Lászlo Bénes tritt in große Fußstapfen im Dress der Fohlen. Damit sind nicht Vorgänger auf seiner Position im zentralen Mittelfeld gemeint, obgleich diese fast überdimensional sein dürften bei Spielern wie u.a. Günther Netzer. Nein, es geht um slowakische Fußstapfen, die rund um den Bökelberg hinterlassen worden sind und niemandem geringeren als Igor Demo gehören. Demo, torgefährlicher Mittelfeldmotor zu Beginn des Jahrtausends und Torschütze des vorletzten Treffers im altehrwürdigen Bökelbergstadion, bekam durch die Nordkurve den Titel „Fußballgott“ verliehen und wird bis heute am Niederrhein verehrt.

Wie groß die Begeisterung heute noch um Demo ist? Rund um die Verpflichtung Laszlo Bénes‘ wurde auch der Fußballgott wieder ins Team geholt, um dem slowakischen Talent Integrations-Starthilfe zu geben. Im Trainingslager wurde dann nicht der mittlerweile 19-jährige Neuzugang mit Autogrammwünschen erschlagen, sondern sein Mentor. Doch die Autogrammjäger dürften Bénes bald nicht mehr links liegen lassen, denn die Gladbacher konnten im vergangenen Sommer ein hochveranlagtes Mittelfeldtalent verpflichten, das für die Dahoud-Nachfolge prädestiniert scheint. Welche Fußstapfen dürfen es also sein, Herr Bénes? Dahoud oder Demo?

Visitenkarte gegen Bilbao

Ehe es Bénes nach Mönchengladbach verschlagen hat, konnte er im slowakisch-ungarischen Grenzgebiet für Aufruhr sorgen. In der Slowakei aufgewachsen, machte er seine ersten Profischritte in Ungarn bei Györi ETO FC, wo ihm mit 17 Jahren das Debüt in der ersten ungarischen Liga glückte. Noch als 17-Jähriger folgte aber der Wechsel zurück in sein Heimatland zu MSK Zilina, für die er fortan als Stammspieler zu überzeugen wusste. Trotz seines jungen Alters sprechen 31 Ligaeinsätze und 8 Europa League Einsätze in der Saison 2015/16 für sich. Denn Bénes etablierte sich auf einer der anspruchsvollsten Positionen im modernen Fußball, dem zentralen Mittelfeld, als spielentscheidender Stratege.

Eine Glanzleistung gelang ihm dabei in den internationalen Einsätzen in der Euro League gegen Athletic Bilbao. Beim Stande von 0:2 initiiert Bénes zunächst den Anschlusstreffer von der linken Seite mit einer präzisen Außenristflanke in den Strafraum, die punktgenau auf der Brust des Stürmers landet. Den Ausgleichstreffer kann er kurze Zeit später durch einen feinen Schnittstellenpass direkt vorbereiten. Als er entkräftet auf der Bank Platz nimmt, darf er schließlich auch noch den Siegtreffer seiner Mannschaft bejubeln und sich am Ende des Abends feiern lassen. Zwar scheidet man im Rückspiel durch eine 0:1-Niederlage trotzdem aus, aber Lászlo Bénes‘ Name steht spätestens seit dieser Glanzleistung auf den Notizblöcken vieler europäischer Scouts.

Von Dahoud lernen, ihn zu beerben

Die Vorzüge des jungen Slowaken werden in den kurz beschriebenen Szenen bereits deutlich, sie enden jedoch nicht an dieser Stelle. Denn das hervorstechendste Argument ist ohne Zweifel die begnadete Technik des 19-Jährigen. Seine Ballannahme und -behandlung erinnern stark an Mo Dahoud im Gladbacher Kader, denn sie sind beinahe fehlerfrei und gehen spielerisch leicht von der Hand. Speziell der erste Kontakt wird stets hervorgehoben, immerhin ist Bénes in der Lage, Bälle direkt zu verarbeiten und weiterzuverarbeiten. Aber Bénes erinnert in seiner ganzen Spielanlage viel deutlicher an Granit Xhaka als an Dahoud. Seine technischen Fertigkeiten erlauben es ihm, punktgenaue Diagonalpässe anzubringen, die er förmlich aus dem Fußgelenk zaubern kann. Dazu passt auch sein Positionsspiel, das ihn eher aus der Tiefe agieren lässt und ihm Platz für dynamische Vorstöße gibt. Allesamt Attribute, die Gladbach seit dem Xhaka-Abgang vermisst und die sich in Bénes wiederfinden lassen.

Doch nicht nur als Strippenzieher im Mittelfeld weiß der slowakische U21-Nationalspieler zu überzeugen, sondern auch mit seinem ausgeprägten Zug zum Tor. Die Bundesliga durfte spätestens bei seinem Bundesligadebüt gegen die Hertha aus Berlin Zeuge davon werden, als Bénes nach 17 Minuten das Tor des Tages gelingt. Auch dieses steht sinnbildlich für seine Herangehensweise vor dem Tor. Denn als der Slowake sieht, dass alle Passwege zugestellt sind, geht er nicht durch einen Rückpass o.ä. auf Nummer sicher, sondern sucht den Weg in Richtung Tor und traut sich den Fernschuss zu. Kompromisslos und geradlinig sucht er stets den Abschluss bei ausbleibenden Passmöglichkeiten. Bénes‘ Schusstechnik mit seinem starken linken Fuß ist beachtenswert und kann eine echte Waffe sein, wie die Berliner feststellen mussten. Der Gladbacher Neuzugang schafft es also rund um den Strafraum enorme Gefahr auszustrahlen, durch seine schnelle Ballverarbeitung, seine gefährlichen Zuspiele oder seinen eigenen Abschluss.

