Frankreich ist Weltmeister! Mit der WM 2018 ging wohl eines der merkwürdigsten internationalen Turniere der letzten zehn Jahre nach einem Monat in Moskau mit dem 4:2-Sieg der „L’Équipe Tricolore“ zu Ende. Es war ein Turnier der Außenseiter: Seit die Halbfinals bei der WM 2002 „Brasilien – Türkei“ und „Südkorea – Deutschland“ hießen, haben wir kein Turnier mehr gesehen, in dem, bis auf zwei Ausnahmen, sämtliche Favoriten hinter ihren eigenen Erwartungen und denen ihrer Anhänger so sehr züruckblieben wie in diesem Jahr. In der Gruppenphase ärgerten schon die kleinen Isländer mit ihren 350.000 Einwohnern die großen Argentinier um den selbsterklärten „GOAT“ Lionel Messi. Und mit Kroatien stand nun eine Fußballnation mit der Einwohnerzahl des Bundeslandes Sachsen im Finale gegen „Les Bleus“. Während eine Überraschung die nächste jagte, fielen die Favoriten, die seit her für den ästhetischen und dominanten Fußball stehen, tiefer denn je. Zuerst schieden, fast schon traditionell als „Titelverteidiger“, unsere Deutschen in der Gruppenphase krachend als Gruppenletzter aus. Die Spanier und Argentinier ließen sich auch nicht lange bitten und packten nach den Achtelfinals ihre Koffer, gefolgt von den Brasilianern im Viertelfinale. Währenddessen kam mit Frankreich ein Team voller hoch veranlagter Einzelkönner mit einer Art Fußball zu spielen ins Finale, die nach dem Halbfinale von Belgien-Torhüter Thibaut Courtois offen als „Anti-Fußball“ tituliert wurde. Für die Italiener und Niederländer war es gar ein Jahr ohne WM – ihre Eleven konnten sich nicht einmal für das Turnier in Russland qualifizieren. Was also war passiert bei dieser eigenartigen Weltmeisterschaft?

Das frühe WM-Aus der Ballbesitzmaschinen

Fangen wir ganz von vorne an. Die WM begann und endete gleichzeitig für die Deutschen mit einem schmerzhaften Aufprall in der Realität, als Heung Min Son das WM-Aus nach Manuel Neuers Ausflug ins Mittelfeld ein für alle Mal besiegelte. International wurde das Scheitern des Weltmeisters mit Gelächter und Schadenfreude aufgenommen. Wohl kein Mitfavorit kam auf die Idee, dass es ihnen bald genauso ergehen könnte, wie eine Runde zuvor der deutschen Nationalmannschaft.

Und während Bundestrainer Löw noch über das unrühmliche Ausscheiden des Weltmeisters von 2014 schweigt, fühlten sich in Deutschland bereits sämtliche Experten und Weitere, die sich als solche begreifen, dazu berufen, ihre Analysen vorzustellen. Angefangen bei der typischen und wenig differenzierten „Die elf Millionäre hatten alle kein Bock“-Erklärung, über politische Migrations- und Integrationsdebatten, die das Potential haben, diplomatische Krisen auszulösen, bis hin zu Fehlern in Nominierungs- und Aufstellungspolitik sowie Mannschaftsführung durch die Macher der „Mannschaft“. Fast alle diese Analysen haben wohl auch ein Stück weit ihre Berechtigung – die eine mehr, die andere weniger. Doch wenn das deutsche Ausscheiden nun im „Wie“ und „Was“ eine Singularität im Turnierverlauf dargestellt hätte, dann wären all diese Analysen wohl auch noch gewichtiger als jetzt ohnehin schon. Stattdessen stand Deutschland vor den selben Problemen wie auch die Spanier in der Gruppenphase gegen Marokko und den Iran. Auch diese hätten schon in der Gruppenphase die Segel streichen können und genauso wie beim deutschen Team trennten sie nur Kleinigkeiten von einem ebenso frühen Ausscheiden.

