1992 begann für die eine Seite der Fußballwelt der heutige „moderne Fußball“. Fans, Athleten und Desinteressierte wurden im Fernsehen mit dem „English Game“ überflutet, das Geld war stärker im Fokus als der Sport selbst und die Gier nach dem Extragroschen wuchs. Die Wahrheit, der moderne Fußball hätte seinen Ursprung auf den Anfang der 90er-Jahre datiert, stimmt vermutlich im weitesten Sinne für dessen Kommerz, jedoch nicht für dessen spielkulturelle Basis. Die Zeitrechnung dessen, was heute Fußball genannt wird und warum eine Catenaccio- oder Park-the-bus-Mentalität verschmäht wird, ankert schon in den 60er- und 70er-Jahren. Zu jener Zeit traten im – heute von Deutschen mit lachenden Augen betrachteten Holland – zwei Männer auf den Plan, die das Verständnis von fußballerischer Ästhetik und Mechanik von Grund auf neu definierten. Einer von ihnen war Johan Cruyff, der heute in einem Monat seinen 69. Geburtstag feiert! Trotz seines Ablebens und seinem heutigen Todestag kann keineswegs von „würde feiern“ die Rede sein. Das sportliche Konstrukt, das der schmächtige, egozentrische Jahrhundertfußballer seinem Spiel verliehen hat, ist Recht genug, um seine Ideologie vom Fußball und den Menschen Cruyff für immer lebendig zu halten.

Die ersten Schritte – Der Junge aus Betondorp

Die Szenerie zeigt die Akkerstraat 32 in der Siedlung Betondorp unweit der Ajax-Heimstätte De Meer. Johannes Hendrik Cruijff (im Weiteren Johann Cruyff: Änderung des Nachnamens aufgrund seiner internationalen Karriere) erblickt am 24. April 1947 das Licht der Welt und das in einer Umgebung, in der sich alles nur um eines dreht: Fußball! Als zweiter Sohn von Hermanus Cornelius Cruijff und Petronella Bernarda Draaijer (hat noch zwei Schwestern und einen Bruder) wächst er im Osten Amsterdams in einem im 17. Jahrhundert  entstandenen Polder auf. Betondorp fungiert als architektonisches Experiment: Die Hälfte der Häuser bestehen aus Backstein, der Rest aus Betonfertigteilen. Kirchen und Kneipen gibt es vorerst nicht, ein Haus reiht sich an das nächste und Cruyffs Familienhaus ist nur 100m-Luftlinie von Ajax‘ Heimat entfernt. Seit den 50er-Jahren haben hier eine Vielzahl von Stars erste Gehversuche unternommen.

Johan Cruyff im Alter von 18 Jahren

Unter ihnen Kicker wie Ruud Gullit, Dennis Bergkamp oder Piet Keizer. Vater Hermanus betreibt einen Gemüseladen und ist Hoflieferant von Ajax – ein erster Wink woher Cruyffs Liebe zu Ajax rührt. Der Ursprung seines Talents bleibt dennoch für immer ein Rätsel. Bis zu seinem zwölften Lebensjahr besucht der junge Johan eine protestantische Schule, deren Ausrichtung sehr bibelfest war – ein möglicher Grund für die Cruyff nachgesagte Geldgier und seinen Geiz könnten somit seine Wurzeln in einer calvinistischen Erziehung sein. Die Schule bricht Cruyff nach dem Übertritt auf eine höhere Schule jedoch ab, weil sie ihn nicht reizt und er widmet sich fortan nur dem Fußball. Später legt er jedoch bei seinen Kindern großen Wert auf Bildung und gründet sogar ein eigenes Institut, das Leistungssportlern eine Parallelität von Sport und Ausbildung ermöglicht.

In seiner Freizeit kickt er auf den umliegenden Bolzplätzen Betondorps oder geht Ajax‘ Platzwart Henk Angel zur Hand, wodurch er früh im Verein integriert wird. Verstärkt wird dies nach dem Tod seines Vaters, der im Alter von 45 Jahren an einem Herzleiden stirbt. Cruyff ist zwölf Jahre alt und schwer getroffen. Aufgrund der engen Beziehung könnte hier die Ursache für die starke Hinwendung zu seinem späteren Schwiegervater Cor Coster sowie seine strikte Autoritätsabweisung zu Personen, die seinem Vater gleichen – mit Ausnahmen, wie sich später zeigen sollte. Zu jener Zeit ist Cruyff schon ein Teil der Ajax-Jugend. Seine Mutter wird den Gemüseladen aufgeben und fortan als Putzfrau für den Verein arbeiten. Der talentierte Johan taucht nun weiter ins Klubleben ein. Sein Fokus ist stets hoch, was er auch dem Umstand verdankt, dass die Buben schon zehn Gulden pro Spiel verdienen, um nicht durch Nebenjobs aus dem Tritt zu geraten. Den ersten Markstein setzt er im Jahr 1965, als er bei einem internationalen Turnier, bei dem unter anderem Teams wie Inter Mailand, Arsenal London und der FC Barcelona konkurrieren, auf sich aufmerksam macht. Im selben Jahr wird er zum besten Jugendspieler Hollands gekürt und gewinnt die Juniorenmeisterschaft. Nur zwei Jahre später wird er Profi mit einem monatlichen Salär von 120 Gulden, obwohl der Vorstand alles andere als begeistert ist: Zu klein, zu leicht (60kg) und schmächtig ist ihm der 18-Jährige. Zudem missfällt der öffentliche Zigarettenkonsum, den der Rebell später bis auf über 80 Glimmstengel am Tag ansteigen lässt. 

Holland vor Cruyff – Der Weg zum „Total Voetbal“

Zur EM 2012 steht Holland hinter Welt- und Europameister Spanien auf Platz zwei der FIFA Weltrangliste – vor Deutschland! Auch wenn der Status Quo etwas anderes wiedergibt (Platz 21 der Welt) gehören die Niederlande zu den besten Fußballnationen der Welt – jedoch erst seit 40 Jahren. Erst in den späten 1960ern wird die Nation im Nordwesten Europas als fußballspielendes Land wahrgenommen. In der Vorkriegszeit plagten die Niederlande eine wirtschaftliche Misere, soziale Gegensätze und innerpolitischer Stillstand. Bei politischen Angelegenheiten nahm man stets eine neutrale Haltung ein. Nach 1945 setzen dann der Wohlstand und soziale Harmonie ein. Politisch und wirtschaftlich saniert man sich und das Land erlebt eine Progression. Dennoch ist es mehr eine Fortsetzung der Entwicklung der 30er Jahre, die der Zweite Weltkrieg unterbrochen hat. Einen tiefgehenden Wandel erleben die Niederlande in den 60ern mit dem Aufstieg des nationalen Fußballs. Somit ist eine Zeiteinteilung in „Vor- und Nach-Cruyff“ tatsächlich möglich und sinnvoll. Sein Heimatland ist obendrein eines der ersten europäischen Länder, das den englischen Sport vollwertig etabliert und gehört neben Frankreich, der Schweiz, Belgien, Spanien, Dänemark und Schweden zu den sieben Gründungsmitgliedern der FIFA. Johan Cruyff ist der Auslöser einer neuen Spielkultur, die zum sportlichen Umschwung beiträgt. Mit ihm personifiziert sich der „Total Voetbal“, der zum Muster unserer heutigen Fußballkultur wird.

Die drei Musketiere – Englische Urväter des „Total Voetbal“

Der „Totale Fußball“ wird heutzutage vor allem mit Namen wie Johan Cruyff und Rinus Michels in Verbindung gebracht. Jedoch nahm er seinen Ursprung schon viel früher. Wenn man bedenkt, dass diese Art Fußball zu spielen, dem englischen rauen „Kick‘ n Rush-Gedanken“ konträr gegenübersteht, ist es eine ironische Fügung, dass die Briten den Startschuss zur letzten großen Revolution im Fußball abfeuern. Den Anfang machte Jimmy Hogan, ein Ire, der als Trainernovize beim FC Dodrecht in Südholland seine ersten Schritte macht. Ballkontrolle und Passgenauigkeit stehen im Zentrum seiner Idee – er repräsentiert als Inselbewohner somit eher die schottische Schule. Zwar wird der niederländische Verband auf ihn aufmerksam, seine größten Erfolge feierte er dennoch in Wien und Budapest. Hogan zählt somit zu den Pionieren des kontinental-europäischen Fußballstils.

In den Niederlanden wird erst sein Landsmann Jack Reynolds die Philosophie verfeinern und 1915 bei Ajax implementieren. Mit ihm erlebt der Hauptstadtklub in den 30er Jahren seine erste goldene Ära, währenddessen man fünf Meistertitel holt und zu einer der führenden Adressen des niederländischen Fußballs aufsteigt. Reynolds kann rückblickend als der Erfinder des Ajax-Stils bezeichnet werden, den Rinus Michels später verfeinert. Er ist der erste, der großen Wert auf herausragende Technik und eine offensive Spielweise legt. Zudem lassen sich in seinem Disziplinfanatismus sowie dem Augenmerk auf die Jugendausbildung zwei weitere Analogien finden.

Mit Vic Buckingham folgt auf Jack Reynolds ein weiterer Engländer auf den Trainerstuhl von Ajax. Auch er arbeitet äußerst technikorientiert, spinnt den Faden jedoch noch weiter. Plötzlich werden Elemente wie kollektiver Ballbesitz und eine schnelle Weitergabe des Balles addiert. Er prägt als einer der ersten das Motto: „Wenn wir den Ball haben, kann der Gegner kein Tor schießen“. Dies soll später auch eine Maxime unter dem Trainer Cruyff werden. Er ist der eigentliche Entdecker Cruyffs, während Michels dessen Entwicklungshelfer war. Leider ist er in der Moderne weitestgehend vergessen, obwohl er nach Ajax noch bei einer der Top-Adressen Europas unter Vertrag stand: dem FC Barcelona. Seit dem 14. August 1954 stellt auch die Niederlande die erste Profiliga, während die Akteure in der Nationalmannschaft weiterhin behandelt werden wie Amateure. Frei nach dem Motto: „Es ist eine Ehre für das Land zu spielen“ – bis Cruyff auf die Bildfläche tritt und eine Revolution auslöst.

Der „Total Voetbal“ – Das Manifest der niederländischen Fußballkultur

„Fußball spielen ist sehr simpel, aber simplen Fußball zu spielen ist schwierig“
(Johan Cruyff)

Wenn man sich fragt, was der „Totale Fußball“ ist, findet man zentrale Elemente schon im Jahre 1955. In seinem Buch „Soccer Revolution“ nennt der österreichische Sportjournalist Willy Meisl die Eigenschaften herausragender Teams, die Eins-zu-Eins auf Rinus Michels’ Spielidee übertragen werden können: exzellente individuelle Ballkontrolle, intelligentes Positionsspiel, präzises Kurzpassspiel, Zusammenhalt und gegenseitiges Verständnis im Team, Schusskraft und Geschwindigkeit. Im ersten Moment klingt dies heute simpel – und genau darin liegt der Schlüssel. Mit dem obenstehenden Zitat verdeutlichte Cruyff dies.

