Indische Fußballfans neigen mitunter zum großen Pathos, das zeigt sich bereits immer wieder in der dortigen Super League, wenn die Altstars um Berbatov, del Piero, Materazzi und Postiga bejubelt wurden und werden. Weniger um Tore oder Effektivität geht es da, frenetischen Jubel gibt es, wenn ein Innenverteidiger zum Solo ansetzt oder ein Spieler den Pfosten trifft. Ähnlich ausufernd waren die Reaktionen, als während der U17 Weltmeisterschaft in Indien der Torwart der Gastgeber, Dheeraj Singh, medial mit ausländischen Clubs in Verbindung gebracht, unter anderem dem SC Freiburg und Borussia Mönchengladbach. Singh-Zusammenschnitte auf YouTube wurden dann mit “HEROIC SUPER SAVES“ oder “THE INDIAN WALL“ betitelt. Notgedrungen stellt sich die Frage: Ist Singh wirklich ein zu umjubelnder Wundertorhüter?

Umweg Badminton

Dheeraj Singh, geboren am 04.07.2000 in Moirang in Manipur, das im separiert nordöstlichen Teil Indiens liegt, wuchs in Nachbarschaft des Loktak Lakes, Nordostindiens größtes Trinkwasserreservoir, in behüteten Verhältnissen auf. Sein Vater, so berichtet The Indian Express, plante eine Badminton-Karriere des Sohnes, und da dieser in jungen Jahren ohnehin von einem schüchternen Charakter war, war ihm Badminton ohnehin lieber als Fußball. Als der elfjährige Singh allerdings einem örtlichen Fußballtrainer auffiel, da er auffallend groß und körperlich stark war, zog es ihn doch noch zum Fußball – und zwar direkt in die U14 der All India Football Federation Academy. Von da an ging es stringent nach oben, der Athlet Singh überzeugte auch in einer Altersklasse, die zwei Jahrgänge über seiner eigentlichen lag. Seit August 2016 wird Singh vom portugiesischen Torwarttrainer Paolo Grilo, zuvor im Dienst von Benfica und Orlando City, individuell betreut. 2016 spielte er mit der B-Jugend der AIFF Academy die U16 AFC Championship, das indische Videomedium Pee Kay Studio weiß zu berichten, dass Singh bei einem Turnier in Dubai im letzten Jahr spanischen Scouts aufgefallen sei. Wirklich in den Fokus rückte Singh allerdings im Oktober 2017, als Indien zum ersten Mal überhaupt an einer Weltmeisterschaft teilnahm – zwar in der U17 und als Gastgeber, doch das genügte, um die Fußballaffinen im Land in einen Ausnahmezustand zu versetzen. Statistisch ist das Event schnell umrissen: Nach drei Gruppenspielen hieß es null Punkte und eins zu neun Tore für die indische Mannschaft. Trotzdem wurde Singh bejubelt, was an dieser Stelle nicht nur an leidenschaftlichen indischen Fans liegt.

