Der moderne Fußball ist eine Plattform für die Ideologien der Trainer. Die „Godenzonen“ (niederl. für Göttersöhne) aus Amsterdam stehen für eine Assoziation von lebhaftem Fußball, taktischer Innovation, dominantem sowie selbstsicherem Angriffsspiel und langhaarigen, kurz-gesockten Kreativen – wobei Letzteres ein symbolisches Artefakt der glorreichen 70er-Jahre ist. Neben Vereinen wie Juventus Turin, den Bayern und dem FC Chelsea ist der Klub aus der Grachtenstadt einer der Wenigen, dem es gelungen ist, den UEFA Pokal sowie den Europapokal der Landesmeister zu gewinnen und, zumindest für kurze Zeit, beide gleichzeitig inne zu haben. Neben sportlichen Erfolgen stehen die Weiß-Roten jedoch vor allem für eines der nachhaltigsten Geschenke der letzten 50 Jahre: die fußballerische Revolution der 70er Jahre und dem daraus gipfelnden modernen Fußball, dessen Bestandteile eine völlig neue Anschauung von Ästhetik, kreativeren Spielideen und zielgerichteter Jugendförderung sind. Auf dem internationalen Parkett manifestiert sich Ajax‘ „De Toekomst“ auch abseits der fehlenden Dominanz auf dem europäischen Parkett als eine der Galionsfiguren.

Der Ursprung: Vom Studenten- zum Gottesklub

Mit zunehmender Attraktivität des Fußballs auf der britischen Insel und dem Export einer Art Sportkultur über die Landesgrenzen hinaus, wuchs die Bedeutung einer Klubidentität auf dem europäischen Festland. Auch die Niederlande blieben davon nicht unberührt, weswegen sie eine der Gründungsstaaten der FIFA repräsentieren. 1883 lassen sich dann auch die Wurzeln der Ajacieden verorten, als Studenten der „Hogere Burgerschool“, einem Äquivalent zum deutschen Gymnasium, in einem kleinen Amsterdamer Café einen Fußballverein gründeten. Anfangs als Union Amsterdam bekannt, änderte sich dies 1894. Seit jenem Tage ist Aias der Telamonier Namensgeber des Klubs, der auch bekannt als „Ajax der Große“ und Held im Trojanischen Krieg der Unternehmung Nachhalt verleihen sollte. Durch Unstimmigkeiten der Gründungsmitglieder und unruhige Zeiten wurde der Klub im März 1900 wiederholt ausgerollt, weswegen dies als offizielles Geburtsdatum eines der wichtigsten Vereine der Fußballgeschichte festgehalten wurde. Nach anfänglich jüdisch dominierter Mitglied- und Spielerschaft und mäßigem Erfolg gelten die 70er-Jahre als das goldene Zeitalter des Klubs – gar für eine ganze Generation und die darauffolgenden Errungenschaften im internationalen Wandel des Fußballs. Speziell die Zeit zwischen 1971 und 1973 symbolisiert eine Revolution in der Wahrnehmung und Interpretation des gesamten Spiels – angetrieben durch Johan Cruyff und dessen Mentor Rinus Michels. Einen ähnlichen Abschnitt sollte der Klub erst in den 90-Jahren unter Louis van Gaal erleben. Die Moderne lässt den Glanz eines ehemaligen Spitzenteams vermissen, womöglich auch aufgrund der Revolution im Spielermarkt, machtgieriger Funktionäre und dem ewigen Schatten eines Genies, dessen Maßstäbe gesetzt, jedoch kaum realisierbar scheinen. Um hier jedoch nicht auszuschweifen, sei auf die Hommage an Johan Cruyff hingewiesen, die diesjährig zu Ehren seines zweiten Todestages veröffentlicht wurde. Genauere Einblicke zum „König“ des modernen Fußballs und seinem Lebenswerk findet ihr HIER.

De Toekomst – Das physische Abbild der niederländischen Fußballzukunft

„Für mich ist Angriff die beste Vereidigung“
(Jack Reynolds)

Zweifelsohne zählt Ajax‘ „De Toekomst“ (niederl. für Zukunft) zu den renommiertesten Talentzentren der Welt. Allein im untenstehenden Bildspiegeln sich 65 nationale und 31 internationale Trophäen ehemaliger Ajax-Zöglinge. Addiert man Spieler, die nicht in der Nachwuchsabteilung der Ajacieden groß geworden sind wie Edwin Van der Sar, Marco van Basten (der nur in der U19 partizipierte) oder Marc Overmars, wird deutlich, wie viele Topstars das Dress der Weiß-Roten repräsentierten. Freilich war der Klub aus den Niederlanden primär von den eigenen Landsleuten wie Johan Cruyff, Dennis Bergkamp oder Marco van Basten geprägt.

