,,Was ist der Körper, wenn das Haupt ihm fehlt?“ –  fragte sich bereits William Shakespeare im endenden 16. Jahrhundert. Wenn heute jemand eine Antwort auf diese Frage liefern kann, dann vielleicht Martin Weddemann und Lars Lienhard, die 2010 FOCUS ON PERFORMANCE gründeten. Mit Inhaber Martin Weddemann haben wir gesprochen und einerseits versucht, uns die Thematik “Neuroathletik“ trotz ihrer Komplexität kurz darstellen zu lassen und sind andererseits tief in den Begriff “Talent“ eingetaucht. Warum ist man talentiert? Wie kann ein Talent spezifisch im Fußball Erfolg haben? Und ist es eventuell sogar vermessen, sich “Talentkritiker“ zu nennen?

Talentkritiker: Hallo Martin. Gemeinsam mit Lars Lienhard hast du 2010 “FOCUS ON PERFORMANCE“ gegründet und mit eurem Trainingsansatz fast alles erreicht: Von der Arbeit mit Fußball- und Leichtathletik Stars über Broadway Künstler bis zu Bob, Skeleton und Rodeln gibt es so gut wie keine Sportart, in der ihr nicht arbeitet, ihr habt erfolgreiche Olympioniken, nationale und internationale Koryphäen und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft vor und während der WM 2014 in Brasilien betreut. Um zu Beginn einfach kurz die Relevanz von Neuroathletiktraining anhand der Wirkung aufzuzeigen: Nenne doch bitte mal die Erfolge, auf die du besonders stolz bist.

Martin Weddemann: Das ist in der Tat fast schon verrückt was in den letzten Jahren alles passiert ist wenn man bedenkt wie klein wir angefangen haben. Wir hatten eigentlich nichts außer unserer Vision etwas im Spitzensport-Training verändern zu wollen und die Bereitschaft und die Energie dies auch mit voller Konsequenz und gegen alle Widerstände zu tun. Unser Ziel war es neue Wege zu gehen und das Gehirn und das Nervensystem als bewegungssteuernde Instanzen als zentralen Baustein unserer Arbeit zu integrieren. Ich denke das ist uns ganz gut gelungen. Wir wollten unseren Athleten immer das bestmögliche Training bieten und sie gesund und mit Spaß auf Höchstleistung vorbereiten. Dies hat sich unter den Athleten schnell rumgesprochen. In der Nachbetrachtung macht mich wirklich stolz, dass ich Lars dabei unterstützen konnte diesen Weg mit aller Konsequenz zu gehen und gemeinsam mit ihm bestehende Strukturen aufzubrechen und diesen Wandel auch proaktiv zu kommunizieren. Des Weiteren macht mich besonders stolz, dass es immer die Athleten waren, die uns auf die Großereignisse wie WM oder Olympia gebracht haben und nicht Sponsoren oder Funktionäre. In der Nachbetrachtung ist es schon toll, dass Neuroathletiktraining so über die Jahre zu einem Teil des Spitzensports geworden ist und viele Kollegen nun anders über Gehirn, Nervensystem und Bewegungssteuerung denken und die Wichtigkeit erkannt haben.

Wie würdest du die Rolle von “FOCUS ON PERFORMANCE“ für die Neuroathletik beschreiben, welche Bedeutung misst du Dr. Eric Cobb, Lars Lienhard und dir selbst zu?

