Mittwochabend in Köln-Weiden. Der Himmel ist schon fast dunkel. In einer kleineren Seitenstraße steht ein weißes Mehrparteien-Haus. Auf dem untersten Klingelschild steht „Kempe/ Ehegötz“. Das muss sie sein, die Talent-WG. Hier wohnen zwei der großen Talente im deutschen Frauenfußball. Frederike Kempe, Stammspielerin in der Frauen-Bundesliga und Nina Ehegötz, Gewinnerin der Fritz-Walter-Medaille in Gold 2016. Beide sind 20 Jahre alt, spielen zusammen bei Bayer 04 Leverkusen und studieren an der Sporthochschule Köln, Sportmanagement und Kommunikation. Der einzige Unterschied zwischen den zweien: die eine ist Dortmund-Fan, die andere Schalke-Anhänger. Trotzdem sind sie 2015 zusammengezogen.

Beginnen wir mal ganz von vorne. Wie kam es denn eigentlich dazu, dass ihr zwei zusammengezogen seid?

Frederike:           Also, wir wollten beide an der Sporthochschule studieren und da wir uns schon früher
kannten, recht lange, hat sich das so ergeben. Wir sind auf die Idee gekommen zusammenzuziehen und dann hat es auch geklappt.

Nina:                     Dem ist nichts hinzuzufügen. (lacht)

Ihr wohnt zusammen, ihr studiert zusammen das gleiche Fach und ihr spielt in der selben Mannschaft. Entsteht dadurch ein größerer Konkurrenzkampf oder braucht ihr die andere schon fast, um eure Leistung zu bringen?

N:           Ich glaube schon, dass wir uns da vergleichen und dass schon ein bisschen Konkurrenzdenken da ist. Aber wir helfen uns auch gegenseitig, wenn die eine ein Fach besser kann oder solche Dinge. Also ich glaube, dass es auch eine große Hilfe ist. Und es motiviert den anderen immer dazu, mehr zu machen als man eigentlich machen würde, vor allem in der Uni. Im Fußball spielen wir ja auf unterschiedlichen Positionen, deshalb ist das da eher weniger der Fall.

F:            Wobei ich dazu sagen muss, dass mir letztens gesagt worden ist, dass mein Trainer das Gefühl hatte, dass ich, seitdem Nina bei uns spielt, irgendwie noch mehr aus mir herausgekommen bin und noch mehr aufgeblüht bin. Also vielleicht gibt es da schon einen positiven Zusammenhang. (lacht)

Wer hat den größeren Fußballschuhfetisch?

N:           Puh, schwer zu sagen. Man bekommt ja die meisten Schuhe sowieso immer, deswegen kaufen wir uns eher selten selber welche.

F:            Aber beide nicht so krass, oder?

N:           Ne.

Gehen wir mal ein bisschen auf Fußball ein. Angehende Profis im Männerfußball werden heutzutage meist schon in sehr jungem Alter gescoutet und spielen dann in der Regel eigentlich spätestens ab der U15 im Nachwuchsleistungszentrum. Wie verlief den euer Weg in die 1.Bundesliga?

F:            Ich erzähl einfach mal generell, wie es angefangen hat. Also ich habe mit sechs Jahren angefangen beim SSV Meschede zu spielen und habe da acht Jahre lang mit Jungs gespielt. Bin dann für ein Jahr zum SV Schmallenberg/Fredeburg gewechselt und habe da noch ein Jahr bei den Jungs gespielt in der Landesliga, also noch einmal eine Liga höher als früher. Dann bin ich zu Gütersloh gewechselt, da habe ich dann in der U17-Bundesliga gespielt, zwei Jahre lang. Man wurde zwischendurch immer mal wieder zu den Frauen hochgezogen und hat da halt so mittrainiert, mal reingeschnuppert. Im dritten Jahr wurde man dann ganz raufgezogen, was aber ganz normal war in diesem Alter. Dann habe ich noch ein Jahr bei den Frauen in Gütersloh gespielt. Das war in der 2.Bundesliga. Und dann bin ich eigentlich aufgrund des Studiums gewechselt, weil ich auch unbedingt in Köln studieren wollte und bin zu Leverkusen gegangen.

Die U20-Nationalspielerin Nina Ehegötz wurde mehrfach mit der Fritz-Walter Medaille ausgezeichnet und spielt seit Sommer 2016 für Bayer 04 Leverkusen in der Bundesliga.

Wie war das mit der Schule?

