,,Eine weitere wichtige Fähigkeit, die ein Athlet gut ausgebildet haben sollte, ist die Fähigkeit den Körperschwerpunkt innerhalb seiner Bewegung optimal über der Unterstützungsfläche zu halten bzw. zu repositionieren.“, schreiben die Autoren in Kapitel 14, Praxisteil. Klingt einleuchtend. Liest man ein Stück weiter, kommen auch einige konkrete Schritte, wie man zu diesem Ziel gelangt – einer davon betrifft den Nervus hypoglossus: Dieser steuert die Zungenbewegung, und solle durch Summen, Gurgeln und Schlucken aktiviert werden, denn: Er ist einer der Hirnnerven, die die Tonusmuster der linken Körperhälfte unterstützen, und adäquate muskuläre Tonusmuster um die Gelenke seien eine elementare Voraussetzung für eine gute Balance des Athleten. Und, Bonus: Die Lage der Zunge im Mund hat zudem Einfluss auf die Körperstabilität.

Effektiver Spagat zwischen Individualität und Universalität

Gurgeln und Summen, um zu besserer Körperbalance zu kommen sowie die Zunge optimal ausrichten, um stabiler zu werden: Was beim ersten Lesen abstrus klingen mag, ist letzten Endes das konsequente Detail eines Buchs, das für Effektivität und Schnörkellosigkeit steht. Der Nervus hypoglossus als illustrer Beleg zeigt, dass es Lars Lienhard und Ulla Schmid-Fetzer weder darum geht, sich und ihre Botschaft möglichst komplex und hochwissenschaftlich darzustellen, noch darum, ein “Ideal“ möglichst populär in der Trainingslandschaft zu etablieren. Letzten Endes ist ,,NEUROATHLETIKTRAINING – Grundlagen und Praxis des neurozentrierten Trainings“, obschon es inhaltlich als durchaus einschneidend und richtungsweisend zu bezeichnend ist, vor allem wohltuend schlicht und nüchtern.

Ulla Schmid-Fetzer, ehemalige Profitänzerin und Lars Lienhard, besessener Trainingswissenschaftler, arbeiten beide nicht erst seit gestern an und mit Neuroathletiktraining. Über viele Jahre wurde dieser multiperspektivische Trainingsansatz entwickelt, feierte gemeinsam mit der deutschen Nationalmannschaft 2014 den Weltmeistertitel, brachte Spitzen-Leichtathleten wie Gina Lückenkemper zu großen Erfolgen und fußt auch auf den fundamentalen Strukturen von Dr. Cobb’s Z-Health Curriculum. Dieses 247 Seiten starke Buch ist, obwohl es als das erste seines Fachbereichs überhaupt gilt, in seiner Basis bereits erfahren, wohlbegründet. ,,Das Nervensystem ist so individuell wie ein Fingerabdruck“, sagt Lars Lienhard, und im Buch heißt es: ,,Die neuronalen Gesetze gelten für jedermann.“ – gerade wegen dieses zweifachen Anspruchs war es mit Sicherheit auch nicht einfach, dieses Buch zu schreiben, welches in erster Linie ein Praxisbuch sein soll, das im ersten Teil umfassend die Hintergründe einer neurozentrierten Sicht erläutert und im zweiten Teil dann konkrete Anwendungen vorgibt.

Augen öffnen, Teil I

Liest man das Buch an, bleibt vor allem ein Begriff hängen: Bewegung.
Performance würde auf dem Verstehen von Bewegung gründen, meint Weg-Ebner Dr. Cobb im Preface des Buchs, ,,Erfolgreiches Handeln ist in allen Sportarten an effizientes Bewegen gebunden.“, erläutert Borussia Mönchengladbachs medizinischer Leiter Dr. Andreas Schlumberger, ,,Die Besten der Besten in ihren Sportarten sind nahezu immer die effizientesten Beweger und haben die beste Bewegungsqualität. “, stellen Lienhard und Schmid-Fetzer in ihrer Einleitung fest.

Danach wird die Funktionsweise des Gehirns umrissen – “umrissen“ nicht deshalb, weil es ungenau oder oberflächlich wäre, sondern weil man bei der vorliegenden Komplexität einfach keinen anderen Begriff finden mag. Einige Grundprinzipien tauchen immer wieder auf. Das erste besagt, dass das Gehirn in erster Linie einzig nach dem Überleben des Organismus ausgerichtet wäre, weswegen es Situationen meidet, welche es nicht ganz vorhersehen kann. Beim Sport ein Szenario, das häufig auftaucht. ,,Dem Gehirn ist primär nicht daran gelegen, viel Gewicht zu bewegen“, merken die Autoren mit beispielhaftem Vermerk auf den Kraftsport an.

