Freddy Adu, Nikon el Maestro und Co. – die Liste der gescheiterten ,,Superstars von Morgen“ ist lang, die Ursache des Scheiterns oft ähnlich: Ein sehr baldiger und surreal hoher Hype. Hachim Mastour ist erst 18, gilt in den Augen von Einigen aber auch schon als gefallenes Sternchen. Als 14-Jähriger wurde er zum YouTube Star, mit 15 stand er im Profikader von AC Mailand, sein erstes Tor für Milan erzielte er nach einer Zidane-Rolle, mit der er im gegnerischen Strafraum zwei Verteidiger auf einmal auseinandernahm. Mittlerweile ist er in der Eredivisie angekommen, in der gleichen Liga, in der Martin Ödegaard in Heerenveen derzeit versucht, seiner Karriere einen Kick zu geben. Mastour spielt bei PEC Zwolle, was zeigt: Der ,,marokkanische Messi“ ist auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Aufstehen kann er aber immer noch.

Du, Fotograph, bist der Nächste!

Mastour wurde am 15. Mai in Reggio nell’Emilia als Sohn marokkanischer Einwanderer geboren. Das Fußballspielen begann er bei Reggio Calcio, dieser ist im Hinblick auf Mastours Zukunft pikanterweise ein Partnerverein von Inter Mailand. 2008 ging es dann aber zunächst zu AC Reggiana, einem ehemaligen Erstligisten, der sich nach Insolvenz erst drei Jahre zuvor neu gegründet hatte. Und auch wenn Mastour die klammen Italiener bereits mit 14 Jahren wieder verließ, war sein Intermezzo für Reggiana ein segenreiches: Nachdem der Marokkaner europaweit von Spitzenklubs umworben wurde, wechselte er schließlich für die Rekordsumme von 850.000 € zum AC Mailand. Nicht nur die monetären Tatsachen sorgten nun dafür, dass Mastour sich Stück für Stück ein Star-Image aufbaute. Modische Frisur, blitzweiße Zähne und auf Fotos stets ein Blick, der sagte: Ich habe heute schon zwei Tunnler verteilt, und du, Fotograf, bist mein drittes Opfer. Dazu kamen Dinge wie ein von RedBull organisiertes Freestyle-Battle mit Neymar Jr., ein Beratervertrag mit Mino Raiola und sehr viele marokkanische Fußballfans, die Mastour in aberwitzig frenetischer Art und Weise auf allen möglichen Ebenen feierten.

Dass der Durchbruch bei Milan nicht sofort gelang, rechnete man höchstens der dortigen sportlichen Verantwortung schlecht an, die ohnehin nicht unbedingt mit Erfolgen und Anerkennung glänzen konnte. Als der FC Malaga eine zweijährig gedachte Leihe von Mastour bereits nach einem Jahr und nach nur einem Einsatz wieder abbrach, wurde der ein oder andere skeptisch – spätestens nachdem Mastour seine Leihe nach Zwolle bekannt gab, war bei Einigen deutlich die Enttäuschung zu spüren. Diese dürfte sich zur Zeit kaum gelegt haben, Mastour weißt bisher mehr Einsätze für die zweite Mannschaft als die erste auf, einem marokkanischen Messi wird das nicht gerecht. Doch man darf eines nicht vergessen: Hachim Mastour ist immer noch 18 Jahre alt und de facto ein A-Jugendlicher, seine Karriere ist ihm noch nicht entglitten. Und dass der Gute Talent hat, ist wohl unbestritten.

Showman

Hachim Mastour ist vor allem Eines: Ein Freestyler. Dieser Begriff wird ihm so gerecht wie sonst keiner, er beschreibt ihn unverschämt genau. Mastour ist ein Spieler, der sich seine Freiräume auf dem Platz selbst schafft, der die Richtung, in die er läuft und spielt, weder von Gegen-, noch von Mitspieler bestimmen lässt, der sich kaum an taktische Vorgaben hält und den Ball so lange hält, wie er will. Einzige Prämisse, die er sich selbst auferlegt, ist, dass sein Spiel stets kunstvoll, wenn man so will “stylisch“ auszusehen habe.

In Jugendzeiten Mastours, der als offensiver Mittelfeldspieler meistens auf der 10, manchmal auch auf den Außen zum Einsatz kam, klappte das alles vorzüglich. Der Marokkaner hatte Gegenspieler, die zwar allesamt talentiert und sicherlich gut waren, aber im Kollektiv recht unerfahren und gezwungenermaßen nicht auf alle Eventualitäten des Großfeldfußballs vorbereitet. Bedingungen, unter denen Mastour glänzen konnte. Sein wenig zielführender, aber äußerst spektakulärer Stil führte nämlich plötzlich dazu, ein sehr zielführender zu werden. Denn tunnelte Mastour den ersten Gegenspieler und machte dann Anstalten, die nächste Pirouette zu drehen, wurde es den feindlichen Verteidigern schnell zu bunt, man verlor die (taktische) Beherrschung, rückte aus einer Kette heraus, um Mastour zu stellen, oder ging ziemlich kopflos in einen Zweikampf. Hachim Mastour nutzte im Anschluss die schamvoll entblößten Abwehrlücken, um einen Schnittstellenball zu spielen oder (meistens) selbst hineinzudribbeln. Selbstverständlich nicht, ohne zuvor noch den eben überspielten Gegenspieler durch einen Tunnler in Richtung eigenes Tor noch einmal dick ins Zweikampf-Geschäft zu bringen und dann doch stehen zu lassen. Kurzum: Mastour gelang eigentlich alles, da er sich seine Gegenspieler immer so hinlegte, wie er sie eben brauchte. Im Profitum, im Seniorengeschäft, funktioniert das nicht mehr. Abgebrühte und taktisch geschulte Gegenspieler sind viel zu diszipliniert, um auf Mastours bloßstellende Sperenzchen hereinzufallen. Das heißt nicht, dass Mastour im erstklassigen Erwachsenenfußball keinem Gegenspieler mehr die Hosen ausziehen würde, aber es heißt, dass nach der ersten Entblößung nicht noch der zweite Verteidiger auf Mastour zulaufen würde, wutentbrannt und mit gelockerten Hosenträgern.