Gegen Mexiko gab die deutsche Mannschaft ihren schlechtesten Auftritt im zugegeben sehr kurzweiligen Turnierverlauf. Die Nationalmannschaft versuchte sich mit 25 Abschlüssen, von denen neun auf das Tor von Ochoa und zwei ans Gebälk gingen – mehr als doppelt so häufig wie der mexikanische Gegner. Die Chancen waren bei weitem nicht so schlecht, wie sie in der retrospektivischen Frustration gesehen wurden. Schon vor dem 1:0-Rückstand scheitert Timo Werner in Höhe des Elfmeterpunktes und auch nach der mexikanischen Führung schaffen weder Kimmich (Fallrückzieher), noch Mario Gomez (Kopfball) in der Nähe des Fünfmeterraumes den Ball im Netz unterzubringen. So ging ein Spiel mit klarem Chancenübergewicht und mehr Ballbesitz verloren. Gegen Schweden und Südkorea zeichnete sich das gleiche Bild ab – massives Chancenübergewicht, viel mehr Ballbesitz, aber von den dominanten Demontagen des Gegners der Vergangenheit trotzdem weit entfernt. Stattdessen entscheiden Einzelaktionen das Spiel sowohl für die Deutschen (Reus und Kroos), als auch für ihre Widersacher. Natürlich ist Fußball immer ein außerordentlich dynamisches System und die fehlenden Möglichkeiten der deutschen Mannschaft, mit Einzelaktionen tiefstehende Gegner zu knacken, nur ein Faktor von unzähligen Puzzlestücken. Wie Christoph Biermann schon in seinem Buch „Matchplan – Die neue Fußballmatrix“ feststellte, sind auch Glück und Pech, kleinste Nuancen in einem Spielverlauf, die über Tor oder Pfostentreffer entscheiden, große Einflussfaktoren im Fußball. Die Auffälligkeit, dass dem deutschen Fußball aber individuelle Talente in der Veredlung von Ballbesitzphasen gefehlt haben, ist mittlerweile unübersehbar. Ein Mannschaftssport, der die Individualität als neues Ziel ausruft? Es klingt paradox, doch auch das ist absolut nichts Neues. Es scheint jedoch im Zuge des Ballbesitzes um des Ballbesitzes Willen ein wenig in Vergessenheit geraten zu sein.

Das Stichwort in diesem Zusammenhang ist ein Trend, der sich schon bei der Euro 2016 ankündigte und bei der WM 2018 fortsetzte: Kompaktheit. Damals noch damit begründet, dass durch die Vergrößerung des Turniers nun drei Teams in der Gruppenphase die Möglichkeit hatten, ein Achtelfinale zu buchen, und deshalb alle ihre Kräfte für die wichtigen Partien schonten, war auch bei dieser WM der Trend zu erkennen, dass defensive Stabilität bei weitem höher gewichtet wird als noch vor einigen Jahren. Aber auch das kam nicht überraschend, waren es doch die deutschen Weltmeister bei der WM 2014 in Brasilien gewesen, die damit begonnen hatten, ihren dominanten Ballbesitzfußball zeitweise mit vier nominellen Innenverteidigern abzusichern. Zugegeben stand die damalige deutsche Abwehrreihe deutlich höher und weniger kompakt als es die französische Viererkette vier Jahre später tun würden, doch grundsätzlich war das nun wirklich kein Phänomen, das aus dem Nichts kam. Mit Frankreich und Portugal standen zwei „pragmatische“ Teams gespickt mit Topspielern im Euro-Finale 2016. Auch hier ist das Ergebnis bekannt. Die Franzosen zogen aus ihrer Sicht mit ihrer Spielweise bei dieser WM sicher nur den denklogischen Schluss aus ihrer Final-Niederlage bei der Euro 2016.

Galten früher Abwehrreihen, die im Abwehrpressing strafraumbreit verteidigten, bereits als kompakt, hat sich bei der WM 2018 dieses Dogma weiter radikalisiert. Gerade die kleineren Nationen verteidigten gegen die Ballbesitzmaschinen teilweise in einer Breite, die dem Fünfmeterraum Konkurrenz machte – oder eben mit einer Fünferkette, wie die Russen gegen die Spanier. Den Gegner „Welle um Welle auseinanderspielen“ und „müde spielen“, wie Christoph Kramer später im ZDF die deutsche Leitlinie bei dieser WM und vorherigen Turnieren ausplauderte, funktionierte nicht mehr. Bei der EM 2008, der WM 2010 und der EM 2012 sicherte sich Spanien mit diesem Modell den Titel. Selten wirklich spektakulär, aber immer unglaublich souverän. Bei der WM 2014 waren es die Deutschen, die damit, rückblickend zugegeben auch nicht immer unbedingt souverän, die das Turnier gewannen. Nun rufen diejenigen, die dem Ballbesitzfußball noch nie etwas abgewinnen konnten, natürlich sehr laut, sie hätten es ja schon immer gewusst. Der Ballbesitzfußball sei tot, der Konterfußball stehe in den Startlöchern, um eine neue Ära zu begründen. Doch genau das, was sich nun auch auf internationaler Ebene abzeichnet, ist eigentlich eine verspätete Entwicklung, die im Vereinsfußball schon lange als schädlich erkannt worden ist. Der Ballbesitz als Spielphilosophie, als Selbstzweck, scheint sich nun auch bei den Nationalmannschaften zu kannibalisieren, wie schon Van Gaals Ballbesitzfußball in den Vereinen aus eben jenem Grund ausstarb. Tatsächlich ist einer der größten Kritiker dieses Ballbesitzfetischismus, des „Tiki Taka“ – oder auch „Tikinacchio“, wie die spanische Presse nach 1137 Pässen und dem WM-Aus gegen Russland spottete – kein geringer als Pep Guardiola.

