Wer erinnert sich nicht gerne an zwei Exportschlager der deutschen Hauptstadt: Berliner Luft, aka “Pfeffi”, seines Zeichens Pfefferminz-Hipster-Kultgetränk, und die Dancehallband SEEED, die mit ihrem Hit “Dickes B” im Jahre 2001 einen der wohl größten Ohrwürmer der deutschen Musikgeschichte hinlegte. “Die Berliner Luft, im Vergleich zu ander’n Städten, bietet leckersten Geschmack, allerbeste Qualitäten”, während Sänger Peter Fox diese Zeilen in Hommage an Stadt und Likör ins Mikro ballert, wirkt sich die Berliner Stadtluft mittlerweile auch wieder positiv auf die eigenen Talenten der Alten Dame aus: Hat man Jahre lang fast schon stringent den Nachwuchs vernachlässigt, besteht mittlerweile gefühlt der halbe Profikader der Herthaner aus U-Spielern. Allen voran Maximilian Mittelstädt und Jordan Torunarigha, die bei der U-20-WM für Furore sorgen sollen, spielen mittlerweile eine nicht unwesentliche Rolle unter Coach Pal Dardai. Wir haben den “ewig großen” (so beschrieb ihn, in Bezug auf seine Statur zumindest ein nicht weiter namentlich erwähnter Fußballreporter) Torunarigha mal genauer für euch unter die Lupe genommen.

„Ich darf keine Angst haben vor ihm. Wenn man der Beste sein will, muss man die Besten schlagen.“ (Torunarigha vor dem Duell gegen Werder Bremen und Max Kruse; zitiert in “Der Tagesspiegel”, 29. April 2017)

Dieses Zitat spiegelt Torunarighas Einstellung und seinen Lebensweg gut wieder: Im Jahre 1997 in Chemnitz geboren, wächst Jordan als Sohn des nigerianischen Ex-Fußballprofis Okojo und als kleiner Bruder von Junior Torunarigha, der für den FC Sittard in der zweiten niederländischen Liga kickt, auf. Zunächst beim Chemnitzer FC unter Vertrag, folgte er seinem großen Bruder 2006 in die Jugend von Hertha BSC. In der Folgezeit tritt Jordan, gläubiger Christ, vor allem dadurch in Erscheinung, dass er unnachgiebig an sich arbeitet, mit einem starken Willen zum Erfolg. Und der Erfolgt stellt sich ein: Torunarigha wird in der Saison 2012/2013 Deutscher Vizemeister mit Herthas U-17-Junioren, in der Folgesaison Landespokalsieger mit der gleichen Truppe. Wieder eine Saison später gewinnt er mit seinen Mannschaftskollegen den DFB-Junioren-Vereinspokal – die Berliner Luft tut dem Jungen zweifelsohne gut.

Unter dem Berliner Nachwuchsexperten Ante Covic debütiert er im Juli 2015 für das Regionalligateam gegen Luckenwalde, kommt in der Folgezeit auf regelmäßige Einsätze. Schließlich folgt am 15. Spieltag gegen RB Leipzig die Berufung unter Pal Dardai in den Profikader, an dem er jedoch noch nicht zum Einsatz kommt – Dardai ist dafür bekannt, junge Spieler den Umständen angepasst langsam, aber doch stetig aufzubauen und zu fördern. Im Rückspiel am 30. Spieltag wird Torunarigha bereits eine gewichtige Rolle spielen, welche nachfolgend Relevanz finden wird. Was passiert zwischen den zwei Duellen gegen den Hasenhüttl-Klub? Torunarigha unterschreibt einen bis 2020 datierten Profivertrag, ersetzt auf der Linksverteidigerposition im Spiel gegen Borussia Mönchengladbach (0:1) den verletzten Plattenhardt und seinen gelbgesperrten Freund Maximilian Mittelstädt. In den kommenden Spielen rückt Torunarigha aufgrund großer Personalsorgen in der Innenverteidigung verstärkt in den Fokus, sammelt erste Bundesligaerfahrung, und das mit Bravour. Mittlerweile ist er in aller Munde und auf etlichen Scoutingbögen – wie etwa denen der nigerianischen Nationalmannschaft, die schon zaghaft vorfühlen sollen. Seine Zukunft sieht Torunarigha jedoch mittelfristig in Berlin – und langfristig im DFB-Dress.

Kanalisierte Aggression – Torunarigha, das Kraftpaket

Auf dem Platz präsentiert sich Torunarigha trotz nur weniger Bundesligaeinsätze für den Laien überraschend abgeklärt. Wer ihn jedoch länger beobachtet, weiß, dass dies nicht von ungefähr kommt. Trainer Pal Dardai, zitiert in der Berliner Morgenpost, verweist dabei darauf, dass Torunarigha in Stresssituationen (wie beispielsweise dem Finale der deutschen U17-Meisterschaft oder dem Jugendpokal-Finale) “immer gut” gewesen sei. Der Ungar lobt vor allem Torunarighas Einstellung als “Wettkampftyp”, seine giftige Verteidigungsweise wird von den Co-Trainern in den Blickpunkt gestellt. In Interviews wirkt der Berliner ähnlich unaufgeregt wie auf dem Platz, man mag es fast schon eine professionelle Form von Unbekümmertheit nennen. Wo sich bei anderen Fußballern eben jene Unbekümmertheit in übertriebene Verspieltheit umschlägt, ist sie bei dem Verteidiger viel kontrollierter. Dies hebt Torunarigha von anderen Spielern seiner Altersklasse ab: Selbst seine explosiven Aktionen wirken zielgerichtet und durchdacht. Explosivität ist etwas, dass den Modellathleten Torunarigha in Ansätzen polyvalent wirken lässt: Seine ersten Spiele bestritt er in Berlin als Linksverteidiger – etwas ungewohnt bei seiner Größe. Durch seine hohe Grundgeschwindigkeit und einen dynamischen Antritt verschafft sich Torunarigha auf dieser Position in seiner defensiven Interpretation jedoch durch seinen Körper zusätzliche Vorteile, tacklet Gegenspieler vermehrt erfolgreich und drängt sie so ins Seitenaus. Auch in Laufduellen entlang der Seitenlinie stellt er sich geschickt in den Laufweg des Gegenspielers und agiert dabei mit gutem Timing in der Grätsche. Dies haben auch die Leipziger beim 1:4 Sieg über Hertha zu spüren bekommen – Torunarigha traf mit 88% gewonnenen Zweikämpfen an jenem Tag gewiss keine Schuld an der Niederlage.

