„Wenn ich mir unseren Trainer anschaue, der Perfektionist ist, der Tag und Nacht an Fußball, an die Mannschaft und an den nächsten Gegner denkt. Das will ich mir ersparen.“ So Philipp Lahm vor zwei Jahren, gefragt, ob er denn auch einmal Trainer werden wolle. Mikel Arteta hat nie unter Pep Guardiola trainiert. Liegt hier also der Grund, aus welchem Arteta im Juli 2016 den FC Arsenal verlassen hat, um Guardiolas Co-Trainer bei Manchester City zu werden? Wahrscheinlicher ist es dann doch, dass Arteta, ein alter Freund Guardiolas, die Chance nutzen wollte, ganz oben im Trainergeschäft einzusteigen. Bei Arsenal hatte er, so hört man, ein Angebot vorliegen, in der Akademie anzufangen, bei City sind es gleich die Profis. Hat Arteta das verdient?

Wiedervereinigung über Moyes und mexikanische Doraden

Mikel Arteta wurde 1982 in der europäischen Kulturhauptstadt San Sebastian geboren. Seine ersten Schritte auf dem Fußballplatz wurden in Antiguoko registriert, als er zwölf Jahre alt war. In dem kleinen Ausbildungsverein westlich von der Bahia de la Concha, der höchstwahrscheinlich bereits seine zweite Station war, gehörte er zu einer hervorragenden baskischen Generation, aus der es mehrere Spieler von Antiguoko bis nach ganz oben schafften: Exemplarisch genannt werden können hier Xabi Alonso, Andoni Iraola, Aritz Aduriz und Ander Murillo, jüngst etablierte sich Unai Lopez im Profibereich. 1997 wechselte er – übrigens genau zehn Jahre nach Pep Guardiola – in die B-Jugend des FC Barcelona, Guardiola hatte zu diesem Zeitpunkt etwa zwei Drittel seiner Zeit bei den Katalanen hinter sich, spielte aber noch vier Jahre mit Arteta im selben Verein, ein halbes Jahr davon mit ihm in der ersten Mannschaft. Genug Zeit, um sich kennenzulernen und zu

verstehen. 2001 trennten sich die Wege wieder: Guardiola zogs nach Brescia, Arteta nach Paris. 15 Jahre später – Arteta hatte sich noch zum Arsenal-Kapitän gemausert und zuvor über 200 Mal für David Moyes bei Everton gespielt, Guardiola seine Karriere bei illustren Stationen wie Al Ahli und zweitklassigen mexikanischen Doraden ausklingen lassen – kamen die beiden wieder zusammen. Es stellt sich die Frage, weshalb Guardiola sich so um Arteta bemühte, den Wenger bei den Gunners ja eigentlich im Club halten wollte. Schließlich hatte sich der Baske noch nirgendwo als Trainer verdient, kam quasi ohne jegliche Praxiserfahrung; Guardiola hatte zudem ja seinen bewährten und vertrauten Trainerstab um Domènec Torrent und Rodolfo Borrell bereits um sich, zusätzlich blieb ihm der Engländer Brian Kidd, der schon die Pellegrini-Ära bei City durchgestanden hatte, erhalten. Warum also auch noch Arteta?

Wengersche und Walisische Schule

Aufschlussreich ist hier zunächst einmal ein Statement von Mikel Arteta selbst, das er zur Bekanntgabe des Wechsels auf Twitter veröffentlichte. ,,Coaching has always been something I’ve been keen to go into and over the past few years I’ve worked hard off the pitch as well as on it to develop my skills in order to put me in a position to be able to pursue a coaching role once I finished playing.“ Während die Aussage, er hätte eine Trainerkarriere schon immer angestrebt, eher obligatorisch anmutet, lässt die zweite Behauptung aufmerken. Arteta habe die letzten paar Jahre hart gearbeitet, um sich auf diese Aufgabe vorzubereiten. Tatsächlich finden sich auch nachweisbare Ereignisse: Im Winter 2016 wurde Arteta offiziell als Tours Ambassador des britisch-emiratischen Unternehmens Trans World Soccer vorgestellt. TWSoccer ist der weltweit größte Organisator von Jugendturnieren, unterhält Kontakte zu namhaften Vereinen und Veranstaltern auf der ganzen Welt. Es liegt nicht fern zu vermuten, dass Arteta in dieser Rolle durch den Austausch mit Persönlichkeiten aus der Trainerbranche seinen Fokus erweitert hat. Im Mai 2016 besuchte er einen dreitägigen Lehrgang unter Osian Roberts (Technischer Direktor und Co-Trainer Wales) beim walisischen Fußballverband, ein Jahr darauf war er wiederum in Wales zu Gast. Der walisische Verband ist an dieser Stelle erwähnenswert, da er im Vergleich zu den anderen Landesverbänden bei der Trainerausbildung sehr unbürokratisch vorgeht und neben den UEFA-Lizenzen eine breite Palette an anderen Ausbildungsprogrammen anbietet. Zudem liefert Artetas langjähriger Trainer Arsène Wenger Auskunft über Artetas Vorbildung: ,,Let’s not forget I’ve given the opportunity to many, many players to obtain their license here, to educate them.“ Angesichts Artetas Verletzung in seinem letzten Arsenal-Jahr liegt es auch nahe, dass er viel in der Akademie unterwegs war und sich einiges an Wengers Seite angesehen hat, die Perspektive wechselte, womöglich sogar, wie sein Trainer ja auch andeutet, eine Inhouse-Lizenz erreicht hat.
Somit wird klar, dass Guardiola Arteta nicht einfach aus dem Nichts geholt hat, sondern dass dies ein sich anbahnender Transfer war.