„Ich hasse dieses ewige Tiki-Taka! Lasst mich mit dem Tiki-Taka zufrieden. Tiki-Taka ist eine Ersatzhandlung: sich den Ball zuspielen, um sich den Ball zuzuspielen, ohne jede Absicht oder Drang nach vorne. Nichts! Nichts! Ich werde es nicht zulassen. Die Spieler müssen sie selbst sein. Von dem Moment an, wenn sie zusammen ins Mittelfeld vorrücken, möchte ich, dass sie sich lösen, dass sie ihre DNA freisetzen, dass sie laufen, sich befreien. Dass sie rennen. Dass sie über die Außen das Spiel öffnen und dann nach innen flanken. Nicht um direkt aufs Tor zu schießen, das geht nicht sofort, sondern um den gegnerischen Abwehrversuch auszunutzen und den zweiten Angriff zu starten, den wirklich gefährlichen. Wenn wir gemeinsam angreifen, kommt der abgewehrte Ball wieder zu uns, und dann werden wir der Abwehr wirklich weh tun, weil wir sie auf dem falschen Fuß erwischen.“

Pep Guardiola
Zitat: Martí Perarnau: Herr Guardiola: Das erste Jahr mit Bayern München. Kunstmann, 2014, ISBN 978-3-88897-974-3 (Originaltitel: Herr Pep.).

Die 1 vs. 1-Magier der WM

Genau das, was Guardiola schon 2014 beschrieb, schien nicht nur Auswahlkriterium für den Kader, sondern Quintessenz des deutschen Spiels zu sein. Passen, passen, passen. Welle um Welle um Welle. Gegner müde spielen, auseinanderziehen, auseinandernehmen. Spieler aber, die sowohl bei Barcelona, als auch bei Bayern dafür sorgten, dass das dominante Ballbesitzspiel temporeich und spektakulär zum Abschluss gebracht werden konnte, fehlten dieser deutschen Mannschaft schlicht und ergreifend. Neben all den anderen Schauplätzen (Politische Debatten, Druck des Titelverteidigers, Teamspaltung „Weltmeister vs. Confed-Cup-Sieger“, Aufstellung ohne erkennbares Leistungsprinzip, fehlende taktische Anpassungen und Flexibilität, schlechtes Gegnerscouting im Vorfeld, Mentalität, Arroganz) waren es wohl zentral diese Spielertypen, die dem deutschen Spiel fehlten. Es sind Spieler wie Lionel Messi bei Barcelona, Franck Ribéry, Arjen Robben, Douglas Costa (in seiner Bayern-Zeit und heute zum Teil auch bei Juventus Turin) oder Kingsley Coman bei Bayern und Leroy Sané, Gabriel Jesus, Raheem Sterling und Sergio Agüero bei Manchester City, die diese Qualitäten im ballbesitzfokussierten Positionsspiel Guardiolas haben. Und auch in der deutschen Mannschaft 2014 war es mit Mario Götze ein Spieler, der, wie Hans-Joachim Watzke sagte, „die Fähigkeit hat, mit einem Pass eine ganze Abwehr zu öffnen“ und der, wie sein alter Jugendtrainer Peter Hyballa bemerkte, „…schon immer etwas Besonderes (war)“ (Dokumentation: „Being Mario Götze“ von Aljoscha Pause), den man neuerdings „Unterschiedsspieler“ nennt. Es war also kein Zufall, dass alles, was das deutsche Spiel anzubieten hatte, wesentlich zwingender wurde, wenn die 1 vs. 1-Künstler Marco Reus und Julian Brandt auf dem Platz standen und in Aktion gebracht werden konnten.