Um diese Überlebensrisiken zu überprüfen, verarbeitet das Gehirn sensorischen Input und bewertet diesen. Mit der Metapher eines überlaufenden Fasses zeigen die Autoren, wie es dabei auch zu alltäglichen Erscheinungen wie Schmerz, Angst oder Krankheit kommen kann: Etwa wenn sich negativer Input wie belastende Beziehungen, schlechte Ernährung oder Diskrepanzen innerhalb des sensorischen Inputs aufsummieren.
Letzten Endes ist der Mechanismus aber ein leicht zu begreifender: Das Gehirn empfängt einen Input (über den visuellen Kanal sieht es einen Fußball, welcher mit dem Fuß getroffen werden soll – und natürlich noch unzählige andere, parallel beeinflussende Inputs) und der (Verarbeitungs-)Qualität dieses entsprechend kann nun ein Output erfolgen.

Sieht man genauer auf diese Prozesse, gelangt man in die Ebene der neuronalen Netzwerke. Auch hier bleibt beim Leser ein prägnantes Prinzip hängen: ,,Use it or lose it“, mahnen die Autoren. Die neuronalen Netzwerke sind stark wandel- und formbar, man spricht von Neuroplastizität, und wenn man bestimmte Areale nicht nutzen würde (also bestimmter Input dauerhaft fehlen würde), dann würden diese Verbindungen auch langsam, aber sicher schwächer werden und verschwinden.

Und bevor im Praxisteil die Augen des aktiven Lesers im wahrsten Sinne des Wortes geöffnet werden, werden sie es hier noch im metaphorischen Sinn. Denn obwohl man irgendwie ahnt, dass es nicht so leicht gehen kann, findet man ja beispielsweise doch immer sehr schnell eine Erklärung für eine schlechte Leistung eines Fußballspielers. ,,Die Position liegt ihm nicht, da hat er keine Erfahrung“, ,,Dafür ist er einfach zu langsam“ oder ,,Der Trainer hat ihn ja gar nicht richtig eingestellt“ – das Floskel-Repertoire ließe sich beliebig ausbauen, für weitere Ideen empfiehlt es sich, ins Stadion zu gehen und sich die Kommentare aus dem Publikum anzuhören, aber auch bei der Analyse der TV-Experten gibt es viele Beispiele, und – das ist das wirklich bedenkliche – auch in nahezu jeder Kabine des Landes wird man diese Schlussfolgerungen des einfachsten Wegs immer wieder auch von Trainern hören. Diese Bequemlichkeit kommt für Lienhard und Schmid-Fetzer nicht in Frage: Sieben Einflussebenen auf die Leistungsfähigkeit machen die Autoren aus, darunter das Rückenmark, das Stammhirn oder die Rezeptoren. Darunter fallen eben auch Dinge wie der sinnbildliche Nervus hypoglossus. Eine Verletzung im Rachenraum könne die Balance eines Athleten beeinträchtigen, wird angemerkt, eine kleine Bewegungseinschränkung im Sprunggelenk die Stabilität des ganzen Körpers, und die für die Beweglichkeit unabdingbaren Mechanorezeptoren sitzen nicht nur an Gelenken, sondern finden sich sogar in der Haut. ,,Fazit: Alle Ebenen zählen!“, stellen die Autoren fest. Es gibt keine Ebene, die zu vernachlässigen wäre. Das Wort ,,wichtig“ kommt im Buch 115 Mal vor – rhetorisch fragwürdig, inhaltlich richtungsweisend.

Ein weiterer wichtiger Hintergrund, der erläutert wird, bevor es in den Praxisteil geht, ist die Unterscheidung in drei bewegungssteuernde Systeme: Visuell, vestibulär und propriorezeptiv. ,,Während das visuelle System Informationen über die Umgebung liefert und das vestibuläre System Informationen über die Position und Bewegung des Körpers im Raum in Relation zur Schwerkraft, so ist das propriozeptive System dafür zuständig, Informationen über/aus unserer eigenen Bewegung zu empfangen und diese auszuwerten.“, wird nach einer eingehenden Betrachtung der einzelnen Systeme zusammengefasst. Eine interessante Parallele erscheint hier zu verschiedenen spirituellen Lehren wie der von Jaggi Vasudev (“Sadhguru“), einem indischen Yogi (auch wenn diese natürlich nicht ernsthaft im gleichen Licht mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen des Buchs zu vergleichen sind.) ,,Everything happens within you“, macht Sadhguru seinen Zuhörern klar. Und während er in weiser Voraussicht das Publikum fragt, wo sie ihn denn sehen würden, und deren Fingerzeige auf ihn dann in Richtung ihrer eigenen Köpfe korrigiert, stellen Lienhard und Schmid-Fetzer fest: ,,Sehen findet im Gehirn statt“.
Und das ist gar keine unerhebliche Erkenntnis, denn sie bedeutet für das Training vor allem, dass unsere Wahrnehmung und dadurch unsere Leistungsfähigkeit durch eine Veränderung von Abläufen im Gehirn erheblich beeinflusst werden kann.

