Drei Jungs im Fußballoutfit auf dem Kunstrasen, dazu ein Trainer. Alle vier mit Brille: Der Trainer mit einer Sonnenbrille, die Jungs mit rosa und blau getönten Plastikbrillen. Was sich nach Fasching anhört, ist tatsächlich eine Szene aus einem zweitägigen Trainingslager von drei neunjährigen NLZ-Fußballern aus Oberbayern mit Neuroathletiktrainer Steffen Tepel, ehemals sehr erfolgreicher nordischer Kombinierer (Juniorenweltmeister, Weltcupteilnehmer) und Trainer der Schweizer Nationalmannschaft. Eigentlich beschäftigt sich der nicht mit E-Jugendlichen, sondern mit Sportprofis – ob Bundesligaspieler oder Olympiasieger, quer über alle Disziplinen hat Steffen Tepel mit hochdekorierten Sportlern in einem professionellen Rahmen zu tun, um dank der neurozentrierten Herangehensweise zu Leistungsoptimierung, aber auch zur Gesundheit der Athleten beizutragen. Warum, bitte, tut sich jemand wie er zwei Tage mit drei aufgedrehten Grundschülern an?

 

Diese Frage lässt sich in erst einmal so beantworten: Weil Steffen Tepel offen für Neues ist und Lust darauf hat, auch Ungewöhnliches auszuprobieren. Weiterführend kommt man aber so schnell zur Frage: Wie sinnvoll ist ein komplexer Trainingsansatz wie der neurozentrierte, der auch dem Athleten Einiges abverlangt, überhaupt bei Kindern? Lukas Brandl, NLZ-Trainer der drei Jungs, hat die zwei Tage im Trainingslager dokumentiert.

 

Tag Eins: Testphase

Nach langer Autofahrt bis ins Olympiazentrum Winterberg im Sauerland begegneten Marius, Jonas und Valentin ihrem Kurzzeittrainer Steffen erst einmal mit einem ausgeprägten Energieüberschuss. Da die drei das Privileg dieses Trainings aber durchaus zu schätzen wussten und Steffen angesichts seiner Karriere mit einiger Ehrfurcht gegenübertraten, konnte die Testphase konzentriert durchgeführt werden. Während sich Steffen im Kraftraum intensiv mit einem der Jungs beschäftigte, waren die anderen beiden draußen am Kunstrasen und konnten sich austoben.
Die erste Schwierigkeit zeigte sich gleich zu Beginn in der Begrifflichkeit “Test“: Alle drei Jungs gingen hierdurch grundsätzlich davon aus, dass es bei diesen Tests darum gehen würde, sich gegenseitig zu überbieten und eine gute Performance abzuliefern. Dass die Tests aber Bestandsaufnahmen sind, um ein individualisiertes Trainingsprogramm erstellen zu können, konnte einem Neunjährigen logischerweise nur mit mehr Mühe erklärt werden als einem Erwachsenen. Doch es klappte, und nicht nur Marius zeigte sich nach seiner Testphase begeistert: ,,Der Steffen ist ein super Trainer, der beurteilt einen nicht, sondern nimmt mich so, wie ich bin.“ Und auch wenn am darauffolgenden Trainingstag angesichts schwieriger Aufgaben noch ein paar Tränen des Frusts bei den drei flossen, war ihnen am Ende klar, dass es bei diesen Tests sogar gut ist, schlecht abzuschneiden, da man dann weiß, wo es noch viel Potential zur Leistungssteigerung gibt.
Am Ende des ersten Tages konnte Steffen mit dem Fazit aufwarten, dass vor allem die visuellen Systeme der drei auffallend stark verbesserungsbedürftig sind. Und dass es nicht immer so einfach ist, komplexe Tests mit einem Neunjährigen durchzuführen. Aber: Die Bereitschaft, gewisse Dinge zu machen, ist in diesem Alter größer als bei Erwachsenen. Diese größere Aufnahmebereitschaft führt zur Möglichkeit schnellerer Leistungssteigerung und zeigt zudem auch die viel höhere Sensibilität von jungen Athleten. Tag eins machte Lust auf Tag zwei.