Gemeinsames Angreifen und Verteidigen in Synergie mit ständigen Positions- und Geschwindigkeitswechseln bilden die Kernaussage der Philosophie. Gerade die kaleidoskopischen Positionswechsel sind von großer Bedeutung, für die es intelligente Spieler wie Cruyff benötigt. Hinzu kommt ständiges Pressing ab der vordersten Linie. Folglich rücken die Außenverteidiger weit auf und beteiligen sich im Angriffsspiel. Im „Total Voetbal“ ist die Ausgangsposition nur ein Fixpunkt, zu dem immer wieder zurückgekehrt wird. Das Spielfeld wird stets eng bei Ballverlust und weit geöffnet, sobald man selbst die balltreibende Kraft ist. Alles dreht sich um die Organisation von Geschwindigkeit und verlangt nach Architekten auf dem Spielfeld. Das wichtigste Glied bildet der Zirkulationsfußball, der im Optimum als One-touch-Variante praktiziert wird. Dieser systematische Aufbau ist stilbildend für den niederländischen Fußball, Ajax Amsterdam und später den FC Barcelona. Der Ball wird über Stafetten verlagert, bis sich der Raum für den Angriff öffnet. Dies stellt hohe Anforderungen an die Qualitäten im Positionsspiel und den Spielaufbau der Mannschaft. Unter Michels ist somit der Zirkulationsfußball nur ein Mittel, um zum Angriff zu kommen – kein Ziel an sich. Um das auf höchstem Niveau praktizieren zu können, muss der Stamm der Mannschaft mit jener Philosophie aufwachsen, das Passspiel perfekt beherrschen und gut aufeinander abgestimmt sein. Daher ist es kein Zufall, dass primär Ajax und Barça die Aushängeschilder dieser Mentalität sind – speziell, da hier ein enger Zusammenhang mit der Ausbildungsstrategie besteht.

Manch einer wird hier behaupten, dass die einzige unberührte Position, die des Torwarts ist. Für jene, die heute das Spiel von Torhütern wie Manuel Neuer oder Mark-André ter Stegen bewundern, liegt der Ursprung ebenso in den 60er Jahren. Erstmals wird ein mitspielender Schlussmann gefordert, der die Distanz zur weit aufrückenden Abwehrkette konstant halten soll. Er soll Bälle frühzeitig aus dem Spiel nehmen, Spielzüge antizipieren und als eine Art Libero agieren. Ab diesem Zeitpunkt ist systematisch auch nicht mehr von einem 4-3-3 die Rede, sondern von einem 1-4-3-3. Wer in den letzten Jahren Spiele von Trainern wie Pep Guardiola, Lucien Favre oder Mauricio Pochettino verfolgt hat weiß, dass dieses System auch eine natürliche Schwäche mit sich bringt. Das Spiel ist ausschließlich mit konditionsstarken Spielern praktikabel, die bereit sind, 90 Minuten füreinander zu arbeiten. Als treffendes Beispiel dieses Einsatzes, trotz einer anderen Spielkultur, dient Borussia Dortmund in der Meistersaison 2010/2011.

Als allgegenwärtige Lehrmethode definiert Michels das Vier-gegen-Vier. Hier werden die Akteure in einer offenen Spielsituation ständig mit rasch umzusetzenden Lösungsmöglichkeiten konfrontiert. So werden technische Fertigkeiten automatisch durch ständigen Gegnerdruck geschult. Ebenso wie das taktische Verhalten, da in alle Spielrichtungen kombiniert werden und sich das Spiel sowohl in die Breite als auch in die Tiefe verlagern kann. Die ballführenden Spieler werden somit immer wieder dazu gezwungen Dreiecke zu bilden, wogegen das Ballerobern über das Kontrollieren von Abständen und  das gezielte Anlaufen erfolgt. Später wird man die Niederländer zurecht als die Brasilianer Europas bezeichnen, obwohl der „Total Voetbal“ außer der Betonung von technischen Fähigkeiten und der Offensive nichts mit dem südländischen „Joga bonito“ gemeinsam hat. Michels Fußball ist schnörkellos, zielorientiert und auf ein kollektives Konzept ausgerichtet. Am ehesten ist sein Ansatz mit dem Spiel der Franzosen bei der EM 1984 oder der WM 1998 vergleichbar. Wobei die Holländer schneller und direkter spielen, den Ball mehr spielen als streicheln sowie das Spiel durch das Spielgerät schnell machen und nicht durch das Laufvermögen. Dribblings wie jene von Cruyff dienten nur zum Zweck das Spiel auf diesem Wege zielgerichtet zu beschleunigen, weil es anders keine Möglichkeit gegeben hat.

Der Dirigent des schönen Spiels – Die Spielweise Cruyffs

„Johan ist technisch so vollkommen, dass der Fußball an sich schon in sehr jungem Alter für ihn den Reiz verloren hatte. Er beherrschte alles schon seit seinem 20. Lebensjahr, denke ich. Darum fing er meiner Ansicht nach schon sehr früh an, sich für Taktik zu interessieren“ (Marco van Basten)

Wie schon erwähnt ist Cruyffs erstes Spielfeld die Straße von Betondorp. Ein technisch starker und schmächtiger Junge läuft große Gefahr hier verletzt zu werden. Unbewusst entwickelt Cruyff wohl schon damals eine Zweikampfvermeidungsstrategie und schult Technik sowie Gewandtheit. Später beherrscht er das physische Spiel jedoch, weiß seine Gegner zu düpieren und lernt mit der Zeit auch Härte in sein Spiel zu integrieren. Der junge Johan hat viele Defizite, die auch seinen Förderern nicht verborgen bleiben. Seine geschmeidige Muskulatur, sein Ballgefühl, das Reaktionsvermögen und die fußballerische Intelligenz qualifizieren ihn in einer Zeit, in der dies zu meist als K.O.-Kriterium aufgefasst wird, für eine hochwertige Ausbildung. Um Vergleichbares vorzuweisen muss man sich nur mal George Best oder Lionel Messi zu Gemüte führen. Beide waren klein und schmächtig – der Rest ist Geschichte.

Cruyff erklärt später selbst, dass kleine Spieler zwei entscheidende Vorteile haben: „Da ich klein war, musste ich mich immer schnell und gut orientieren, um schnell handeln zu können. Man entwickelt so eine gute Übersicht. Zudem sind jene die technisch stark und körperlich schwach sind fast immer beidfüßig“. Häufig wird Cruyff als Stürmer gekennzeichnet – nominell war er auch als Mittelstürmer positioniert. Dennoch agierte er mehr als offensiver Mittelfeldspieler. Er war aufgrund seiner rochierenden Spielweise schwer auszurechnen und zu neutralisieren. Seine Bewegung pendelte immer zwischen der eigenen Spielhälfte und dem Strafraum des Gegners. Den Mittelstürmer Cruyff hat es im Grunde also nie gegeben. Schon damals agierte er wie ein Spielertrainer, wurde von Michels in jede Besprechung miteinbezogen und diente dem Coach als verlängerter Arm. Das macht Michels mit niemandem sonst, nur mit ihm, damit sein zweites Sprachrohr von innen nachjustieren kann. Mit seinen Gesten auf dem Spielfeld, dem Anzeigen von Laufwegen und der permanenten Kommunikation ist er der Vorreiter dessen, was heute als selbstverständlich hingenommen wird. In diesem Ausmaß hat es das zu jener Zeit nicht gegeben. Cruyff sprach Dinge im Spiel klar an, jedoch nie um jemanden herabzusetzen, sondern stets um zu korrigieren.

Im Laufe der Zeit hat es eine Vielzahl von Interpretations- und Vergleichsversuchen gegeben, um Cruyffs Spielweise zu beschreiben. Jochen Hieber (Redakteur der FAZ) beschreibt ihn so: „Er spielte wie Libuda seine Gegner schwindlig, erzielte unbeschreibliche und unmögliche Tore wie Gerd Müller, gebot über die Tiefe des Raums wie Günther Netzer. Er ist die Synthese aus Schönheit, Übersicht und Effizienz.“ Dietrich Schulze-Marmeling (deutscher Schriftsteller) vergleicht ihn gar mit drei der ganz Großen des derzeitigen Zeitalters: Wie Messi hat er einen explosiven Antritt, ist technisch sowie koordinativ genial und agiert mit entscheidenden Tempowechseln in wichtigen Räumen. Messi ist hier wohl noch eine Steigerung zu Cruyff, wohingegen der Holländer mehr den Charakter eines Strategen als der „Floh“ hat und weniger abhängig von seinen Mitspielern ist, da er stets den Ball fordert und nicht wartet, bedient zu werden.

Offizielles GSN-Rating

Genau wie Xavi ist sein Passspiel schnell und präzise. Beide verfügen über eine sehr hohe Spielintelligenz und schaffen es, ihre Mitspieler besser zu machen. Allerdings ist Cruyff deutlich torgefährlicher, was primär auf deren unterschiedliche Position zurückzuführen ist. Der Vergleich mit Cristiano Ronaldo ist hingegen dünner, jedoch aufgrund seiner Fähigkeit ein Spiel auch von der Seite aufzuzäumen sowie der aufrechten Körperhaltung und der Torgefährlichkeit berechtigt. Als letzter soll hier Frank Rijkaard einbezogen werden, der seinen Mentor mit Diego Maradona vergleicht. Beide hätten Spiele im Alleingang gewinnen können. Allerdings reichten die Fähigkeiten des Argentiniers nicht an Cruyffs heran, der die Taktik seiner Mannschaft so zu verändern wusste, dass sein Team in der Lage war zu gewinnen. Dies zeigte vor allem das Viertelfinale der WM 2010, bei dem Argentinien akzentlos gegen Deutschland ausschied, wobei Maradona bewies, dass er keine Ahnung von Taktik hat. GSN (Global Soccer Network) hat in diesem Kontext für den heutigen Anlass die Spielerdaten ehemaliger und aktueller Stars in die heutige Zeit transferiert und in eine Indexzahl umgewandelt. Alle Spieler befinden sich in der absoluten Weltklasse, da die Kategorisierung der Indexzahl ab einem Wert von 85 in die Spitze zuteilt. Um mehr über GSN und den Index zu erfahren, ist HIER ein mit uns geführtes Interview zu finden.

Cruyff taktierte mit Leichtigkeit über das Spielfeld, er war praktisch überall. Manch einer würde ihm aufgrund dessen eine „Box-to-Box-Player“-Interpretation zukommen lassen – womit man auch im weitesten Sinne nicht falsch liegt. Er war in der Lage ein Spiel zu lesen, Situationen vorauszusehen und in Eins-gegen-Eins-Situationen ohne komplizierte Tricks zu bestehen. Johan hat seine Duelle durch graziöse Ballführung und Tempowechsel gewonnen. Er war seinen Gegenspielern zudem immer einen Schritt voraus. Er sagte einst selbst: „Der einzige Unterschied zwischen mir und den anderen ist, dass sie weniger Überblick haben. Ich erkenne Situationen einen Bruchteil schneller“. Damit ist er mit seinen eigenen Fertigkeiten wohl dennoch bescheiden ins Gericht gegangen. Johan war in der Lage ein Spiel wie kein anderer zu beeinflussen. Seine Rhythmuswechsel waren beeindruckend – physisch wie mental. Er war wie ein Herrscher auf dem Feld, der organisierte protestierte Erklärungen verlangte und ab und zu auch mal die anderen spielen ließ. Mit dieser herrischen Art eckte er nicht selten an – unter dem Strich war der „tollkühne Holländer“ jedoch seine Natur, die ihn zu jenem Revoluzzer machte, den wir nachfolgend kennenlernen werden.

Aufgrund all der Facetten seines Spiels sowie seines Charakters ist ihm die Nummer 14 wie auf den Leib geschneidert. Sie ist jenseits aller bekannten Nummerninterpretationen und wird von keinerlei Einschränkungen umgarnt. Seine immense positionelle Flexibilität lässt darüber hinaus keine feste Verankerung zu. Keine der regulären Startnummern wäre ihm gerecht geworden, wodurch die 14 Johans Lösung auf alles sein dürfte. Für Horst Blankenburg war er indes der „kompletteste Offensivspieler überhaupt“ während Jorge Valdano einen epischeren Ansatz für Cruyffs Dominanz wählt: „Wenn man sagt, Johan Cruyff spielt wie ein Gott, dann ist das nur die halbe Wahrheit. Was er eigentlich tat, war Spiele zu regieren“.