Augen öffnen, Teil II

Jeder ambitionierte Trainer, der im Buch an diese Stelle stößt, und sich die totale Revolution seines Trainings in Form eines umfassenden Erfolgskonzepts erwartet, wird erst einmal enttäuscht. Denn so einfach ist es nicht – und mit dieser nüchternen Erkenntnis bleibt das Buch auch seinem Anspruch treu, nicht auf Popularität und Attraktivität ausgelegt zu sein. Gehirn, Mensch – komplex! Logisch, dass auch der neurozentrierte Trainingsansatz also nicht so einfach sein kann.
Vielmehr wird zu Beginn des Praxisteils nochmal deutlich, was eingangs erwähnt wurde: Jeder Mensch ist neuronal individuell, einzigartig. Es gibt keine zwei Menschen, die identische Trainingsansprüche hätten (was, am Rande bemerkt, auch die Vorstellung eines individuellen Nutzen von Dingen wie Mannschaftstraining oder standardisierter Physiotherapie ein wenig schmälert). Besonders nachvollziehbar wird das, wenn man an die Neuroplastizität zurück denkt und daran, auf wie vielen unterschiedlichen Ebenen auf diese Einfluss genommen wird, ständig, in jeder Sekunde. Und doch: ,,Die neuronalen Gesetze gelten für jedermann“, denn jeder Mensch ist ein Organismus mit Gehirn, Nervensystem, und so muss sich auf dieser Erde ein sportinvalider Pensionär den gleichen Grundprinzipien beugen wie Lionel Messi.

Natürlich bietet das Buch vor diesen Hintergründen also keine Übungen, die z.B. ,,in sechs Wochen zu doppelter Sehschärfe“ versprechen würden. Zudem ist es auch kein Hilfsmittel, das über unzählige Schritte ein perfekt individuell abgestimmtes Trainingsprogramm für jeden bietet (nicht umsonst haben die Autoren jahrelang gebraucht, um ihre Erkenntnisse überhaupt erst auf eine allgemein verständliche Ebene herunterbrechen zu können und sich auf diesem Weg auch fundamentaler Vorarbeiten wie der Dr. Cobb’s bedient). Vielmehr bietet es in etlichen Übungskomplexen die effektivstmögliche Gelegenheit, sich erst einmal der Funktionsweise der drei Systeme in der Praxis bewusst zu werden und diese dann auch partiell zu verbessern. Das klappt, weil jede Übung so aufgebaut ist, dass sie auch gleichzeitig die Bedürfnisse des einzelnen Ausführenden testet. Beim Ausprobieren wird klar: Hier handelt es sich um kein “Work-Out“, das man mal eben parallel zu drei Telefonaten abspulen kann – Neuroathletiktraining erfordert höchste Aufmerksamkeit und größte Sorgfalt. Doch hält man sich an die Hinweise im Buch und hat die verschiedenen Prinzipien verinnerlicht, so werden einem nach einiger Zeit tatsächlich die Augen nicht nur metaphorisch geöffnet.

Fazit: Zukunftsweisend

,,Vor der Revolution war alles Bestreben; nachher verwandelte sich alles in Forderung.“ – Goethe

Ist dieses Buch revolutionär? Es schaut nicht auf Andere, es kritisiert nicht oder stellt nicht in Frage, es macht eher sein eigenes Ding, unbeflissen, ist das Ergebnis gründlicher, jahrelanger Arbeit. So ist es vielleicht in seiner Sache revolutionär, nicht aber in seinem Auftreten. Und um Goethe nicht außer Acht zu lassen: Man darf sich nicht erwarten, dass durch dieses Buch oder durch die Arbeit von Lienhard, Schmid-Fetzer und Co. jetzt von heute auf morgen alles umgeschmissen wird, plötzlich alles besser würde, die Menschen gesünder leben und die Sportler leistungsstärker auftreten. Dafür ist das Thema – oder besser: ist der Mensch zu komplex. Auch durch dieses zukunftsweisende Werk ist die Funktionsfähigkeit des menschlichen Organismus noch lange kein offenes Buch und die Forschungsfelder für Trainingswissenschaftler werden sich so schnell nicht erschöpfen.

Aber, und das muss am Ende gesagt werden: Auch wenn ,,NEUROATHLETIKTRAINING – Grundlagen und Praxis des neurozentrierten Trainings“ unauffällig daherkommt, an mancher Stelle ein bisschen schwer verständlich ist und kein Wort über den Vergleich zu anderen, vorherrschenden Trainingsansätzen verliert – Dieses Buch stellt ganz viele Dinge in Frage. Nicht nur die Arbeit von etlichen Trainern und Sportlern, sondern darüber hinaus auch uns selbst im Alltag. Wer dieses Buch liest, versteht mehr.

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