Ein Gerücht geht um in Europa – das Gerücht des Jorge Mere. Meré, seines Zeichens Innenverteidiger des spanischen Erstligisten Sporting Gijon, wird angesichts des wohl bevorstehenden Abstieges der Asturier mit einer ganzen Palette europäischer Vereine in Verbindung gebracht. Chelsea, Valencia, zuletzt auch Bremen und Köln – alle scheinen sie ihre Fühler nach dem Sporting-Eigengewächs ausgestreckt zu haben. Kein Wunder, hat sich der zwölfmalige U-21-Nationalspieler in dieser Saison doch fest in die Startelf des Clubs aus der Primera Division gespielt und dabei durch seine spektakuläre Spielweise europaweit auf sich aufmerksam gemacht. Ein Wechsel zu einem Topclub innerhalb oder außerhalb Spaniens scheint da nur eine Frage der Zeit. Oder etwa doch nicht? Ein genauerer Blick auf den 20-jährigen Innenverteidiger offenbart viel Licht – aber auch Schatten.

Die Statistik liest sich beeindruckend: Profidebüt für Gijon mit 17 Jahren, Aufstieg und Erstligadebüt ein halbes Jahr später mit gerade einmal 18. Anschließend im Eiltempo zum Stammspieler, 25 Spiele in der vergangenen und 28 Startelfeinsätze in dieser Saison, nahezu alle über die komplette Spielzeit. Zahlen, die belegen, welchen Stellenwert der Rechtsfuß in der Hintermannschaft von Sporting bereits besitzt. Und dies, obwohl er rein äußerlich keineswegs vermittelt, die Führungsrolle innerhalb einer Viererkette einzunehmen: mit einer Körpergröße von 1,82m ist er vielen, groß gewachsenen Angreifern körperlich unterlegen. Seine jugendlichen Gesichtszüge suggerieren eher, dass er beim Alkoholkauf im Supermarkt noch regelmäßig seinen Ausweis zücken muss, als dass er einem 30-jährigen Mitspieler erklärt, wie er sich bei einem Eckball zu positionieren hat. Tatsächlich zeigt Meré auf dem Platz jedoch Qualitäten, die ihn völlig zu Recht zu einem der gefragtesten Defensivtalenten Spaniens machen.

Dynamische Zweikampfmaschine

Am auffälligsten erscheint dabei zunächst Merés Zweikampfverhalten, das regelmäßig für ein beeindrucktes Raunen auf den Rängen sorgt. Die Art und Weise, wie er die Pässe des Gegner antizipiert, Bälle in die Schnittstellen der Viererkette vorausahnt und abfängt oder gegnerische Angriffe durch riskante Grätschen in höchster Not unterbindet, offenbaren eine tiefgehende Spielintelligenz, die im alltäglichen Training kaum zu erlernen ist. Meré handelt häufig äußerst reaktions- und handlungsschnell, findet im defensiven 1-gegen-1 immer wieder intuitiv den richtigen Moment, um Zugriff auf den Ball zu erlangen. Gepaart mit seiner kraftvollen Spielweise, die von einer hohen Antrittsschnelligkeit, überdurchschnittlichen, sensomotorischen Fähigkeiten und einer beachtlichen Gelenkbeweglichkeit geprägt ist, macht ihn dies zu einem enorm zweikampfstarken Spieler auf dem Boden. Bei hohen Bällen stößt Meré hingegen aufgrund seiner Körpergröße an eine natürliche Grenze – doch mit Hilfe seines guten Stellungsspiels und seiner ausgeprägten Sprungkraft schafft er es im Regelfall, sich auch gegen großgewachsene Stürmer achtbar aus der Affäre zu ziehen.