Ajax-Legenden von links nach rechts: P. Kluivert, C. Seedorf, J. Cruyff, F. Rijkaard, D. Bergkamp

Allerdings wurde der Grundstein für das spätere Aushängeschild der Holländer durch eine englische Hand gelegt. Jack Reynolds, ein mittelmäßiger Kicker und ehemaliger Trainer von Manchester United, hat erstmalig 1915 eine moderne Philosophie bei Ajax implementiert und so die Weichen für eine anti-anglistische Fußballkunst in  Kontinentaleuropa – speziell in den Niederlanden – gestellt. Der Engländer hat nicht nur eine komplette Revolution im Fußball maßgeblich eingeleitet, sondern zeitgleich den Mentor für Rinus Michels repräsentiert. Michels, der Ziehvater Johan Cruyffs, wurde einst wie folgt zitiert: „Reynolds glaubte vorrangig an Technik und ermutigte seine Spieler mit dem Ball zu arbeiten“. Der Mann aus dem Nordwesten Englands legte zudem das Fundament für Ajax‘ Jugendsystem, indem er 14 Stunden täglich daran arbeitete, dass jedes Team auf jedem Level den gleichen Fußball spielte. Auf Basis dieser Arbeit und jener des taktischen Genies Rinus Michels formte dieser eine der denkwürdigsten Mannschaften, die den Weltfußball je repräsentierte. Er feilte weiter am modernen Fußball und war der letzte, welcher das Grundverständnis der heutigen Interpretation dieses Sports definierte. Jegliche „Neuerungen“, die später von Ausnahmekönnern wie Johan Cruyff oder Pep Guardiola vorgenommen wurden, waren lediglich eine Weiterentwicklung des „Total Voetbal“ (niederl. für den Totalen Fußball), der durch Michels zum Leben erwachte. Von da an rückte die Manipulation des Raumes, Positionswechsel und intensives Pressing in den Fokus, um einen offensiven Angriffsfußball in jeder Zone des Feldes spürbar zu machen. Auf dem Trainingsgelände wurde eine neue Ausbildungseinrichtung installiert, welche die Idee einer Tandem-Ausbildung verfolgte: Externes Schulprogramm trifft interne praktische Fußballlehrinhalte.

In den frühen 70er-Jahren war De Toekomst eine essenzielle Recruiting-Institution für Ajax Amsterdams erste Mannschaft. Heute ist dies im Kern zwar ähnlich, jedoch aufgrund der finanziellen Situation im modernen Fußball deutlich sensibler. Grundsätzlich werden erfolgreiche Absolventen nur mit Verträgen für ein Jahr ausgestattet. Am Ende der Saison wird über ein Status-Update entschieden, wie es für den Spieler und den Verein weitergeht. Somit besteht beim Nichtbestehen des Eignungstests das Risiko, nach nur einem Jahr den Verein verlassen zu müssen. Umgekehrt trägt auch der Klub bei Neugier ausländischer Vereine ein erhebliches Verlustrisiko talentierter Youngsters. Der nationale Anteil der Akademie liegt indes bei etwa 90%, die über die 12 Teams am Brochlandweg 18 verteilt sind. Jährliche Kosten für die Eltern der Kids belaufen sich auf 12 Euro pro Jahr, welche lediglich der Versicherungssumme der jungen Kicker entsprechen. Das Akademiebudget für Coaches, modernstes Equipment sowie Instandhaltung der Ausbildungsanalage und diverse Reisen beträgt indes knapp sechs Mio. Euro. Speziell der 140.000 m2 große Sportkomplex im Schatten der Johan-Cruyff-Arena muss intensiv gepflegt werden. Hunderte Nachwuchstalente nutzen hier acht Spielfelder, davon vier Natur- sowie vier Kunstrasen, und das zweistöckige Akademiegebäude, das mit Umkleiden, Übungszimmern, Fitnessstudios und diversen Büros ausgestattet ist. Individuell werden zudem Stipendien vergeben, um vielversprechende Kicker an sich zu binden und ihnen frühzeitig sportliche Unabhängigkeit zu gewährleisten.