Diese Unterschiedsspieler zeichnen auch die Franzosen aus. Während 2010 noch alles über Xavi und Iniesta redete und viele Fußballbegeisterte die „Vergessenen“, die den vorvorletzten und vorletzten Pass spielten, für sich entdeckten, gab es nun in den letzten Jahren eine Wiederauferstehung der Dribbelkünstler. Bei Frankreich sind es in erster Linie diejenigen, die man Straßenfußballer nennt und die in den Banlieues aufgewachsen sind. Allen voran: Kylian Mbappé. Während der Fußball in Zeiten von Big Data also eine krasse Rationalisierung zu erleben scheint und 2016 noch vornehmlich von „Packing“-Werten (die auch ihre Berechtigung haben) geredet wurde, sind es die Freigeister, die zusammen mit der Defensive das Turnier 2018 entschieden. Für viele Zuschauer birgt dieser Trend eine gewisse Fußballromantik – die übermächtige, rigorose Ballbesitz-Taktik der letzten Jahre scheint durch den Kampfgeist und durch Einzelkönner aufgebrochen worden zu sein, so die Wahrnehmung. Beispielhaft dafür wird dann – natürlich – das Ausscheiden der Deutschen und Spanier genannt. Nicht zuletzt die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland erklärten in ihren Analysen unlängst, dass der Ballbesitz-Fußball wohl das Ringen um den Fußball verloren habe. Auch wenn diese Zuschauer-, und Sender-Sichtweise wohl nicht ganz den Tatsachen entspricht, da auch die Kreativität der Unterschiedsakteure mittlerweile zu kalkulierbaren strukturellen Größen innerhalb eines Kollektivs geworden sind und sich durchaus auch im Ballbesitzfußball in den Top-Ligen beobachten lässt. Kreativität und vermeintliche Unkalkulierbarkeit eines Indivualkönners sind mittlerweile durchaus Teil eines Matchplans. Mit einer Aktion binden Mbappé, Neymar und Hazard zwei bis vier Verteidiger und öffnen Räume, um das Kombinationsspiel zu veredeln. Sie sind die Antwort auf die Kompaktheit der Fußballverhinderer, denn sie schaffen es, in Zeiten von steigenden Laufleistungen, guter defensiver Organisation und kollektiver Kompaktheit Lücken zu reißen und effektiv zu bespielen – das „Gegnerziehen“, um Räume im kompakten Organisationen zu schaffen, ist ein entscheidender Faktor, besonders im Ballbesitzspiel. Nach Spielern wie Mbappé, Hazard und Neymar werden mittlerweile ganze taktische Systeme ausgerichtet und andere Spieler scheinen auf den ersten Blick nur auf dem Platz zu stehen, um ihnen Freiheiten zu schaffen, um zu wirken. Mit dem französischen Stürmer Giroud stand ein Mittelstürmer auf dem Platz, bei dem sich Statistiker noch streiten, ob er in 546 WM-Minuten gar keinen oder zumindest einen Schuss auf das gegnerische Tor abgegeben hat. Und doch ist seine Wichtigkeit für das französische Weltmeistersystem keinesfalls zu unterschätzen. Eine Entwicklung, die der DFB ein Stück weit verpasst hat, denn sowohl die Franzosen (Kylian Mbappé und Antoine Griezmann), als auch die Engländer (Harry Kane) und Belgier (De Bruyne, Lukaku und Hazard) haben ihre Grundordnungen, Struktur und Automatismen an ihren Individualkönnern und ihren Gegnern ausgerichtet. Anders als bei der deutschen Elf wurde das System auf Unterschiedsspieler zugeschnitten und das Kollektiv bildete den Rahmen, deren Qualitäten für sich nutzbar zu machen. Aus einem flüssigen Ballbesitzspiel heraus ihre Unterschiedsakteure in Szene zu setzen, war oberstes Ziel der Engländer, Brasilianer und Belgier. Am variabelsten waren dabei die Roten Teufel aus dem kleinen Belgien, die gegen Brasilien mit Kevin de Bruyne eine Falsche Neun aufboten und Lukaku in den Halbraum schickten – quasi als Außenstürmer – und damit bewiesen, dass Grundordnungen wie Pep Guardiola und Thomas Tuchel einmal bemerkten „nur Telefonnummern“ seien und schon lange kein System mehr beschrieben oder gar unverhandelbar im Laufe eines Wettbewerbs sind. Damit zeigen die Belgier besonders den Deutschen, dass es nicht mehr so wichtig zu sein scheint, eine Grundordnung sehr gut zu spielen, sondern viel mehr die eigene Grundordnung am Gegner und den eigenen Akteuren soweit anzupassen, dass die Künstler im Team dadurch die Räume haben, die sie schlicht und einfach benötigen, um zu wirken.

