FIFA Weltmeisterschaft 2018 in Russland: Nur wenige Wochen vor dem Aufeinandertreffen der größten Fußballnationen unseres Planeten hatte Real Madrid mit dem alles überragenden Cristiano Ronaldo – einem Unterschiedsspieler wie er im Buche steht – zum dritten Mal in Serie die UEFA Champions League gewonnen. Auf der Bank der Königlichen im Trainerkostüm: Der wohl herausragendste Einzelspieler Frankreichs der 1990er und 2000er Jahre, Zinédine Zidane. Sein Heimatland Frankreich wird in diesem Jahr im Land der Zaren schließlich Weltmeister und damit seiner Favoritenrolle gerecht. In keinem ihrer Spiele dominieren sie ihren Gegner wirklich mit herausragenden spielerischen Mitteln, und doch marschieren sie unangefocthen zum letzten Endes verdienten WM-Titel. Diszipliniert, lauernd, beharrlich, eher reaktiv als aktiv. Der Trend, der die letzten drei Saisons auch die UEFA Champions League geprägt hatte, dass jene Teams, die ihre Ligen spielerisch dominierten, letzten Endes nicht bis in die Finals kamen, setzt sich nun auch auf der ganz großen, globalen Bühne fort: Einige Spieler machen den Unterschied und scheinen ihre Mannschaft im Alleingang zu Siegen und Titeln zu tragen. Madrid hatte Ronaldo, die „Grandé nation“ den Youngster Kylian Mbappé. Während die DFB-Auswahl – die überragende Mannschaft der letzten Weltmeisterschaft – keinen Spieler dieser Qualität in ihren Reihen hatte, ja sie teils bewusst zu Hause ließ (z.B. Leroy Sané) und in der Vorrunde ausschied, ist das letzte Spiel des Turniers schließlich ein Duell zwischen den herausragenden Einzelkönnern der beiden Finalisten.

Im Nachgang fällt die Analyse der Trends des Turniers scheinbar sehr klar aus: Ballbesitzfußball ist tot, nun sind die Einzelkönner mit viel physischem Tempo und die Künstler wieder gefragt. Frankreichs taktische Idee war so einfach wie effektiv. Gegen den Ball sehr organisiert und reaktiv, mit dem Ball mit großem Vertrauen darin, dass die Offensivakteure mit ihrer unfassbaren individuellen Qualität weite Räume effektiv nutzen können. In der Folge wurde kaum ein gutes Haar an Spielern gelassen, die „nicht den Unterschied machen“. Jahre lang seien in Deutschland nur und ausschließlich Passmaschinen ausgebildet worden und kein Spieler vom Format eines Mbappé oder Neymar. Auch wir bei Talentkritiker.de schrieben nach der Weltmeisterschaft über die „WM der Unterschiedsspieler“ und die fehlenden Dribbelkünstler in den Reihen der deutschen Nationalmannschaft. Doch bedeutet das Fehlen von Dribbelkünstlern wirklich im Umkehrschluss, dass die sogenannten „Passmaschinen“ keine Berechtigung haben? Geht es nach der Kritik vieler Beobachter, sind die Zeiten des Spielertypus „Toni Kroos“ oder „Philipp Lahm“ vorbei.

Historische Einordnung: Deutschland und die Künstlerseelen

Von dem Moment an, wenn sie zusammen ins Mittelfeld vorrücken, möchte ich, dass sie nur noch Bayern pur sind, dass sie sich lösen, dass sie ihre DNA freisetzen, dass sie laufen, sich befreien. Darin sind sie wie Monster. Das lieben sie. Und ich liebe es, wenn sie das tun. Dass sie rennen. Dass sie über die Außen das Spiel öffnen und nach innen flanken.“
Pep Guardiola