Wir sind mit Focus On Performance definitiv die Pioniere gewesen – ohne Focus On Performance und Lars Lienhard würden wir jetzt in Deutschland und Europa nicht über Neuroathletik sprechen. Dr. Eric Cobb hat in den letzten Jahren durch seine Arbeit die herausragende Basis mit seinem Z-Health Curriculum gelegt. Neuroathletik ist allerdings nicht nur Z-Health, es beschäftigt sich mehr mit der spezifischen Übertragung dieses Neuro-Wissens auf das jeweilige Individuum und auf dessen Sportart in einem absolut individuellen und sportartspezifischen Kontext. Daher würde ich sagen, dass Cobb‘s Arbeit die wichtigste Grundlage bildet, die Lars durch seinen ‚Coaching-Ansatz‘ spezifiziert hat. Der Name Neuroathletik geht auf Focus On Performance zurück und wurde relativ banal aus einer Not heraus geboren da Oliver Bierhoff im Vorfeld der WM 2014 eine Bezeichnung für Lars Tätigkeit im Kreise der Nationalmannschaft brauchte um ihn dort vorzustellen. Bierhoff nannte Lars den ‚Neuro-Trainer‘ wir machten daraus Neuroathletiktrainer um unsere Tätigkeit bestmöglich zu beschreiben. Im Anschluss an die WM haben wir uns dann dazu entschlossen an die Öffentlichkeit zu gehen. Ziel war es dass die Sportwelt wissen sollte, dass es jenseits der ‚wissenschaftlich‘ und ‚politisch’ anerkannten Trainingssysteme noch viel mehr gibt mit denen Topathleten bereits seit Jahren gesund und erfolgreich auf maximale Höchstleistung vorbereitet wurden. Es braucht immer einen guten Aufhänger um Neues zu kommunizieren. Diesen Aufhänger hatten wir durch den WM Triumph der Fußballnationalmannschaft in Brasilien.

Funktioniert Neuroathletiktraining bei jedem?

Um es kurz und knapp zu beantworten ja, da es um Bewegungssteuerung geht und wir mit den individuellen Gegebenheiten des Nervensystems und des menschlichen Gehirns arbeiten. Jeder Mensch ist anders, hat individuelle ‚Baustellen‘, die es durch gezielte Tests herauszufinden und zu optimieren gilt um Schmerzfreiheit, Gesundheit und maximale Leistungsfähigkeit zu erzielen.

Die Philosophie von “FOCUS ON PERFORMANCE“ lautet: ,,Du bist nur so stark wie deine schwächste Stelle.“ Hintergrund ist eure ganzheitliche Betrachtung des menschlichen Organismus, alles hängt irgendwie zusammen. Mit dieser Erkenntnis lässt sich speziell für den Fußballbereich aber auch nicht ausschließlich Neuroathletik als alleiniges Erfolgsrezept ausmachen, oder?

Unsere Philosophie stammt noch aus unserer Anfangszeit und bezieht sich in erster Linie auf die Bewegungssteuerung und zielt auf ein effektives, effizientes und individuelles sportartspezifisches Athletiktraining ab. Aber natürlich ist Neuroathletiktraining nicht das alleinige Erfolgsrezept um Weltklasseleistungen im Spitzensport zu erzielen. Dazu gehört mehr, dennoch ist eine gut funktionierende Bewegungssteuerung essentiell um überhaupt Topleistungen bringen zu können. Man sagt nicht von ungefähr, dass die erfolgreichsten Athleten in ihren Sportarten meistens auch die besten Beweger sind. Die Optimierung der Bewegungssteuerung muss also als Basis von allen weiteren Trainingsinterventionen verstanden werden, egal ob es Kraft-, Schnelligkeits-, Ausdauer, Technik- oder Taktiktraining ist. All diese Trainingskomponenten bauen auf der individuellen neuronalen Basis und Bewegungsqualität des Athleten auf und werden massiv von der Qualität der Gehirngesundheit, der Gehirnleistungsfähigkeit und der Qualität des Nervensystems beeinflusst. Es kommen aber natürlich noch weitere Faktoren wie das direkte sozio-kulturelle Umfeld, internale Motivation, gute Trainer und das richtige Mindset des Athleten dazu, um im Hochleistungssektor Spitzenleistungen abrufen zu können.

Kannst du hier etwas präziser werden und diese weiteren Faktoren am Beispiel eines jungen Fußballers erklären?