Ajax‘ goldene Ära – Das Team der drei Europapokale

„Tempofußball war noch nicht erfunden, als Cruyff ihn schon längst spielte. Und die Eleganz seines Auftritts vermittelte eine erste Ahnung davon, wann und warum Arroganz in künstlerischen Berufen gerechtfertigt ist“
(Fritz Eckenga, deutscher Kabarettist, Autor und Kolumnist)

Cruyff tritt zu einer Zeit auf die Bildfläche des internationalen Fußballs, in der die Sichtweise einer fußballerischen Ausbildung klar unterteilt war – auch kulturell bedingt. In Deutschland herrscht ein konsequenter Fußball wohingegen Italien vom Ergebnis und der Taktik regiert wird. Englische Kicker agieren über die Physis, während die Niederlande die Doktrin auf Technik und Offensivfußball legt. Heute leben wir in einer Massenkultur, die eine breite Palette an Menschen und Bräuchen bietet. Holland ist nun viel deutscher. Deutschland spielt holländischer. Die mediale Beeinflussung trägt ihren Teil dazu bei – die Kulturen sortieren sich völlig neu. In den 60ern und 70ern halten rebellische und unpatriotische Jahre Einzug. Junge Leute aus ganz Europa, vor allem aus Deutschland, fühlen sich zu den Niederlanden hingezogen. Alles war besser dort; die Menschen leben freier und unspießiger. Cruyff und seine Kollegen stehen für den Inbegriff von Antiautorität – später werden Beckenbauer, Netzer und Hoeneß die Galionsfiguren in Deutschland für eine ähnliche Bewegung sein. Vorerst sind jedoch die Sympathien pro Cruyff klar gesetzt. Er ist das Gegenstück zum schickimicki-geprägten FC Bayern, der zu jener Zeit vor allem CSU und Franz-Josef Strauß ausstrahlte.

Die goldene Ajax-Ära zwischen 1971 und 1973

Doch bis es zu einem solchen Status Cruyffs kommt, absolviert er vorerst am 24. Oktober 1964 sein Profidebüt in der A-Elf von Ajax Amsterdam. 1965 sollte der 18-jährige Johan dann seinen größten Gönner treffen: Rinus Michels! Der Vater des „Total Voetbal“ wird sein Mentor und der erste Vollzeittrainer der Niederlande. Ajax ist zu dieser Zeit absolutes Mittelmaß und auch in der eigenen Stadt nicht die Nr. 1. Aus jener Zeit existiert eine der nachhaltigsten Überlieferungen des Verhältnisses Cruyffs zu Michels. Der Coach zitierte ihn regelmäßig zu Waldläufen, weil er sich im Training gerne den einen oder anderen Meter sparte. Er sollte eine Vorbildfunktion repräsentieren. Zumeist gingen sie dann aber nur früh morgens spazieren und unterhielten sich über Fußball. Es ging Michels rein um die Signalwirkung und Manifestation seiner Autorität. Jener Mann sollte einer der wenigen sein, die der exzentrische Holländer jemals respektierte, weil er einer der Hauptgründe war, warum Holland seinen Platz auf der Weltkarte des Fußballs bekam. Michels treibt die Professionalisierung des Sports in den Niederlanden weiter voran, führt Trainingslager ein und macht Cruyff sowie Piet Keizer zu den ersten Vollprofis. Er formt Ajax in nur anderthalb Jahren vom Abstiegskandidaten zum Champion. Bis 1973 gewinnt Ajax unter ihm fünf von sieben nationalen Meisterschaften und erkämpft sich die Oberhand über den ewigen Rivalen Feyenoord Rotterdam. Hierfür setzt er in der Saison 1969/1970 den Markstein in der europäischen Fußballgeschichte. Man unterliegt Arsenal London im Messepokalfinale in einem vollgepackten Highbury-Stadion mit 3:0. Ajax agiert mit einem abenteuerlichen 4-2-4. Anschließend revolutioniert er das System und erkennt, dass die Balleroberung mit vier Angreifern schwer zu bewerkstelligen ist. Das 4-3-3 bei Ajax ist geboren. Die anschließende Saison bedeutet die endgültige Wachablösung im niederländischen Fußball. Über Nentori Tirana (Albanien), den FC Basel, Celtic Glasgow und Atletico Madrid spielt man sich ins Finale des Europapokals – ein 2:0-Sieg gegen Panathinaikos Athen bringt den ersten internationalen Erfolg der Klubgeschichte. Ajax stößt in eine Lücke, die Spanien und Italien unfreiwillig preisgaben, indem sie ihre Grenzen für ausländische Stars geschlossen haben. Der kunstvolle südländische Stil ist nicht länger gefragt. Individualismus und technische Eleganz treten endgültig in den Hintergrund. Cruyff und Co. herrschen nüchtern, rationell und keineswegs reizlos über ihre Gegner. 1971 gewinnt Cruyff zudem seinen ersten Ballon d’Or – der erste Niederländer, dem diese Ehre zuteil wurde. Rinus Michels wechselt nach diesem Erfolg zum FC Barcelona. Mit Stefan Kovacs folgt ein Kroate auf den Trainerstuhl. Er passt das Spiel vermehrt der individuellen Klasse seiner Akteure an und gewährt mehr Freiheiten. In erster Instanz führt dies dazu, dass sich das fußballerische Genie Cruyffs voll entfalten kann. Erneut holt man den Europapokal – zudem gewinnt man erstmals den Weltpokal, indem man CA Independiente Avellaneda schlägt. Der dritte Europapokal der Landesmeister folgt zugleich im Jahr 1973. Zuvor sichert man sich noch den europäischen Supercup gegen die Glasgow Rangers. Dies ist das Jahr, indem der FC Bayern unter Coach Udo Lattek erstmals auf Johan Cruyff trifft.

Lattek ist der erste der erkennt, dass Johan nicht als klassischer Mittelstürmer agiert und stellt seinen Vorstopper Georg Schwarzenbeck gegen ihn auf. Am Ende triumphiert Ajax dennoch mit 4:0, zerfleischt im Halbfinale Real Madrid und sichert sich gegen Juventus Turin den Sieg in einem Finale, das einen glanzvollen Auftritt der Ajacieden vermissen ließ. Cruyff wird zum zweiten Mal Weltfußballer und dennoch soll all der Triumph das instabile Kartenhaus zusammenbrechen lassen. Im Team und im Verein herrschen Ungereimtheiten. Cruyff ereilen Abwanderungsgedanken, die im Wechsel nach Katalonien gipfelten. Am Ende dieser Ära ist dieses Ajax-Team neben, dem von Sacchi trainierten AC Mailand, Real Madrid und Benfica Lissabon einer der wichtigsten Impulsgeber des europäischen Fußballs. Innerhalb von sechs Jahren steigt man vom Durchschnittsverein zur besten Mannschaft der Welt auf.

Ein Mann der ein Volk befreit – El Salvador erreicht Katalonien

„Cruyff war innerhalb und außerhalb des Feldes so intelligent, dass uns nicht einmal unser ausgezeichneter Netzer trösten konnte“ (Javier Marias, Real Madrid naher Schriftsteller)

Nach langen Streitigkeiten mit dem niederländischen Fußballverband, da die Wechselperiode in Holland bereits vorbei ist, wechselte Cruyff dennoch zum FC Barcelona. Er hinterlässt ein Ajax, das mehr durch Johan Cruyff geprägt ist, als der FC Bayern durch Franz Beckenbauer. Zeitgleich endet bei Ajax für eine lange Zeit der internationale Erfolg – ehe Cruyff erneut auf den Plan tritt. Zuvor heißt sein Trainer allerdings ein weiteres Mal Rinus Michels, nun in der Millionenmetropole Kataloniens. Barca erlebt einen Horrorstart in die Spielzeit 1973/74 – nach sechs Spielen stehen ebenso viele Zähler auf dem Konto. Die letzte Meisterschaft liegt zu jenem Zeitpunkt schon 13 Jahre zurück. Schon vor Cruyffs Ankunft hat Michels die Basis für eine Grundsanierung des Vereins geschaffen. Der Verband hat zu seinem Glück auch die Grenzen für ausländische Spieler wieder begrenzt geöffnet. Nun können wieder zwei Akteure aus dem Ausland bei Barca unter Vertrag genommen werden. Spanien wird zu jener Zeit vom Diktator Franco regiert, die Autonomie Kataloniens ist untergraben, die Sprache stark eingeschränkt und die „senyera“ (katalanische Flagge) im Wappen des FC Barcelona wird hispanisiert. Allmählich zeigt sich der spanische Führer allerdings sterblich, vegetiert vor sich hin und ein klassenübergreifendes Nationalgefühl beginnt sich auszubreiten. Der FC Barcelona soll nun wieder zur „epischen Waffe eines Volkes ohne Staat“ (Manuel Montalban, spanischer Schriftsteller) aufsteigen – zu einem Forum des Widerstands.

El Salvador – Der Erlöser Kataloniens

Parallel heuert Günther Netzer beim Erzrivalen Real Madrid an. Eigentlich soll jener auch einen deutschen Star auf Barcas Seite gegenübergestellt bekommen – Gerd Müller. Der Münchner möchte allerdings nicht weg, weshalb die zweite Wahl Johan Cruyff ist. Der Holländer kommt für die Rekordsumme von drei Millionen Gulden in die katalanische Hauptstadt und erhält einen Dreijahresvertrag. Der Kontrakt hat es in sich: der Klub zahlt seine Steuern, die Unterkunft wird komplett übernommen, ein Grundgehalt von 6.000 Mark inkl. Prämien und ein Handgeld von 2,35 Mio. Mark sind die größten Bausteine des schwersten Deals der Fußballgeschichte. Am 24. Oktober 1973 ist es dann soweit: Cruyff gibt sein Debüt, steuert zum 4:0-Sieg gegen Granada zwei Tore bei und startet mit seinem Team eine Serie von 24 ungeschlagenen Spielen. Ulfert Schörder (deutscher Journalist und Autor) konstatiert: „Noch nie ist eine Mannschaft durch einen einzigen neuen Mann derart positiv beeinflusst worden“. Eine „Cruyffmania“ entsteht – ähnlich wie zu Zeiten Ladislao Kubalas. Der Zuschauerschnitt steigt von 35.000 auf 90.000 Zuschauer an. 10.000 neue Mitglieder können innerhalb weniger Monate gewonnen werden. Zusätzlich steigt Cruyff im Februar 1974 endgültig zu einem Nationalhelden auf. Zwei Ereignisse lassen ihn die Herzen aller Katalanen erobern. Am 9. Februar 1974 kommt sein Sohn zur Welt, sein Name Jordi – benannt nach Kataloniens Schutzpatron Sant Jordi. Wenige Tage später bezwingt man dann Real Madrid im Bernabeu mit 5:0. Der 17. Feburar 1974 wird für ganz Katalonien ein nachhaltiges Ergebnis, das für immer in Erinnerung bleiben soll. Fünf Runden vor Schluss sichert man sich vorzeitig den Meistertitel und Cruyff wird zum dritten Mal Weltfußballer. El Salvador (Der Erlöser) hat in nur einer Saison ein ganzes „Land“ befreit und einer, von Politik zerrütteten Gesellschaft neue Hoffnung geschenkt. Anschließend beginnt die Talfahrt. Cruyff ruht sich auf den Lorbeeren aus, trainiert nicht mehr regelmäßig und verbringt viel Zeit bei Massagen und Lockerungsübungen. Somit sollen zur Saison 1975/76 neue Akzente gesetzt werden. Coach Hennes Weisweiler gewährt dem Holländer nicht denselben Sonderstatus wie einst Michels – ein erster Funken eines rasch endenden Scharmützels.„Weisweiler duldete neben sich keinen anderen Gott, und für einen solchen hielt sich Johan Cruyff“ analysierte Ludger Schulze (deutscher Journalist).