Deutschlands Fußball hat, verglichen mit vielen anderen großen Fußballnationen, ebenso einen Sonderweg beschritten, wie es das in seiner Geschichte sowohl gesellschaftlich als auch politisch getan hatte. Beschränkt man sich lediglich auf das im Fußball verwendete Vokabular, fällt einem auf, dass dieses Spiel mit den Akteuren auf dem gepflegten Grün wohl einiges macht. Freude gehört aber eher weniger dazu. In Deutschland wird Fußball gearbeitet, malocht, gekämpft. Bälle
werden nicht ins Tor gespielt, sie werden ins Tor gewollt. Bis in die späten 1990er Jahre gehörten in jedes gute deutsche Fußballsystem „Vorstopper“ und „Ausputzer“. Zentrale Mittelfeldspieler sollen bis heute für viele deutsche Trainer eher „Abräumer“ sein, als Spielmacher. Im Maschinenraum wird Kraft benötigt. Den Begriff des Stürmers gibt es bis heute. Die Sprache, mit der über Fußball gesprochen wird, trifft in vielen Fällen sehr gut das, was auf dem Platz letzten Endes verlangt wird. Selbst die Taktik war in der deutschen Sportberichterstattung lange Zeit etwas, was nicht so wirklich zum deutschen Fußball gehören sollte.

Taktik war etwas für die Italiener, nicht aber für die laufstarken und kämpferischen Teutonen. Bis heute ist der Taktikbegriff im deutschen Fußball unvollständig. Hört man in der Berichterstattung von einer „sehr taktisch geprägten Partie“ handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um ein torloses Unentschieden oder einen sehr knappen Sieg mit wenigen Toren – vornehmlich ein 1:0. Dass das 0:7 des FC Schalke 04 in der Champions League gegen Guardiolas Manchester City wohl eine taktisch wesentlich komplexere Partie als Schalkes 1:1 in Nürnberg war, gerät dabei gemeinhin sehr in den Hintergrund. Stattdessen werden bei so hohen Ergebnissen seltener die Leistungen der Siegermannschaft in den Vordergrund gestellt, sondern mehr die Versäumnisse der Verlierer. Meist habe es dann an Wille gefehlt, oder an Konsequenz oder einer beliebigen anderen Eigenschaft, die als Phrase bei Trainern und Beobachtern häufig der erste Indikator für zunehmende Ratlosigkeit ist. Taktik ist darüber hinaus durchweg defensiv konnotiert. Gewinnt also City mit 0:7 gegen Schalke, dann waren die Schalker taktisch nicht gut und die individuellen Qualitäten von City waren schlicht zu groß.

Nur wenige Trainer in Deutschland fokussieren sich in ihrer taktischen Planung auf die Frage, wie sie Tore erzielen wollen. Oftmals wird darauf vertraut, dass die Spieler von sich aus Lösungen finden, wenn es darum geht, ins letzte Drittel zu kommen und dort etwas möglich zu machen. Defensiv wird organisiert, für Überzahlen in Ballnähe gesorgt und Raumdeckung trainiert – offensiv sind die Spieler dann bis auf einige grobe Leitlinien auf sich gestellt. Die Ausnahmen von diesem Verständnis in der Trainerzunft sind dabei häufig außerordentlich erfolgreich. Lucien Favre, Peter Bosz, Marco Rose, Julian Nagelsmann oder auch Tim Walter sind dabei strahlende Positivbeispiele aus Bundesliga und 2. Bundesliga, für die taktische Planungen im Offensivbereich mindestens genauso wichtig sind wie in der Defensive und die mit dieser sehr undeutschen Herangehensweise in jüngster Vergangenheit allesamt großartigen Fußball spielen ließen. Auch der Spanier Pep Guardiola begann schon in seiner Zeit beim FC Bayern zu verstehen, dass er mit dem FC Bayern aufgrund der deutschen Fußballkultur und dem Fehlen „dieses Tiers (Lionel Messi)“ nicht so spielen würde können, wie er es mit dem FC Barcelona getan hatte. So passte er zwar nicht seine Philosophie an, sehr wohl aber seine Spielmodelle und Matchpläne, um sie auf die „germanische Art“ und seine Spieler zuzuschneiden. Zur Absicherung gegen die „Konter-Bundesliga“ ließ er seine Außenverteidiger einrücken und ermöglichte es damit, seinen besten Spielern, den hohen Außenstürmern Ribéry und Robben permanent ins 1 vs. 1 gegen die gegnerischen Außenverteidiger zu gehen. Er schlug zwei Fliegen mit einer Klappe. Auch einer der größten Strategen und Taktiker im aktuellen Weltfußball erkannte also, dass seine Philosophie all dem, was in Deutschland üblich war, komplett widersprechen würde – und nutzte dies in eklektischer Manier zu seinem Vorteil, indem er sie in sein Modell integrierte.