T.I.P.S – Das Manifest holländischer Fußballzucht

„Du brauchst beides, Qualität und Ergebnisse. Ergebnisse ohne Qualität sind langweilig. Qualität ohne Ergebnisse ist bedeutungslos“
(Johan Cruyff)

Beständigkeit ist einer der zentralen Faktoren im Bereich der Talentförderung. Ajax schneidert seine Ausbildung auf die Wünsche und Bedürfnisse der Kids zu, die in einer Fakultät von Mentoren und Tutoren individuell in ihrer persönlichen Entwicklung gefördert werden. Der Klub stellt so sicher, dass die Nachwuchskicker anständig heranwachsen, während sie ihrem Traum vom Profifußball hinterherjagen. Wie in Barcelona heißt das Ideal auch in Amsterdam „Total Voetbal“. Der Totale Fußball charakterisiert sich durch fließenden Angriffsfußball, in dem jeder Feldspieler die Rolle des anderen übernehmen kann und soll. Er ist offensiv, schnell, kreativ und attraktiv – wobei letzteres kein vorgegebenes Dogma ist. Ästhetisches Spiel entsteht viel mehr automatisch, weil Flexibilität und Angriffslust dem Zuschauer ein ständiges Spektakel bieten – in der Theorie. Die Spieler lernen fluide über das Spielfeld auszuschwärmen und den Ball so weit weg vom eigenen Tor zu halten. Entgegen der laienhaften Behauptung, Eltern würden den Kindern mit enormen Erwartungen ungesunden Druck entgegenbringen, bindet Ajax diese ganz bewusst ein, um den Nachwuchskicker nicht in eine Zwickmühle geraten zu lassen. So sucht der Klub intensiv die Gespräche mit den Eltern, um dem Sohn stringent und kooperativ Feedback zu geben. Nichts wäre schlimmer, als zwischen zwei „Geschichten“ gefangen zu sein. So werden zweimal jährlich Konsolidierungsgespräche geführt, in denen über fußballerische, schulische und persönliche Attribute Report erstattet wird und weiterführende Maßnahmen ergriffen werden können.

Sowohl im Scouting als auch in der ständigen Evaluation der individuellen Entwicklung steht bei den Ajacieden ein hausgemachtes Manifest, das T.I.P.S-Konzept (T = Technique, I = Insight / Intelligence, P = Personality, S = Speed). Um wiederholt auf Ajax‘ Wurzeln einzugehen: Schon Johan Cruyff stellte die Technik und fußballerische Intelligenz in den Vordergrund. So zentralisieren sich diese Themen nicht grundlos in der Nachwuchsstrategie der Weiß-Roten. Speziell die Säule des Verständnisses und der Intelligenz (Insight / Intelligence) trifft den Kern der modernen Fußballausbildung. Rückerinnernd an Tugenden von Kraft, Größe und Fitness, zählen heute Softskills wie das umgangssprachliche „Einschalten des Köpfchens“. Die Fähigkeit vorauszudenken, das Spiel in seiner unendlichen Dynamik zu verstehen und interpretieren zu können. Erst im Laufe der 70er und 80er Jahre ist hier das Verständnis für den handlungsschnellen vorausdenkenden Spieler entstanden, der es heute Spielern wie Xavi, Iniesta oder Messi ermöglicht, eine reelle Chance zu erhalten – ihre nachhaltigen Karrieren sprechen hier für sich. Ein weiterer weniger greifbarer und dennoch elementarer Faktor ist die Note der Persönlichkeit. In Amsterdam möchte man Vorbilder kreieren, die sich in der Gesellschaft etablieren können, auf dem Feld kreativ und verantwortungsbewusst auftreten sowie über Disziplin wie auch Respekt ihren Mitmenschen und dem Sport gegenüber verfügen. Um einen Exkurs ins Scouting zurück zu wagen: Hier fokussieren sich die Scouts primär auf die Säulen der Intelligenz, Geschwindigkeit und Persönlichkeit, da davon ausgegangen wird, dass Technik ein stets zu erlernendes Element ist.