Mit Cruyffs Vertragsverlängerung ist das letzte Ausrufezeichen gesetzt und „Don Hennes“ muss gehen. Der Hauptgrund in der Differenz ist sicherlich im Kulturunterschied zu finden: in Deutschland gibt zu jener Zeit noch der Trainer klare Anweisungen während der Rest spurt. In den Niederlanden wird erwartet, dass man mitdenkt. Cruyff war wissentlich noch nie gut darin, sich gänzlich unterzuordnen. Laut Günther Netzer waren die Spanier der Ansicht, dass es „viele Weisweilers gibt. Aber nur einen Cruyff“. Tatsächlich wird der Niederländer in seiner Funktion als Trainer deutlich mehr Gemeinsamkeiten mit Weisweiler aufweisen, als es noch der Spieler getan hat. 1978 endet Cruyffs Spielerkarriere – vorerst. Schon sehr früh hatte er sich in den Kopf gesetzt mit 31 Jahren das Spieleramt zu quittieren – einen exakten Grund für diesen Zug kann er auch im Laufe seines weiteren Lebens nicht nennen. Manche versuchen die Zeitrechnung des FC Barcelona ebenso durch Cruyffs Ankunft neu zu definieren, wie es in den 50er Jahren Anhänger Real Madrids durch ihren Superstar Alfredo di Stefano getan haben. Fakt ist jedoch, dass sich die Bilanz des Holländers deutlich weniger schmeichelhaft liest als jene seines argentinischen Vorbilds. Am Ende seiner Zeit steht kein einziger internationaler Pokal auf seiner Rechnung. Lediglich eine spanische Meisterschaft sowie den nationalen Pokal erringt er. Der Zeitgeist des herausragenden Spielers „Cruyff“ ist somit nur auf die denkwürdige Saison 1974 limitiert – eine Saison, die ihm ewige Dankbarkeit eins ganzen Volkes schenkte. Eine Wachablösung gibt es nicht, Real Madrid ist weiterhin die treibende Kraft Spaniens – was sich erst mit Johan als Trainer der Blaugrana ändern soll.

General Rinus zum Dritten – Live the American Dream

Der 31-jährige Johan setzt sich nun weitgehend zur Ruhe und gewinnt Abstand vom Spiel, das er so sehr liebt. Zum ersten Mal hat er mehr Zeit für sich und die Familie als ihm möglicherweise lieb war. Seine finanziellen Angelegenheiten lässt er weiterhin von Schwiegervater Cor Coster regeln, der durch Cruyff zum ersten Spielerberater der Niederlande aufsteigt und dieses Geschäft revolutioniert. Aus Unachtsamkeit und Langeweile sichert sich Cruyff während seiner fußballerischen Abstinenz das einzige Mal in seinem bisherigen Leben nicht bei seinem Finanzvorstand ab und investiert in eine Schweinezucht auf Ibiza. So verrückt wie das klingt, so wenig überraschend ist die Tatsache, dass er in seinem Vorhaben auf einen Betrüger reinfällt, der ihm ca. 80% seines Vermögens abnimmt. Die Kasse ist leer und Johan zu seinem nächsten Schritt gezwungen. Der Niederländer tut, was er am besten kann: er holte die Treter vom Nagel und folgte Stars wie Pele, Beckenbauer oder George Best ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten – die USA ruft. 1979 zieht es ihn zu den „Aztecs“ nach Los Angeles, wo sein Trainer zum wiederholten Male Rinus Michels heißt. Ein weiterer Grund dürfte der Rasenplatz der Jungs aus L.A. gewesen sein, da der prägende Anteil der NASL (North American Soccer League) auf Kunstrasenplätzen spielt, ein Umstand der Cruyff missfällt. Nur zwei Jahre später wird der Klub aufgrund eines Bilanzdefizits aufgelöst, weshalb die Reise weiter in die Präsidentenstadt zu den Washington Diplomats führt.

Unter General Manager Andy Dolich, der in den folgenden Jahrzehnten unter anderem bei den Oakland Athletics, Golden State Warriors und San Francisco 49ers hervorragende Arbeit leisten wird, lernt Cruyff unter anderem viel über das Sportbusiness und dessen Führung. Er fängt an, den Leistungssport auch mit anderen Augen zu betrachten. Der Fußballsport war zu jener Zeit noch sehr jung und mit Cruyff schaffte man es, erstmals einen größeren Anteil Fernsehzeit zu erringen. Der Niederländer wurde zum Gesicht der sozialen sowie medialen Etablierung.

Nach nur 59 Spielen, 26 Toren und mit einer grundsanierten Kasse verlässt König Johan die USA und kehrt nach Europa zurück. Seine späteren Großprojekte wie das Cruyff Institute und die Cruyff Foundation werden jedoch auf seine Jahre in den Staaten zurückzuführen sein.

Die alte Liebe und der ewige Rivale – Cruyffs letztes Kapitel als Fußballer        

„Ich war schrecklich beleidigt, dass Ajax mich abgeschrieben hat. Niemand tut das. Ich entscheide, wann ich aufhöre“
(Johan Cruyff)

Nach einem weiteren Sabbatical und einem Engagement als technischer Berater bei Ajax Amsterdam heuert Cruyff 1981 beim spanischen Zweitligisten UD Levante an. Ein paar Verletzungen und eine körperliche Sanierung später schnürt er im Dezember 1981 erstmals seit 8 ½ Jahren wieder die Fußballschuhe für seine erste Liebe – Ajax Amsterdam. Mittlerweile haben sich die Rahmenbedingungen gänzlich verändert – eine neue Fußballergeneration wartet auf. Eine Riege von Kickern, die mit völlig neuem Luxus aufwächst. Cruyff konstatiert, dass seine Frau früher noch die Schmutzwäsche gewaschen hatte und die Schuhe selbst geputzt wurden. Heute liegt alles schon parat, um nichts musste sich mehr selbst gekümmert werden. Abseits dessen sollte auch sein neuerliches Auftreten im Dress der Weiß-Roten eine absolute Erfolgsgeschichte werden. Ein herausragender Cruyff, umzingelt von hungrigen Jungspunden wie dem 17-jährigen Marco van Basten, Sören Lerby und Frank Rijkaard, führt seinen Verein ohne Umwege zum Meistertitel. Eine Saison später sorgt König Johan für ein weiteres Highlight in der Geschichte des Fußballs – ein pfiffiges Elftmetertor gegen Helmond Sport. Er begründete die Aktion mit einem Geschenk für die Zuschauer, die sich bei kalten Temperaturen im letzten Spiel des Jahres ein solches Tor verdient hätten. In dieser Saison begnügt man sich nicht allein mit der Meistertrophäe. Das Double hält seit langer Zeit wieder Einzug in Amsterdam. Cruyff ist just 36 Jahre alt und soll trotz guter Leistungen keinen neuen Vertrag erhalten. Für die Oberen ist er zu dick, alt und verdient zu viel Geld. Der verärgerte „König“ zieht weiter zum Erzrivalen Feyenoord Rotterdam, bei dem er nach einem etwas holprigen Start zu Höchstform aufläuft. Nun steht ihm das Talent Ruud Gullit zur Seite, mit dem er fast im Alleingang die Meisterschaft erringt. Den Pokal gibt’s als Sahnehäubchen. Der 13. Mai 1984 markiert dann Cruyffs letztes Spiel im Profifußball im Alter von 37 Jahren. Als Spieler setzte er einzigartige Akzente, prägte gemeinsam mit Michels einen Stil, der bis heute nicht abzuklingen scheint. Als Trainer wird er diese Ideologie weiter verfeinern und sich vollends ein Denkmal setzen. Doch vorerst, lassen wir noch seine Zeit in der Elftal Revue passieren.

Keine Vollendung – Cruyff im Dress von Oranje

„Ich stehe für eine Ära in der bewiesen wurde, dass Fußball gleichzeitig attraktiv und erfolgreich sein kann“
(Johan Cruyff, über seine Zeit in der Nationalmannschaft)

Wie schon erwähnt, hat die Nationalmannschaft bis zur WM 1974 keinen besonderen Stellenwert in den Niederlanden und ist von Amateurismus geprägt. Ein Grund dafür ist die große Rivalität von Feyenoord und Ajax Amsterdam, praktisch ein Äquivalent zur Situation in Spanien. Dass Cruyff mit der WM 1974 sein erstes und letztes großes Turnier spielt hängt vor allem mit dem Verband zusammen, der sich, im Gegensatz zum nationalen Fußball, nicht weiterentwickelt. Oranje bezieht zur WM in Deutschland das Waldhotel Krautkrämer im Münsterland. Zu jener Zeit ist es für die Hiltruper Jungs schwer die eigene Nationalelf zu unterstützen, wenn vor ihren Augen täglich eine vor Qualität und Selbstvertrauen strotzende Mannschaft trainiert. König Johan und seine Kameraden sind die Besten – leider sind sie sich dessen mehr als bewusst. Aufgrund des „Total Voetbal“ und in Konsequenz der Turnierleistung wird man trotz der Finalniederlage gegen die Deutschen zurecht behaupten, dass Holland nicht nur den schöneren, sondern auch den besseren Fußball gespielt hat.

Gegen die UdSSR – Cruyff in der Elftal

Erst zum dritten Mal in der Geschichte des niederländischen Fußballs fährt die Elftal zu einer WM-Endrunde. Cruyff spielt mittlerweile beim FC Barcelona und soll sein Team zum Titel führen. Er forderte schon damals den mitspielenden Torwart im Nationaldress, der sich erst Jahre später durch die Modifikation der Rückpassregel im Jahre 1992 durchsetzen sollte. Nicht grundlos kommt es in Deutschland 2006 zur Grundsatzdebatte, die Pro Jens Lehmann ausfällt. Kahn repräsentierte noch den gängigen Reaktionstorwart, der nicht gefragt war. Einige behaupten auch heute noch, dass der Verlauf anders gewesen wäre, hätten sich Klinsmann und Löw anders entschieden – ein Umstand der mehr auf Sympathien und Frust zurückzuführen sind, als auf eine Frage der Spielideologie. Für die Niederlande reist eine ehrgeizig, technisch exzellent ausgebildete Mannschaft. Die Balance zwischen der Arbeiterklasse der Hafenstadt Rotterdam und den Genies Amsterdams scheint perfekt. Aufgrund des Trainerwechsels vor dem Turnier geht man als Außenseiter ins Rennen. Am 16. Juni 1974 wird im Niedersachsenstadion in Hannover der erste Auftritt der Oranje gegen Uruguay angepfiffen. Mit dem Zeigerschlag um 16.00 Uhr geißeln die Holländer ihren Gegner im gewohnt wandlungsfähigen 4-3-3-System. 30.000 Niederländer sehen eine Machtdemonstration ihrer Mannschaft beim 2:0-Sieg. Ab jetzt zählt auch die Elftal zum Favoritenkreis. Anders als heute verbreitete sich die Euphorie nicht so rasch – die einzigartige Bewegung verlief eher schleppend. Die weiteren Gruppengegner heißen Schweden und Bulgarien. Der „König“ setzt gegen die Skandinavier seinen nächsten technischen Ausnahmeakzent – den Cruyff-Turn. In der Endrunde wird Argentinien in Gelsenkirchen in einem der besten Spiele des gesamten Turniers mit 4:0 vom Feld gefegt. Cruyff agiert auch bei diesem Turnier in alt gewohnter Manier: er diskutiert mit den Offiziellen, nimmt Einfluss auf Spielerwechsel, gibt seinen Kollegen Anweisungen und findet ab und an noch die Zeit, seiner Frau auf der Tribüne zuzuwinken. Alles, weil er wie seit jeher, absolute Autorität genießt. Im nächsten Spiel wartet die DDR – Michels zieht seinen Superstar in die Defensive zurück, der sich in weiten Teilen des Spiels in der eigenen Hälfte aufhält. Dies zeigt erneut seine ungeheure Flexibilität und Spielintelligenz, da es ihm gelang, sein Team auch aus einer ungewohnten Position heraus zum Sieg zu dirigieren.