Dynamik, Körperlichkeit und Tempo sind aufgrund der hohen Gewichtung der Defensive und der systematischen Vernachlässigung der Offensive also nicht erst seit gestern und bis ins Jahr 2019 absolute Zauberworte im deutschen Fußball. Defensive muss trainiert werden – Offensive gründet auf angeborenem Talent, so die landläufige Meinung. Spieler, die kämpfen und bis zur Erschöpfung rennen, werden in Deutschland verehrt. Leidenschaft ist im deutschen Fußball weitaus wichtiger als spielerische Finesse, geniale Pässe oder intelligente Freilaufbewegungen, wobei so manche Partien in der Bundesliga, die nicht in die Kategorie „Top-Spiel“ fällt, beim Zuschauer wohl eher Leiden schafft, als dass sie Leidenschaft weckt. Fragt man, welches Bild den Deutschen vom WM-Finale 2014 am meisten in den Köpfen hängengeblieben ist, wird man wohl sehr viel häufiger die Antwort „Schweinsteiger, der blutüberströmt auf dem Boden sitzt und danach weiterspielt!“ als die Antwort „Mario Götzes perfekter erster Kontakt mit der Brust in Spiel- und leicht gegen die Laufrichtung des Torhüters vor seinem Siegtor!“ bekommen. Selbst Mesut Özil, ob er nun bei Schalke 04, Werder Bremen, dem FC Arsenal oder bei Real Madrid an der Seite Cristiano Ronaldos spielte, wurde stets für seine „fehlende Körpersprache“ und angeblich fehlende Einsatzbereitschaft kritisiert – unabhängig davon, ob er 2010 gegen Ghana oder 2014 gegen Algerien das Siegtor erzielte, oder ob die deutsche Mannschaft mit 2:0 gegen Südkorea ausscheidet und dabei trotzdem noch die meisten Chancen vorbereitet hat. 11 „Aggressive Leader“ sollt ihr sein!

Hinsichtlich der Frage, inwiefern diese Bewertung von spielerischen, mentalen und athletischen Fähigkeiten und das fußballkulturelle Grundverständnis in der Talententwicklung, und somit der Zukunft des deutschen Fußballs, von Bedeutung ist, sind diese fußballkulturellen Faktoren außerordentlich relevant. Denn blickt man nüchtern in die Vergangenheit des deutschen Fußballs fällt unweigerlich auf: Die großen Ballkünstler, „Fummelköppe“ und Trickser hatte eine Nation, die Bernd Schneider – ohne ihm seine fußballerischen Fähigkeiten auch nur im Entferntesten absprechen zu wollen – als „den weißen Brasilianer“ bezeichnete, noch nie. Blickt man auch in Länder wie Brasilien, Argentinien oder auch Frankreich und die Niederlande, fallen einem wohl sofort mehr als drei Spieler ein, die mit dem Begriff „Künstlerseele“ treffend beschrieben werden würden. Blickt man hingegen in die deutsche Geschichte, muss man sich unpatriotischerweise wohl eingestehen, dass die Tatsache, dass Deutschland lediglich ein einziges Mal den Weltfußballer stellte, durchaus seine Berechtigung hat. Wie valide ist also angesichts dieser historischen Einordnung die Kritik am Ballbesitzfußball, den Joachim Löw nach dem Scheitern gegen Spanien 2010 im Halbfinale aus Südafrika mit in die Ausbildung des DFB brachte und der angeblich so „passspiellastigen Ausbildung“ des DFB? Ist er die Ursache für die fehlende Kreativität der deutschen Spieler oder ist die Ursache nicht viel verwurzelter im risikolosen Minimalfußball, der Deutschland Jahrzehnte lang dominiert hat?

