,,Ich habe noch nie einen Geldsack ein Tor schießen sehen, wie Johan Cruyff einst gesagt hat.“ – während andere Vereine ihre Jungprofis von den Medien abschotten, lassen sie den 17-jährigen Matthijs de Ligt bei Ajax Amsterdam sogar eine Pressekonferenz geben. Während der dieser dann richtig austeilt: Obiges Zitat fiel, als de Ligt auf Manchester Uniteds Rekordtransfer Paul Pogba angesprochen wurde. Und weil es über diese aufmerksamkeitserregende Funktion hinaus noch den Fußballspieler und Menschen Matthijs de Ligt fast in Gänze beschreibt, eignet es sich perfekt für den Anfang dieser Kritik. Damit am Mittwoch jeder weiß, wer dieser 17 Jahre alte Innenverteidiger bei Ajax ist, welcher der Millionen-Truppe die Stirn bietet, empfiehlt es sich also, zu lesen:

Von Leiderdorp nach Stockholm

Matthijs de Ligt wurde kurz vor der Jahrtausendwende, am 12.08.1999 in der südholländischen 26.000-Einwohner Stadt Leiderdorp geboren. Er beginnt seine Fußballkarriere in Abcoude, einem kleinen Ort in den Outskirts von Amsterdam, etwa eine halbe Autostunde von seinem Geburtsort entfernt. Noch enger in den Fokus von Ajax gerückt, zieht es in bereits 2009 mit acht Jahren in die Amsterdamer Akademie, in der der hochgewachsene de Ligt fortan eine Bilderbuchkarriere erleben darf: Bereits mit 16 Jahren wird er vorzeitig in die U19, gezogen, genau ein Jahr später gehört er fest dem Kader der zweiten Mannschaft an, in der zweithöchsten niederländischen Spielklasse kickt er also schon als 16-Jähriger. Doch auch hier hält es de Ligt nicht lange, im Oktober 2016 wechselt er fest zur ersten Mannschaft von Ajax, nachdem er im September im Pokal gegen Willem II debütiert hatte, sogar in der Startelf stand und darüber hinaus das 2:0 in der 25. Spielminute erzielen konnte. Konsequenterweise setzte sein Trainer de Bosz ihn zwei Monate später zum ersten Mal in der Eredivisie ein, den ersten Ligatreffer erzielte Innenverteidiger de Ligt dann im Februar gegen Almelo. So richtig in den Fokus rückte er aber durch die Euro League, in der er am 24.11. gegen Panathinaikos Athen debütierte und seit dem Achtelfinal-Hinspiel in Kopenhagen definitiv zu Stammbesetzung Boszs zählt. Neben der bisher schillernden Vereinskarriere absolvierte de Ligt darüber hinaus eine vollständige Laufbahn im Nationalmannschaftstrikot, durchlief seit der U15 jedes Team und spielte bei den Senioren zum ersten Mal vor zwei Monaten, als die Oranje eine unrühmliche 2:0-Pleite in Bulgarien erlitt. Während das orange Trikot in diesen Zeiten gemeinhin wenig Glanz und Gloria bietet, steht derer umso mehr am kommenden Mittwoch in Aussicht, wenn Ajax im Euro-League Finale in Stockholm auf die Red Devils trifft – aller Voraussicht nach mit de Ligt in der Startelf. Was legitimiert den Einsatz eines 17-jährigen Innenverteidigers in einem der größten Spiele, die der europäische Fußball so zu bieten hat?