Was nun folgt, ist die endgültige Wachablösung im Weltfußball: Am 3. Juli kommt es zum Showdown gegen Weltmeister Brasilien. 2:0 werden die Südamerikaner geschlagen. Ihnen und gar der ganzen Welt wird vor Augen geführt, dass der schöne, unverfälschte Fußball nun sein Ende gefunden hat. Mit 14:1 Toren und enormem Rückenwind geht die Oranje als Favorit ins Finale gegen die Deutschen. Es duellieren sich zwei Mannschaften, die mit überkommenen Konventionen und Autoritäten gebrochen haben – nur dass dies im holländischen Verband nie aufhören sollte. Brutstätte eines der kontroversesten Finals der WM-Geschichte ist das Münchner Olympiastadion. Weltweit verfolgen rund 500 Mio. Menschen das Finale. Als um 16:02 Uhr der Eröffnungspfiff ertönt dauerte es keine 60 Sekunden, ehe Holland mit 1:0 in Führung liegt. Nach dem Traumstart begehen Cruyff und seine Teamkollegen einen fatalen Fehler, indem sie ihren Gegner vorführen, anstatt bezwingen wollen. Deutschland dreht durch Breitner und Müller das Spiel in der ersten Hälfte, ehe die Niederlande in den restlichen 45 Minuten unentwegt auf das Tor von Sepp Maier anstürmen, der wohl das beste Spiel im Nationaldress macht. Am Ende heißt der Weltmeister Deutschland – glücklich, unverdient, aber nicht unerklärlich. Der beste Spieler des Turniers erwischt gerade im wichtigsten Spiel seines Lebens seinen schwärzesten Tag – auch aufgrund eines bärenstarken Berti Vogts, der ihn überwiegend neutralisierte. Dennoch genügten sieben Auftritte auf deutschem Boden, um eine Revolution im Weltfußball anzustoßen. Eine ganze Generation war infiziert von einer Mentalität, die elf langhaarige, arrogante Niederländer auf dem Platz vertraten. Cruyff erhält nach dem Turnier seinen dritten Ballon d’Or. Nur Lionel Messi, Platini, van Basten, Cristiano Ronaldo ollen ihm das gleichtun. Der WM-Titel bleibt für immer eine Leerstelle in seiner Karriere.

Eine erneute Chance soll sich erst zur WM 1978 in Argentinien auftun. Cruyff hat seine Nationalmannschaftskarriere jedoch bereits für beendet erklärt und kann trotz intensiver Verbands- und Fanbemühungen nicht zu einer Teilnahme am Turnier überredet werden. Einige spekulieren, ob es nicht politische Gründe hatte, dass er sich nicht überzeugen lies, andere geben seiner Frau Danny die Schuld, die ihm das verboten hätte. Den wahren Grund nennt der „König“ erst im Jahr 2008. In einem Interview mit Catalunya Radio berichtet er von einem Entführungsversuch. 1977 seien bewaffnete Männer in sein Haus eingedrungen, haben seine Familie bedroht und ihm eine Waffe an den Kopf gehalten. Er räumte ein: „In solchen Momenten zählen andere Werte im Leben“. Die Niederlande unterliegt später im Finale Gastgeber Argentinien, während Cruyff als Gastkommentator bei BBC den niederländischen Traum platzen sieht. Anschließend gestand er: „Es stieg in mir das Bewusstsein auf, dass ich am Höhepunkt meiner Karriere diese mit dem WM-Titel hätte beenden können. Da war ich von tiefer Traurigkeit erfüllt. Rückblickend hatte mir der Vorfall in Barcelona diese Chance genommen“. Kritische Stimmen reagieren noch heute mit Unverständnis, wenn vom „Europäischen Fußballer des Jahrhunderts“ die Rede ist, weil er mit dem Nationalteam keinen Erfolg hatte und auch im Vereinsfußball nicht an der absoluten Spitze stand. Für all jene sei gesagt: Der Verdienst für den Fußball wie er heute existiert, ist eine größere Errungenschaft als jeder WM-Titel – auch wenn diese Kerbe in Cruyffs Karriere eine unschöne ist.

An der Seitenlinie – Mehr Coach als Trainer          

„Es ärgert mich, wenn ich weit auseinanderstehende Ketten sehe. Das bedeutet, dass ein Teil des Teams enorme Räume sichern muss. Der Trick ist es die Spieler nahe beisammen zu halten. Nur dann erschaffst du Situationen, in denen der Ball die Arbeit für dich erledigen kann“ (Johan Cruyff)

Ein Trainer ist seinen Spielern übergeordnet, verbessert durch Übungen die Fähigkeiten und soll fachlich gut beraten können. Zweifelsohne trifft dies auf Cruyff zu – die Funktion des Trainers bringt dies schließlich mit. Jedoch sieht sich Cruyff, trotz Autoritätsausübung, mehr als Coach als Trainer und ist mehr Spieler als Coach. Auf den ersten Blick scheint es nicht viel Unterschiede zu geben, dennoch schlägt sich diese Separation in seiner Arbeit nieder. Er steht seinen Spielern primär beratend zur Seite, hilft ihnen, damit sie sich selbst helfen können – typisch holländisch eben. Zudem überlässt er das Training gern Experten und kickt selbst mit, um einen besseren Überblick zu haben – anschließend grübelt er intensiv über Taktik. Er selbst unterteilt Trainer schon in ihrem Ursprung. Für ihn gibt es jene, die schon immer Trainer werden wollten und dann diejenigen, die sich an die Seitenlinie stellen, weil sie nicht länger auf höchstem Niveau spielen können – Cruyff gehört zu letzterer Kategorie.

Um Cruyffs Philosophie zu verstehen, muss man die niederländische Mentalität überblicken. Was wir in Deutschland unter Verteidigen verstehen, definiert der „Total Voetbal“ als Balleroberung – nicht die Verhinderung eines Tores. Denn in den Niederlanden wird auch beim Verteidigen angegriffen. Auch Cruyff behält das 4-3-3-System bei und betont es, als Grundlage der niederländischen Taktikschulung. Der Vorteil als Ausbildungssystem ist unverkennbar, da man mit mehr kreativen Positionsanforderungen konfrontiert wird als in allen anderen Systemen. Und wenn uns Cruyff eines lehrt, dann dass für ihn Schönheit über dem Resultat steht – vor allem im Nachwuchs. Dies erklärt er dadurch, dass Fußball der einzige Sport ist, der mit den Füßen ausgeübt wird.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Fehler unterlaufen ist daher hoch. Fußball ist in Folge dessen ein Sport der Fehlern und Qualität unterliegt, die zum Großteil auf subjektiven, Individualtaktischen Fragmenten basieren. Immerhin schafft subjektives Auslegen von Spielsituationen Atmosphäre – ein Grund für seine tiefe Abneigung gegen sämtliche Neuerungen wie etwa die Torlinientechnik. Lucien Favre trifft den „König“ 1992, um zwei Wochen bei ihm zu hospitieren – gerade hatte dieser mit den Blaugrana den Europapokal gewonnen. Der ehemalige Coach der Fohlen berichtet, dass Cruyff nie Standards geübt habe, auch klassisches Verteidigen stand nicht auf dem Lehrplan. Stattdessen dominierten Passspiel, Vier-gegen-Vier-Situationen und intensive Praxis zur Ballbehauptung das Training. Es ging immer um Ballbesitz und das Herstellen von Überzahlsituationen sowie eine beidfüßige Ausbildung. Für den Holländer ist Fußball eine Aneinanderreihung von Metern, welche mit Handlungsgeschwindigkeit und schnellem Umschalten gekoppelt ist. Daher teilt Cruyff sein Spiel in fünf Linien ein – wenn man den Torhüter außen vor lässt. Vor der Viererkette steht ein tiefstehender Mittelfeldspieler. Dieser wird in der Diagonale von zwei Kollegen an den äußeren Ecken der Mittelfeldraute unterstützt. Die hängende Spitze stellt die ehemalige Position des „Königs“ dar, der als offensiver Mittelfeldspieler und Stürmer agiert. Dieser soll das Feld lang machen und Raum für seine Hinterleute schaffen – der Gebieter des Raums wenn man so will. Die letzte Linie bilden die Außenstürmer, die ganz an der Außenlinie positioniert werden – Cruyff ließ sich am Ende des Spiels die weiße Kreide an ihren Stollen zeigen.

Bei Johans offensivem Spielstil geht es um das Gebiet vom halben Mittelkreis in der eigenen Hälfte bis zum Strafraum des Gegners. Diese Zone ist 45 Meter lang und 60 Meter breit. Somit stehen die Linien etwa neun Meter auseinander, damit die Positionen leichter übergeben bzw. übernommen werden können. Jede Aktion, ganz gleich auf welcher Position, steht somit in einem bilateralen Verhältnis. Das ist Johans fußballerische Schönheit. Auffällig ist, dass dies auch der Aktionsradius war, den er selbst als Spieler eingenommen hat. Indes definiert Cruyff Taktik nicht als Anwendung einer bestimmten Formation, sondern als Anpassung der Spielweise, um den Gegner seiner Stärken zu berauben. Er differenziert eine gute Taktik von einer schlechten durch Handlungsgeschwindigkeit und dem Umstand des frühen Störens. Somit richtet sich nur die Herangehensweise im Spiel nach dem Gegner, nicht aber das System. Basis bleibt ein auf exzellenter Technik basierender Angriffsfußball.

 Die Rückkehr – Ajax erneut an der Weltspitze

„Ich bin dreimal zu Ajax gekommen. Alle drei Mal kam ich in einem Moment, als die Kasse leer gewesen ist und alle drei Mal bin ich bei einer vollen Kasse gegangen. So schlecht bin ich also gewesen“ (Johan Cruyff)

Nach seinem glänzenden Abschluss beim Erzrivalen Feyenoord ist die Legende zurück – abermals als technischer Direktor, da ihm die Trainerzulassung fehlt. Erst Im Januar 1986 soll es dann offiziell für Cruyff als „Stimme aus dem Off“ (Dietrich Schulze-Marmeling) losgehen. Zu seinem Leidwesen hatte sich in den vergangenen drei Dekaden nichts verändert – die wichtigsten sportlichen Entscheidungen wurden fortlaufend von machthungrigen Vorstandsmitgliedern getroffen, die aufgrund von medialen Druckpunkten und getrieben von Lobbyarbeit agierten. Der Fußball bewegt nun um ein Vielfaches mehr Geld als noch zu Cruyffs Spielerkarriere. Dennoch justiert er systematisch seine Vorstellung vom Fußball: Alle Jugendmannschaften folgen nun dem taktischen Schema des 4-3-3 mit einem mitspielenden Torwart und Raumdeckung in der Rückwärtsbewegung. Gezieltes Platzieren von Experten in allen Bereichen ist das zweite Großprojekt des „Königs“. Ajax beschäftigt nun einen Koordinationstrainer, Torwarttrainer, vereinsinterne wie –externe Scouts und einen Visionär als Leitwolf. Heute ist all dies selbstverständlich – damals eine Bewegung, die auch durch Cruyff im professionellen Ausmaß in Gang gesetzt wird. Später weist sein Vorgehen beim FC Barcelona eine hohe Kohärenz auf. Das Glück des Niederländers ist die finanzielle Schlagkraft, die beide Vereine zu jener Zeit besitzen, ohne die er schon im Ansatz gescheitert wäre.