Ich spreche hier gern von drei zentralen Perspektiven die es zu berücksichtigen gilt und die ich als wichtig erachte damit ein Talent sich seinen Anlagen gemäß maximal entwickeln kann. Ich betrachte ein Talent und sein direktes Umfeld immer aus einer sozialpsychologischen, einer pädagogischen und einer athletischen Perspektive, wobei die Ausprägung der letzteren viel von der Qualität der Trainer im jeweiligen NLZ abhängt und weniger als die ersten beiden Perspektiven durch direkte Intervention beeinflusst werden kann. Die sozialpsychologische Perspektive, welche das soziokulturelle Umfeld des Talents miteinbezieht als auch die pädagogische Perspektive, dessen Basis sich aus Kerntugenden wie Fleiß, Freundschaft, Loyalität, Lernwilligkeit und Spaß (Liebe zum Spiel) speist sind die Grundvoraussetzung um das richtige Mindset und die richtige Einstellung zum Spitzensport und somit für Training und Wettkampf zu entwickeln. Nicht umsonst gilt im Fußball folgender Ausspruch: Kopf schlägt Talent. Wobei in diesem Ausspruch der Begriff Talent nur einen Teilbereich abbildet nämlich die körperlichen und  athletischen Voraussetzungen. Um das maximale genetische Potential durch Training entfalten zu können muss also das direkte soziokulturelle Umfeld stimmen und das Talent sollte einen gewissen Wertekanon erlernen bzw. im besten Fall bereits mitbringen, der letztlich zu Selbstreflexion, Selbstkontrolle und zu Selbstbewusstsein sowie zur Ausbildung gewisser Kerntugenden führt, die auf dem Weg vom Talent zum Champion unerlässlich sind.

Dass du diesen Standpunkt vertrittst, zeigt auch diese Graphik von dir: Ein Werkzeugkasten für die Entwicklung eines erfolgreichen Fußballspielers. Während Aspekte der Neuroathletik auf jeden Fall in der Athletik-Pyramide und sicherlich teilweise auch in der Pädagogik-Pyramide zum Tragen kommen, deckelst du beide noch mit der Sozialpsychologie. Kannst du kurz den Aufbau der Graphik erklären?

FOCUS ON CHAMPS Trias by Martin Weddemann

 

Diese Grafik ist das Ergebnis meiner Beobachtungen in den letzten Jahren, wo wir insbesondere mit sehr vielen Fußballtalenten zusammengearbeitet haben. Sie illustriert meine Sicht wie ich Talententwicklung im Fußball generell betrachte und beansprucht keine Allgemeingültigkeit. Generell habe ich drei entscheidende Perspektiven oder besser Parameter ausgemacht um ein Fußballtalent vollumfänglich zu beurteilen. Diese Parameter sollen beschreiben was für ein Talent auf dem Weg zum Champion, also in die absolute Weltspitze essentiell ist. Die für mich wichtigste Perspektive ist die sozialpsychologische. Denn das soziokulturelle Umfeld und die Aktivitäten abseits des Vereinslebens in Elternaus, Schule und im direkten Umfeld nehmen sehr starken Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung und Motivation eines jungen Menschen. Hier ist vor allem ein stabiles Elternhaus, das Kerntugenden und ein Wertegerüst vorlebt und vermittelt von größter Wichtigkeit. Jetzt sind wir auch direkt bei der zweitwichtigsten Perspektive, der pädagogischen. Hier wird die charakterliche Basis für einen Champion definiert. Ein herausragender Fußballer ist noch lange kein herausragender Charakter, geschweige denn ein Champion und Vorbild. Es sollte aus meiner Sicht in Elternhaus, Schule und Verein früh viel Wert auf folgende charakterliche Eigenschaften und Tugenden gelegt werden: Ehrlichkeit, Loyalität, Fleiß, Respekt, Lernwilligkeit, Freundschaft, Zuverlässigkeit und vor allem sollte der Spaß im Vordergrund stehen. Der Enthusiasmus für die Sportart Fußball sollte druckfrei ausgelebt werden können. Der Spaß am Spiel ist ein ganz entscheidender Faktor. Diese Grundwerte und Tugenden sind die Basis, neben einer natürlichen Aufmerksamkeit und Offenheit um eigeninitiativ, selbstbewusst, selbstkontrolliert und entschlossen Entscheidungen auf und außerhalb des Fußballplatzes treffen zu können. Diese Basis führt dazu, dass sich Talente realistische Ziele setzen und diese beharrlich und mit Geduld verfolgen und mit Eifer und Entschlossenheit hart an ihren Zielen arbeiten. Ich sage jungen Talenten immer, dass sie sich die Liebe zum Spiel fest in ihrem Herzen einschließen sollen, denn daraus ziehen sie ihre gesamte internale Motivation: Die Motivation jeden Tag, in jedem Training in einer ganz bestimmten Sache besser werden zu wollen. Es sollte darauf geachtet werden, dass im soziokulturellen Umfeld keine ‚schädlichen Einflüsse‘, wie ‚falsche Freunde‘ und unqualifizierte Berater zu früh zu viel und oftmals leider den falschen Einfluss auf das Talent ausüben. Denn dies kann zu einer gefährlichen Verschiebung der Wertebasis und der Motivationslage führen – von selbstbestimmt zu fremdbestimmt und von internal (Liebe zum Spiel) zu external (Geld, Sachwerte, Schmeicheleien etc.). Unaufrichtiges und zu häufiges Lob und zu früh zu viel Geld können bei Talenten mit schwierigem soziokulturellen Hintergrund und instabilen Elternhäusern die oftmals fehlende Selbstreflexion massiv verstärken und das Selbstbild gefährlich verzerren. Nicht selten führt dies zum Drop-Out auf und außerhalb des Platzes. Der zuvor beschriebene Prozess zum Erlangen einer Wertebasis, die zu einem positiven Selbstbild führt ist dann im weiteren Prozess die Grundvoraussetzung um ein Rollenverständnis im Team und Verein zu entwickeln, Teamspirit zu fühlen und auch vorzuleben. Dieses Wertegerüst ist auch eine Grundvoraussetzung für eine sehr gute moralische, mentale und körperliche Verfassung, die dazu führt das technische und taktische Fertigkeiten im Training und im Spielmodus schnell und druckfrei erlernt werden können was zu Selbstsicherheit und Selbstvertrauen führt um im Wettkampf unter Druck Topleistung abrufen zu können wenn es erforderlich ist.