Das T.I.P.S.-Konzept von Ajax Amsterdam

Der Aufbau der Jugendteams schlussfolgert sich aus dem Vorangegangenen – ein weiterer Beweis klarer Vorstellungen vereinsinterner Fußballförderung. Jedes Team ist mit 16 Spielern ausgestattet – zwei Keeper, vier Rechtsfüßer (Außenverteidigung, Rechtes Mittelfeld und Rechter Flügelspieler), vier Linksfüßer (gespiegelt zum Szenario der Rechtsfüßer), drei Spieler für die Innenverteidigung und schließlich drei Spieler für das zentrale offensive Mittelfeld und die Sturmspitze. Dieses Muster findet seine Implikation ab der U10 und zieht sich moderat bis hin zur Profimannschaft. Spieler werden in verschiedenen Positionen ausgebildet, um eine möglichst hohe Flexibilität und Dynamik zu gewährleisten. Die Philosophie Ajax’ besagt: „Die Konstanz ermöglicht Entwicklung“. Ein Spieler kann während seiner Ausbildung ein breites Spektrum an Skills erlernen. Die Fähigkeit im richtigen Moment die passende Entscheidung zu treffen verlangt jedoch eine genaue Analyse der Situation sowie eine gewissen Handlungsgeschwindigkeit. Das Geheimnis des Erfolgs von De Toekomst ist der Weg, die Spieler in der holländischen Fußballphilosophie zu unterrichten, welche Kunst und Ästhetik in Kombination mit herausragender Technik repräsentiert. Jeder Einzelne identifiziert sich mit der Philosophie des Klubs und lebt den „Ajax-Weg“.

Akademiecoaches und Scouting

„Ich schaue nie auf Ergebnisse, welcher Spieler die meisten Tore geschossen hat, oder wer am schnellsten gerannt ist. Diese Fakten können nur Aussagen über die derzeitige persönliche Entwicklungsstufe treffen. Ich schaue eher wie sich Spieler bewegen, auf deren Kreativität und ihren Willen zu gewinnen. Die Liebe zum Spiel zählt. Diese Dinge sind wegweisend, um vorherzusagen, wie sich ein Spieler in der Zukunft präsentiert.“
(Wim Jonk, Akademiedirektor Ajax Amsterdam)

Die Handschrift Johan Cruyffs ist auch im Bereich der Trainercharakteristik wiederzufinden. Jener Mann, der wie kein anderer für die einstigen Werte Ajax‘ steht, glaubte daran, dass seine Philosophie am erfolgreichsten durch ehemalige Spieler und Absolventen vermittelt werden kann. Für die Ajacieden stammt der ideale Coach aus den eigenen Reihen, hat  viel Erfahrung auf internationalem Top-Level gesammelt und ist mit dem Ajax-Spirit vertraut. Eine Ausnahme wird bei allen Teams unter der U10 gestattet. Zentral in der gesamtheitlichen Ausbildung ist zudem, dass neben der sportlichen Entwicklung auch ein altersgerechter Progress vonstattengeht und die Coaches im gleichen Zug einen stetigen Lerneffekt erfahren. Der Scoutingprozess für talentierte Kids dauert ebenso lang, wie es das Qualitätsversprechen der Weiß-Roten verlangt. Monatelang, gar jahrelang werden die Talente beobachtet, ehe deren Eltern einen Brief erhalten, um ihre Sprösslinge in De Toekomst einzuschreiben.

Über jeden Neuzugang erhalten die Akademieverantwortlichen eine detaillierte Akte, um den Eintritt in die Akademie sowie den individuellen Trainingsansatz so ideal wie möglich zu gestalten. Einmal in der holländischen Starschmiede angekommen, sind die Youngsters Teil einer spezifischen Kultur und eines permanenten Wettbewerbs, in den sich die Spieler einfügen müssen, um nicht durch neue Talente ersetzt zu werden. Auf diese Weise soll die neue Generation mental und physisch wachsen. Neben dem gerade beschriebenen Scoutingprozess ist es zudem möglich, sich für die Talentdagen (niederl. für Talenttage), ein exklusives Akademie-Scouting-Netzwerk, zu bewerben, um in dessen Rahmen getestet zu werden. Darüber hinaus veranstaltet Ajax alljährlich im Frühling eigene Talent-Days, zu denen vielversprechende, gescoutete Talente eingeladen werden. Um gezielt junge zukunftsträchtige Kicker aufnehmen zu können, beschäftigt der Klub weltweit 55 Scouts – 50 im Inland, fünf weitere im europäischen Ausland. Speziell skandinavische Nationen wie Dänemark oder Schweden genießen hier ein Augenmerk. Dies zeigt, dass die Niederlande als primäre Recruiting-Zone definiert wurden. Insbesondere die großen, attraktiven europäischen Nationen sind finanziell auch gar nicht rentabel. Der Fokus liegt hier allerdings auf einem 50-Kilometer-Radius in und um Amsterdam. Das bereits angesprochene T.I.P.S-System ist auch im Scouting ein maßgebliches Instrument, um das Meer an Talenten zu katalogisieren und geeignete Kandidaten gezielt identifizieren zu können.