Im ersten Jahr muss man in der Meisterschaft PSV Eindhoven den Vortritt lassen, während man mit dem Triumph im nationalen Pokalwettbewerb ein erstes Signal sendet. Die Saison 1986/87 markiert dann den Beginn von Cruyffs Damoklestragödie. Über die Stationen Bursaspor, Olympiakos Piräus, Malmö FF und Real Saragossa zieht man ins Finale des Pokals der Pokalsieger ein. Inzwischen kickt der 17-jährige Dennis Bergkamp in der A-Elf der Weiß-Roten. Im Finale misst man sich in Athen mit Lokomotive Leipzig, in dem Hollands Superstar Marco van Basten den einzigen Treffer des Spiels markiert. Ajax bekommt erneut sein Ausrufezeichen im internationalen Fußball und erntet den ersten europäischen Erfolg seit 1973 – eine Selbstverständlichkeit zu erwähnen, dass Johan als gemeinsame Konstante identifiziert werden muss. Interessant ist dabei der Vergleich von Cruyffs Pokalhelden und des Elftal-Kaders des Europameisters aus dem Jahr 1988, in dem neun Akteure aus der Cruyff-Schule ihr Land zum Erfolg führten.

Der erste Rückschlag lässt nicht lange auf sich warten. Aufgrund des Erfolgs werden wiederholt die Großen Europas auf den Hauptstadtklub aufmerksam. Kurz darauf zieht es das Gesicht des Teams, Marco van Basten, zum finanzgestärkten Berlusconi-Verein, dem AC Mailand. Cruyffs Suche nach einem neuen Teamleader endet bei Zögling Frank Rijkaard, der sich in eine Rolle gedrängt fühlt, der er sich nicht gewachsen sieht und nach nur acht Meisterschaftsspielen zu Sporting Lissabon wechselt – zurück bleibt ein frustrierter Cruyff, der eine solche Situation nie beabsichtigt hatte. Die folgende Saison erdet Johans Erfolg und gipfelt in der Trennung von Verein und Trainer. Differenzen über Transfers, einem erneuten Nachsehen in der nationalen Meisterschaft und gewohnte Differenzen mit dem Vorstand führen zum frühzeitigen Aus. Kumuliert gewinnt die Kultfigur der Niederlande als Trainer und Spieler 21 Titel – das Highlight bleibt die Zeit zwischen 1971 und 1973, in der man den Weltfußball verzaubert und einen ersten Impuls in Richtung sportlicher Revolution setzt.

Eine Ideologie für die Ewigkeit – die Geburtsstunde des modernen Barca

„Mein Team wird dem Angriffsfußball verpflichtet sein. Ich glaube, dass die Mannschaft, die den mutigsten Fußball spielt, am Ende auch die meisten Trophäen gewinnen wird“ (Johan Cruyff, beim Amtsantritt in Barcelona)

1978, erstmals seit dem Ende der Franco-Diktatur wählen die Mitglieder des FC Barcelona ihren Präsidenten demokratisch. Der erste auf dem „Thron Kataloniens“ ist Josep Lluis Nunez, der den Klub entpolitisieren wollte und mit Johan Cruyff einen seiner größten Fürsprecher hatte. Zehn Jahre sind seither vergangen – eine Amtszeit in der Stars wie Bernd Schuster, Diego Maradona oder Gary Lineker geholt wurden, jedoch nur ein einziges Meisterschaftserlebnis gefeiert werden konnte. Nach einer sich schleichend formierenden Opposition gegen Nunez, rettet dieser seinen Stuhl durch El Salvador, der einmal mehr zum richtigen Zeitpunkt am rechten Ort ist. Die Stadt spricht nun eine gänzlich andere Sprache: die Region erlebt eine kulturelle sowie soziale Renaissance und steigt zu einer der modernsten Metropolen Europas auf. Aus seinen „Fehlern“ lernend, verbannt Cruyff sämtliche Funktionäre aus der Kabine, in der nur er den Ton angibt. Er kümmert sich zudem um das gestörte Verhältnis zwischen dem Präsidium und sportlicher Leitung. Darüber hinaus besteht er auf alleinige Entscheidungsgewalt über den Kauf und Verkauf von Akteuren. Der „Observer“ aus dem Land des Fußballs konstatiert: „Was Lenin für die russische Revolution ist, ist Cruyff für Barca“.

Der Freidenker Russlands hat die Reichen entmachtet und sich dem Proletariat gewidmet – ein Kampf gegen Politik und Macht wie ihn der „König“ seit Jahrzehnten führt und nun die Liebe zum Fußball an den FC Barcelona weitergibt. Während in Amsterdam der Fußball voranschritt befand sich der FC Barcelona im Rückwärtsgang. Johan begann verwaschene Denkmuster zu korrigieren. Bei seiner Ankunft agieren die Blaugrana in einem 4-4-2-System, welches Cruyff ein besonderer Dorn im Auge war. Er implementierte seine Vision vom Fußball, in der ein Torwart der Ausgangspunkt im Angriff ist und die Verteidiger die Länge des Platzes festlegen. Der Jahrhundertfußballer präsentiert in Barcelona eine, wie sich zeigen sollte, maßgeschneiderte Philosophie vom attraktiven, offensiven Fußball mit drei Stürmern, welche schon den Juniorenteams injiziert werden sollte. Im Zeitalter der teuren Stareinkäufe vertritt der Niederländer, wie gewöhnlich, einen polaren Standpunkt und wird damit den Grundstein für Barcas künftiges Fundament setzen. Er verpflichtet sich der Nachwuchsarbeit und wird in 8 Jahren 29 Spieler in die erste Mannschaft lotsen. Cruyff reformiert die Nachwuchsakademie „La Masia“, die im Schatten der denkwürdigen Arena „Camp Nou“ liegt. Keine Dauerläufe, eine Abschaffung von Kraft- sowie Zirkeltraining und der Fokus auf Technik, Ausdauer und Schnelligkeit durch die Arbeit mit Ball sind zentrale Elemente der Neuordnung. Das kollektive Denken wird vollständig auf den Ball ausgerichtet. Der Chef fordert nun: „Hirn statt Muskeln“. Scouts sichten just technisch versierte Spieler, primär Offensivspieler, da diese leicht umgeschult werden können und eine offensive Grundausrichtung prägen. In Folge dessen beginnt mit Cruyffs neuer Struktur die „Herrschaft der Kleinen“ in Barcelona.

Die Katalanen unter dem „König“ waren ein Team, das seine Gegner auf technisch höchstem Niveau wie Statisten aussehen ließ – sich jedoch auch nur bedingt Fehler erlauben konnte. Früher hieß es: „Entweder wir verteidigen, oder greifen an“. Zu jener Zeit verteidigen die Mannschaften in erster Instanz. Cruyff schwamm gegen den Strom und setzte mit seinem Offensivfußball eine für ihn indiskutable Doktrin. Neben dem mitspielenden Torwart wird auch die Rolle des „Sechsers“ neu definiert. Früher, und auch heutzutage in den meisten anderen europäischen Klubs, spielt hier der Arbeiter in der Tiefe des Mittelfelds, den der Deutsche Guido Buchwald oder der italienische Terrier Gennaro Gattuso verkörperten. Der Niederländer fordert nun einen spielstarken, technisch beschlagenen Spieler, der über enorme Spielintelligenz verfügt – Pep Guardiola wird zum Pilotprojekt, dem Spieler wie Patrick Viera bei Arsenal London oder Xavi folgen – letzterer interpretiert diesen Part besser als jeder vor und nach ihm.

Cruyff im Gespräch mit Ziehkind Pep Guardiola

Anfänglich stößt er an Grenzen, auch weil er sein Team noch nicht gänzlich beisammen hat. Zur Saison 1988/89 trennt man sich schließlich von 13 Akteuren, die von elf Neulingen ersetzt werden – samt und sonders Akteure von spanischen Erstligisten und aus der Jugend. Nach einer langen Zeit, in der Barca auf den Schultern ausländischer Trainer und Stars lag, kehrt Cruyff zurück zu den Wurzeln und schafft Identität, da er erkennt, dass es Spieler braucht, deren Mentalität die Fans teilen. 1989 muss man sich zwar in der nationalen Meisterrunde hinter Real Madrid einordnen, gewinnt jedoch den Pokal der Pokalsieger im Berner Wankdorf-Stadion mit 2:0 gegen Sampdoria Genua. Prompt beginnt er nun mit der punktuellen Verstärkung aus dem Ausland. Zu Saison 1989/90 kann Cruyff seinen Landsmann Ronald Koeman sowie den Dänen Michael Laudrup von seiner Idee überzeugen – zur Meisterschaft reicht es dennoch nicht. Erst als er im Sommer 1990 mit Hristo Stoichkov von ZSKA Sofia die Triplette vervollständigt, beginnen die Blaugrana vollends im neuen Gewand aufzublühen. Das Team ist eine bemerkenswerte Horde von jungen, talentierten La-Masia-Absolventen (Guardiola), traditionellen Basken (Bakero, Goitkoetxea), ausländischen Stars (Koeman, Laudrup, Stoichkov) sowie erfahrenen Akteuren (Eusebio, Zubizarreta). 1991 feiert Katalonien erstmals nach fünf Jahren eine Meisterschaft – einziger Wermutstropfen bleibt die Niederlage gegen Manchester United im Europapokalfinale. Nur ein Jahr später sollte das jedoch vergessen sein, da Cruyffs Arbeit seinen Gipfel erreicht. 37 Jahre nach Einführung des Wettbewerbs geht die prestigeträchtige internationale Trophäe nach Barcelona. Für El Salvador muss es sich wie ein Deja-vu angefühlt haben, da er als Spieler am selben Ort – im altwürdigen Londoner Wembley-Stadion – seinen ersten Landesmeisterpokal in die Höhe stemmen durfte. Der nationale Meistertitel geht indes wiederholt an die Blaugrana. Jorge Valdano schwärmt: „Bei Cruyff erreichte die Schönheit ihren höchsten Grad, denn sie war nützlich geworden“. Gleiches wird man Jahre später über sein Ziehkind Pep Guardiola sagen, der den Zeitgeist seines Mentors übertreffen wird. Ausgerechnet bei der Krönung, im Finale des Europapokals, erlaubt sich der Holländer von seinem Motto „Ästhetik über Resultat“ abzuweichen – eine Lehre, die ihm 1974 schmerzlich zu Teil wurde. Barca wird nun zwei weitere Male in der Liga triumphieren, holt 1993 zudem mit Romario einen höchst talentierten Brasilianer in die Metropole Kataloniens. Wieder erreicht man das Finale des Landesmeisterpokals, in dem der von Fabio Capello trainierte AC Mailand wartet. Im Athener Olympiastadion wird man vom taktisch cleveren Italiener mit 4:0 zum Bauernopfer – ein Ende einer hervorragenden Mannschaft deutete sich an jenem Abend an.