Und wie ordnest du die athletische Perspektive ein?

Die athletische Perspektive bzw. die Trainingsperspektive ist im Grunde genommen die Perspektive, die für die Trainer im Verein wichtig ist um das maximale athletische, technische und taktische Potential eines Talents entwickeln zu können. Generell ist die Ebene der Steuerung und Sensorik, also der Bereich in dem auch unser Neuroathletiktraining verortet ist, essentiell für die weitere Entwicklung von technischen, athletischen und sogar auch taktischen Fertigkeiten. Hierarchisch sind das visuelle, das vestibuläre, das propriozeptive sowie das interozeptive System von herausragender Bedeutung für unser Bewegungssystem. Je besser und klarer der Input aus diesen Systemen, umso besser ist die Informationsverarbeitung im Gehirn und der Bewegungsoutput über das zentrale Nervensystem in Form des individuellen, sportartspezifischen Bewegungsprogramms. Es wäre wünschenswert, wenn in Zukunft jede Mannschaft einen Bewegungsexperten mit neuroathletischem Background im Trainerteam hätte. Ohne eine herausragend gute Bewegungsbasis kann ein Talent weder technisch, noch athletisch noch taktisch das Maximum erreichen. Hierauf sollte also in der Ausbildung in den NLZs verstärkt geachtete werden. Neben dem Cheftrainer kommt dem Bewegungsexperten die wichtigste Rolle zu. Nicht umsonst gehören bei Ajax Amsterdam bei den ganz Kleinen Turnen und Judo zum Ausbildungsprogramm. Durch diese Sportarten werden nämlich die drei großen Input Systeme auf natürliche Weise sehr gut stimuliert und es werden vielfältige Bewegungserfahrungen gesammelt.

Welche Bedeutung hat also das Umfeld eines jungen Spielers für den Erfolg von Training?

Im Grunde genommen habe ich es bereits vorweggenommen. Ohne ein gesundes, liebevolles, tugendhaftes und werteförderndes Umfeld ist keine Höchstleistung im absoluten Topsegment über Jahre möglich. Die Basis für die charakterliche Entwicklung und für Spitzenleistung wird in der Kindheit und der Jugend gelegt. Daher spreche ich auch gerne davon, dass es ein langer Weg vom (Bewegungs-)Talent zum Champion ist. Es hilft unabhängig vom Umfeld natürlich enorm, wenn man ein herausragendes genetisches Potential mitbringt aber dies ist um ganz oben anzukommen bei Weitem nicht alles. Man wird als Bewegungstalent anfangs immer erste Erfolge feiern und oft auch besser und schneller als Mitspieler lernen aber konstant über Jahre Spitzenleistung im absoluten Topsegment zu erbringen ist ein Lernprozess und basiert auf einer stabilen und starken Persönlichkeit, auf einem Wertegerüst und starker internaler Motivation und nicht nur auf genetischem Bewegungspotential.

