Irgendwo auf dem Spektrum zwischen Carmen Geiß und Claudia Effenberg (ehemals Strunz) ist sie anzusiedeln: Kerstin Lasogga. Mama Lasogga oder die knallharte Kerstin, ihres Zeichens Spielermutter und wahrscheinlich Mitglied im Rat der Fliesentischbesitzerinnen, ist in den Augen der Fans das, was Kathi Hummels für ihren Mats ist: umtriebige Begleiterin, schlechte Ratgeberin und unglaublich nervig. Während Lasogga, Ex-Herthaner und mittlerweile wohl eher auf dem Hamburger Kiez als auf dem Platz zu finden, durch seine Mutter eher negative Schlagzeilen sammelt, beweist uns Mama Mittelstädt, dass es auch anders geht. In einem Interview mit der Berliner Zeitung plaudert sie fröhlich über den ersten Profivertrag ihres Sohnes und seinen ersten Termin mit Boss Preetz. Schon früh, so sagt sie, sei seine große Leidenschaft für den Fußball durchgedrungen, mit zarten 1 ½ Jährchen beherrschte er bereits das Wort Tor. Wo Mama Lasogga Fußballromantik mit Tabaktablett und Twitteraccount zertrümmert, scheint die Welt im Hause Mittelstädt noch intakt. Nicht zuletzt deshalb gilt Linksverteidiger Maxi Mittelstädt als das Aushängeschild einer neuen Berliner Generation. Da wir unserem Selbstverständnis nach eher Talentportal als Klatschblatt sind, analysieren wir nun für euch in unserer Rubrik „Sprung in den Profikader“ die Situation Mittelstädts und sein Potenzial innerhalb der Berliner Mannschaft.

Ditte is‘ eener, der kann ma’…

Oft hört man diesen Spruch in Berlin am Rande von Ascheplätzen und dann auf den Trainingsfeldern der größeren Vereine: Schau dir diesen Jungen genau an, der könnte mal ein ganz Großer werden! Allzu oft werden diese Hoffnungen in der fußballverrückten Hauptstadt, die seit Jahren zwischen dem Durst nach internationalem Geschäft und stetigen Rückschlägen pendelt, enttäuscht. Viele Talente wie Jerome Kiesewetter, Abu Kargbo und Tony Syhre trainierten in den letzten Jahren zwar mit der ersten Mannschaft, suchten aufgrund mangelnder Perspektive jedoch das Weite. Prominentestes Beispiel ist an dieser Stelle wohl Hany Mukhtar, der früh wohl schon zu hochgelobte, der nach starken Leistungen im U-Dress des DFB sein Glück bisher immer noch nicht gefunden zu haben scheint.

Auch Mittelstädt ist erst 17 als er, wie der Tagesspiegel anekdotisch berichtet, beim Essen mit seiner Freundin einen Anruf von U19 Trainer Michael Hartmann bekommt – am nächsten Tag stand für ihn das erste Training mit den Profis an. Mittelstädt, fußballerisch großgeworden beim SC Staaken und Hertha Zehlendorf, soll von Trainer Pal Dardai ganz behutsam aufgebaut werden. Der Ungar, ein Freund von Ordnung und Disziplin, setzt nicht nur auf dem Platz auf eine hohe systemische Stringenz, sondern überträgt diesen Gedanken auch auf die Entwicklung junger Spieler. Mittelstädt ist der erste von einigen Spielern, die von der Herthaner Legende Schritt-für-Schritt in der ersten Mannschaft etabliert werden sollen. Anders als beim berühmten “Ins kalte Wasser schmeißen” kann man davon ausgehen, dass Talente unter Dardai schon bestimmte Grundzüge verinnerlicht haben, durch die sie sich bei Debut und zunehmender Spielpraxis gut in die Mannschaft einfügen lassen. Mittelstädt, Träger der Fritz-Walter-Medaille in Bronze, ist mittlerweile auch Bestandteil der deutschen U-20. Auch die solide taktische Schulung des DFB wird dafür sorgen, dass er in Zukunft eine echte Alternative im Kader der Herthaner wird.