In direkten Zweikämpfen präsentiert sich der Junge mit nigerianischen Wurzeln unnachgiebig, aggressiv und heiß auf den Ball – Torunarigha gibt sich erst zufrieden, wenn er das runde Leder wieder in den eigenen Reihen weiß. Dabei ist er keineswegs ein Spieler vom Schlag Carlos Zambrano, der aufgrund seiner heißblütigen Verteidigungsweise reihenweise Karten sammelt. Torunarigha kanalisiert seine Aggressivität in den meisten Fällen so, dass er im Rahmen des Erlaubten bleibt. Abgeklärt eben. Bisher hat er nur 3 mal Foul gespielt in dieser Saison – in 7 Einsätzen. Durch seine Statur liegen Vergleiche mit einem anderen Berliner nahe: Im Vergleich zu Jerome Boateng präsentiert sich Torunarigha jedoch deutlich spritziger. Dort, wo der Ex-Herthaner durch sein überragendes Stellungsspiel eher als Mr. Ich-bewege-mich-gar-nicht-groß-sondern-kriege-das-auch-schon-vorher-geklärt bekannt ist, verfolgt Torunarigha sowohl auf der Linksverteidiger- als auch der Innenverteidigerposition eine deutlich proaktivere, laufintensivere Verteidigunsweise. Es ist jedoch keineswegs so, dass er nur am Boden sehr zweikampfstark ist: Torunarighas große Stärke sind seine Sprungkraft und sein Kopfballspiel, die ihm gepaart mit seiner stattlichen Größe in nahezu sämtlichen Duellen defensiv wie auch offensiv Lufthoheit bescheren. Ein Umstand, der sich nicht zuletzt in seinem ersten Saisontreffer im Spiel gegen Darmstadt gipfelte.

“Schwächen” – wie ihr gleich merken werdet, ist dies Meckern auf hohem Niveau – besitzt Torunarigha noch im Spielaufbau – seine Passquote ist mit 75% gut, er kann jedoch vermehrt Angriffe in der Vertikalität beschleunigen. Insbesondere seine Tempodribblings nach vorne (Erfolgsquote 50%) sind ausbaufähig; hierzu muss er verstärkt an seiner Technik mit dem Ball arbeiten. Auch im offensiven Kopfballspiel kann er sich durch geschickteres Positionsspiel noch stärker anbieten und für Gefahr im gegnerischen Strafraum sorgen. Wie erwähnt, es ist Meckern auf hohem Niveau: Diesen Werten stehen laut OPTA 61% Zweikampf- und 70% Luftzweikampfquote sowie 67% Tacklingquote gegenüber. Zusätzlich klärte Torunarigha 27 Bälle, fing 11 ab und eroberte 16 Bälle in bisher 371 Bundesligaminuten – verlor dabei nur 1 mal den Ball in einem direkten Duell bei Ballbesitz. Entschuldigt den Ausflug in das Land der Daten, doch um diese auszulassen, sind sie zu überzeugend. Im Vergleich: Jerome Boateng kommt in dieser, für seine Verhältnisse durchwachsenen, Saison auf 56% Zweikampfquote und 64% Tacklingquote.

Berliner Luft für Fans und Seele

In dieser Saison hat sich gezeigt, dass sich eine neue Identität der Berliner Mannschaft herausbildet: Hat man lange Zeit trotz klammer Finanzreserven noch versucht, (Alt-)Stars in die Hauptstadt zu locken – was bei Kalou exzellent gelungen ist – verfolgt man nun eine gesunde Transferpolitik mit Fokus auf die Jugend. Durch cleveres Marketing sowie das Zusammenspiel zwischen Pal Dardai und Ante Covic steht den Berlinern in den nächsten Jahren ein wahrer Talentregen bevor, der das Gesicht der Mannschaft nachhaltig prägen soll, und wohl auch wird. Torunarigha ist dabei eines der wohl wichtigsten Puzzlestücke für die Zukunft: Gemeinsam mit Freund und Jugendteamkollege Mittelstädt kann er sich als linker Innenverteidiger nicht nur eine gewisse, gewachsene Eingespieltheit zu Nutze machen, sondern ein möglicher Abgang der Stamminnenverteidiger kann bereits intern adäquat abgeffangen werden. Ob als linker Verteidiger in der Vierer- oder Dreierkette oder als linker Innenverteidiger in der erst genannten Variante: Torunarigha besitzt durch seine fußballerischen und physischen Eigenschaften herausragende Qualitäten, die ihn auf Dauer wohl wirklich zu einem “ewig Großen” machen können.

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