Abgesang auf den Ballbesitzfußball

Wie kann es sein, dass jedes Mal, wenn die Bayern in der K.O.-Phase der Champions League ausscheiden, Ballbesitzfußball angeblich tot sei, wenn Köln (aber) nach Rang 5 absteigt oder Schalke nach Rang 2 gegen den Abstieg spielt niemand auf die Idee kommt, Defensivfußball sei tot?“
Tobias Escher

Merkwürdig zu beobachten ist, dass in Deutschland scheinbar jede Niederlage eines Ballbesitzteams eine gewisse Schadenfreude bei vielen Kommentatoren, Beobachtern und Experten auslöst. Führende Meinungsmacher im deutschen Fußball titelten nach jeder Niederlage Guardiolas geradezu euphorisch, dass der Katalane nun endlich entzaubert sei. Auch Thomas Tuchel schlug nach seiner Wandlung in einen Trainer, der das ballbesitzorientierte Positionsspiel gegenüber dem reaktiven Pressingspiel mit Umschaltfokus favorisierte medial sehr viel mehr Häme entgegen, wenn seine Teams verloren. Teams, die den Raum in ihrem Spielmodell höher gewichten als den Ball, werden aber nur selten dahingehend hinterfragt. Die defensive Grundausrichtung wird darüber hinaus komplett unangetastet gelassen. Stattdessen hat dann schlicht der Wille gefehlt, die Mentalität nicht gestimmt, der Einsatz der elf Millionäre auf dem Platz ist schlicht nicht groß genug gewesen oder der Trainer erreicht die Mannschaft nicht mehr. Als der FC Barcelona in der Saison 2017/2018 gegen die AS Rom aus der Champions League ausschied, behauptete Erik Meijer (Sky Sports) in seiner Matchanalyse, die Katalanen hätten „nicht männlich genug“ gespielt, während die Gladiatoren aus der ewigen Stadt „männlich den Kampf angenommen“ haben. Wie wohl die Bewertung gewesen wäre, wenn der FC Barcelona die Römer aus der Königsklasse geworfen hätte? Wahrscheinlich hätte niemand allen Ernstes behauptet, das Ballbesitzspiel der Katalanen sei „männlicher“ gewesen, selbst wenn sie sich durchgesetzt und vielleicht sogar mehr Zweikämpfe für sich entschieden hätten.

Die Gründe für die Niederlagen oder Misserfolgen werden bei Ballbesitzmannschaften nämlich zunächst pauschal im Spielstil selbst gesucht. Schlagzeilen, die das Ausscheiden der Skyblues aus Manchester gegen Tottenham bewerteten, bedienten sich beinahe im Gleichschritt eben jenem Narrativ, dass es Guardiola und jene Philosophie, für die er als Galionsfigur steht, seien, die aus der Champions League ausgeschieden sind. Auch dieses Muster ist alles andere als unbekannt, denn schon als Guardiola in Deutschland arbeitete war es sehr ähnlich. Ein Scheitern in der Champions League wurde in der Beurteilung wesentlich kritischer gesehen, als es in den Jahren davor der Fall gewesen ist. Selbstredend war die Erwartungshaltung an den „Wundertrainer“ aus Katalonien auch unglaublich hoch und das vorangegangene Tripple hatte die Messlatte gleich noch zwei Etagen höher gelegt. Trotzdem ist festzuhalten, dass kein Bayern-Trainer nach Guardiola je wieder so harsch dafür kritisiert wurde, dass er in einem Halbfinale der Champions League ausgeschieden ist und ansonsten (bis auf einen DFB-Pokal und einen Supercup) alle möglichen Titel mit Rekordwerten gewann. Das liegt aller Wahrscheinlichkeit auch in der Natur der Sache. Denn seitdem kamen die Bayern nämlich schlicht und ergreifend in keinem einzigen Jahr nochmal so weit. Und zu schnell scheint vergessen, dass auch ein Jupp Heynckes in der Saison vor dem Tripple keinen einzigen Titel gewinnen konnte. Doch obwohl Guardiola seine Spielphilosophie schon sehr der deutschen Spielkultur anpasste, wurde seine Art und Weise Fußball zu spielen sehr kritisch gesehen.

