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Analyse

Lukas Nmecha: eine Neun mit gehörig Pep(p)

Es ist eine dieser Szenen, die bei Zuschauern von Spielen internationaler Nachwuchsmannschaften Verwunderung auslösen: als Lukas Nmecha die Auszeichnung als bester Torjäger des Evonik RUHRCUP-International 2016 erhält, realisieren viele, dass der blutjunge Engländer im Trikot von Manchester City die anschließenden Fragen der Journalisten auf Deutsch beantwortet. Mit einem Strahlen im Gesicht nimmt er die Trophäe entgegen und genießt es sichtlich, im Fokus der Aufmerksamtkeit zu stehen. Damals waren es nur einige wenige Menschen, denen der Name Nmecha bekannt war; heute gilt der treffsichere Stürmer als eines der größten Talente der Citizens. Wir verraten euch in unserer heutigen Talentkritik, warum Nmecha der englischen Generation eins nach Dele Alli die besondere Würze im Sturm verleihen kann.

Systematischer Erfolg: Nmecha und der Nachwuchs

Wenn man auf die deutsche Nachwuchslandschaft schaut, lässt sich erkennen, dass systematische Investitionen im Jugendbereich Früchte tragen: so gelten RB Leipzig und die TSG Hoffenheim mittlerweile als zwei der ersten Anlaufstationen für die größten Talente des Landes. Diesen Status haben sie zwar auch ihren finanziellen Geldgebern zu verdanken (ja, das darf man als Fan gutheißen oder verteufeln), sich nicht zuletzt aber auch durch ein ausgeklügeltes Konzept basierend auf Ausbau und Modernisierung earbeitet. In den beiden Vereinen wird im Jugendbereich geklotzt statt gekleckert: hochentwickelte Trainingsbedingungen, exzellente Regenerationsmöglichkeiten und ein weitreichendes Betreuungsangebot wartet hier auf die jungen Kicker. Was hat das ganze mit Nmecha zu tun? Eben fast baugleiche, dennoch insgesamt noch weitreichendere Ausgaben tätigt Manchester City seit Jahren im Jugendbereich. Die Folge: mittlerweile besitzen die Citizens eines der besten und größten Nachwuchsleistungszentren des Landes. Die Konsequenzen, wenn so viel Geld und Gedankenschmalz über die Ladentheke gehen? Genau, Erfolg. Hinter Everton ist man das Maß der Dinge in der U23. Gerade eben hat der gebürtige Hamburger Nmecha zudem die U18 des Klubs mit einem Hattrick in das Finale des FA Youth Cups gehämmert – der Entstand betrug 3:2 über Stoke City. Dominanz auf ganzer Linie durch Nmecha. Nicht wenige sagen über ihn, dass er, wenn er bei Everton oder Arsenal, die eine größere Durchlässigkeit zur Jugend aufweisen, spielen würde, schon jetzt Bestandteil der ersten Mannschaft wäre.

Wie bei vielen anderen Talenten der im nationalen Vergleich sehr international ausgerichteten Citizens beginnt auch Nmechas Geschichte außerhalb Englands. Im Norden Deutschlands geboren wandert Nmecha jedoch als Neunjähriger mit seinen Eltern in das Geburtsland des Fußballs aus. Bereits kurz nach dem Umzug auf die Insel wird Nmecha, immer noch 9 (!), bei einem Turnier seiner Grundschulmannschaft aus Wythenshawe von einem Mitarbeiter Manchester Citys gescoutet. Derart begeistert vom Talent des kleinen Lukas bietet der Verein der Familie die Chance, ihrem Sohn bereits in einem solch frühen Alter eine höchst professionelle Fußballausbildung zu ermöglichen. Sie greifen zu, auch der zweite Sohn, Felix, läuft in der Folgezeit für die i-Dötzchen des Verein auf. In nahezu jedem Jahrgang gehört Nmecha in der Folgezeit zu den Top-Torschützen, seine Leistungen steigert er stetig und unnachgiebig. In der vergangen Saison schoss er sich mit 28 Toren durch sämtliche Jugendmannschaften des Vereins, ist U-Nationalspieler Englands. Bis zum heutigen Tage, an dem der große Star-Trainer Pep Guardiola einen ersten Gefallen an Nmecha gefunden haben soll, ging die Karriere des ehrgeizigen Angreifers steil bergauf – dabei ist er auch Produkt des erfolgreichen Förderungs- und Forderungssystems der Citizens.