Wenn Pep Guardiola bei Bayern und City seine Außenverteidiger nach innen in die Halbräume schickt, dann nicht nur aus der Logik seines Positionsspiels (vereinfacht: „Maximal zwei Spieler in einer vertikalen Linie, maximal drei in einer horizontalen Linie“-Regel) heraus, sondern um seinen Flügelspielern den Raum zu geben, die sie für ihre Auftaktaktion brauchen. Weil sie es sind, die bei beiden Teams den Unterschied gemacht haben. Wenn Messi seiner Zeit als Falsche Neun gespielt hat, dann um aus der Tiefe Räume anzudribbeln und zu öffnen.

Es sind eben nicht nur die Deutschen, die gelernt haben, den Ballbesitzfußball und das Positionsspiel der Spanier zu adaptieren. Auf internationaler Ebene hat Löw bei dieser WM diesen nächsten Schritt jedoch verpasst, während ihn seine deutschen Trainerkollegen Thomas Tuchel und Jürgen Klopp schon vor einigen Jahren mit großem Erfolg gemacht haben.

Und sowohl bei Frankreich bei der WM, als auch bei Real Madrid, ließ sich nun wieder einmal beobachten, dass es die Unterschiedsspieler sind, die Erfolg in Turnieren bringen. Sowohl Real unter Zidane, als auch Frankreich unter Deschamps verließen sich komplett auf ihre Einzelkönner in der Offensive und sicherten sie Defensiv ziemlich rigoros ab. Keine sonderlich hochstehenden Außenverteidiger, kein „totaler Fußball“. Stattdessen eine klare Absicherung in der Defensive, ein abräumender Sechser (bei Real Casemiro, bei Frankreich Kanté), zentrale Mittelfeldspieler, die fähig sind, die 1 vs.1-Könner in Szene zu setzen (Kroos, Modric, Matuidi, Pogba) und nicht zuletzt Komplementärspieler, die fähig sind, die Räume freizublocken oder freizuziehen, die diese Spieler brauchen (Giroud bei Frankreich, Isco bei Madrid, Sterling bei England), um erfolgreich zu sein. Auch diese Spielweise folgt dem gleichen Prinzip der Guardiolas, Tuchels, Klopps und Martinez‘, auch wenn das System und die Spielidee Frankreichs bei der WM 2018 und Real Madrids in der Champions League eine vollkommen andere ist. Beide spielen gegnerorientiert vertikal und versuchen, den Gegner in ihrer offensiven Grundordnungen nach Ballverlust zu attackieren statt ein geordnetes selbstorientiertes Positionsspiel mit Ballbesitzfokus aufzuziehen. Das Kollektiv öffnet strukturell Räume für das Individuum – und das Individuum dient mit seinem Talent dem Kollektiv.

Die Ausbildung der Talente zu Unterschiedsspielern

Gerade nach dem frühen WM-Ausscheiden steht nun wieder einmal das deutsche Ausbildungssystem in der Kritik. Wie schon bei vorherigen Turnierniederlagen mischt sich auch jetzt wieder absolut berechtigte Kritik mit dem Populismus und Lobbyismus einiger Funktionäre.

Erst kürzlich ließ Neu-Bayern-Trainer Kovac verlauten, er wisse, warum Deutschland in Relation zu Frankreich und Brasilien so wenige Unterschiedsspieler forme.