In der Folgezeit verlassen Akteure wie Laudrup, Romario und Stoichkov den Verein. Weitere Experimente scheitern und das Spannungsfeld zwischen Trainer und Präsident weitet sich aus. Cruyff werden Wunschspieler wie Ryan Giggs, Robbie Fowler und Steve McManaman verweigert, darüber hinaus wird er der Geldverschwendung bezichtigt. Indes wollte „König“ Johan den begabten Zinedine Zidane zu sich lotsen, der jedoch von der Vereinsführung für nicht gut genug empfunden wurde. In der Retroperspektive fallen hier Namen, die später zu wahren Größen der Fußballwelt aufsteigen werden – ein Umstand, den der FC Barcelona aufgrund von Politik blind akzeptiert. Denn wenn man nach dem größten Problem im Verein sucht, muss man sich eingestehen, dass es der Klub selbst ist. Hinter Cruyffs Rücken werden Gespräche hinsichtlich eines Nachfolgers geführt, in den Medien der Druck auf den Trainer zusehends verstärkt, ehe der Niederländer nach einem heftigen Schlagabtausch mit Vizepräsident Joan Gaspart seines Amtes enthoben wird. Bis an die Zähne bewaffnet verlässt El Salvador den Verein – im Gepäck die besten Zahlen der Vereinsgeschichte. „Es war schwer an seiner Seite zu leben. Aber viel schwerer wird es sein, sein Gespenst zu ertragen“, warnt Jorge Valdano den FC Barcelona. Er soll Recht behalten. Cruyff bleibt in der Stadt, schreibt als Kolumnist in der „El Periodico Catalunya“ und bleibt eine ständige Stimme, eine Instanz ohne offiziellen Posten. Die Fans werden ihm seine Dienste nie vergessen. Für sie bleibt er immer ihr Erlöser!

Trotz lauter Stimmen seines Heimatlandes wird er nie Bondscoach der Elftal. Fakt ist, dass Cruyff nie wieder auf einen Trainerstuhl zurückkehrt und seine Trainerkarriere im Alter von 49 Jahren beendet. Einziger „Rückfall“ bleibt sein kurzes Engagement als Coach der katalanischen Nationalelf im Jahr 2009. Dies ist jedoch mehr Herzensangelegenheit als politisches Signal, auch wenn es nicht so wirken mag. Der Job ist immerhin der ungesundeste im Fußball – ständig grübelt man über Taktik, die nächste Einheit und analysiert seine weiteren Schritte, speziell wenn man ein vom Fußball Besessener wie Johan ist. 1991 wird Cruyff mit Blaulicht ins Krankenhaus St. Jordi in Barcelona eingeliefert, Ursache ist ein Herzinfarkt. Später wird er das Rauchen einstellen, seiner Gesundheit ein großes Augenmerk schenken und sich an internationalen Anti-Raucher-Kampagnen beteiligen. Der „König“ äußert sich reumütig: „In meinem Leben hatte ich zwei Laster: Rauchen und Fußball. Fußball hat mir alles gegeben. Rauchen hat mir das alles beinahe genommen“. Will man abschließend noch einen Vergleich zu „Kaiser“ Franz ziehen, so wird vor allem der Stil ein anderer sein. Bis zur Beckenbauer-Ära waren die großen Künstler im Angriff zu finden – der „Kaiser“ formt fortan Defensivstrategen. Auch als Spieler gingen die beiden prägenden Figuren Deutschlands sowie Hollands abgewandte Wege. Johans Fußball sollte das Publikum begeistern, wohingegen Beckenbauer die Bayern und die Bundesadler mit einem streng kalkulierten Kosten-Nutzen-Faktor ohne großes Risiko gepaart mit minimalem Aufwand zum Erfolg führte. Ein Fußball, der die Fans zuweilen zu Tode langweilte. Der Erfolg gibt „Kaiser“ Franz dennoch Recht, dessen Bilanz sich deutlich ansehnlicher lesen lässt, als jene seines Freundes Cruyff.

Eine Vision die nie verblasst – Cruyffs Mythos als Anstoß einer neuen Ära

„Der Fußball wird zunehmend von Taktik und Geld erstickt“ (Johan Cruyff, zur ansteigenden Kommerzialisierung)

Der „König“ hat auch weiterhin seine Finger im Spiel. Am 16. Juni 2003 wird der 38. Präsident des FC Barcelona gewählt. Mit Cruyff als stärksten Befürworter besteigt Joan Laporta den Thron Kataloniens, der die Demokratisierung des Klubs weiter vorantreibt. Trotz keines offiziellen Postens wird der Holländer Laportas stärkster Berater – der dritte Anlauf beim FC Barcelona, der zur Erfolgsstory werden sollte. Johan sorgt dafür, dass sein früherer Schüler, Frank Rijkaard, den Trainerposten des Klubs bekleidet – ein Mann, der technisch sowie offensiv vom „König“ beeinflusst wurde und das Zusammenwirken von Individuen beim italienischen Taktiker Arrigo Sacchi aufgesogen hat. Nur drei Jahre benötigt das holländische Duo (Rijkaard/Cruyff) für die Reorganisation des FC Barcelona, der seit 1999 keine Trophäe mehr gewonnen hat. Mit seinem Schützling gewinnen die Blaugrana 2006 die UEFA Champions League und beschäftigen Ausnahmekicker wie Ronaldinho, Samuel Eto’o und Deco. Es folgt eine Dekadenzphase, die dem Trainer den Job kostet. Ein kleiner Dämpfer, den Cruyff sofort korrigiert – denn was nun folgt, ist ein Triumvirat von Kultur, Erfolg von Spektakel. Mit Pep Guardiola erhält der nachhaltigste Schüler des exzentrischen Niederländers das Vertrauen. Nach dem Aussortieren von einigen Stars sind es primär Spieler aus der eigenen Jugend und Barca B, die dem Kader der ersten Mannschaft ein neues Gesicht verleihen. Unter ihm steigen Spieler wie Xavi, Iniesta und Lionel Messi zur absoluten Weltspitze auf – das Zeitalter der Kleinen bricht an, die in den folgenden Jahren den europäischen Fußball okkupieren. Um an dieser Stelle den ewigen Fanzwist über die dominierende Rolle von Leo Messi und Cristiano Ronaldo mit Cruyffs Augen zu beleuchten, sei folgendes Zitat zu nennen: „Ronaldo hat zwei Ballkontakte in einer Sekunde. Aber Messi hat in der gleichen Zeit den Ball dreimal berührt. Sein Spiel, sein Tempo- und Positionswechsel erfolgt schneller. Ronaldo ist zu vielen interessanten Dingen fähig, aber er hat nicht Messis Vielfalt“. Wieder einmal zeigt sich anhand dessen die grundlegende Ausrichtung des Holländers, der Kreativität, Intuition und Handlungsgeschwindigkeit als zentrale Elemente für den Fußball ausmacht. Zurück bei Guardiola sei gesagt, dass er Cruyffs Vision nicht kopiert, sondern weiterentwickelt hat. Unter Guardiola „verschmelzen Plan und Anarchie zur Mischkultur“ (Süddeutsche Zeitung). Am 29. November 2011 lässt Pep nach einem historischen 5:0 gegen Real Madrid im Bernabeu den Zeitgeist an seinen Gönner aufleben und widmet den Sieg Cruyff: „Von allen Trainern die ich hatte, hat mich Johan am meisten geprägt. Es war ein Sieg des Respekts vor unserer Herkunft“. Anders als oftmals nachgesagt, ist Guardiola keine Marionette des Niederländers. Als Freunde, die einander respektieren tauschen sie sich regelmäßig aus, da Pep daran interessiert ist, wie Johan gewisse Dinge sieht.

Zum nächsten Showdown im ewigen Kampf mit den Funktionären kommt es im Sommer 2010, als Sandro Rosell zum neuen Barca-Präsidenten gewählt wird. Als eine der letzten Amtshandlungen ernannte Laporta seinen Freund Cruyff zum Ehrenmitglied des Vereins, was der neue Amtsinhaber prompt widerruft, da eine solche Auszeichnung nicht in den Vereinsstatuten vorgesehen ist. Ein erzürnter „König“ gibt die Erklärung eigenhändig zurück und kehrt Barca zu großen Stücken den Rücken. Sein Einfluss ist ab diesem Zeitpunkt auf ein Minimum geschrumpft. Seine Meinung äußert er dennoch weiterhin schlagkräftig. Im Sommer 2011 wird der FC Barcelona und dessen Anhänger separiert, als mit der Katar Foundation der größte Trikotdeal der Fußballgeschichte abgeschlossen wird. Bis dato schmückte UNICEF die Barcabrust. Für die Kinderhilfsorganisation bricht man 2006 das Tabu und „entweiht“ das reine Trikot des Vereins – eine einmalige und brillante Initiative, die eines Klubs wie dem FC Barcelona würdig ist. Die Blaugrana waren der letzte Großklub, der ohne offiziellem Sponsor auftritt – eine Entwicklung, die fünf Jahre später in einem kommerziellen Extrem endet. Rosell rechtfertigt dies mit einem enormen Schuldenberg, und einem gemeinnützigen Charakter der Stiftung. Cruyff wendet sich ab und widmet sich wieder verstärkt seiner ersten Liebe – Ajax Amsterdam.

Mein Verein – Der Kampf um die erste Liebe

„Du benutzt Gabel und Messer um zu essen. Das war vor 100 Jahren so und wird auch in Zukunft so sein. Manches ändert sich nie. Das gilt auch für den Fußball. Zu aller erst müssen die Grundlagen vorhanden sein, bevor du dich  verbessern kannst“ (Johan Cruyff)

Inzwischen ist die Fußballwelt viel holländischer geworden und die Eroberung des Raums längst Basis des Spiels. In Deutschland nehmen Joachim Löw und Jürgen Klinsmann diese Entwicklung unter ihre Schirmherrschaft und schreiben sich die Etablierung einer neuen Fußballkultur auf die Fahne. Die Nachwuchsförderung ist zu jenem Zeitpunkt bereits neu ausgerichtet worden, da der DFB nach dem EM-Desaster von 2000 zum Umdenken gezwungen wurde. Den Niederlanden gelingen keine großen Erfolge, sie verschleißen dabei eine ganze Reihe hochkarätiger Trainer und entfernen sich vom hauseigenen Fußball – dem Cruyff’schen versteht sich. Die wahren Erben werden in Folge dessen die Spanier, deren Fußball laut „König“ Johan die „beste Werbung für den Sport“ ist. Kein Wunder, nachdem die Spanier unmittelbar von seiner Philosophie über Jahrzehnte hinweg beeinflusst wurden. 2010 kommt es für Johan in Südafrika zum Traumfinale der stattfindenden Weltmeisterschaft: Spanien vs. Holland – Ästhetik gegen glanzlose Härte. Bert van Marwijk heißt der Bondscoach der Elftal, der einen sehr körperbetonten Fußball spielen lässt – die Vorstellung erinnert an ein krampfhaftes Bemühen, dem Schicksal der WM-Mannschaft 1974 zu entgehen. Ein Umstand, der den „König“ mehr als nur enttäuscht.

Im gleichen Jahr nimmt Cruyff jedoch ein ganz anderes Ziel ins Visier: Ajax Amsterdam. Gerade hatten sich die Ajacieden erneut von einer schlechten Seite gezeigt. Im Champions-League-Duell gegen Real Madrid verliert man mit 0:2 – ein Ergebnis, das bei Längen nicht auf die erschreckende Unterlegenheit der Rot-Weißen schließen lässt. In seiner einflussreichen Kolumne im „De Telegraaf“ platzt dem „König“ der Kragen. Er tadelt die Ajax-Führung im gewohnt rauen Ton, die seiner Ansicht nach, hauptverantwortlich für den miserablen Auftritt seines Vereins ist. Dieses Mal geht er jedoch einen Schritt weiter, als nur das spielerische Defizit ins kleineste Element zu zerlegen.

