Es gibt da dieses Buch von Lukas Podolski mit dem Titel “Dranbleiben!“, in dem er viel von seinen fußballerischen Anfängen erzählt – Straßenkicker, als Kleinster gegen Ältere, die Schule des Lebens. Während Poldi in Bergheim auf dem Ascheplatz lief, kickte Özil im Käfig in Gelsenkirchen und die Boatengs auf Beton in Wedding. Es ist der romantische Tellerwäscher-Werdegang von der Straße ins Stadion, der die Fußballfans in Deutschland fasziniert – seit einiger Zeit steht eine neue Märchenfigur im Rampenlicht: Nadiem Amiri, der in seiner Kindheit exzessiv auf Steinboden kickte, wie er selbst erzählt. Der Sohn afghanischer Einwanderer nennt sich selbst Straßenköter, ,,es hagelt Beinschüsse und es geht um die Ehre“, berichtet er von seinen Wurzeln. Seine Wurzeln, der Steingrund, liegen übrigens in Mundenheim, einem Stadtteil von Ludwigshafen, ein Milieu, das eher mit “Gutbürgertum“ als “Ghetto“ zu versehen ist. Und doch ist Amiri genau jener Instinktfußballer, nach dem jeder Fußballschreiberling und -kommentator zu suchen scheint.

Vorgezeichnet

Amiri, im Oktober 1996 auf die Welt gekommen, fand sich zu seinen fußballerischen Anfängen beim Ludwigshafener SC in bester Gesellschaft. Sein großer Bruder Nauwid spielte dort bereits und kam in jungen Jahren sogar in der U19-Bundesliga (Mannheim) zum Einsatz, sein Cousin Zubayr, in Hessen heimisch, spielte mal für Eintracht Frankfurts Zweite und kickt für die afghanische Nationalmannschaft. Die Fußballerkarriere Nadiem Amiris: Vorbestimmt. Entsprechend stringent verlief auch seine Karriere, Amiris erste auswärtige Station war der Betzenberg, nach Kaiserslautern ging er, wie der Bruder, zu Waldhof Mannheim. Im Juli 2012 holte ihn Hoffenheim in die U17, von da an konnte sich Amiri unter Top-Bedingungen weiter entwickeln, in der U19 bekam er Julian Nagelsmann als Trainer, von dem Amiri sagt: ,,Der kennt mich manchmal besser als ich mich selbst“. Der kluge Trainer verstand den Menschen und Fußballer Amiri bestens, förderte ihn und etablierte ihn in der Bundesliga, nachdem Amiri bereits unter Huub Stevens Profi-Luft schnuppern durfte. Seit der Saison 14/15, in der der Deutsch-Afghane debütierte, hat Amiri mit gerade einmal 20 Jahren bereits 62 Bundesliga-Spiele auf dem Buckel. Die Konstanz, welche Amiris Anfangszeit bei den Profis kennzeichnet, ist beeindruckend. Zudem spielte er bisher 34 Mal für Deutschlands U-Nationalmannschaften, ein Debüt bei Jogi scheint gar nicht mehr allzu fern. Was macht den 20-Jährigen so gut?