Tag Zwei: Trainingsphase

Am zweiten Tag ging es hauptsächlich darum, auf Grundlage der Ergebnisse des Vortags den Jungs praxisrelevante Trainingsinhalte mitzugeben. Da hier auch der Ball mehr im Spiel war und gemeinsam auf Kunstrasen an der frischen Luft trainiert wurde, waren die Drei mit noch größerer Begeisterung dabei. Und hatten Spaß:

Steffen schaffte es, die Inhalte, sofern möglich, in einen spielerischen Kontext einzubetten, und so wurde, wie im Video ersichtlich, das Training des schwachen Auges mit einer Übung zur optimalen Körperhaltung zur besten Reaktionsfähigkeit zu einem Abschlagspiel kombiniert, das den Jungs viel Freude bereitet hat. Ausführungsfehler, die natürlich zuhauf auftraten, wurden seperat korrigiert, wobei Steffen dabei die volle Aufmerksamkeit der Jungs genoss, was diesen hoch anzurechnen ist – gleichzeitig muss an dieser Stelle aber auch Steffens Geduld und sein Einsatz hervorgehoben werden. So wurde aus der unliebsamen gerade-Wirbelsäule-Knie-innen-Haltung einfach die Vincent-Kompany-Haltung, welche die Jungs dann doch wieder gerne einnahmen.

Fazit

Auch ohne auf alle Inhalte im Detail eingehen zu wollen – für alle fachlichen Hintergründe fehlt hier der Platz – lässt sich eine Schlussfolgerung ziehen. Komplexe Inhalte wie die des neurozentrierten Ansatzes können von Kindern verständlicherweise nicht vollständig erfasst werden. Es ist dementsprechend die Aufgabe des Trainers, die Inhalte altersgerecht darzubieten, sie dabei aber selbstverständlich weiterhin in ihrer Korrektheit zu erhalten. Dafür muss man Energie und Zeit investieren, denn alles, was eine Übung beinhaltet (oder nicht beinhaltet) ist schlicht und ergreifend entwicklungsrelevant und sollte vom Trainer begründet werden können, das gilt aus der neurozentrierten Perspektive ganz besonders. Ein Vorteil dieser Altersklasse ist aber, wie erwähnt, ganz klar die hohe Aufnahmebereitschaft. Während ein Bundesligaspieler beim Training mit Augenklappe, Geruchsflakon, rosa Plastikbrille etc. wohl erst einmal innerlich die Augen verdreht oder mit einer gewissen unvermeidbaren Voreinstellung ins Training geht, finden Neunjährige so etwas im ersten Eindruck einfach nur ,,geil!“. Auch zu viel Begeisterung kann zwar einen negativen Trainingseffekt nach sich ziehen, aber hier ist eben der Trainer gefordert – und Begeisterung lässt sich viel besser entwicklungsförderlich kanalisieren als Desinteresse oder innere Abneigung.
Neurozentrierter Ansatz im Kindertraining: Ja oder nein? Grundsätzlich bleibt zu sagen, dass selbst im NLZ, wo sich die Jungs wie im Fall von Marius, Jonas und Valentin vier bis fünf mal pro Woche zum Fußballspielen treffen, letztendlich eigentlich nur Zeit ist um genau das zu tun: Fußballspielen. Im Alter von neun Jahren muss fast ausschließlich gekickt werden – aber nicht immer im selben Rahmen. Und hier bietet Neuroathletiktraining sehr interessante Ansätze zur Veränderung des Rahmens. Das erfordert aber unabdingbar eine hohe Kompetenz des Trainers. Ohne regelmäßigen Austausch mit Experten wie Steffen ist eine sinnvolle Implementierung nicht förderlich.

Zusätzlich bleibt sehr positiv hängen, dass die drei Jungs nach Rückkehr ins Mannschaftstraining Inhalte aus ihrem Camp selbstständig in ihr Training integrieren und ihren Teamkameraden verschiedene Dinge wie Atemübungen oder Kniekreise zeigen – ganz ohne irgendeine Anweisung des Trainers. Diese Autonomisierung stellt ein sehr wichtiges Entwicklungsziel dar.

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