Meine ersten Eindrücke von Florian Neuhaus gewann ich nicht, wie bei anderen Talenten, als Zuschauer im Stadion oder am Fernseher und auch nicht, wie üblich in etwaigen Fußballforen. Nein, stattdessen hatte ich die Ehre, ihn als Gegenspieler kennenlernen zu dürfen. Bei einem Testspiel vor 3 Jahren, damals waren wir beide noch in der A-Jugend, sah ich den etwas schmächtigen, aber dafür technisch und taktisch sehr starken Löwenspieler das erste Mal. Intelligent steuerte der zentrale Mittelfeldspieler das Aufbauspiel seiner Mannschaft und beeindruckte mich von Beginn an mit seiner Übersicht.

3 Jahre sind seitdem vergangen und während ich in der Bayernliga mein Unwesen treibe, hat Florian Neuhaus den Sprung in den Profibereich geschafft. Diesen Schritt ging er beim TSV 1860 München und zeigt mittlerweile in der 2. Bundesliga, was er drauf hat.

Ein Oberbayer für Korea

Florian Neuhaus wurde am 16.3.1997 in Landsberg am Lech geboren. Das fußballerische Einmaleins lernte er beim VfL Kaufering, bevor er in der B-Jugend dann den Schritt ins Nachwuchsleistungszentrum des TSV 1860 München wagte und seither für die Löwen aufläuft. Mit deren U19 schaffte er es in der vergangenen Saison als Stammspieler (25 Spiele: 6 Tore und 5 Assists), sich für die Endrunde der deutschen Meisterschaft zu qualifizieren. Sein Traumtor im Halbfinale gegen die A-Jugend des BVB, als er von der Mittellinie verwandelte, reichte jedoch nicht, um das Finale zu erreichen, da das Rückspiel verloren ging. Nichtsdestotrotz war dies der Zeitpunkt, ab dem jeder Scout spätestens auf den jungen, zentralen Mittelfeldspieler, der auch auf dem Flügel spielen kann, aufmerksam wurde. Zur Belohnung wurde er im vergangenen Juli ins A-Team der „Sechzger“ befördert und erhielt einen Profivertrag bis 2019. In dieser Saison kommt er bisher auf 9 Einsätze in der zweiten Bundesliga, wobei es den Anschein hat, als würde ihm momentan der absolute Durchbruch gelingen, schließlich kam er in den vergangenen 5 Partien immer zum Einsatz. Am vergangenen Wochenende stand er gegen Aue in der Startelf und konnte in Halbzeit eins wie die gesamte Mannschaft überzeugen. Nicht umsonst wurde er vom Kicker in die Elf des Spieltags gewählt. Aufgrund seiner guten Entwicklung ist er zudem im Kader der deutschen U20-Nationalmannschaft, für welche er bisher 5 Mal auf dem Rasen stand. Auch für die im Mai startende U20-Weltmeisterschaft in Südkorea darf sich Neuhaus Hoffnungen auf eine Nominierung machen, sollte er an seine bisherigen Leistungen anknüpfen können.

Mit Traumtor ins Gedächtnis der Fußballfans

Wir sind in der Schlussphase eines Spiels im Signal Iduna Park. Die Stars von morgen messen sich auf höchstem Juniorenniveau. Der BVB ist im Mittelkreis in Ballbesitz. Die U19 des TSV 1860 München ist hinter dem Ball und verteidigt. Das Spielgerät wird in die Tiefe gespielt, Ziel ist der Stürmer der Borussia aus Dortmund. Florian Neuhaus erkennt als zentraler Mittelfeldspieler sofort die Situation und sticht in den Passweg. Dann nimmt der Junglöwe die Kugel mit dem ersten Kontakt perfekt Richtung gegnerisches Tor mit. Der 1,82m große Rechtsfuß befindet sich nun im Mittelkreis, hat mit seinem Blick das Tor fest anvisiert und verwandelt mit einem 60 Meter Flugball über den Torwart perfekt zum Zwei zu Eins Siegtreffer.

Diese Situation aus dem Halbfinale der Deutschenmeisterschaft zwischen der U19 der Münchner Löwen und der A-Jugend der Dortmunder eignet sich ideal um einige Stärken von Florian Neuhaus aufzuzeigen.

Zu Beginn sein taktisches Können und seine Diszipliniertheit, mit welcher er im zentralen Mittelfeld gut verschiebt und seine Mannschaft dirigiert. Dies ist heutzutage zwar eigentlich eine Grundvoraussetzung um auf absolutem Topniveau zu spielen, nichts desto trotz werden in diesem Bereich, besonders gegen Ende des Spiels, auch bei den Besten immer wieder Fehler gemacht.

Jetzt erkennt Florian Neuhaus die Spielsituation, sieht den Pass in die Tiefe voraus und stößt dazwischen. In dieser Aktion tritt seine hervorragende Spielintelligenz und seine Antizipationsfähigkeit zum Vorschein, mit deren Hilfe er den Ball frühzeitig erobert und damit nicht nur den Konter einleiten kann, sondern gleichzeitig auch die eigene Defensive stärkt. Nicht nur in diesem Spiel, auch im Profibereich.