Der Sonderreport gleicht einer Sektion, in der er die fehlende Besetzung durch Spezialisten im Mitgliederrat bemäkelt, der maßgeblich aus Freunden und Bekannten besteht, die sich gegenseitig decken, während es mit dem Klub bergab geht. Der Verein sei ein „Trauerspiel im Hinblick auf Finanzen, Ausbildung, Scouting und die Einkaufspolitik“. Das Team wird jede Saison auf 10 oder mehr Positionen verändert, während man sich von der eigenen Spielphilosophie entfernt. Die Ausrichtung hätte nichts mehr mit den Idealen und Werten zu tun, für die jeder im Verein früher gestanden sei. Hinzu kommt, dass Ajax in den vergangenen zehn Spielzeiten zwölf Trainer beschäftigte, die alle einen eigenen Spielplan miteinbrachten. Die Basis ist verschwunden, so Cruyff weiter, da die eigene Jugend keine Vision mehr verfolgt.

Seine Wutrede stößt auf viel Zuspruch von ehemaligen Ajacieden und bei den Fans. Im Februar 2011 wird sogar eine Arbeitsgruppe eingesetzt, der Cruyff vorsteht. Schon einen Monat später wird ein ausführlicher Report vorgelegt, der eine Zäsur in der gegenwärtigen Entwicklung Ajax‘ darstellen soll. Der Fokus liegt dabei auf dem Aufbau sowie der Förderung einer einheitlichen Identität, der Nachwuchsarbeit in „De Toekomst“ sowie dem verstärkten Fachverstand in den Gremien des Klubs. Fünf Jahre kämpfen Cruyff und seine Anhänger, zu denen unter anderem Marc Overmars, Dennis Bergkamp und Wim Jonk gehören – leider vergebens. Der „König“ beendet seine Beratertätigkeit. Die Arbeit wäre ermüdend gewesen, da blockierende Auseinandersetzungen die Unternehmung nicht nach vorne gebracht haben. Ohnehin hatte sich Johans persönliche Situation verändert, weshalb er im Jahr 2015 bekannt gibt, dass er an Lungenkrebs erkrankt ist – die öffentliche Anteilnahme ist riesig.

Das Vermächtnis – Johans Beitrag zum Weltfußball

„Wir wissen, dass wir verlieren können. Jedoch müssen wir auf das Feld gehen, um zu gewinnen und nicht erwarten, dass wir siegen. Das ist der Fehler, der im Fußball am meisten begangen wird“ (Johan Cruyff)

Der nörgelnde Kritiker mit schlaksiger Statur mag vieles sein: ein Mann mit einem Hang zum Dogmatismus und einem übersteigertem Selbstwertgefühl alle Mal. Jedoch war er niemand, der sich verbiegen ließ. Seine Fußballwelt betrachtete er stets mit strengster Genauigkeit und heiligem Zorn. Sah er seinen Fußball bedroht, äußerte er rücksichtslos und ehrlich seine Meinung (Süddeutsche Zeitung) – typisch holländisch eben. Cruyff kannte schon als Spieler keine Angst und verstand nicht, warum Mannschaften defensiv eingestellt waren – als Trainer änderte sich das nicht und war vielleicht sogar noch stärker ausgeprägt. Sein Denken begann stets im eigenen Strafraum und strahlte in Richtung des gegnerischen Gehäuses.

Die 14 Regeln von Johan Cruyff

Abseits seines diskutablen Wesens, das primär das Wohl seiner Vision und dem Wunsch nach der Entwicklung seiner Spieler und des Sports nachkommen wollte, ist dem „König“ vor allem eines gelungen: Die Verbindung von Kollektivismus und kreativem Individualismus. Schon damals als Spieler war er ein Repräsentant einer kulturellen, sozialen Revolution, der Holland in den 60ern vom Rückstand zu einer progressiven Adresse in Europa verwandelte. Wie schon angesprochen hat sein Spiegelbild zwei Seiten: unbestritten war Johan ein Ausnahmefußballer der wichtige Meilensteine in der ewigen Fußballhistorie setzte. Nicht zu leugnen ist jedoch, dass er ein selbstgerechter Kotzbrocken sein konnte, der in einem perfekt inszenierten Drama einen nie endenden Kampf gegen Autoritäten führte und es liebte, die Menschen um ihn herum zu belehren, wenn sich die Gelegenheit bot. Gründe, die ihn zuweilen als geldgierige und arrogante Persönlichkeit erscheinen ließen. Sportlich etablierte Cruyff gemeinsam mit Lehrmeister Rinus Michels den „Total Voetbal“ in Europa und führte die letzte große Revolution im Weltfußball an. Dinge die heute selbstverständlich sind, wie attackierende Außenverteidiger, Positionsspiel, Pressing oder der mitspielende Torwart liegen im Kampf und der Spielweise des „Königs“ zu Grunde. Spricht man heute vom größten Fußballer aller Zeiten, fallen Namen wie Pele, Maradona und bei der neuen Generation Leo Messi sowie Cristiano Ronaldo. Vergleichbarkeit ist nur bedingt geschaffen. Vergleicht man rein den Erfolg, so mögen sie alle ihren Ausnahmestatus besitzen. Zieht man jedoch die Auswirkung ihres Schaffens mit ein, muss man zur Einsicht gelangen, dass zumindest Spieler wie Leo und Cristiano in dieser Art und Weise möglicherweise gar nicht existieren würden. Niemand der großen Namen hat über denkwürdige Auftritte hinaus den Weltfußball so beeinflusst wie Johan Cruyff, was ihn zweifelsohne zu einem der größten Figuren der Geschichte des Weltfußballs avancieren lässt. Doch auch abseits des Feldes hat der Holländer seinem Namen alle Ehre gemacht. Der ehemalige Schulabbrecher legt später wie angesprochen viel Wert auf Bildung und entwickelt eine Möglichkeit der dualen Ausbildung für Leistungssportler – die Cruyff Institutes. 13 Bildungseinrichtungen an der Zahl gibt es derzeit, neun davon in den Niederlanden und der Rest in Barcelona, Lima, Stockholm sowie Mexico City. Über 9.000 Studenten weltweit haben einen Bildungsweg in Anspruch genommen, der im Jahr 1999 in Amsterdam offiziell seinen Anfang fand. Zu belegen sind die Studiengänge Sport Management, Sport Marketing & Sponsoring, Fußballmanagement und Coaching. Cruyff selbst vertritt den Standpunkt, dass die Leidenschaft für den Sport das Beste ist, um eine Sportorganisation zu leiten. Durch dieses Institut lebt sein Wunsch nach Fachverstand in den Sportgremien dieser Welt weiter. „Sportler besitzen beachtliche Qualitäten. Sie haben immer ein Ziel fest im Fokus. Wer könnte besser die Interessen des Sports vertreten, als jemand der das Herz eines Athleten hat?“

Ausschlaggebend war seine Zeit in den USA, als er Zeuge davon wurde, wie Sport seiner Ansicht nach geführt und gefördert werden sollte. Das Institut sollte jedoch nicht das einzige Projekt sein, das jenseits des Teichs seine Wurzeln findet. Für amerikanische Sportler ist das soziale Engagement sehr wichtig. So gehörte es auch zu Johans Pflichten, soziale Einrichtungen wie Behindertenstätten, Krankenhäuser und mehr zu besuchen. Hier kommt Cruyff das erste Mal mit einem Gesundheitsgedanken in Berührung und entwickelt ein Grobkonzept für seine heute aktive „Cruyff-Foundation“. Zu jeder Entwicklung gehört die Bewegung und aktiv Sport zu treiben. Seine Stiftung unterstützt Kinder dabei, vor allem jene, die in ihrer Bewegung limitiert sind. Mehr als 200.000 Kinder weltweit sind im Status Quo auf über 232 „Cruyff-Courts“ unterwegs, auf über 400 „Schoolyard14“ und werden mit weiteren sozialen Projekten unterstützt. Somit übernimmt Johan auch neben dem aktiven Sportgeschäft Verantwortung und kümmert sich um die nächste Generation. Seine 14 Regeln, geknüpft an die Nummer, die ihn bei allem begleitet, stehen an jedem seiner Plätze, um die Kinder daran zu erinnern, was zählt – der sportlich-kollektive Gedanke!

Das Ende einer Kultfigur – Gracies Johan

„Manchmal gibt es Sportler, die über ihrem Sport stehen“
(Marcel Rözer, niederländischer Journalist)

Seine Person ist wie angesprochen diskutabel – sein Vermächtnis ein heiliger Gral der Liebe zu einem Spiel, das Millionen bewegt. Mit seinem Dogmatismus und Nörgelei mag er bei Zeiten genervt haben. Johan war auch bei Leibe kein Gott und hatte mit Nichten immer Recht – auch seine Urteile waren nicht immer gerecht. Aber das mussten sie auch nicht, weil jeder auf seine eigene Art und Weise versteht, was ein Mann bewegen kann, was dieser Holländer schon bewegt hat. Cruyff war ein Prophet offensiver Spielweise, ein Revoluzzer, ein Verfechter der Liebe zum Spiel. 1999 wurde dem „König“ die Auszeichnung zu „Europas Fußballer des Jahrhunderts“ überreicht, während Coach Rinus Michels selbige Auszeichnung auf Seiten der Trainer abstaubte. Nur ein Jahr später steht Johan erneut in der Auswahl zur Elf des Jahrhunderts – Pele wird die Auszeichnung vom globalen Jahrhundertfußballer zu Teil.

Gedenkstätte im Camp Nou

Am 24. März 2016 verliess Johan Cruyff das irdische Leben, nachdem er im Kampf gegen den Krebs seine letzte Schlacht verloren hat. Für Ruud Gullit hat die Niederlande „ein Gesicht in der Welt verloren“. Überall auf der Welt ist die Anteilnahme immens – Sonderausgaben in sämtlichen großen Sportblättern erscheinen, um dem „König“ ihren letzten Tribut zu zollen. Die L’Equipe färbt seinen erscheinenden Titel in Orange und konstatiert „Er war das Spiel“. Die Gazetta dello Sport vergleicht Cruyffs Fußball mit einem Musical, in dem er der Messias war. Für den deutschen Nationalspieler Toni Kroos hat der „Himmel nun einen Spielmacher“. Bei den Länderspielen Ende März wird in sämtlichen Stadien eine Gedenkminute zu Ehren Johans abgehalten – Ajax und Barca werden ihre kommenden Heimspiele sogar in der 14. Minute unterbrechen und ihren Heiland mit gigantischen Choreographien ehren. Ein passendes Schlusswort für einen Mann zu finden, der den Fußball geschaffen hat, wie ihn auch der Autor lieben gelernt hat, ist schwer. Pep Guardiola, Fußballvisionär und enger Freund Cruyffs hat die passende Abschiedsbotschaft jedoch gefunden: „Ich wusste nicht über Fußball – bis ich Cruyff traf. Durch ihn haben wir Fußball erst verstanden. Er hat das Gegenteil von dem gesagt, was du dein ganzes Leben lang gehört hattest. Er sagte: ‚Wenn du deinen Instinkten folgst, wirst du niemals falsch liegen‘. Nichts aus den letzten Jahrzehnten wäre ohne die Präsenz, das Charisma, das nicht zu übertreffende Talent Johan Cruyffs möglich gewesen. Es ist ein großer Verlust, doch sein Erbe bleibt!“

… Gracies Johan, mögest du auf ewig die Hand über deinen Fußball halten.

 

Bildquellen: Wikipedia // Spielverlagerung // Sportskeeda // Wikimedia Commons // Promi-Geburtstage

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