Nach dem gescheiterten Engagement in Malaga und dem kippenden Gastspiel in Zwolle sollte es Mastour eigentlich dämmern, dass er seinen Stil sehr viel zielgerichteter, weniger verspielt, kompromissbereiter und deutlich taktisch disziplinierter gestalten muss, um bei den Profis Fuß zu fassen. Der Fakt, dass er das (noch) nicht tut, zeigt auf, dass er offensichtlich in einer Identitätskrise steckt. Sein fußballerisches Selbst nahm er in den Anfängen seiner Karriere als quasi von Gott gegeben wahr, die marokkanischen Fans feierten ihn als Heilsbringer, auf YouTube wurde er zum Star und mit Spielern wie Neymar gleichgestellt. Das alles formte eine Selbstwahrnehmung, mit der es jetzt äußerst schwer fällt, die ersten Schwierigkeiten zu akzeptieren und Kompromisse einzugehen, die in eine Richtung zeigen, welche zwar mehr Effektivität, aber weniger Spektakel bedeutet. Und Spektakel ist letztendlich die Quintessenz in Mastours fußballerischer Selbstverständlichkeit.

Bei allen harten Worten darf man nicht vergessen, dass Mastour letztendlich in diese Lage gekommen ist, weil er ein äußerst talentierter junger Mann ist.  Seine koordinativen Fähigkeiten sind überragend, Mastour hat eine wirklich erstklassige Körperbeherrschung und bewegt sich äußerst elegant. Daran hängt natürlich auch sein Ballgefühl: ,,How is this kid not a Brazilian!?“ lautet einer der Top-Kommentare unter einem der beliebtesten YouTube-Clips Mastours. Der 18-Jährige ist technisch so beschlagen, wie es ein Freestyler eben sein muss, in diesem Punkt ist es wirklich nicht überheblich, ihn mit Neymar und Konsorten zu vergleichen.

Mino und Ron

Abschließend müsste man wohl sagen, dass Mastour Jemanden bräuchte, der ihn wieder erdet und seine Erwartungen herunterschraubt, einen Psychologen vielleicht. Wenn das gelingt, steht einer Profikarriere Mastours eigentlich nicht mehr viel im Weg. Bloß: Wird es gelingen? Das ist unwahrscheinlich. Der Charakter eines Menschen lässt sich eigentlich nicht in so kurzer Zeit, wie es nötig wäre, komplett umkrempeln. Es muss mit Tricks gearbeitet werden, hilfreich könnte hier vielleicht sogar Mino Raiola sein. Der Italiener ist ja einer der größten Haie im Beraterbecken, der eigentlich nur Klienten betreut, von denen er sich sehr viel verspricht. PEC Zwolle II? Raiola wird es schaudern. Dass der Mann über einige Kompetenzen in Sachen Menschenkenntnis und Verhandlungsgeschick verfügt, ist offensichtlich. In diesem Fall sollte er diese Gaben ausnahmsweise nicht für astronomisch hohe Verträge und Ablösesummen nutzen, sondern der eigentlichen Bedeutung seines Namens nachkommen. Mino Railo ist SpielerBERATER – also, Mino, nimm dir den Hachim mal zur Brust.

Derzeit dürfte der Junge von Selbstzweifeln geplagt sein, es gilt, ihn wieder aufzubauen und ihn an seine Stärken zurückzuerinnern. Denn ihm ständig nur vorzuhalten, dass man so wie er nicht spielen könne bei den Profis, ist verkehrt. Man sollte Hachim Mastour vielmehr ermutigen, mit viel Esprit und Showmanship zu Werke zu gehen, aber diesen eben anders zu kanalisieren. Und um das zu erreichen, braucht es keine Standpauken und stundenlange Einheiten an der Taktiktafel, sondern viel Zeit auf dem Platz, wo Gewünschtes immer und immer wieder (subtil) trainiert wird und mit Erfolgserlebnissen Mastours, die bei seinen Anlagen ja zweifelsfrei möglich sind, verbunden wird. In der Pflicht sollten sich also Mino Raiola und Ron Jans sehen. Erster, weil er an seinen Schützling glauben sollte und ihn auf seine verbleibende Zeit in Zwolle einstimmen sollte. Zweiter, Trainer von PEC, ein Zwoller Urgestein, weil er letztenlich zumindest für die Koordination des Trainings mit Mastour verantwortlich ist. Dann kann man als Außenstehender nur noch hoffen, dass Mastour nicht verzweifelt und die Herausforderung annimmt. Und seinen Weg von der verglühenden Sternschnuppe, die Ihren hell leuchtenden Höhepunkt schon hinter sich hat, zu einem währenden Stern am Himmel macht.

 

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