Diese Art der medialen Bewertung von verschiedenen Spielphilosophien, Spielmodellen und selbst von Matchpläne ist ein Spiegelbild des deutschen Fußballverständnis. Es ist wohl beinahe überflüssig zu erwähnen, dass diese kulturelle Idee eine große Wirkung darauf hat, welche Talente in Deutschland tendenziell häufiger den Sprung in die nächsthöhere Ausbildungsstufe und letzten Endes in den Profifußball schaffen. Im Maschinenraum werden Kraft, Dynamik, Physis und Durchsetzungsfähigkeit wesentlich höher gewichtet, als intelligente Spieler, die ihre Mitspieler besser machen und Spieler wie Robben und Ribéry durch ihre spielerischen Fähigkeiten überhaupt erst in die Position bringen, ein isoliertes 1vs1 für sich entscheiden zu können. Man sollte es besser wissen, denn schließlich waren auch bei den so hochgelobten Franzosen Spieler das Rückgrat der Mannschaft, die alleine wohl kaum den Unterschied machen, aber begnadete Spieler wie Mbappé, Griezmann oder Pogba so gekonnt in Szene setzten, dass diese überhaupt erst die Chance bekommen, zu scheinen. Der Wechsel vom einen in das andere Extrem ist alles andere als sinnvoll – und doch typisch deutsch. Selbstredend benötigt Deutschland mehr von Spielertypen, die für das Chaos stehen, die Spiele entscheiden und Dinge tun, die kein anderer tut. Die erbarmungslos ihrem Instinkt folgen, ohne nachzudenken und in der Situation kein Bewusstsein für Verluste und Zweifel an sich selbst und ihrem Drang zu siegen haben. Unterschiedsspieler fehlen – doch macht man nur mit Unterschiedsspielern einen Staat?

Selbstlosigkeit als Tugend

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“
Aristoteles

Den Ball im richtigen Moment halten, verzögern, den Rhythmus verlangsamen, das gegnerische Pressing anziehen und den Ball im exakt richtigen Moment hochpräzise mit einer Veränderung des Passdruckes für einen blitzschnellen Rhythmuswechsel abspielen: All das sind Fähigkeiten, die einen Jorginho (FC Chelsea) auszeichnen und die der Grund dafür sind, dass sein Trainer Mauricio Sarri ihn von Neapel mit in die englische Hauptstadt genommen hat. Jorginho ist kein Spieler, der in großer Regelmäßigkeit im höchsten Tempo gegnerüberwindende 1vs1-Situationen sucht. Tore in den Winkel aus 30 Metern wird man auch eher selten zu Gesicht bekommen und spektakuläre Finten wie sie Paul Pogba in großer Regelmäßigkeit zeigt sucht man bei ihm ebenso Vergebens. Auch Zweikämpfe gewinnt der Italiener nur selten und das, obwohl er auf der 6er-Position (4-3-3 flach) den Weltklassemann N’Golo Kanté auf die 8er-Position verdrängt hat, die jenem offensichtlich weniger liegt als seine Rolle auf der Doppel-6 (4-2-3-1). Trotzdem ist der Italiener mit dem brasilianischen Namen der wichtigste Akteur im System „Sarri-Ball“. Jorginho ist ein sogenannter Komplementärspieler. Seine größte Stärke ist es, dass er selber keine ganz großen Stärken hat. Was paradox klingt ist mehr als einleuchtend, wenn man das Selektionssystem „Fußball“ versteht. Denn wer nicht überragende Fähigkeiten im 1vs1, vor dem Tor oder Defensiv hat, der muss Mittel und Wege finden, wie er für seine Mannschaft im Teamsport Fußball trotzdem von Wert sein kann. Jorginho hat gelernt, wie er dafür sorgt, dass seine Mitspieler, die über diese Fähigkeiten verfügen, besser spielen, wenn er auf dem Platz steht. Räume freiziehen, Positionen der Mitspieler durch dass Aufsichziehen von Gegnern verbessern, Bälle spielen, die die Mitspieler in die optimale Positionierung bringen, um ihre Stärken auszuspielen. Jede seiner Aktionen zielt darauf ab, seine Mitspieler um ihn herum besser zu machen.