Konditionierte Katze

John Hackworth, U17-Trainer der Vereinigten Staaten und somit Gruppengegner Indiens, äußerte sich im Rahmen des souveränen 3:0-Siegs seiner US-Boys mit “exceptional“, um Dheeraj Singh zu beschreiben. Exceptional – außergewöhnlich – ist Dheeraj Singh auf jeden Fall, denn rein optisch lieferte er sicherlich den auffallendsten Auftritt des Turniers ab. Ganz im Sinne der Jubelkultur des indischen Fußballs ist Singh immer auf Spektakel aus: Bei Paraden springt er immer, auch wenn er nicht müsste (zwar hat er den Körpergrößen-Vorteil eingebüßt, er dürfte allenfalls 1,90 Meter groß sein, es findet sich keine einheitliche Angabe seiner Größe), er kommt extrem früh aus seinem Tor. Nur heiße Luft also? Nein, denn was zweifellos zu konstatieren ist, ist das Potenzial seiner Hardware, seines potenziellen Fähigkeitsspektrums. Singh verfügt über einen ausgezeichnet proportionierten Körper und tadellose koordinative Fähigkeiten, das zeigt sich bereits in der Schrittfolge vor dem Absprung, wenn er er eine Flanke abfängt beziehungsweise allgemein beim Absprung selbst. Darüber hinaus bringt die Beobachtung, dass Singh überaus oft springt, auch einen positiv zu bewertenden Aspekt mit sich. Der 17-Jährige scheut es eben auch überhaupt nicht, seinen Körper in die Horizontale zu bringen und den mitunter harten Aufprall in Kauf zu nehmen. Zwar ist das eine Eigenschaft, die wohl jeder Profitorwart mitbringen sollte, aufgrund der hohen Frequentierung dieser Sprünge einerseits und der Art des Fallens andererseits ist Dheeraj Singh auch hier “exceptional“. Er schafft es nach Fangen bzw. Abwehren des Balles auffällig oft, sich noch in der Luft so günstig zu positionieren, dass er fast nie komplett horizontal auf dem Boden aufkommt, sondern zuerst mit dem Oberkörper, welchen er durch die oberen Extremitäten koordintiert abbremst, dann, abrollend über die Hüfte, der Unterkörper, diese sofortige Umorientierung in der Luft erinnert fast an den angeborenen Reflex bei Katzen, sich in der Luft zu drehen. Die Beobachtung seines Fall-Verhaltens ermöglicht dreierlei Rückschlüsse: Erstens verfügt Singh über eine hohe Gewandtheit, die durch die inter- und intramuskuläre Koordination, welche ja auch schon erwähnt wurde, zum Ausdruck kommt. Zweitens verarbeitet er Reize sehr schnell und ist umstellungsstark: In den wenigen Sekundenbruchteilen nach Abwehr des Balles orientiert er sich bereits neu und verantwortet den Fall seines Körpers, wo andere Torhüter noch dem Ball hinterhersehen und gedanklich in der Abwehraktion hängen. Daraus erschließt sich drittens, dass Singh nach Abwehr eines Balles schneller wieder auf die nächste Aktion vorbereitet ist, da er ja zuerst kontrollierter fällt und somit schneller wieder auf die Beine kommt, zweitens im gedanklichen Umschalten schneller ist, wie soeben erläutert. Und das muss er auch, denn anschließen lässt sich Singhs eindeutig größtes Manko als Torhüter: Seine Fangquote ist extrem gering, auch zentral geschossene Bälle wehrt er teilweise Rückpass-anmutend haarsträubend nach vorne ab, andere Bälle kann er wegen seiner Sprung-Affinität in der Luft gar nicht mehr erst fangen, sondern muss sie ins Toraus leiten. Die Frage nach dem Grund dieses Fehlverhaltens ist nicht leicht zu beantworten, denn hinsichtlich seiner koordinativen Fähigkeiten sollte es oberflächlich betrachtet kein Problem für Singh sein, diese Bälle zu fangen. Es kann aber schon sein, dass er seine Bewegungsabläufe viel mehr darauf eingestellt hat, Bälle abzuwehren, als zu fangen. Das dürfte kaum an fehlender koordinativer Umstellungsfähigkeit liegen, die er andernorts ja zuhauf beweist, sondern mehr an einer mentalen Schwierigkeit, am besten zu veranschaulichen durch das skinnersche Konditionierungsmodell: Wann immer Singh einen Ball spektakulär abwehrt, wird diese Aktion durch die frenetische Reaktion der Zuschauer positiv verstärkt. Diese positive Verstärkung ist wohl deutlich wirkungsvoller als die etwaige negative Reaktion, die nach dem Spiel und im Training (also mit räumlich-zeitlicher Abgrenzung) wohl von Seiten des Trainerteams erfolgt. Und auch wenn man auf das Skinner’sche Konditionieren wirklich nicht viel setzen muss, so leuchtet dieser simple Mechanismus in diesem konkreten Fall ein. Genauso verhält es sich auch mit dem Herauslaufen Singhs, angetrieben von den Zuschauern und seiner inneren Euphorie, lässt er sich immer wieder zu völlig unnötigen Aktionen verleiten, in denen er dem Ballführenden schon außerhalb des Strafraums und in Beisein eigener Verteidiger vor die Beine springt. Aber neben diesem mentalen Faktor sollte ausdrücklich auch erwähnt werden, dass Singh in einem Umfeld Fußball spielt, welches mit dem europäischer Top-U17 Teams nicht zu vergleichen ist.

Übers Breisgau zum Pionier?

Dies soll allerdings nicht seine tatsächlichen Fähigkeiten schmälern, die ja auch abgesehen von irgendwelchen Umfeldern bemerkenswert gut sind. Die Anlagen, über die Singh verfügt, gäben ihm das Zeug für eine europäische Karriere; es kommt jetzt darauf an, sie auch entsprechend einzusetzen, also die Software zu verbessern. Dafür braucht es einen fähigen Trainer und Geduld, vor allem aber: Ein neues Umfeld. Ohne den indischen Fußball diffamieren zu wollen, wird es Singh wohl niemals auf die europäische Ebene schaffen, wenn er seine Entwicklung weiter in die eingschlagene Richtung lenkt. Sollte das Interesse der Freiburger und Gladbacher der Richtigkeit entsprechen, wäre vor allem Freiburg eine optimale Anlaufstation: Es wartet ein sehr ruhiges Umfeld, mit Christian Streich ein traumhafter Trainer, mit Alexander Schwolow und Rafal Gikiewicz zwei Torhüter, bei denen vor allem ersterer charakterlich, sicher aber beide sportlich als ein sehr gutes Vorbild dienen können. Bei einem Wechsel ins Breisgau stünden die Chancen nicht so schlecht, dass Singh tatsächlich im europäischen Fußball Fuß fassen könnte – als erster Inder überhaupt. Dazu kommt, dass Singh auch kein schlechter Fußballspieler ist, sondern durchaus als geschickt bezeichnet werden kann. Sicherheit und Routine würden angesichts seines Skillsets sicherlich noch hinzu kommen.

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