax den Offensivakteur im August ’16 für die Gebühr von zwei Millionen Euro auslieh, spielt dieser regelmäßig und trat auch schon mit vier Toren in Erscheinung, was angesichts seiner indiskutablen Abschlussschwäche ein deutliches Zeichen für die Masse an Torsituationen ist, die der kreative Kopf regelmäßig entstehen lässt. Der schlaksige Angreifer fällt am Ball durch einen merkwürdig unorthodox koordinierten Bewegungsablauf auf, macht sich sodurch aber relativ unausrechenbar für gegnerische Verteidiger. Gewichts- und Tempoverlagerungen sind das beliebteste Stilmittel der traoré’schen Finten und werden dementsprechend auch virtuos beherrscht. Außerdem erwähnenswert: Der Burkinabè hat ein gutes Auge für vielversprechende offensive Laufwege ohne Ball, was aber wegen erwähnter Abschlussschwäche selten rentabel ist. Nichtsdestotrotz ist gut vorstellbar, dass Chelsea dem talentierten 21-Jährigen im Sommer zum Leih-Ende genug Klasse und Erfahrung für die Premier League einräumt.

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Über den Autor

Lukas Brandl
Redakteur

Lukas Brandl, Jahrgang '98, trainiert seit gut vier Jahren verschiedene Jugendmannschaften in Oberbayern, aktuell im NLZ des SV Wacker Burghausen. Der B-Lizenz-Inhaber studiert Bildungswissenschaft in Wien und Hagen Das dienstälteste TK-Mitglied begeistert sich für die Vielschichtigkeit des Fußballs aus Spieler- und Trainerperspektive: Individualität und Differenziertheit bei Aspekten der Potentialentfaltung, der Taktik, der nackten Leistung und vielem mehr sieht er als wichtige Grundprinzipien für seine Artikel an. Folgen Sie Lukas Brandl auf Twitter unter "BrandlL"

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