Der renommierte amerikanische Behaviorist Burrhus F. Skinner berichtete 1983: ,,Manchmal werde ich gefragt: ‚Sehen Sie sich selbst auch als einen dieser Organismen, die Sie studieren?‘ Darauf lautet meine Antwort: ‚Ja.‘ Nach allem, was ich weiß, war mein Verhalten in jedem beliebigen Moment nichts anderes als das Produkt aus meiner genetischen Veranlagung, meiner persönlichen Geschichte und den jeweiligen Umständen.“. Im Fußball geht es um Entscheidungen, Skinner determiniert Entscheidungsfindung durch Gene, Erfahrung und Umstände. Kannst du diesem Ansatz zustimmen?

Sehr wohl. Nach allem was die neurowissenschaftliche Forschung in den letzten Jahren postuliert hat, kann man diesem Modell auch für Entscheidungsfindung auf dem Fußballplatz zustimmen. So wie es aussieht arbeitet das Gehirn nach folgendem Schema: Input, Interpretation, Entscheidung und Output. Dies bedeutet nichts anderes als das ein Bewegungsoutput (z.B. ein Pass in die Tiefe durch die gegnerischen Reihen) das Endprodukt einer Reihe neuronaler Prozesse ist. Die jeweiligen Umstände, das Matchszenario sozusagen (wo stehe ich, wo stehen die Gegner?), sind der Input den das Gehirn über exterozeptive Rezeptoren (z.B. Augen) aufnimmt um ihn zu interpretieren. Es steht in unserem Beispiel die Frage im Raum: Wo wäre ein geeigneter Passweg? Interpretationsgrundlage für die eigentliche Entscheidungsfindung sind Vorerfahrungen im Sinne von – wie habe ich das letzte Mal in einer solchen Situation erfolgreich gehandelt?

Neuroathletik beeinflusst letztendlich die Umsetzung von Entscheidungen sowie die Qualität und Geschwindigkeit des Erkennens der Umstände, oder?

Die Umsetzung der Entscheidung, also die Spielhandlung ist wie gesagt das durchgerechnete Endprodukt des Erkennens der Umstände auf der Basis aller Optionen die mir zur Verfügung stehen. Wir arbeiten immer an allen drei Komponenten. Die reine „Nervenleitgeschwindigkeit“ ist zu großen Teilen unveränderbar. Worauf wir durch Training jedoch sehr großen Einfluss nehmen können, ist die Geschwindigkeit der Interpretation einer Situation.

Kann man auch den Bereich der Erfahrung beeinflussen? Sprich: Die Qualität des Lernens und Erinnerns steuern?

Im Grunde genommen ja. Eines der Grundgesetze der Neurowissenschaften ist: „Neurons that fire together wire together.“ Die Qualität des Trainings, der Fokus, die Präzision der Ausführung beeinflussen ganz immens die Qualität des entstehenden Neural Chunks. Es ist also ein weites Feld. Das Phänomen der Neuroplastizität lässt wiederum sehr viel Spielraum für individuelle Optimierung von Lern- und Erinnerungsprozessen.

Dann wären da aber auch noch die Gene. Prof. Dr. Andre Reis hat erst kürzlich entdeckt, dass es bestimmte Gene gibt, die menschliche Intelligenz bedingen. In diesem Zusammenhang kam es zu dieser Aussage von ihm: ,,Sie können ein Talent wegwerfen, wenn sie nicht die richtigen Entwicklungsschritte und die richtige Unterstützung und Förderung haben. Aber die Förderung reicht nicht, wenn sie das Talent nicht haben. Oder man kann natürlich nicht wachsen, wenn man Hunger leidet.“ Wo würdest du den Faktor der Genetik für Talent in der obigen Graphik verordnen?