Bei der Ausbildung von Unterschiedsspielern fehlen Trainer, die in der Lage sind, den Kindern und Jugendlichen die entsprechenden Übungen vorzuführen. Das liegt nicht in der DNA der allermeisten deutschen Trainer. Deshalb wäre es gut, dieses Fachwissen zu importieren. Man braucht im Fußball nicht nur Handwerker und Facharbeiter, sondern auch Künstler.“

Niko Kovac
Zitat: Niko Kovac am 12.07.2018 in seiner Kolumne „100 Prozent Niko Kovac“ für die FAZ

Für Trainer wie Domenico Tedesco, Julian Nagelsmann, Thomas Tuchel oder André Schubert werden diese Aussagen wie eine Ohrfeige hinsichtlich ihrer erfolgreichen Karrieren klingen. Kovac impliziert, dass die Kreativität eines Neymars oder Mbappés deduktiv lehrbar sei, dass ein Ousmane Dembele es halt gut vorgemacht bekommen hat und ein Thomas Müller nicht – was nach der Theorie des differenziellen Lernens von Prof. Dr. Wolfgang Schöllhorn allein schon eine sportwissenschaftlich nicht haltbare Aussage wäre. Wie schon Scholl spielt er damit eine typische Profi-Fußballer-Karte aus, um die eigenen Ansichten über ein Autoritätsargument gegenüber denjenigen durchzusetzen, die über einen sportwissenschaftlichen Hintergrund oder gar als Quereinsteiger ins Trainergeschäft kamen.

Doch gerade die Straßenfußballer, wie es Ronaldo, Neymar, Mbappé und Ribéry sind, werden nie eine „Idealtechnik“ vorgemacht bekommen haben. Weder von einem Mitspieler auf den Hinterhöfen der urbanen Talentfabriken, den Bolzplätzen, geschweige denn von einem Profi. Auch Bojan Krkic, Marko Marin, Emre Mor und Martin Ødegaard sind tolle Techniker, doch sie sind keinesfalls Unterschiedsspieler, obwohl sie alle Anlagen mitbringen oder brachten. Unterschiedsspieler, der Einfachheit halber hier pauschalisierend verwendet, haben ihre Gabe definitiv nicht von ihren Trainern mitbekommen, sondern sich meist selbst differenziell angeeignet. Die Kader Frankreichs und Brasiliens sind voll von Spielern von einschlägiger sozialer Herkunft (Banlieus, Favelas). Auf eben jenen Bolzplätzen der Banlieues, auf denen sie sich permanent mit Älteren und Stärkeren messen, mit unterschiedlichsten Bällen und auf unterschiedlichsten Plätzen (Kunstrasen, Teer, Gummi, Asche), müssen sie andauernd neue Lösungen finden, um trotz ihrer körperlichen Unterlegenheit bestehen zu können. Permanent mit Gegnerdruck, immer mit dem Ziel, die besten, die mutigsten Aktionen wie Finten und Dribblings zu zeigen, um sich den Respekt der Älteren zu erkämpfen. Dass der fußballerische Umgang und das Messen mit Älteren ein entscheidender Einfluss in der Entwicklung junger Untersschiedsspieler ist, erkannte auch Thomas Hitzlsperger in der ARD in seiner Funktion als TV-Experte. Er bemerkte, dass viele technisch herausragend gute Fußballer große Brüder hatten, mit denen sie sich im Jugendalter messen mussten. Auch Nationalspieler und WM-Held Mario Götze selbst sagt, er sei nur so gut geworden, weil er sich stetig mit seinem auch überdurchschnittlich talentierten Bruder Fabian messen musste, für den es zwar „nur“ für die 3. Liga gereicht hat, aber der es auch in den bezahlten Fußball geschafft hat. Dass nun mit Felix Götze (Neuzugang: FC Augsburg) auch der dritte Bruder Profi wurde, liegt also nicht ausschließlich nur an einer guten Genetik. Auch die Hazard-Brüder sind ein eindrucksvolles Beispiel für diese Beobachtung. Darüber hinaus spielt selbstverständlich auch der Faktor eine Rolle, dass Kinder, die ihr gesamtes Jugendalter auf Bolzplätzen verbracht haben, schlicht einen Trainingsvorsprung gegenüber ihren Konkurrenten haben. Idealtechniken, wie sie aber zum Beispiel auch durch die Technikschule des Niederländers Wiel Coerver gelehrt werden, spielten bei diesen Spielerentwicklungen wahrscheinlich keine sonderlich große Rolle. Im Gegenteil: Schaut man sich einen Messi und einen Ronaldo in Zeitlupe bei verschiedensten technischen Aufgaben an, wird man feststellen, dass sie die gleiche Technikaufgabe vollkommen verschieden in Körper-, Arm- und Fußhaltung bewältigen. Niemand würde auch nur auf die Idee kommen, blasphemisch zu behaupten, einer von beiden habe eine falsche Technik.

