Schlüpft ein Küken aus einem Ei, so ist es zunächst stark auf die Hilfe seiner Mutter angewiesen. Zunächst ans Nest gebunden, lernt es erst langsam, sich in seiner neuen Umgebung zurecht zu finden, setzt alsbald tapsig einen Fuß vor den anderen. Warum diese Metapher aus dem Tierreich? Nicht nur, weil unser Junges Talentkritiker nun in die weite Welt fußballbesessener Leserinnen und Leser geschickt wird, sondern weil unsere erste Talentkritik eben einem echten Ausnahmetalent gehört, das gerade dabei ist sein Nest zu verlassen, um seine ersten behutsamen Schritte im Profifußball zu machen. Die Rede ist von niemand geringerem als Moise Kean, einem Aushängeschild unserer ersten Ankündigungen und dem neuen italienischen Wunderknaben. Mit gerade einmal 16 Jahren ist er der jüngste Spieler, der jemals in der Champions League debütierte. Unser Artikel beginnt also direkt mit einem Superlativ und wir verraten euch im Folgenden, ob Kean das Potenzial hat, das zu halten, was seine Vorschusslorbeeren versprechen.

Torhunger par excellence: Die Schuhe werden schnell zu klein

Keans Geschichte beginnt im idyllischen Vercelli, einem 47.000 Einwohner fassenden Städtchen in der italienischen Region Piemont. Geboren im Jahre 2000 (und hier merkt man, wie alt man selbst schon ist) schließt sich der Sohn ivorischer Eltern mit zarten sieben Jahren der Jugend des FC Asti an. Entdeckt vom ehemaliger italienschen Torhüter Renato Biasi, bietet dieser Kean noch im gleichen Jahr beim Erzrivalen seines jetzigen Arbeitsgebers, dem FC Turin an, für deren Jugend er bis zum Jahre 2010 aktiv ist. Da es im italienischen Fußball gängige Praxis ist, den Kontrakt für Spieler unter 14 Jahren jährlich zu verlängern, entscheiden sich Kean und sein Umfeld schließlich gegen ein Angebot des FC Torino und wechseln die Lager zu dessen großen Bruder und Alten Dame Juve.

Vom damaligen Trainer Felice Tufano gefördert gelang Keans Durchbruch in der Jugend des Klubs während der Saison 2015/2016, in der er für die von Tufano trainierte U17 Juves 19 Tore in 21 Spielen erzielte – in den Finalspielen des Wettbewerbs gelangen ihm gar 5 Tore in 4 Spielen. Zur jetzigen Saison in die Zweitvertretung Turins, welche in der Primavera B spielt, berufen, spielt Kean unter Trainer und ehemaligem WM-Schreck Deutschlands, Fabio Grosso, erneut groß auf und trifft wie am Fließband. Dies ist natürlich auch Juve Coach Allegri nicht verborgen geblieben, welcher ihn zunächst mit der Mannschaft trainieren und schließlich beim 3:0 Sieg seiner Mannschaft über Pescara für Mario Mandzukic einwechselte. Durch seinen Einsatz jüngster Spieler der Serie A Geschichte, setzte Allegri das berühmte Tüpfelchen auf das i, indem er Kean mit dessen Einwechslung gegen den FC Sevilla zum jüngsten Spieler der Serie A Geschichte machte.

Mit seiner Leistungsexplosion in der letzten Saison begann auch Keans Nationalmannschaftskarriere: innerhalb eines Jahres schaffte er den Sprung von Italiens U15, über die U16 bis in die U17 und traf regelmäßig für alle Jugendauswahlen. Geboren in Italien und somit spielberechtigt für die Squadra Azzura ist es für den Stürmer jedoch auch möglich zukünftig für die A-Nationalmannschaft Elfenbeinküste aufzulaufen, da sein Vater in dem Westafrikanischen Land geboren wurde.