Nicht nur aus dem Spiel heraus kann Benes gefährlich werden, sondern auch durch Standardsituationen. Hier kann er sich auf seine Technik verlassen, um Freistöße gewinnbringend in den Strafraum zu bringen oder Eckbälle auf Vestergaard und Co. zu verteilen. Das Fähigkeiten-Paket wird vervollständigt durch die hohe Spielintelligenz des slowakischen Jung-Nationalspielers. Diese ermöglicht ihm eine Polyvalenz auf dem Spielfeld und Trainer Hecking mehr Aufstellungsmöglichkeiten. Bénes spielt bevorzugt im zentralen, offensiven Mittelfeld, jedoch kann er auch auf der linken Außenbahn durch seine Pässe und Flanken auf sich aufmerksam machen. Doch als Analogie zu Mo Dahoud ist ihm eine defensivere Orientierung auf dem Spielfeld auch zuzutrauen. Dieser hat auch als offensiver Mittelfeldspieler begonnen, um sich langsam an die defensivere Rolle zu gewöhnen, zunächst neben Xhaka und anschließend als dessen Nachfolger. Bénes‘ Entwicklung kann in eine ähnliche Richtung verlaufen, um gegebenenfalls Dahouds Position nach der Saison einnehmen zu können.

Erwartete Schwächen und unerwartete Chancen

Bei allen offensiven Qualitäten, die Bénes vereint, sind seine Schwächen ziemlich offensichtlich. In allen Bereichen des Defensivverhaltens gibt es Raum für Verbesserungen beim jungen Gladbacher, insbesondere um eine langfristige Alternative auf der Position vor der Abwehr zu werden. Stellvertretend seien zwei Aspekte genannt: Zum einen wäre sein schwaches Zweikampfverhalten zu nennen, das mehrere Gründe hat. Seine physische Statur (ca. 65-70kg bei 1,73-1,81m) ist klarer Nachteil im Duell mit massigeren Mittelfeldspielern und sein schwaches Positionsspiel gegen den Ball raubt ihm darüber hinaus zu oft die Möglichkeit, in Zweikämpfe gehen zu können. Zum anderen gibt es ein anderes Muster, das sich bei Benes beobachten lässt und das ihm negativ ausgelegt werden kann. Verpasst er einmal den Moment der Ballabgabe, ist er zu leicht vom Ball zu trennen und leitet damit unfreiwillig zahlreiche Konter ein. Beim Versuch, den Ball direkt zurückzugewinnen, unterlaufen ihm dann auch noch zu viele Fouls, die auf sein Zweikampfverhalten zurückzuführen sind. Beide Aspekte sind auch durch die erhöhte Physis und Geschwindigkeit in der Bundesliga zu erklären und werden mit der Zeit abstellbar sein.

Klar ist nämlich auch, dass im Sommer durch den Wechsel Mo Dahouds ein Platz im Gladbacher Mittelfeld frei werden wird. Einem Mannschaftsteil, der in dieser Saison ohnehin hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist und mehr als nur einmal Granit Xhaka hinterhergetrauert hat. Trainer Hecking hat in der Rückrunde bewiesen, dass er Bénes durchaus als defensiven Mittelfeldspieler sieht, was sich in den Einsatzzeiten in den letzten Spielen niedergeschlagen hat. Obwohl man sich beim Slowaken auch eine Leihe in der kommenden Zeit vorstellen könnte, um weiter Spielpraxis zu sammeln, sind die ungewohnt offensiven Worte seines Trainers ein Indiz dafür, dass sich Bénes begründete Hoffnung auf Einsätze machen darf. „Laszlo hat ein herausragendes Spiel gemacht. Er hat die Nase richtig rausgestreckt. Die anderen haben gesehen: Sie haben einen Konkurrenten mehr.“ In der kommenden Saison kann man sich durchaus vorstellen, dass Bénes Teil einer Doppelsechs ist oder auch einer Dreierreihe im Mittelfeld. Sollte Hecking ein 4-3-3 im Mittelfeld in Erwägung ziehen, hätte er mit Bénes, Hofmann und Stindl passende Spielertypen für die Halbpositionen auf der Acht, wenn man Kramer als defensiven Sechser aufbietet.

Wie weit der Weg Bénes‘ gehen kann? Die Möglichkeiten sind vielfältig. Jonas Hofmann zog bereits die Dahoud-Parallele und bescheinigt dem 19-Jährigen ähnliches Potenzial. Ob die weitere Karriere schließlich eher dem Dortmunder Neuzugang ähnelt oder doch dem slowakischen Fußballgott Igor Demo, das liegt in den Händen des zentralen Mittelfeldspielers. Er hat alle Möglichkeiten, eine ähnliche Beliebtheit wie sein Landsmann zu erreichen, schließlich sind Position und Torgefahr überaus ähnlich. Und vielleicht hallt es dann in ein paar Jahren aus der Gladbacher Nordkurve: „Mit der Nummer 22! Laaaszloooooooo….“- „BÉNES! FUSS-BALL-GOTT!!!“

 

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