Matthijs de Ligt – Der Leader im modernen Spiel

Nach blamablen Auftritten der Elftal in den Folgejahren der WM 2010 in Südafrika ist eine neue Generation im Begriff heranzuwachsen. Eine der verheißungsvollen Stützen ist der Youngster und Ajax-Kapitän Matthijs de Ligt. Der 1,88 Meter große Innenverteidiger aus Leiderdorp, einer Stadt in Südholland, war seiner Zeit seit jeher voraus, spielte stets in höheren Altersstufen als eigentlich vorgesehen. Das derzeit noch 18-jährige Innenverteidigertalent (geboren am 12. August 1999) machte in seinen ersten beiden Jahren in Ajax‘ Profiteam von sich reden, stellte eine der wichtigsten Stützen in Peter Bosz‘ Team, ehe dieser sein Glück beim BVB suchte. Gerade in seiner Debütsaison trug er sich nach einem Standard als zweitjüngster Torschützen hinter Clarence Seedorf in die Ajax-Historie ein. Seit seinem 10. Lebensjahr spielt der junge de Ligt nun für die Weiß-Roten, eine Liaison, die womöglich bald zu Ende sein könnte, nachdem er das Interesse der Big Player des Weltfußballs auf sich gezogen hat.

Schon in seinem frühen Karrierestadium zeigt er sich als dominanter und kompletter Verteidiger. De Ligt präsentiert sich robust und stark – als echter Athlet. Sein Erscheinungsbild gepaart mit einem gesunden Selbstvertrauen und seiner enormen Spielqualität machen ihn zu Recht zum vermeintlichen Leader der nächsten Generation. Möchte man einen gestandenen Star heranziehen, um den jungen Holländer zu charakterisieren, lässt er an die Hochphase Vincent Kompanys erinnern. Mit Ruhe in jeglicher Situation und mit dem Ball am Fuß, strahlt er positive Atmosphäre gegenüber seiner Kollegen aus, die ihnen das Gefühl gibt, sich jederzeit auf die Kante im Zentrum der Viererkette verlassen zu können. Ajax‘ Youngster definiert sich über ein hohes Antizipationsvermögen, stellt Wege clever zu und erahnt, wie der Gegner das Spiel zu gestalten versucht. Dies lässt seinem Coach die Flexibilität, ihn bei Bedarf auch im defensiven Mittelfeld einzusetzen.

De Ligt verhält sich taktisch reif, weiß Tacklings gewinnbringend zu platzieren und ist sowohl defensiv als auch offensiv mit seiner Lufthoheit eine dominante Konstante. Seinem jungen Alter und der fehlenden permanenten Erfahrung auf höchstem Level geschuldet, offenbarte er sinnbildlich für seinen aktuellen Entwicklungsstand schon in seinem Nationalmannschaftsdebüt gegen Bulgarien einen zu korrigierenden Makel. Zuweilen schätzt de Ligt Situationen verkehrt ein, unterläuft lange Bälle, oder verschätzt sich um den einen oder anderen Meter bei Schnittstellenpässen. Zudem ist der junge Holländer nicht der Beweglichste, was jedoch nicht bedeuten soll, dass er stets steif und langsam agiert. Gegen schnelle, bewegliche Spieler hat er nachweislich seine Probleme, kann das hohe Tempo auf den letzten Metern nicht ganz mitgehen. Ein Grund mehr, seine Beobachtungsgabe zu verbessern, um schon frühzeitig frontale Eins-gegen-Eins-Duelle mit schnellen, wendigen Opponenten zu vermeiden. De Ligt steht nun vor einer wichtigen Entscheidung seiner Karriere: Bleibt er weiter in seiner Führungsrolle bei Ajax Amsterdam ohne konstant hohes Level? Nimmt er eine Zwischenstation bei einem soliden Klub in einer anspruchsvollen Liga mit europäischem Wettbewerb? Oder wagt er gar den großen Sprung, der ihm neben hohem Anspruch seitens des Klubs einen Konkurrenzkampf mit anderen Hochkarätern beschert? Während sich wie thematisiert eine Vielzahl von Vereinen eine Verpflichtung von de Ligt vorstellen könnten, sollte die Wahl auf einen vermeintlich neuen Klub gut durchdacht sein. Ohne Wertung und primär auf das sportliche wie persönliche Umfeld bezogen, wären Vereine wie der FC Barcelona, der FC Bayern München oder Manchester City geeignete Stationen.