Ein Kontakt reicht aus, um sich den scharfen Pass genauso vorzulegen, dass er mit dem zweiten Kontakt für die Anschlussaktion alle Möglichkeiten hat. Während im Stadion alle Zuschauer den Blick auf die hervorragende Technik des heute 20-jährigen und den Ball legen, hat der Junge bereits den Kopf nach vorne gerichtet und erkennt nicht nur die Laufwege seiner Mitspieler und die Lücken im gegnerischen Abwehrverbund, durch welche er seine Kameraden in Szene setzen kann, sondern auch, dass der Torhüter des BVB weit vor seinem Tor steht.

Also nutzt Neuhaus seine grandiose Technik und überwindet diesen mit einem präzisen Flugball über knapp 60 Meter, welcher genau unter der Latte einschlägt. Bereits lange bevor der Ball die Torlinie überquert setzt er zum Jubeln an, weiß er doch aufgrund seines Ballgefühls längst, dass dies ein Torerfolg wird.

Nochmal zum Mitschreiben: Florian Neuhaus bringt exzellente technische Voraussetzungen mit sich. Sowohl Passspiel, Dribbling als auch Ball An- und Mitnahme erfolgen auf aller höchstem Niveau. Hinzu kommt eine starke Schusstechnik, die das Technikgesamtpaket abrundet. Des Weiteren verfügt er über sehr gut geschulte kognitive Fähigkeiten, wie Übersicht, Antizipation und Spielintelligenz, welche ihn im Zusammenspiel mit seinen Möglichkeiten am Ball für das zentrale Mittelfeld prädestinieren. Er kann das Spiel an sich reißen und als Lenker und Denker seiner Mannschaft fungieren. Offensiv dient er als Ballverteiler, der aber auch selbst Torgefahr ausstrahlt und defensiv steuert er seine Mitspieler und sorgt so für eine kompakte Abwehrleistung.

Noch längst nicht am Zenit seines Leistungspotentials

Bei allem Lob für Neuhaus darf aber auch nicht vergessen werden, dass er sein können bisher nur in der 2. Bundesliga zeigen konnte. Inwieweit er sein Potential auch auf höchstem Niveau abrufen kann, ist also nur sehr schwer zu sagen. Fakt ist aber auch, dass es auf höherem Niveau nicht nur bessere Gegenspieler, sondern auch bessere Mitspieler gibt, welche Einen besser in Szene setzen können. Auf jeden Fall besitzt Neuhaus neben seinen Stärken auch noch einige Schwachpunkte. Hierzu gehört zum einen sein Zweikampfverhalten in der Defensive.  Es fehlt ihm noch an Dynamik, Einsatz und auch Cleverness um auf höchstem Niveau mithalten zu können. Diese Mängel lassen sich jedoch ein Stück weit mit seinem jungen Alter erklären. Nichts desto trotz muss er versuchen sich in diesen Bereichen zu verbessern, um noch wertvoller zu werden. Ein weiterer Schwachpunkt ist, dass ihm in bestimmten Situationen noch die letzte Ruhe fehlt. Dies zeigt sich vor allem darin, dass er immer wieder zu hektisch oder zu kompliziert spielt und so Ballverluste verursacht. Etwas mehr Erfahrung wird im hierbei sicherlich gut tun. Zu guter Letzt gilt es noch seine fehlende Konstanz anzusprechen. Zwar ist er jederzeit dazu in der Lage überragende Leistungen zu zeigen, von Zeit zu Zeit taucht er aber auch völlig ab. Gerade wenn er auf dem Flügel spielen muss, ist es oft schwer für ihn sich ins Spielgeschehen einzubinden, da ihm für diese Position die Dynamik noch ein wenig fehlt.

Nächstes Talent, das die Löwen ziehen lassen müssen?

Am Wochenende wird er wieder auf dem Platz stehen und mit seinen Löwen gegen Sandhausen versuchen, den wichtigen Dreier im Abstiegskampf zu holen. Häufig ist es für junge Spieler schwierig, im Kampf um den Klassenerhalt Einsatzzeiten zu erhalten, da viele Trainer in dieser Situation eher auf erfahrene Spieler setzen. Doch bei der derzeitigen Form von Florian Neuhaus hat Trainer Vitor Pereira kaum eine andere Wahl als den 20-jährigen spielen zu lassen, zu stark spielt er momentan auf. Wenn er so weiter macht und zudem noch an seinen Schwächen arbeitet, wird es nicht mehr lange dauern, bis er sich für höhere Aufgaben empfiehlt. Langfristig wird es ihn wahrscheinlich wie die meisten Talente des TSV 1860 München früher oder später in die Bundesliga ziehen, vielleicht ja auch mit den „Sechzgern“ und als U20 Weltmeister.

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