Der Drei-Schritte-Spieler

Aber was ist er für ein Trainer, dieser Mikel Arteta? Die Antwort auf diese Frage sollte schließlich der Hauptsinn des Artikels sein. Um zu einer ganzheitlichen Aussage kommen zu können, ist es sinnvoll, zuerst Arteta als Spieler zu betrachten. Auch hier fügt sich Wengers Meinung gut ins Bild. Der Franzose sagte im Zuge der Arteta-Verabschiedung, dass diesen immer als hochfokussierten Spieler wahrgenommen hätte. Klingt gehaltlos, ist aber tatsächlich sehr relevant, denn Arteta war wirklich ein Spieler mit einem unheimlich hohen Aktionsfokus, der, besonders defensiv, ausschließlich konsequent zu Werke ging. Wenn er sich dazu entschied, einen Spieler vom Ball zu trennen, dann tat er das auch und wich nicht situativ in ein Stellen aus. Dieser Sturheit zuträglich war Artetas exzellentes Timing, also sein hervorragendes Einschätzungsvermögen von Situationen und die koordinativ genaue Reaktion darauf. Arteta grätschte mit einer Wucht in Bälle, die bei einer um zwei Zentimeter falschen Platzierung so manche Knochen hätten brechen lassen – und das nicht nur in Ausnahmefällen, sondern regelmäßig. Wo andere Spieler dieses Risiko niemals eingegangen wären und versucht hätten, irgendwie hinter den Ball zu kommen und den Spieler geordnet zu stellen, ging Arteta stets aufs Ganze. Auch offensiv war sein Aktionsfokus und die koordinativ-technischen Fähigkeiten gut ersichtlich, äußerten sich in seinen präzisen langen Bällen und seinen Freistößen.

Löst man den Blick ein wenig von der Präzision seiner Ausführung und der Sturheit seiner Herangehensweise und richtet ihn auf Folgeaktionen, so fällt eines auf: Es scheint die Ausrichtung seiner Aufmerksamkeit auf die Hauptaktion, die ja wegen ihrer Beschaffenheit ein hohes Maß an Aufmerksamkeit erfordert, so fokussiert zu sein, dass ein Ausrichtungswechsel – also gewissermaßen ein “neues Scharfstellen“, nicht fließend von Statten geht, sondern in Schritten erfolgt. Der erste Schritt hier ist die Ausführung der Folgeaktion, die ja unmittelbar auf die Hauptaktion anschließt, also exemplarisch den Pass oder das Dribbling nach einem erfolgreich abgegrätschten Ball. Zweitens eine Umstellungsphase, um sich auf die neue Spielsituation auszurichten, und drittens eine Reaktion auf die neu wahrgenommene Spielsituation. Bei sehr vielen Fußballprofis kann man die gleichen Schritte beobachten, sie sind aber anders strukturiert: Wegen einer fortgeschrittenen technischen Automatisierung in Passspiel und Ballführung wird der Fokus bereits während der Hauptaktion auf die möglichen taktischen Konsequenzen (vgl. Schritt drei bei Arteta) verschoben. Hierdurch ergibt sich ein flüssiger Aktionsübergang, aber es leidet der spezifische Aktionsfokus darunter. Bei Arteta gestalten sich die Schritte nämlich folgendermaßen: Hohe Präzision dank hoher Aufmerksamkeit bzw. dieser folgender Konzentration im ersten Schritt, exemplarisch dem Abgrätschen, im zweiten Schritt eine automatisierte, wenig präzisierte Folgeaktion, exemplarisch ein Pass zum ballnächsten Mitspieler, drittens der Ausrichtungswechsel in der Umstellungsphase und die Wiederherstellung des Aufmerksamkeitslevels der Hauptaktion. Situativ gestaltet sich dies bei anderen Spielern auch so, aber bei Mikel Arteta ist es auffallend oft zu sehen. Festmachen lässt sich dies zum Beispiel an einem fehlenden Tempo- und Blickwechsel zwischen Haupt- und Folgeaktion (Arteta spielt einen kurzen Pass unmittelbar nach einem harten Zweikampf scharf und unüberlegt auf den nächsten Akteur) und der bewussten, von Außen wahrnehmbaren Neuorientierung (Umstellungsphase) danach (Arteta hebt den Kopf nach dem Pass, schaut sich um). Auch bei offensiven Aktionen lassen sich exemplarische Situationen ausmachen: Arteta steht erst einmal eine Sekunde und muss sich umsehen, bevor er nach einem Seitenwechsel seinerseits dem Ball hinterherschiebt. Um den Spieler Mikel Arteta bündig zusammenzufassen: Koordinativ-technisches hervorragendes Skillset, stur, unorthodoxer Aufmerksamkeitseinsatz, exzellenter Individualtaktiker, der das Spiel aber auch für sich in einzelne individualtaktische Aktionen aufdröselt und keinen fließenden Übergang hinbekommt.