Wohlbehüteter Straßenköter

Rechtfertigung seiner Standfestigkeit bei den Senioren ist zweifelsohne erwähnte Konstanz, die Amiris Spiel prägt. Acht Tore und sechs Vorlagen sind nicht viel für einen offensiven Mittelfeldspieler, der weit über 50 Einsätze vorzuweisen hat – aber ist das relevant? Nadiem Amiri verfügt über eine fast fehlerfreie taktische Praxis, die auch Julian Nagelsmann sehr zu schätzen weiß, er lobt Amiris ,,taktische Disziplin über 90 Minuten auf einer laufintensiven Position“. Dass Amiri über die konditionellen Grundvoraussetzungen verfügt, ist hier klar Mittel zum taktischen Zweck: Nicht nur die erforderliche Grundlagenausdauer, um das Gefüge im Kollektiv aufrecht erhalten zu können, sondern auch seine Antritts- und Grundschnelligkeit, die ihn in der Offensive Räume in kürzester Zeit überbrücken lässt und Fall-Mechanismen der gegnerischen Mannschaft in improvisierten Lösungen enden lässt. Amiris koordinative und technische Fähigkeiten sind von hoher Stabilität gekennzeichnet, die schlicht und einfach von Talent, aber auch von viel Spielpraxis her rührt. Verantwortlich zu machen ist einerseits die sicherlich mit am fortschrittlichste Trainingsmethodik in Hoffenheim, andererseits aber auch Amiris Vergangenheit auf dem Steinbodenplatz in Ludwigshafen – ob Ghetto oder nicht ist irrelevant, wenn es darum geht, exzessiv unter verschiedensten Voraussetzungen zu spielen. Diese Kindheit bildete ohne Frage einen beachtenswerten Teil des Fußballers Nadiem Amiri.
Was ist Amiri nun? Straßenkicker und Techniktalent oder diszipliniertes Taktikgenie? Medien und Fans definieren ihn vor allem durch sein Image und spektakuläre Aktionen wie seinen Treffer in der Hinrunde gegen Gladbach, unter dem Strich ist das aber nicht einmal eine Facette Amiris, sondern eher eine Missinterpretation. Aufschluss zum fußballerischen Charakter liefert ein Zitat Amiris, in dem er über seine Selbstwahrnehmung im Spiel spricht: ,,Ich fühl mich am Wohlsten auf der Zehn. Und da probier ich immer die freien Räume zu suchen. Und auch da rein zu gehn. Und auch manchmal in die engen Räume und da für Wirbel zu sorgen. Und da werden auch automatisch andere Spieler frei. Und dann kann ich die anspielen.“ Und auch wenn sich diese Mitschrift aus einem Video mit dem hauseigenen TV-Kanal der TSG wie die Worte eines Kindes anhören, ist es letztendlich ein Aktionsprotokoll von Nadiem Amiri selbst, das in taktischer Interpretation nichts anderes aussagt, als diverse Experten-Analysen – nur eben ohne hochgestochene Fachbegriffe, rhetorische Ausgewogenheit oder den Pfeilen und Linien, die man bisweilen auf Sky sieht und deren aussagekräftigste Komponente die Farbe ist. Was sagt das über Nadiem Amiri? Er ist kein Theoretiker und sicher keiner, der mit Nagelsmann nach dem Spiel über diverse gruppentaktische Aspekte des Gegners philosophiert. Und doch weiß er auf dem Platz genau, wann er wo zu sein hat und wie er wann mit dem Ball umgehen soll. Sein Geheimnis ist eine sehr ausgereifte Heuristik, die von seinem Trainer unterstützt wird, so gut es geht, das zeigt auch seine Aussage, Nagelsmann kenne ihn bisweilen besser als er sich selbst. Und diese taktische Entscheidungsfindung kreiert einen strategischen Leitfaden, der Amiri Spiel für Spiel durch seine Aktionen führt und für angesprochene Konstanz sorgt. Kurzum: Amiri ist eine Instinktfußballer, ein Straßenköter, wie er es selbst gerne hört, der seine Aktionen mit jenen konditionellen und technischen Aspekten ausführt, wie sie ein erfolgreicher Zehner in der Bundesliga eben haben muss. Grund für den Erfolg dieses Instinks ist sein Umfeld, ohne das es den Fußballer Amiri nicht geben würde. Bereits zum Anfang seiner Karriere hatte er mit seinem Bruder und seinem Cousin immer fußballerische Anhaltspunkte, später wurde Nagelsmann zur wichtigsten Konstante. Amiri, mittlerweile Großverdiener, wohnt immer noch bei seinen Eltern, trifft sich oft mit den Freunden von damals und betont, wie wichtig es ihm sei, dass die Familie regelmäßig zum Zuschauen ins Stadion komme. Seine wichtigsten Erfolgskomponenten in dieser Reihenfolge: Umfeld, Instinkt, Können.

Luftveränderung? Vorerst sicher nicht

Gladbach, Leipzig, dazu dann Dortmund, Liverpool, Atletico Madrid: Die Liste der Anwärter auf eine Verpflichtung Amiris ist lang. Und auch wenn man Amiri mittlerweile ohne Vermessen als gestandenen Profi bezeichnen kann, sollte man berücksichtigen, dass diese Deklaration bisher nur in Hoffenheim funktioniert. Amiri weiß das: Vor der Saison schlug er eine Offerte von RB Leipzig aus, aktuell stehen die Zeichen gut für die TSG, was eine vorzeitige Vertragsverlängerung Amiris bis 2021 betrifft. ,,Fußballer, die nicht europäisch spielen wollen, sind keine Fußballer“, sagt Amiri, und formuliert so seinen aktuell noch größten Traum, der sich zur kommenden Saison bewahrheiten wird. Hoch hinaus mit der TSG: Das ist die aktuelle Mission, der Nadiem Amiri noch folgt. Und das wird er auch mindestens so lange, wie Julian Nagelsmann noch Trainer dort ist – bei einem Abgang des 29-Jährigen würde Amiri wohl auch ins Grübeln kommen. Doch solange seine fußballerische Vergangenheit noch nah und die Eckpfeiler des Erfolges Umfeld liegen, wird Amiri eine Luftveränderung nicht in Erwägung ziehen.

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