Söyüncü auf spanisch

Ebenso Aufsehen erregend wie sein Zweikampfverhalten gestaltet sich bisweilen auch Merés Spieleröffnung – dies allerdings nicht ausnahmslos positiv. Zwar verfügt der junge Spanier über eine solide Ballbehandlung, welche ihm eine gewisse Pressingresistenz verleiht; seine riskanten Dribblings nach Ballgewinn vor dem eigenen Strafraum sind jedoch gelegentlich auch die Ursache für ein erhöhtes Aufkommen von Herzinsuffizienzen auf den heimischen Tribünen – nicht der einzige Grund, weshalb seine Spielweise von Kennern des spanischen Fußballs gerne mit dem Auftreten von Freiburgs Caglar Söyüncü verglichen wird. Ebenso wie der junge Türke neigt Meré gelegentlich dazu, durch lange Bälle das Mittelfeld zu überbrücken und Gijons Offensivspieler direkt in Szene zu setzen. Dabei landen seine Pässe aber zu häufig in den Beinen des Gegners oder sind für seine Mitspieler in der Bewegung schwer zu verarbeiten. Dies wirkt insbesondere dann irritierend, wenn aufgrund der Vielzahl kurzer Anspielstationen ein derart riskantes Passspiel keineswegs notwendig gewesen wäre und somit einen vollkommen überflüssigen Ballverlust nach sich zieht.

Konzentrier‘ dich, Junge!

Die mangelnde Reife im Spielaufbau mag in erster Linie dem jugendlichen Alter geschuldet sein und sollte mittelfristig kein unüberwindbares Hindernis in der weiteren Entwicklung Merés darstellen. An der Seite eines international erfahrenen Innenverteidigers ist ihm durchaus zuzutrauen, seine Spieleröffnung in naher Zukunft sachlicher und überlegter zu gestalten. Als wesentlich problematischer erwiesen sich in dieser Saison hingegen Merés zunehmende Konzentrationsschwierigkeiten. Zwar zeigt er grundsätzlich eine höhere Konstanz als sein türkisches Pendant Söyüncü, welcher in dieser Saison gleich für ein halbes Dutzend Gegentore verantwortlich zeichnete. In den Spielen bei Espanyol, Atletico oder zu Hause gegen Alavés agierte der Rechtsfuß jedoch ausgesprochen fahrig, unsicher und undiszipliniert, verließ zu häufig seine Position oder ließ seinen Gegenspieler aus den Augen. Für Merés weiteren Karriereweg dürfte daher entscheidend sein, diese Aufmerksamkeitsschwankungen in den Griff zu bekommen und eine höhere Positionsdisziplin aufzuweisen. Gepaart mit einem besseren Gespür für einfache Lösungen im Spielaufbau könnte dies für ihn der Schlüssel für den Durchbruch auf internationaler Ebene sein.

Quo vadis, Jorge?

Welche Station wäre also der nächste, logische Karriereschritt für das Eigengewächs von Sporting Gijon? Der Sprung zu einem internationalen Topclub wie Chelsea scheint zum jetzigen Zeitpunkt noch zu früh – gegen einen David Luiz, Kurt Zouma oder Gary Cahill wird sich Meré derzeit kaum durchsetzen können. Auch die gängige Praxis der Londoner, gleich eine ganze Palette junge Spieler vertraglich zu binden und anschließend in alle Herren Länder zu verleihen, hat sich in der Vergangenheit bei den wenigsten Talenten als hoffnungsvolles Karrieresprungbrett erwiesen. Eine Ebene darunter könnten Vereine mit internationalen Ambitionen hingegen das richtige Umfeld darstellen, um Meré ausreichend Konkurrenzkampf und gleichzeitig Spielpraxis auf einem höheren Level zu bieten. Abschreckend wirkt in dieser Hinsicht lediglich die Ausstiegsklausel von fast 30 Millionen Euro. Allerdings: das Festschreiben überzogener Ablöseforderungen ist in Spanien gängige Praxis und nur in den seltensten Fällen ein tatsächlicher Richtwert bei den Verhandlungen. Insofern scheint es keineswegs unwahrscheinlich, dass Meré künftig auch deutschen Fußballfans ein Begriff wird – entweder als gegnerischer Innenverteidiger in der Europa League oder gar tatsächlich als Spieler eines Bundesligaclubs. Ob er dann auch hierzulande für staunende Münder oder eher für aufkommende Herzprobleme sorgen wird, bleibt abzuwarten.

Facebook-Kommentare