F:            Als ich nach Gütersloh gewechselt bin, bin ich gleichzeitig auch aufs Internat gewechselt. Da wurden die Schule und der Fußball gut zusammen koordiniert und es war einfacher Schule und Fußball zu verbinden, weil man viel Hilfe bekommen hat durch Nachhilfelehrer oder dadurch, dass die Schulen einen für Lehrgänge oder ähnliches freigestellt haben.

N:           Ich habe mit vier oder fünf Jahren angefangen und habe auch erst, bis ich 14 war, bei den Jungs gespielt, beim PTSV Dortmund. Von da aus bin ich dann für ein Jahr zur SG Lütgendortmund, zu den Mädchen. U17-Regionalliga war das noch, da gab‘s die Juniorinnen-Bundesliga noch nicht. Und von da aus sind wir dann eigentlich über die Westfalen-Auswahl nach Gütersloh gekommen, da wir dann da gesichtet wurden.

F:            Die Mannschaft wurde da komplett neu aufgebaut. Weil die U17-Bundesliga neu zusammengestellt wurde. Und der Trainer hat dann…

N:           …fast alle aus der Westfalen-Auswahl…

F:            …versucht nach Gütersloh zu holen. (lachen)

N:           Wir ergänzen uns gut oder? (lachen)
Ja dann habe ich auch drei Jahre bei Gütersloh gespielt. Erst U17 und dann zu den Frauen hoch und dann war es bei mir wie bei Frederike, dass ich in Köln studieren wollte und dann halt überlegt habe, welcher Verein da am besten passt. Und für mich war das dann halt zuerst Köln.

Bist du auch aufs Internat gegangen?

N:           Nein, ich habe die ganze Zeit zu Hause gewohnt bei meinen Eltern in Dortmund und bin da auch zur Schule gegangen. Und ich muss sagen, ich hatte auch eine Schule die da sehr offen war und mir auch immer freigegeben hat, wenn ich Lehrgänge hatte oder so. Ich glaube aber, dass das nicht bei allen Schulen so ist, dass man das privat regeln kann.

Frederike du bist in dieser Saison zur Stammspielerin in Leverkusen geworden. Aber die Mannschaft selbst, die kämpft ja an den letzten Spieltagen der Saison gegen den Abstieg. War es für dich trotzdem persönlich gesehen eine erfolgreiche Saison?

F:            Für mich persönlich war‘s auf jeden Fall erfolgreich, dadurch dass ich mich festgespielt habe! Ich glaube auch, dass ich fußballerisch und auch menschlich nochmal viel dazu gelernt habe und mich in einigen Punkten nochmal verbessern konnte. Das motiviert dann weiter zu machen, wenn man merkt, dass man besser wird und dann will man eben noch mehr erreichen und noch mehr aus sich herausholen.

Für dich war es nicht ganz so einfach Nina. Kreuzbandriss am 5.Spieltag gegen Duisburg in der 12. Minute.

N:           5. war‘s.

5.Minute war‘s?

N:           Ja ich lag da noch ein paar Minuten und wurde dann in der 12. ausgewechselt.

Ah ok, also in der 5.Minute. Darum bist du auch für die U20-WM in Papua-Neuguinea ausgefallen. Jetzt ist die Frage, hat dich die Verletzung trotzdem persönlich ein bisschen weitergebracht oder hat deine Karriere doch sehr darunter gelitten?

N:           Es war auf alle Fälle schon ein riesiger Rückschlag. Gerade wegen der U20-WM eben, weil das eigentlich so das wichtigste Nationalmannschaftsturnier im Jugendbereich ist, bei den Frauen. Das war eigentlich das, worauf man sich die ganze Zeit gefreut hat und dass man da nicht mitfliegen konnte war schon heftig. Auch so, ist so eine Verletzung natürlich immer doof und diese sechs Monate in der Reha, ob die mich jetzt stärker gemacht haben weiß ich nicht so. Fußballerisch wahrscheinlich nicht, weil ich eben nicht spielen konnte. Auch wenn viele immer sagen, dass man stärker zurückkommt, ich weiß nicht ob das so stimmt. Wenn, dann halt menschlich, dadurch dass man dazu lernt. Aber ich hätte auf jeden Fall sehr gerne darauf verzichten können. Vielleicht hat es mir auch weitergeholfen, aber ich glaub das werde ich dann erst in der Zukunft merken.