Kovac‘ Aussage steht aber symptomatisch für ein Problem, das dem deutschen Fußball nach wie vor wie ein Gewicht auf der Brust lastet. Auf der einen Seite wird meist isoliert Technik trainiert, Gegnerdruck im Kindesalter als hinderlich auf dem Weg zur „Idealtechnik“ empfunden und in der Ausbildung gilt die Stoßart Passspiel in Verbund mit körperlicher Athletik und Dynamik als herausragendes Auswahlkriterium. Besonders da, wo es um Ergebnisse geht, gehen kleine Techniker, die häufig wie Mbappé spät im Jahrgang geboren wurden und ihre Technik als Kompensationsstrategie zu ihrer früheren körperlichen Unterlegenheit ausgebildet haben, unter. Diesen sogenannten relativen Alterseffekt und offensichtliche Selektions- und Wahrnehmungsfehler bei der Zusammenstellung von Stützpunkt-, U- und NLZ-Mannschaften scheint der DFB aber nur zum Teil begriffen zu haben. Zwar gibt es an den Stützpunkten nun Quoten für Spätgeborene, doch eine Optimallösung ist das bei weitem nicht. In Frankreich arbeitet man mittlerweile auch mit Perspektivkadern im U-Jahrgang, um mehr Talente ausbilden zu können und nicht zu früh zu selektieren – mit dem Ergebnis, dass die Spätgeborenen häufiger Profis werden. Auch der DFB hat erste Wege dahingehend beschritten, doch ist der Alltag nach wie vor, dass zunächst einmal diejenigen gefördert werden, die körperlich akzeleriert sind – was meistens bei Frühgeborenen aufgrund des bis zu elf Monate betragenden kalendarischen Altersvorsprungs der Fall ist. In England spielen die Akademien der Proficlubs untereinander in einer eigenen freundschaftsspielähnlichen Liga, um Talente nicht aufgrund von möglichen Auf- oder Abstiegen die Entwicklungschancen zu verbauen.

Kritiker sagen dabei, dass das den Profifußball noch weiter von der Basis entfernt, wenn die Proficlubs nun auch in der Jugend vollkommen unter sich bleiben. Doch die Ergebnisse sind gerade bei den U-WMs und U-EMs sichtbar. Für England reiht sich im U-Bereich seither Erfolg an Erfolg, auch wenn die Nationalmannschaft aufgrund der monetären Struktur der Premier League noch nicht nachhaltig profitieren konnte.

Hinzu kommt das “deutsche Fußballverständnis“, in dem Taktik und Kreativität als Widerspruch empfunden werden. Nach Leroy Sanés Nichtnominierung zur Nationalmannschaft sprachen viele Medienvertreter wohl stellvertretend für die Führung des DFB davon, er würde nicht ins System passen. Zu ballverliebt, zu egozentrisch, zu unkalkulierbar und zu schwankend sei er in der Nationalmannschaft. Sanés außerordentliche Qualitäten würden eben nur funktionieren, wenn ein System ihm die Freiheiten gibt, die er bei Manchester City und Schalke 04 genoss, und das dürfe im Fußball des 21. Jahrhunderts schlicht und einfach nicht sein. Bei einem Turnier? Für Deutsche undenkbar. Die Raumdeckung verlange schließlich, dass jeder auf dem Platz sich seiner Aufgaben gegen den Ball bewusst ist und keiner dürfe sich der defensiven Stabilität wegen davon ausnehmen.

Bei diesen Worten hört man einen Lionel Messi nur leise in der Ferne lachen. Selbst in Guardiolas Gegenpressingmaschine war Messi weitestgehend von Aufgaben gegen den Ball befreit – das Ergebnis ist bekannt. Der deutsche Wunsch nach Konformität und Homogenität aller Akteure hemmt die Talententwicklung in Deutschland. Es ist das wohl größte Missverständnis einer modernen Spielweise, wenn alle Guardiolas Positionsspiel kopieren wollen, dabei aber nur die vielen Pässe und den Ballbesitz sehen. Fast schon traurig ist dabei, dass sich dieses Fußball(miss)verständnis bis in die niedersten Klassen durchzieht. Wohl kaum ein Stützpunkttrainer des DFB wird nicht schon einmal den bitteren Satz gehört haben: „Bei uns im Verein dürfen wir nicht dribbeln. Wir müssen immer nur passen.“

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