Zukünftig polyvalent? Mittelstädt auf dem Platz

Mittelstädt reiht sich in die Riege schneller Außenverteidiger ein, die durch ihre Vorstöße das offensive Spiel unterstützen. Gerade in Zeiten der Wiedergeburt des 3-5-2 als Spielsystems verkörpert er einen Paradetyp für die Position des pendelnden Außenbahnspielers ähnlich eines Oscar Wendt. Möchte Mittelstädt es noch etwas besser machen als der Gladbacher Schwede, so sollte er an seinem defensiven Verständnis und seiner Zweikampfführung arbeiten. Zwar ist sein Offensivdrang deutlich ausgeprägt und sein Flankenspiel aus dem Halbfeld sowie von der Grundlinie bereits auffällig, jedoch kann er in der Verteidigungsbewegung gerade in Dardais System noch enger am Gegenspieler agieren. Die nötige Grundaggressivität im Zweikampf bringt er dazu mit; durch leichte Fehler im Stellungsspiel ist er jedoch ab und zu noch einen Schritt zu spät. Dies gehört in diesen jungen Jahren jedoch zu einem völlig natürlichen Lernprozess, der bei stetiger Fleißarbeit (durch die sich Mittelstädt laut Funktionären übrigens besonders auszeichnet) sehr erfolgsversprechend ist.

Mittelstädt verfügt über derartige Attribute und Anlagen, die bei ihm an der Schwelle dazu stehen, ihn nicht nur als Außenbahnspieler interessant zu machen, sondern ihm auch eine ähnliche Entwicklung wie sie etwa Joshua Kimmich durchlaufen hat, ermöglichen. Hohe Grundschnelligkeit, solides Kurzpassspiel und die Fähigkeit, lange Bälle in die Spitze zu spielen, machen ihn für mehr Positionen als nur die linke Außenbahn interessant. Wie bei jedem Spieler unter Dardai ist dabei die Krux, dass sich Mittelstädt eine hohe taktische Disziplin aneignen muss und auch seine Spielübersicht deutlich verbessern sollte – einen guten Lehrmeister dazu hat er allemal. Spätestens seit der favre’schen Kaderausrichtung ist Polyvalenz ein Modewort in der Fußballwelt und bei guter Entwicklung trauen wir Mittelstädt auch zu, sich über den Dunstkreis der linken Seite hinaus zu entwickeln.

Hochachtung: Dardai sucht nach der Position

Ohne Frage trifft Mittelstädt bei der sich stetig mausernden Hertha auf eine starke Konkurrenz, Mr. Freistoß Marvin Plattenhardt ist als Linksverteidiger gesetzt. Interessant ist jedoch, dass Mittelstädt in letzer Zeit Routinier Peter Pekarik und Johannes van den Bergh hinter sich gelassen hat. Dies ist zwar ein klares Zeichen für die Zukunft, jedoch ist aufgrunder der bereits erwähnten Ansicht Dardais, Talente langsam und langfristig zu fördern, keine lineare Entwicklung zu erwarten. Wohin also mit Mittelstädt? Die angesprochene Polyvalenz könnte ein Schlüssel werden – Coach Dardai ist nach eigenen Aussagen so von Mittelstädt überzeugt, dass er nun nach einer Position sucht, auf die er mehr Spielpraxis sammeln kann.

In Fankreisen wird dabei das mögliche “van den Bergh”-Modell diskutiert. Unter Ex-Coach und Hobby-Zauderer Jos Luhukay wurde van den Bergh bei entsprechendem Spielverlauf oft als defensiver Linksaußen eingewechselt, eine Rolle, die für Mittelstädt durchaus Potenzial bietet. Insbesondere da Alexander Esswein, wie in unserer Abrechnung bei Transferkritiker bescheinigt, in dieser Saison nicht vollends ünberzeugt, wird Mittelstädt zur Alternative. Es ist damit zu rechnen, dass der gelernte Linksverteidiger in dieser Saison noch einige Einsatzminuten sammeln wird und zum festen Bestandteil des Profikaders in der neuen Saison gehören wird. Mittelstädt wird langfristig in Berlin spielen und als Ansprechpartner und Vorbild für eine neue Generation von Jugendspielern stehen, die den Fans noch mehr Identifikation und Stolz bieten sollen. Mit Jordan Torunarigha ist bereits das nächste vielversprechende Talent mit einem Profivertrag ausgestattet worden. Wir sind uns sicher: diese Jungs werden nicht nur ihre Mamas, sondern auch Oma Hertha stolz machen.

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