Bezogen auf genetisch limitierte Sportarten wie z.B. den 100m Sprint würde ich Prof. Dr. Andre Reis zu großen Teilen Recht geben. Natürlich müssen hier zur richtigen Zeit die richtigen Förderschritte im Training und im direkten Umfeld erfolgen, es sollte zudem auch frühzeitig erkannt werden, dass ein genetisches Grundpotential vorhanden ist und limitierende Faktoren ausgeschlossen werden. Generell kann man allerdings sagen, dass Talent kein mysteriöses und nur von den Genen vorbestimmtes Geheimnis ist, die Medaille hat definitiv zwei Seiten: Der dänische Performance Anthropologe Rasmus Ankersen beschreibt das Verhältnis Talent und Gene wie folgt: „Genetics can’t tell us who will be a star performer. At best it can tell us who will certainly never be. Good genes might be the entry ticket to the game of world-class performance, but they are not the decisive factor for who will win. Don’t overrate the importance of in-born talent. Talent is not something static; it must be undestood dynamically.“ Ich sehe das ähnlich insbesondere in Bezug auf die komplexe Sportart Fußball. Ein Toptalent mit herausragendem genetischen Potential und parallel dazu einem herausragendem Charakter, das frühzeitig im richtigen Umfeld gefördert wird, wird von seinen Ausgangsvoraussetzungen immer dem Talent mit dem ‚nur‘ herausragenden Charakter überlegen sein. Aber ein Talent mit herausragendem Charakter wird immer dem genetisch hochveranlagten ‚Toptalent‘ mit der instabilen Persönlichkeit und dem defizitären Charakter überlegen sein. Das ist auch die Besonderheit im Fußball, hier können in Bezug auf das genetische athletische Potential auch weniger beschenkte Menschen eine herausragende Rolle spielen. In Sportarten wie dem 100m-Sprint ist das genetische Potential jedoch ein sehr stark limitierender Faktor. Ein Pep Guardiola kann niemals ein Usain Bolt werden, das gegenteilige Szenario wäre rein hypothetisch schon eher möglich.

Für das Netzathleten-Magazin hast du dich ebenfalls mit dem Talentbegriff auseinandergesetzt und den verstorbenen Psychologen Benjamin Bloom herangezogen, der Talent stark von Übung abhängig macht. Du selbst kommst letztendlich zu der Erkenntnis: ,,Talent ist ein hochkomplexer, dynamischer Begriff. DAS Talent gibt es nicht, der Talentbegriff ist ebenso wie sportlicher Erfolg multifaktoriell zu betrachten.“ Wir haben jetzt einiges zusammengetragen – könntest du noch einmal detaillierter darauf eingehen, welche Faktoren für dich von grundsätzlicher Bedeutung sind und welche über eine gewisse Beeinflussbarkeit verfügen?

Ich teile aus einer neuronalen Sichtweise zu großen Teilen die These von Bloom, der Talent stark von Übung abhängig macht. Ich würde aber noch detaillierter definieren und würde von bewusstem Üben unter Berücksichtigung der neuroplastischen Effekte des menschlichen Gehirns sprechen. Bewusstes Üben ist ein hochkonzentrierter und fokussierter Zustand, der zu einer verstärkten Myelinisierung der Axone und Dendriten der Nervenzelle führt. Die Veränderung der Anzahl der Synapsen und der Rezeptordirchte führt zu einer verstärkten und schnelleren Informationsinterpretation. Metaphorisch gesprochen mache ich aus einem Trampelpfad eine vierspurige Autobahn. Es ist ein himmelweiter Unterschied ob ein Talent einfach nur Fußball spielt, oder bewusst Fußball spielt. Große Talente merken recht früh, welche technischen und taktischen Fertigkeiten Erfolg beim Spielen mit Freunden auf dem Bolzplatz oder der Straße bringen und speichern dies im Spielprozess bewusst ab. Ein Talent beobachtet hier ganz genau welche Maßnahmen zum Erfolg führen und entwickelt auf diese Weise sehr bewusst, durch stundenlanges Üben, seine fußballerischen Qualitäten. Hierfür ist wiederum die neuronale Basis wichtig, ein gesundes und leistungsfähiges Gehirn und Nervensystem sind die Grundvoraussetzung für schnelles und erfolgreiches sensomotorisches und auch technisches und taktisches Lernen. Das Erlernen von neuen Techniken und kreativen Lösungen im Spiel ist immer eine Trias bestehend aus einer Verknüpfung von Bewegungsschleife (Sensorik vor Motorik), die an eine Kognition und an eine Emotion gekoppelt ist. Daher ist spielerisches Lernen der Idealzustand.