Die ehemalige U19-Nationalspielerin Frederike Kempe spielt seit 2015 bei Bayer 04 Leverkusen

Ihr seid ja im Prinzip beide Profisportlerinnen. Ihr trainiert fünf Mal die Woche, ihr verdient Geld mit dem Sport, aber es ist eigentlich jetzt schon klar, dass ihr damit nicht euer restliches Leben finanzieren könnt. Gibt’s schon konkrete Pläne für die Zweit nach der Karriere?

F:            Ich möchte auf jeden Fall im Bereich Sport arbeiten. Was genau, kann ich aber noch gar nicht so sagen. Gerne irgendwie mit Sport und Medien, aber so ganz genau weiß ich‘s noch nicht.

Na da bietet sich der Studiengang ja an.

F:            Richtig.

N:           Ich würde am liebsten erstmal viel Fußball spielen. Ich will mich auf jeden Fall vorerst, nach        dem Studium oder während des Studiums auf das Fußballspielen konzentrieren und damit mein Geld verdienen und das Berufliche sozusagen erstmal hinten anstellen und im Fußball so weit kommen wie möglich und dann schauen, was sich beruflich so ergibt.

Das Gehalt ist ein großer Unterschied zwischen Frauen- und Männerfußball. Wo gibt’s prinzipiell noch Dinge an denen man die Differenz zwischen Frauen- und Männerfußball eurer Meinung nach noch sehr stark merkt?

F:            Die Differenz sieht man auf jeden Fall bei den Zuschauern.

N:           Ja, das auf jeden Fall.

F:            Also ich glaub es interessieren sich einfach nicht so viele für den Frauenfußball, weil er einfach noch nicht so attraktiv ist wie der Männerfußball. Ich weiß auch nicht, ob er das jemals sein wird, weil Frauen ja einfach andere körperliche Voraussetzungen haben und das Spiel dadurch einfach komplett anders ist. Es ist halt nicht so schnell und weniger robust, als bei den Männern. Ich glaube aber, dass sich der Frauenfußball in den letzten Jahren auf jeden Fall verbessert hat und dass er das bestimmt auch noch weiter tun wird. Aber es wird eben nie so sein wie bei den Männern.

N:           Was glaube ich noch ein Unterschied ist, ist die Förderung der jungen Spielerinnen und Spieler. Also bei den Jungs fängt es ja, wie du schon gesagt hast, mit 15 oder so an, dass die in diese Nachwuchsleistungszentren gehen und die meisten, die dann in der U17-Bundesliga spielen, hören dann schon mit der Schule auf und setzen alles auf den Fußball. Bei uns kristallisiert sich das meistens erst mit 17, 18, 19 Jahren heraus, wer überhaupt in der Bundesliga spielen kann oder will und viele hören dann auch einfach auf. Die ganze Förderung ist nicht ganz so extrem wie bei den Jungs.

Damit hast du die nächste Frage eigentlich schon beantwortet Nina. Da ging es genau darum, welche Unterschiede es in der Jugendförderung gibt. Also gleich die nächste.

Würdet ihr gerne öffentlich stärker präsent sein oder findet ihr das gut, nicht so stark in der Öffentlichkeit zu stehen?

N:           Ich glaube das hat alles Vor- und Nachteile und man hat es ja auch ein bisschen selber in der Hand, wie stark man in der Öffentlichkeit steht. Bei den Frauen stehen vielleicht die drei, vier besten Frauen Deutschlands sehr in der Öffentlichkeit und bei den Männern ist es ja dann eigentlich fast jeder Bundesligaspieler.

F:            Ich sehe das auf jeden Fall ähnlich, dass das alles Vor- und Nachteile hat. Es wäre bestimmt schön, wenn das ein bisschen populärer wäre und der Frauenfußball dadurch einfach mehr Aufmerksamkeit genießen würde und mehr Leute zu den Spielen kommen würden. Aber ich müsste das jetzt nicht haben, dass ich auf der Straße überall erkannt werden würde. Also kann man das jetzt nicht so genau sagen ob man das unbedingt anders haben wollen würde.

Abschließende Frage: Was würde euch bei einem Wechsel mehr fehlen, die Mitspielerin oder die Mitbewohnerin.

N:              Die Mitbewohnerin.

F:          Bei mir beides (lacht). Nein, ich fände beides schade. Aber die Mitbewohnerin wäre noch schlimmer.

N:           Ja sehe ich auch so, weil wir haben ja schon mal ein Jahr nicht zusammen gespielt und jetzt auch nicht so richtig zusammen gespielt, weil ich ja die ganze Zeit nicht dabei war, deswegen weiß ich, dass das auch geht.

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