 

Frenkie de Jong – Ein wanderndes Metronom im Schatten des Spektakels

Frenkie de Jong dürfte mit seinen 21 Jahren nach der vergangenen Saison der Fußballwelt wohlbekannt sein. Der in Arkel geborene Holländer verbrachte den größten Teil seiner Jugend bei Willem II Tilburg und kein einziges Jahr in einer der U-Mannschaften Ajax‘. Dennoch gibt es einen Grund, warum auch er Teil dieser Geschichte ist. Nach einem halben Jahr in der Reserve der Ajacieden und einer Rotationsrolle in der Saison 2016/2017, spielte er sich in den Stammkader des Profiteams, partizipierte in der UEFA Europa League und überzeugt mit seiner äußert ajax-nahen Spielweise. De Jong verkörpert das Muster eines modernen Mittelfeldspielers. Seine Spielinterpretation ähnelte in der abgelaufenen Spielzeit sehr derer von Kevin De Bruyne bei Manchester City. Ein „politischer“ Kompromiss ist hier dennoch heranzuziehen, da sein Agieren eher zwischen dem von KDB und Andrés Iniesta anzusiedeln ist. Diese Parallele wird durch dieselbe Position sichtlich begünstigt – Frenkie ist ähnlich wie die beiden Hochkaräter auf der Achterposition zu verorten, auf der er seine Rolle sehr dynamisch wahrnimmt. Mal ein tief agierender Spielmacher, dann wieder ein spielstarker Box-to-Box-Spieler.

De Jong ist praktisch überall auf dem Feld zu finden, fordert stets den Ball und verschleppt sowohl Tempo als auch den Ball. Seine ruhige Spielweise strahlt auf dem Feld eine wohltuende Sicherheit aus, derer er in der Regel einfache Lösungen und Spielansätze folgen lässt. Der Holländer spielt selten verschnörkelt und agiert primär geradlinig. Auf seiner Suche nach dem Ball denkt er oftmals schon einen Schritt voraus und übernimmt als Leader die Aufgabe des Metronoms aus der Tiefe. Das hat ihn für Ajax sehr wertvoll gemacht. De Jong agiert sehr intelligent, ajax-typisch und scheint stets eine Idee hinter seinen Aktionen zu haben. Diese vertritt er in seiner Rolle als Anführer und Taktgeber im Mittelfeld, ohne dass er Kapitän Matthijs de Ligt ins Gehege kommt. Seine Persönlichkeit würde dies ohnehin nur schwer möglich machen, da er primär das Auge für die Mittelfeldspieler hat, eine akurate Einschätzung der eigenen Position sowie Situation zeigt und mit gefährlichen Schnittstellenpässen seine Vorderleute einsetzt. Letztere spielt er gerne und oft, jedoch nicht kopflos und keinesfalls ausschließlich. Der Youngster weiß auch mit seiner enormen Explosivität zu überraschen, wenn er seine Schnelligkeit und Agilität für blitzartige Dribblings einsetzt und so einen variablen Ansatz in sein Spiel einstreut. Jedoch muss an dieser Stelle betont werden, dass dies auch oftmals spektakulärer wirkt als es in einer anderen Liga der Fall wäre. Jeder, der die Eredivisie verfolgt, hat sicherlich schon bemerkt, dass viele Verteidiger hölzern agieren und ihre Probleme mit agilen und schnellen Gegenspielern haben.