Im Namen Jouberts

Warum merkt man besonders auf, wenn ein sehr junger Spieler auf der Position des Innenverteidigers zum Einsatz kommt? Klar: Während ein Jungspund, der mal als Stürmer oder auf den Außen eingewechselt wird, sich versuchen kann und etwaige missglückte Aktionen nicht schwer ins Gewicht fallen und von Außenstehenden gerne gönnerhaft gebilligt werden, ist ein Innenverteidiger sofort im Spiel und damit in der Pflicht. Als mittigstes und somit tiefstes Gliederpaar der letzten Kette werden mögliche Ballverluste oder fehlerhaftes Stellungsspiel nicht mehr verziehen, da es in der Folge auf dem Feld (außer dem stark benachteiligten Torwart) keine Instanz mehr gibt, der diese faux-pas ausmerzen könnte. Logischerweise sollte ein Innenverteidiger also Attribute mitbringen, die ihn sichere, möglichst risikoarme Entscheidungen treffen lassen, also Dinge wie Erfahrung, physische und psychische Präsenz und eine schnelle, rationale Urteilsfähigkeit, wobei letztere sicherlich auch als Folge der Erfahrung zu sehen ist. Und jetzt ist es natürlich nicht bedingungslos vertretbar, einem 17-Jährigen Spieler hinsichtlich seines Einsatzes bei Seniorenteams auf höchster Ebene so etwas wie Erfahrung zuzuschreiben. Was tut Matthijs de Ligt also, dass er trotz seiner mangelnden Routine auf diesem sicherlich harten Pflaster bestehen kann?
Der französiche Essayist Joseph Joubert, der im 18. und 19. Jahrhundert lebte, stellte einst fest: ,,Der Mensch bewohnt im Grunde genommen nur seinen Kopf und sein Herz. Alle Räume, die dort nicht sind – und mögen sie auch vor seinen Augen, an einer Stelle zu seinen Füßen sein, – gibt es für ihn nicht.“ Will heißen: Egal was um einen herum passiert, die Bewertung und Reaktion auf Eindrücke, die durch die Sinnessysteme des Menschen aufgenommen werden, erfolgt bei jedem Menschen individuell im Gehirn und – wenn man so will – im Herz. Und ordnet man dieser Erkenntnis als Grund ein großes Selbstvertrauen und eine optimistische Grundeinstellung zu, hat man auch das Erfolgsgeheimnis de Ligts entdeckt. Dem 17-Jährigen ist es egal, dass er 17 ist, ihm ist es egal, dass er keine Erfahrung hat und darüber hinaus ist es ihm egal, dass gegnerische Offensivkräfte das auszunutzen versuchen. De Ligt geht auf dem Platz mit großer Entschlossenheit zu Werke, beherzt und eindeutig. Dass er kein Grübler und Theoretiker ist, zeigt auch genanntes Pogba-Zitat, für welches er mancherorts kritisiert wurde. De Ligt sollte sich seines Alters bewusst sein und Respekt zeigen, hieß es. Und dabei wird verkannt, dass der Innenverteidiger genau das zu vermeiden hat – ohne vermessen zu sein, tritt er stets auf, als sei er bereits bestens mit dem Geschäft vertraut und zelebriert diese Selbstverständlichkeit dann auch in jedem Zweikampf und in jedem Zuspiel. De Ligt ist eine absolute Führungspersönlichkeit, wodurch er auch zum ersten minderjährigen Kapitän im bezahlten niederländischen Fußball überhaupt wurde. Der Innenverteidiger steht für einen Actio-Stil, im Zweikampf provoziert und drängt er den Ballführenden höchstintensiv, um möglichst früh ein Zustechen zu ermöglichen. In eindeutigen Situation – also etwa einem Laufduell, in dem Stellung von Gegner und Ball zu einem sofortigen Tackling oder einer Grätsche zwingen, oder in Offensiv- und Defensivkopfballsituationen, unterstreicht de Ligt diese Eindeutigkeit, geht also mit höchstmöglicher körperlicher Präsenz und kompromisslosester Technik zu Werke. An mancher Stelle wird er mit Sergio Ramos verglichen, ein Spieler, der gut zu passen scheint, denn auch der Spanier definiert sich durch die absolute Dominanz und den ton- und richtungsangebenden Charakter seiner Rolle auf dem Platz.

Abwarten, aber nicht zaudern

Egal, wie das Spiel am Mittwoch ausgeht und egal, ob de Ligt in diversen Duellen mit Paul Pogba unterliegt oder obsiegt, seine Entwicklung wird auch im Vergleich zu den anderen Top-Talenten, derer sich ja allein in Amsterdam zur Genüge tummeln, extrem spannend zu beobachten sein. De Ligt bringt fußballerisch wie charakterlich das Handwerkszeug für eine ganz große Karriere mit, in der er auch die Karrierefaktoren des Settings beeinflussen kann. De Ligt ist kein Spieler, der sich anpasst oder zaudert, sondern einer, der agiert und zeigt. Mit dieser Einstellung ist er auf dem besten Weg, sich bei Ajax auch dauerhaft zu etablieren und zu einer der Stützen der kommenden Jahre zu werden – sofern er das möchte. Der 17-Jährige ist laut einiger Medienberichte Objekt der Begierde bei RB Leipzig, neben dem Bundesliga-Vizemeister werden auch einige andere namhafte Clubs den Abwehrmann auf dem Zettel haben. Und trotz aller Charakterstärke und Selbstsicherheit de Ligts soll an dieser Stelle die Empfehlung des Abwartens nicht fehlen: De Ligt soll erst einmal älter werden, auswachsen in jeder Hinsicht und dann auch tatsächliche Erfahrung sammeln. Wenn das im vertrauten Umfeld geschehen ist, kann er erneut zum Angriff blasen – auf Pogba oder Ramos.

 

 

 

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