Es ist eine absolut unterschätzte und doch faszinierende Fähigkeit, denn sie lässt einen unweigerlich begreifen, dass der Fußball ein hochkomplexes und dynamisches System darstellt, in dem keine Aktion und keine Situation wie die vorherige Situation ist. Passiert eine vorherige Aktion auf dem Platz nicht, ist die daran angeschlossene Aktion gar nicht erst möglich. Nichts ist isoliert, nichts ohne Kontext. Erfolg und Misserfolg auf dem Feld hängen zentral von Beziehungen ab und nicht nur von reiner fußballerischer Qualität einzelner Akteure. Diese Spieler-Spieler-Beziehungen lassen sich kurz als Synergien bezeichnen. Eine Synergie bezeichnet Interaktionen verschiedenster Akteure (Spieler, Lebewesen, Stoffen, Kräften o.ä.), die zu einem gemeinsamen Nutzen führen. Diese Synergien entstehen jedoch nur, wenn Spieler sich in ihren Eigenschaften voneinander unterscheiden und unterschiedliche Qualitäten in jede individuelle Aktion einbringen können. Auf der einen Seite gibt es Spieler, die sich in jedem Moment des Spieles die Fragen stellen: Was braucht meine Mannschaft? Was ist genau jetzt die beste Lösung für meine Mannschaft? Was kann ich dafür tun, dass diese Lösung nicht nur ein Gedankenspiel bleibt, sondern von mir mit einer einzigen Aktion umgesetzt werden kann?

Dieser Spielertypus ist häufig sehr intelligent und hat immer den Überblick über das Geschehen auf dem Platz in seiner Gänze, aber auch in der kleinsten Einheit (…) der gerade in diesem Moment ablaufenden Aktion. Durch diese Begabung können sie das Spiel kontrollieren und dafür sorgen, dass ihr Team ständig die Initiative innehat und dominiert. Sie repräsentieren die Ordnung in der Wechselbeziehung Chaos und Ordnung und sind nicht nur sprichwörtlich der verlängerte Arm des Trainers. Auch faktisch setzen sie den Plan um und sorgen dafür, dass das Chaos konstruktiv wirken kann.

Auf der anderen Seite dieses Dualismus‘ stehen die Unberechenbaren, die Ungeduldigen, die es kaum abwarten können ihrer DNA zu folgen und den Sinn des Spiels zu erfüllen: Tore schießen! Denn in jeder funktionieren Mannschaft gibt es neben der Ordnung auch das Chaos, das ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Nachzudenken und nur aus dem eigenen Instinkt heraus nach Innen dribbelt und ein Tor schießt. Die rohe, ungezügelte und vom Trainer nicht zu antizipierende Gewalt, die Dynamik, die gegnerische Abwehrordnungen auseinanderreißt und Dinge möglich macht, die vorher durch ein gewisses Maß an Ordnung vorbereitet worden sind. In vielen Phasen des Spiels greifen sie gar nicht erst ein, denn der Aufbau und die Vorbereitung einer für sie günstigen Situation liegt nun einmal in der Hand ihrer Komplementärspieler, die geduldig den Angriff vorbereiten. Doch sie sind es, die für die letzten 15 bis 20 Meter zuständig sind und dafür sorgen, dass mühevoll durchgespielte Angriffsituationen ihr Ziel finden: Spieler wie Leroy Sané, Kylian Mbappé, Griezmann, Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo. Doch keiner von ihnen könnte sein volles und wahres Genie entfalten, wenn es nicht die unsichtbaren Regisseure hinter ihnen gäbe. Spieler müssen sich auf dem Platz ergänzen und auch Spieler, die sich in ihrem Grundtypus sehr ähnlich sind, haben durchaus unterschiedliche Eigenschaften und Charakteristiken, die dafür sorgen, dass sie gemeinsam eine konstruktive Synergie bilden (wie z.B. Iniesta und Xavi, Modric und Kroos, De Bruyne und David Silva). Im Finden der richtigen Mischung verschiedenster Spielertypen liegt der Schlüssel zum individuellen und kollektiven Erfolg, sowohl in Sachen Ergebnis als auch in Sachen Ausbildung. Denn die Kombination von komplementären Qualitäten kann nicht nur zu der Entwicklung einer neuen Spielidee auf mannschaftlicher Ebene führen, sondern auch die Art des Spiels des Einzelspielers nachhaltig verändern und seiner Entwicklung eine neue Wendung geben.