Ich finde, dass man mit dieser ganzheitlichen Betrachtungsweise das Bild einer sehr hohen Sensibilität von jungen Spielern geschaffen hat – im Sinne von etlichen Einflussfaktoren, die auch unerkannt wirken. Ein guter junger Spieler ist derer besonders ausgesetzt: Anfangs wären da beispielsweise übermäßige Aufmerksamkeit und Wertschätzung, wenn der Wechsel zu einem namhaften Verein stattfindet, auf der anderen Seite aber auch Missgunst, Neid. Hinzu kommen steigende Erwartungshaltungen, vielleicht bedingte Liebe von Seiten neuer Freunde oder schlimmstenfalls der Eltern, später kommen Dinge wie Geld, Beraterdruck und Medienwirksamkeit dazu. Welche Faktoren in der Talententwicklung müssen besonders ausgeprägt sein, um trotzdem Harmonie erhalten zu können?

Auch wenn ich mich wiederhole – hier sind wir wieder bei den zwei wichtigsten Aspekten in der Talententwicklung: ein stabiles und intaktes sozio-kulturelles Umfeld und auf der pädagogischen Seite der Transfer von Tugenden, Werten und Normen durch die direkten Bezugspersonen in Elternhaus, Schule und Verein damit ein junger Mensch eine selbstbestimmte und selbstbewusste Entwicklung auf und außerhalb des Platzes überhaupt gesund vollziehen kann. Diese Komponenten können das Talent und sein direktes Umfeld nämlich selbst beeinflussen und zu großen Teilen steuern. Hier kommt dann aber auch bereits ein seriöser und guter Berater oder pädagogischer Wegbegleiter mit ins Spiel, der das Fußballgeschäft bestens kennt und dem Talent und der Familie dabei hilft ein stabiles Umfeld aufrecht zu erhalten, das neben dem Verein und der Schule dafür sorgt, dass die charakterliche Entwicklung in die richtige Richtung läuft. Es ist schon schwierig genug in den jungen Jahren die Anforderungen von Schule und Leistungssport unter einen Hut zu bekommen. Zudem herrscht schon sehr früh starker Leistungs- und Selektionsdruck im Verein. Verstärkt wird dies durch die übermäßige Aufmerksamkeit, die einem jungen Fußballtalent von vielen Seiten zu Teil wird. Neue ‚Freunde‘ und dubiose ‚Berater‘ biedern sich früh an, dann gibt es noch diverse junge Mädchen, die in Zukunft gerne Spielerfrau und/oder Social Media Influencerin werden möchten und viele weitere unnötige Ablenkungen. Zudem muss noch die Pubertät mit all ihren Höhen und Tiefen bewältigt werden. Die jungen Talente zahlen auf jeden Fall einen sehr hohen Preis um die Chance irgendwann einmal ihren Traum vom Fußballprofi zu leben zu wahren. Im Grunde geben Sie ihre Kindheit und Jugend auf. Daher ist ein stabiles Umfeld das Tugenden, Werte und Normen vermittelt und dem jungen Menschen als Ratgeber in schwierigen Situationen zur Seite steht essentiell.

Wenn man sich die Komplexität und letztendlich auch Intimität der Talentthematik ansieht: Ist es nicht vermessen und auch wenig aussagekräftig, aus dritter Perspektive Prognosen und sogenannte Analysen über Spieler zu formulieren, wie es ja auch wir hier machen?

Generell ist es schwierig aus dritter Perspektive Prognosen und Analysen über Talente zu formulieren ohne das soziokulturelle Umfeld und die Persönlichkeit genau zu kennen und ohne täglich mit dem Talent im Training zu arbeiten. So wird halt nur oberflächlich eine Perspektive auf Basis von wenig Information beleuchtet. Aber generell finde ich es gut, wenn auf seriöse und qualitativ hochwertige Weise über Fußball und auch über Talente berichtet wird. Es darf nur nicht in ein unseriöses Gehype mit dem inflationären Gebrauch von Superlativen wie ‚Megatalent‘, ‚Superbubi‘ o.Ä. ausarten. Ich beobachte seit längerer Zeit auch die diversen Fußballblogs, die teilweise qualitativ hochwertige journalistische und leidenschaftliche Arbeit abliefern. Die Jungs vom Taktikblog Spielverlagerung sind da sicherlich ein Vorbild für viele Fußballblogger und ein Beispiel für herausragende Qualität. Eure Idee seriös über Talent zu berichten gefällt mir allerdings auch ausgesprochen gut.

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