Ganz nach Guardiolas Geschmack: Nmecha als “pep(p)ige” 9

Dass Guardiola auf starke Fußballer in den Reihen seiner Mannschaften steht, ist wohl im ganzen Universum bekannt. Nmecha, dessen Trikots so gut wie immer die Nummer 9 geziert hat, verkörpert dabei einen Stürmertypen, den Guardiola anhimmelt: überragend im Stellungsspiel, wendig und umtriebig in den Bewegungsabläufen, schnell auf dem Rasen und im Kopf. Was Pep bei Bayern mit Lewandowski hatte, beweist Nmecha in den Kinderschuhen: große Antizipationsfähigkeiten, Qualitäten im Abschluss und Nervenstärke. Dabei übernimmt er auch bei Elfmetern gerne die Verantwortung und versenkt die Bälle im gegnerischen Gehäuse. Seine Geschwindigkeit verschafft ihm dabei entscheidende Vorteile gegen Verteidiger, die er bereits weit in deren eigener Hälfte unter Druck setzt. Auch seine Fertigkeiten im Dribbling lesen sich überdurchschnittlich gut – als Stürmer, der in der Jugend eher über Außen kam und scharf nach innen zog, ist er es ebenfalls gewohnt, mit dem Ball eng am Fuß aus der Tiefe des Spielfeldes zu kommen. Nmecha stößt auffällig oft und auffällig gut in die Lücken, die sich zwischen gegnerischen Verteidigern auftun. Hier macht sich mittlerweile seine Flexibilität in den Aktionen bemerkbar, welche für Peps Ausrichtung mit vielen Positionswechseln eigentlich wie gerufen kommen wird. Insgesamt deutet Nmecha dabei bereits eine Komplettheit an, die in so jungen Jahren im Sturmzentrum doch eher selten zu finden ist. Selbst sein Kopfballspiel kann man als solide auf dem Notizblock vermerken.

Trotz aller Qualitäten und seiner starken Torquote überhastet Nmecha bisweilen noch vor dem Tor, vertendelt den Ball dadurch, dass er ihn lieber noch einmal mehr mit der Sohle streichelt anstatt direkt abzuschließen. In der Torstatistik ist eben auch berücksichtigt, dass die U23 Citys sich unglaublich viele Torchancen pro Partie herausspielt; böse Zungen behaupten, Nmecha würde mit einer größeren Ruhe vor dem Tor sogar noch mehr Buden machen. Allerdings muss man ihm auch zu Gute halten, dass er sich durch seine Spielweise, die nicht nur durch ein ausgeprägtes Stellungsspiel, sondern auch ein gutes Auge für den freien Nebenmann, besticht, gut ins Kombinationsspiel und Mannschaftsgefüge des Teams einreiht. Gerade in der beinharten Premier League würde es Nmecha zudem gut tun, sich im direkten Zweikampf noch besser behaupten und durchsetzen zu können. Ein Defizit, welches auf der anderen Seite jedoch eben jene Wendigkeit, die ihn auszeichnet, fördert.

Wie entscheidet Pep im Kolosseum der Großen – super Spieler oder “super Spieler”?

Nicht zuletzt wird es für Nmecha auch darauf ankommen, welchen Plan Kaiser Pep zukünftig verfolgt. Mit Gabriel Jesus und Kelechi Iheanacho verfügt der Trainer bereits über zwei Spieler im Zentrum, die in ihrem Alter sicherlich noch eine Stufe vor dem jungen Mann mit nigerianischen Wurzeln anzusiedeln sind; Jesus weist dabei zudem ähnliche Anlagen auf. Gleichzeitig ist auch die Konkurrenz im Nachwuchsteam groß: mit Jadon Sancho (17) verfügt die jetzige U19 über ein weiteres Aushängeschild, das auf kurz oder lang sicher Profiluft schnuppern wird. Nmecha, dessen Vorbild Sergio Aguero unter Pep nicht unumstritten ist, muss dabei nun aufpassen, nicht schon den Anschluss zu verlieren, bevor es überhaupt richtig angefangen hat. Seine Leistungen überzeugen. Die wohl wichtigste Rolle wird in der Kombination Nmecha/City wohl Trainer Pep zukommen, der ja eigentlich sowieso nur “super Spieler” in den eigenen Reihen hat. Bekommt Nmecha dieses Label – ähnlich eines Mario Götze – zu früh, könnte es das schon gewesen sein. Insgesamt lässt sich allerdings sagen, dass Nmecha alles mitbringt, um noch eine große Karriere, wenn auch vielleicht nicht in Manchester, vor sich zu haben.

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