„Spielmachende Komplementärspieler“ und „Arbeitende Komplementärspieler“

Das Spielmodell ist nur so stark wie das schwächste Glied in der Kette.“
Fran Cervera

Der Begriff des Komplementärspielers bezeichnet nicht speziell einen Spielertypus. Viel mehr ist es ein Oberbegriff für Spieler, die dafür sorgen, dass Individualkönner ihre Fähigkeiten überhaupt erst auf den Platz bringen können. Sie sorgen mit ihrer Arbeit und ihrem selbstlosen Verhalten dafür, dass die Mitspieler besser spielen. Doch wie so häufig ist es auch hier von unglaublicher Wichtigkeit zu differenzieren, um das gesamte Spektrum an Spielerleistungen im komplexen Ökosystem Fußball abzubilden. Denn nicht nur Regisseure, Registas und Spielmacher wie Pirlo, Busquets, Jorginho, Toni Kroos, Philipp Lahm oder Julian Weigl passen in das generelle Anforderungsprofil des Begriffes Komplementärspieler, sondern auch Spieler, die den Fußball eher arbeiten, können eben jene Kriterien durchaus erfüllen. Denn während Komplementärspieler, die durch ihre spielmachenden Fähigkeiten ein Spiel lenken, davon leben, dass ihr Team die Initiative inne hat, sind arbeitende Komplementärspieler nicht darauf angewiesen, dass ihr Team immerzu den Ball hat. Oftmals ist eben jene Initiative unweigerlich mit dem Besitz des Balles verknüpft, denn wer den Ball hat, der hat es in aller Regel einfacher, den Rhythmus und den Ort des Geschehens auf dem Spielfeld zu diktieren – eine Bedingung, die für den spielmachenden Typus gegeben sein muss, um sein volles Potential zu entfalten. Müssen diese Spielmacher nun in Teams spielen, die sich vorrangig auf das Verteidigen konzentrieren, sind sie oftmals nicht zu sehen, denn die wenigen Ballaktionen ihrer Mannschaft sorgen dafür, dass sie nur sehr wenige Gelegenheiten dazu haben ihre Mitspieler besser machen. Die reine Quantität der Aktionen ist dabei ebenso so entscheidend wie die Qualität, denn die Fähigkeiten der spielmachenden Komplementärspieler werden in aller Regel übersehen. Erst seit kurzer Zeit scheren sich Fußballfans um vermeintliche statistische Spitzfindigkeiten wie „Pre-Assists“ oder „Packing“-Werte, die die Möglichkeit bieten, die Wirkungsweise der spielmachenden Komplementärspieler auf dem Platz zu veranschaulichen.

