1. Wenn Oscar, der ehemalige Star-Brasilianer vom FC Chelsea, der ja im besten Fußballer-Alter nach China gewechselt ist, einen Beitrag in den sozialen Medien veröffentlicht, ist kurz darauf als beliebtester Kommentar darunter ausnahmslos ein Bild oder Beitrag mit grünen Scheinen zu erkennen. Grün, das ist ja bekanntermaßen die Farbe der Eifersucht, was in diesem Kontext einen etwas amüsanten, wenn auch sicherlich manchmal ungerechtfertigten Schein auf die Kommentierenden wirft. Aber grün ist auch die Farbe der Hoffnung, und dieser Aspekt bringt ein weiteres, bisher wenig beleuchtetes Charakteristikum des chinesischen Fußballs zum Vorschein: Neben den sündteuren Kickern aus Europa und Südamerika liegt der Fokus der Chinesen ja auch auf der Jugendförderung, ein Talent aus China ist aber kaum bekannt. Am heutigen Tage trifft am vierten Spieltag der Chinese Super League der Tabellenfünfte auf den Tabellenführer, es handelt sich um das Guangzhou-Stadtderby: Evergrande gegen R&F. Auf beiden Seiten hoffen junge Chinesen, eines Tages den Durchbruch zu schaffen – wir haben uns die Youngster genauer angesehen.

Guangzhou Evergrande: Mingmin Cai

Bei China denken die Meisten erst einmal an Stadt, Straße und Staub – doch das bevölkerungsreichste Land der Erde hat auch andere Seiten zu bieten. Vorzüglich davon zu berichten weiß Mingmin Cai, der am 30.10.2000 auf Hainan geboren wurde. Sein Geburtsort ist also eine Tropeninsel im Pazifik, die weiße Sandstrände an den Küsten und tiefgrüner Regenwald im Landesinneren kennzeichnen. Eigentlich ein schöner Ort, um aufzuwachsen – doch Mingmin Cai konnte Fußball spielen, und das sogar richtig gut. So kam es, dass der zentrale Mittelfeldspieler seine malerische Insel schon bald in Richtung chinesisches Festland verließ, um etwa 750 Kilometer nordöstlich nach Guangzhou zu ziehen, wo er in der Evergrande Elite, der Jugendakademie des gleichnamige Klubs aus Guangzhou, Fuß fasste. Cai entwickelte sich schnell und steht seit Saisonbeginn mit aktuell nur 16 Jahren bereits im Profikader von Evergrande, was heißt: Cai trainiert unter Luiz Felipe Scolari, an der Seite von Jackson Martinez und Paulinho. Keine schlechte Ausgangslage für den zierlichen Mittelfeldakteur, der bisher vor allem auf der Zehn aktiv war, aber auch auf den Flügeln und der Sechs spielen kann. Sein Hauptkonkurrent: Ricardo Goulart, 25-jähriger ehemaliger brasilianischer Nationalspieler und seit zwei Jahren bei Evergrande. Es dürfte nicht einfach sein, an ihm vorbeizukommen – doch Cai hat ja noch lange Zeit. Die Schule unter Scolari und das Training mit etablierten Stars sind Voraussetzungen, die auch für europäische Verhältnisse überdurchschnittlich gut sind. Wer weiß: Cai bald in Europa?

Guangzhou R&F: Zhengyu Huang

Die Mannschaft von Dragan Stoijkovic ging sicher nicht als Favorit ins Meisterschaftsrennen, punktet aber mit Minimalismus: Nach drei Spielen hieß es 4:0 Tore und 9 Punkte. Im aktuellen Stadtduell steht es zur Halbzeit eins zu eins, was somit auch den allerersten Gegentreffer bedeutet. Erfolgsschlüssel von Trainer Stoijkovic: Defensive first! Alles dreht sich um ein kompaktes Verhalten gegen den Ball, deren Herz auch im heutigen Derby Zhengyu Huang als zentraler Innenverteidiger in der Fünferkette bildet. Huang, 1997 in Guangzhou geboren, hält also mit frischgebackenen 20 Jahren bereits den Laden in Liga voller Oscars, Hulks und Tevez dicht und trägt keinen unerheblichen Teil zur besten Defensive der Liga bei. Der mit 1,78 Metern verhältnismäßig kleine Abwehrmann profitiert extrem von seinem guten Stellungsspiel und der Spielinterpretation, als (situativ) tiefster Spieler einer ohnehin grundsätzlich sehr tief stehenden letzten Reihe läuft er vor allem viele Bälle ab oder lässt die Abseitsfalle geschickt zuschnappen. Allerdings lässt es sich nicht vermeiden, dass man bemerkt, wie schwach Huang eigentlich im tatsächlichen Eins-gegen-Eins ist. Im direkten Zweikampf wirkt er oft wie ein Schulbub, der vorgeführt wird, was vor allem daran liegt, dass Huang A) zu reaktions- und/oder antrittschwach ist, und B) zu unbeweglich. Mit der Ballführung eines Alexandre Pato (gegen dessen Team Tianjin Quanjian Guangzhou R&F aber übrigens 2:0 gewann, obwohl Huang ein ums andere Mal von Pato die Beine verknotet wurden) kommt der Chinese nicht ansatzweise zurecht, hier muss er alles auf sein Stellungsspiel setzen. Dieses ist zweifellos sehr gut, darüber hinaus reicht es allem Anschein nach dafür aus, dass Huang konstant spielt bei einem von Chinas besten Teams. Will Huang aber wirklich zur Elite des Profifußballs gehören, so muss er sich gewaltig steigern, was in Sachen Athletik durchaus im Bereich des Machbaren ist. Denn auch ein reaktionsschwacher Spieler wie Huang kann durch eine starke Physis einiges herausholen. Und in Verbindung mit seinem unbestritten guten Stellungsspiel könnte das auf Dauer zu einem Paket werden, mit dem sich der 20-Jährige in genannter Elite etabliert.

Ab Jg. 2007 in Europa?

Wir halten fest: Von der groß angekündigten Talentoffensive ist im chinesischen Fußball leider noch nicht viel zu sehen. Dass Spieler der Jahrgänge 1995-2000, die bei uns aktuell im Fokus liegen, in China noch erhebliche Defizite aufweisen, ist irgendwo logisch. Zhengyu Huang kann da tatsächlich als sehr treffendes Beispiel herangeführt werden, während der drei Jahre jüngere Mingmin Cai bereits zunehmend von den chinesischen Investitionen profitiert. Dementsprechend (und natürlich davon abgesehen abhängig von einem gewissen Talent) stehen ihm noch einige Türen offen.
Grüner (hoffnungsvoller) sieht die Lage da für begabte Spieler aus, die seit drei bis vier Jahren in China mit ihren Fußballkarrieren beginnen. Im Bereich der Jahrgänge 2007 bis 2012 wird es sicherlich chinesische Kicker geben, die langfristig in Europa auftauchen – oder aber die Chinese Super League zu einer echten Topliga werden lassen.

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