Kean auf dem Rasen: aus der Tiefe vor die Kiste

Kommen wir zur Spielweise Moise Keans. Der 1,83m große Mittelstürmer mag es in seinem Spiel vor allem, wenn er von seinen Mitspielern per Steilpass auf die Reise geschickt wird. Oft an der Schnittstelle zur gegnerischen Abwehrlinie und damit an der Grenze zum Abseits operierend, stößt Kean explosiv in die Lücken, um den letzten Gegenspieler aus dem Spiel zu nehmen und auf das gegnerische Tor zu dribbeln. Seine wohl größte Qualität ist sein ausgewiesener Torhunger und seine Abschlussqualitäten, die aufgrund der Schusskraft und Entschlossenheit an den letzten Goldjungen Italiens der Generation über ihm, Mario Balotelli erinnern. Kean zeichnet ein aggressives Angriffsspiel aus und seine Dribblings, die er durch eine gute Technik oft zielführend in der gegnerischen Hälfte platzieren kann, geben ihm zusätzliche Variablilität im eigenen Spiel. Insgesamt ist Kean ein kompletter Stürmertyp, der nicht nur an Balotelli, sondern auch an Didier Droga erinnern lässt. Kleiner als die ivorische Legende Drogba fungiert Kean jedoch oft auch als zentrale Anspielstation, der die Bälle verwaltet – insgesamt ist er auch sehr präsent in der Box und sprungstark, welches ihm Vorteile in Kopfballsituationen eröffnet. Oft lässt er sich dazu auch weiter ins Feld fallen, um den Ball zu fordern und raumgewinnende Dribblings anzusetzen. Schnelligkeit, Durchsetzungsvermögen, Dribbelstärke, Abschluss – Kean bringt alles mit, um in seiner Karriere als Angreifer noch viel zu erreichen.

Keans wohl größte Schwäche ist seine Ungeschicktheit im defensiven Zweikampf, die sich teilweise auch in sein offensives Spiel einschleicht. Dabei lässt er sich in der Rückwärtsbewegung im defensiven Zweikampf oft leichtfertig überspielen, ein verstärktes Gegenpressing, bei dem bereits die als erster Verteidiger agiert, muss ihm bei Bedarf erst noch vermittelt werden. Des Öfteren läuft er sich selbst fest, wird von dem Verteidiger aus dem Spiel genommen oder agiert zu eigensinnig. Obwohl der Rechtsfuß auch invers auf dem linken Flügel spielen kann und dabei seine Stärken im Vorwärtsgang aus der Tiefe ausspielen kann, sehen wir ihn stärker im Zentrum als Abnehmer eines Umschaltspiels. Eine Charakterschwäche, wie sie Balotelli auszeichnet, ist bei Kean derzeit nicht zu erkennen – viel mehr weißt er eine ausgesprochene Spielfreude auf und wirkt insgesamt besonnen. Inwiefern sich dies jedoch durchsetzt oder ihm schnell der Kopf verdreht wird hängt auch von seinem Umfeld ab und dort zieht bekanntlich Mino Raiola die Strippen…

Ein hilfreiches Video zu Keans Spielweise findet ihr zudem hier.

Zukunft bei Juve, internationale Karriere

Ohne Zweifel trauen wir Moise Kean den Sprung in die internationale Klasse zu. Man muss dabei jedoch auch bedenken, dass wir hier ähnlich eines Vincent Thill über einen 16-jährigen sprechen, der gerade mal ein Profispiel in der Liga aufzuweisen hat. Von den Anlagen her verfügt Kean im Vergleich zu anderen Spielern seiner Altersklasse oder sogar höheren Jahrgängen bereits über einen Vorsprung, den er ausspielen können sollte.

Die Konkurrenzsituation im Angriff Juves ist gleichzeitig wohl eine der härtesten in Europa: Die Verkörperung der klassischen 9, Gonzalo Higuain, und die Zukunft des Angriffspiels, Paulo Dybala, die sich bestens ergänzen, lassen Kean in näherer Zukunft wohl nur zu Kurz- oder Einzeleinsätzen kommen. Aber auch dies ist angesichts seines Alters kein Beinbruch. Schließlich gibt es weitere Möglichkeiten, beispielsweise über eine Leihe oder ähnliche Szenarien auf Spielzeit zu kommen. Raiola jedenfalls hat verlauten lassen, dass die Zukunft seines Klienten bei Juve liegt und auch diese wären schlecht beraten, eines der größten Sturmtalente der Welt abzugeben. Unterstützen Allegri und Juve das frühreife Küken Kean weiterhin mit stetigem Futter in Form von Einsätzen auf seinem Weg, steht einer langen und erfolgreichen Zusammenarbeit nichts im Weg. Und auch Ziehvater Grosso wird sich freuen, Kean weiterhin regelmäßig n der Primavera B begrüßen zu dürfen.

 

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