Die andere Seite der Medaille sind Spieler wie z.B. Rafinha in seiner Zeit beim FC Bayern, Arturo Vidal oder N’Golo Kanté. Als der Katalane Pep Guardiola in seiner ersten Saison bei den Bayern beschloss, den damals besten Rechtsverteidiger der Welt, Philipp Lahm, als 6er aufzubieten, war es Rafinha, der in die Rolle des Komplementärspielers schlüpfte. Der stets hart arbeitende Brasilianer sorgte dafür, dass die beiden Achter (4-3-3, ein 6er) und Arjen Robben auf dem Flügel absolute Bewegungsfreiheit hatten, weil er durch sein Einrücken in den Halbraum bei Ballbesitz die Balance zwischen offensiver Durchschlagskraft und defensiver Absicherung hielt. Lahm war es in dieser Konstellation möglich, aus der Tiefe des Sechserraumes seine spielmachenden und rhythmusgebenden Fähigkeiten einzubringen statt sich zu sehr auf Absicherung und Restverteidigung, sprich das Verhindern von Kontern, konzentrieren zu müssen. Der Balance der Bayern tat dies seiner Zeit gut – doch wäre das Wirken Lahms ohne die Arbeitsbereitschaft Rafinhas nicht möglich gewesen und die Folgen für diese fehlende Freiheit Lahms hätte das gesamte System vollkommen durcheinander gebracht. In der Geschichte des Fußballs gibt es eine Vielzahl solcher Beziehungen zwischen Spielern, die erst dafür sorgten, dass die jeweiligen Fähigkeiten der einzelnen Akteure maximal zum Tragen kamen. Erst mit der Verpflichtung und Einbindung Casemiros gelang es Real Madrid wieder über längere Zeit Erfolge zu feiern. Ein Unterschiedsspieler ist der robuste Südamerikaner jedoch trotzdem nie gewesen. Dani Alves war über Jahre der perfekte Komplementärspieler zum Künstler Lionel Messi, Mesut Özil der geniale Partner zu Cristiano Ronaldo (den CR7 laut eigener Aussage bis heute vermisst), Fernandinho verhält sich bei City komplementär zu De Bruyne und David Silva, Sergio Busquets zu Xavi und Iniesta – und die beiden kleinen Spielmacher zueinander – und jüngst auffällig war auch die Beziehung zwischen James Milner und dem Liverpooler Dreizack rund um Firmino, Salah und Mané.

Für Trainer und Funktionäre ist es alles andere als einfach zu erkennen, welche Spieler nun Unterschiedsspieler und wer die dazu passenden Komplementärspieler sind. Denn wenn der Fußball in den letzten vier Jahren eine Tendenz gezeigt hat, dann die hin zur Diversität von „Skill-Sets“ auf dem Platz. Trotz dieser Diversität an unterschiedlichen Fähigkeiten muss zweifelsohne eine gemeinsame Schnittmenge vorhanden sein, die essentiell dafür ist, dass ein Spieler die Spielidee und das jeweilige Spielmodell des Trainers umsetzen kann. Genauso wie im Ackerbau sorgen Monokulturen (sprich 11x der gleiche Spielertypus auf dem Feld) dafür, dass eine Mannschaft nicht funktioniert, unabhängig von der individuellen Qualität der Akteure. Auch das Scheitern der deutschen Nationalmannschaft 2018 in Russland hatte viele Ursachen. Doch ein nicht unwesentlicher Faktor war nicht nur das Fehlen von Unterschiedsspielern, sondern eine Störung des allgemeinen Gleichgewichts im System zwischen Zuarbeitern und Einzelkönnern. Die reflexartige Verteufelung der „Passmaschinen“ und die Forderung in der Nachlese der Weltmeisterschaft nur noch und ausschließlich Unterschiedsspieler auszubilden, ist somit ein Trugschluss, der dazu führen könnte, dass der deutsche Fußball von einem Extrem ins andere Extrem umschlägt. Stattdessen muss bei der Selektion und Ausbildung die individuelle Talentprognose die wichtigste Rolle spielen, losgelöst von der Frage, ob der Spieler später ein Künstler oder ein Zuarbeiter wird – denn beide werden in der bestmöglichen Qualität im deutschen Fußball benötigt. Die Ausbildung muss sich dahingehend individualisieren, dass man einen Plan hat, warum ein Neuzugang in der Jugend das eigene System bereichert und was später dieses eine Fähigkeitenmerkmal sein wird, was es ihm ermöglichen wird, Profi zu werden. Einfache, pauschale Antworten auf komplexe Fragen sind auch im Fußball selten von Erfolg gekrönt. Ein Spieler, der zwar kein Tempo hat, aber ein unheimlich intelligenter Strippenzieher ist, wird in einem Verein mit der Idee, nur noch 1 vs 1 und Dribbling ins Zentrum der Ausbildung zu stellen, alle Wahrscheinlichkeit keine Chance haben. Umgekehrt wird der chaosstiftende Dribbelkünstler in einer Ausbildung für Passmaschinen auch niemals sein maximales Potential ausschöpfen können. Fußballdeutschland dürstet es auf dem Platz nach einer neuen Diversität von Spielertypen und individueller Ausbildung, nicht nach pauschalisierter und aktionistischer Monotonie.

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