Jetzt ist es berechtigt, zu fragen: Kann ein solcher Spieler ein guter Trainer sein, der die Verknüpfungen in einem gesamttaktischen Bild immer mit einer zeitliche Schwelle gestaltete?

The Helper

Die Antwort lässt sich kaum ausmachen, denn federführend in Sachen gesamttaktischer Verknüpfungen bei Manchester City ist – dessen dürfen wir uns wohl sicher sein – Pep Guardiola, sowohl bei der Trainingsplanung, als auch beim Coaching. Artetas Aufgaben liegen mehr im individualtaktischen Bereich, was ja angesichts seines Spielertyps wie die Faust aufs Auge passt. Guardiola honoriert Arteta für seine Arbeit in diesem Bereich und schreibt ihm auch den Verdienst für Raheem Sterlings exzellente Form in dieser Saison zu: ,,Mikel Arteta is working (with Sterling, Anm. d. Aut.) many, many hours and days after training specifically about the last action on the pitch – that control in the last moment to make the right movement in the final three or four metres. Raheem has wanted to stay there on the training pitch, to improve, to practise, to shoot at the goalkeepers.“. Angesichts von 13 Scorerpunkten in 14 Premier-League-Spielen und vier Toren in fünf Champions-League-Spielen scheint das Lob für Arteta angebracht. Das heißt auch, dass er es schafft, Zusammenhänge individualtaktischer Natur für seine Spieler ersichtlich zu machen, was angesichts des detailreichen und präzisen Charakters dieser Aktionen alles andere als einfach ist und schnell müßig werden könnte. Doch Arteta hat scheinbar Lust hierauf und identifiziert sich auch mit diesem Aufgabenbereich, was wiederum ein Blick auf sein anfangs erwähntes Twitter-Statement zeigen könnte: ,,I (…) have had a passion for helping progress and develop the team outside of just my own role as a player. “ Die Nennung dieses ,,helping progress“ ist interessant: Arteta hätte ja auch von “coaching progress“oder “teaching progress“ sprechen können, von seiner ,,passion“ für das Traineramt oder die Theorie des Spiels im Allgemeinen, aber er spricht explizit von ,,helping“, was angesichts der wohlüberlegten Wortwahl im ganzen Text kaum ein Zufall gewesen sein dürfte. Und dieses ,,helping“ ist von großer Bedeutung, denn durch explizite Bewegungsanweisungen wird man im indivualtaktischen Bereich kaum nachhaltige Verbesserungen erreichen, Artetas vermutete ,,helping“-Didaktik spielt sich dann schon mehr im von Stefan Hopmann geforderten “restrained teaching“-Konzept ab und hat – angesichts Sterlings, aber auch allgemein Citys Leistungen – Erfolg.

Von Guardiolas Schultern aus zur Selbstständigkeit?

Beim FC Barcelona waren Mikel Arteta und Pep Guardiola unmittelbar nur ein halbes Jahr zusammen, bei City dürfte sich die Liasion noch mindestens bis zu Guardiolas Vertragsende 2019 hinziehen. Ob Arteta sich danach selbstständig macht, hängt sicher vom Markt und vorliegenden Angeboten ab. Aber unabdinglich hierfür ist es schon, dass sich Arteta weiterentwickelt und das Spiel im Ganzen nicht nur aus der Theorie und direkt-praktisch aus seiner Zeit als Spieler kennt, sondern sich hier auch durch praktische Erfahrung als Trainer verbessern und Ansichten abgleichen kann. Betrachtet man Artetas Zeit als Spieler und die Einzelleistungen der verschiedenen City-Akteure im Moment, so ist es nicht vermessen, vom Basken als herausragenden Individualtaktiker zu sprechen. Während er es als Spieler wohl eher unterbewusst war, ist er es jetzt durchaus bewusst und exzerpiert seine Erfahrungen in Hilfestellungen. Auch an Guardiola liegt es nun, Arteta auf seine Schultern zu setzen und ihm auch die Gelegenheit zu geben, Praxiserfahrung im taktischen Trainingsbetrieb zu sammeln. Aber das wird er sicher machen, und vielleicht lässt in drei, vier Jahren irgendein Team in Europa aufmerken, welches durch die individuelle Leistungs- und Entscheidungsfähigkeit seiner Akteure seine Spiele gewinnt.

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