Technisch versiert beweist sich Frenkie de Jong stets in engen Situationen, die er unspektakulär und besonnen zu lösen weiß. Sein feiner rechter Fuß erlaubt ihm zudem, zielgenaue Flanken in den Gefahrenraum zu schlagen. Leider ist dieses Ballgefühl limitiert und nicht auf seine offensive Schlagkraft anwendbar. Speziell sein Abschluss und die dahinter steckende Power sind ausbaufähig. Bei aller Dynamik und spielerischen Intelligenz hat de Jong einen großen Makel. Sein Positionsspiel im letzten Drittel ohne Ball wirkt oft verloren, während er erfolglos versucht, Passlinien zu kreieren. Für einen künftigen Weltklasse-Mittelfeldspieler ist dies essenziell, um auch ohne aktive Ballbeteiligung seinen Kollegen taktische Spielräume und Vorteile zu ermöglichen. Hier ist er längst nicht so gerissen und scharfsinnig, wie dies einst Mario Götze oder Jack Wilshere in ihren jungen Jahren waren, dafür ist er zu wenig an Toren beteiligt. Das Interesse der Giganten weckt der Holländer trotzdem. Speziell Manchester City mit Trainer Pep Guardiola und der FC Barcelona haben ihre Fühler nach ihm ausgestreckt. Jedoch wissen auch Vereine wie der FC Bayern, der FC Arsenal oder Real Madrid um seine Fähigkeiten. Trotz des großen Interesses ist De Jong wohl gut beraten, noch ein weiteres Jahr in Amsterdam zu verweilen, um weitere Spielpraxis zu sammeln, internationale Luft zu schnuppern und anschließend den Schritt in eine der europäischen Topligen zu wagen. Denn eines ist sicher, eine spielstarker, lernwilliger und technisch versierter Mittelfeldstratege ist bei Trainern wie Guardiola oder Mauricio Pochettino hervorragend aufgehoben – ohne einen speziellen Fokus auf die Premier League legen zu wollen.

 

Bildung – Dem Sport alles andere als untergeordnet

„Meine Vision des Sportmanagements ist einfach. Ich denke, dass Menschen mit einer Leidenschaft für den Sport am besten dafür geeignet sind eine Sportorganisation zu leiten“
(Johan Cruyff)

Noch einige Jahre zuvor hätte die obige Überschrift keinen Nachhalt gehabt. Tottenham-Verteidiger Jan Vertonghen hatte zum Wohle seiner Karriere sein Jurastudium abbrechen müssen, ehe er zu einem späteren Zeitpunkt ein Sportmarketing-Studium am Cruyff Institute nachholen konnte. Auch heute opfern viele ehrgeizige Fußballer die Schule, um sich gänzlich auf ihre Entwicklung konzentrieren zu können. Dies wird bei Ajax Amsterdam nicht mehr toleriert. Die Schulen haben mit dem Verein spezielle Arrangements getroffen, um bildungsrelevante Inhalte an die sportlichen Verpflichtungen anzupassen. Rund 20 Busse transportieren die Schüler regelmäßig zur Akademie, wo den Nachwuchskickern zusätzliche Hausaufgaben- und Lernbetreuung zur Verfügung steht. Ajax gewährleistet so eine bessere Kontrolle ihrer Zöglinge und stellt sicher, dass die Welten aus Fußball und Ausbildung nicht zu weit auseinanderdriften. So können auch Spieler, die es nicht an die Spitze schaffen, auf eine fundierte Basis für ihre Zukunft zurückgreifen.

Studenten erhalten indes Vorlesungen über sportwissenschaftliche Themen, wie Ernährung und Kinesiologie, ökonomische Fachgebiete wie Steuern und Finanzen ebenso wie gesellschaftliche Trainings in Bezug auf Medien und generelle Benimmregeln – Tools, um ein moderner Fußballer zu sein. Am Wochenende werden die Kids von den Trainern dann ermutigt, gemeinsam mit ihren Freunden auf den Straßen zu kicken, da die Meinung vertreten wird, dass ein Spiel ohne ständige Anleitung zur grundlegenden Entwicklung von Kreativität, Spontanität, Leidenschaft und Entscheidungsfindung beiträgt.

Trainieren im Dogma – Das 433-System als Zentrum des Ajax’schen Fußballs

„Wenn du keine ausreichenden technischen Fähigkeiten bis zum Alter von 14 Jahren hast, kannst du es vergessen ein professioneller Fußballer zu werden“
(Arsène Wenger)

Das Wort „Einheit“ ist durchaus ein treffendes Charakteristikum für das gesamtheitliche Auftreten der Teams von Ajax Amsterdam. Schon von den U-Mannschaften an bis hin zum Profiteam trainiert man in denselben Klamotten. Derselbe Drill ist über alle Altersstufen präsent, ebenso wie der Fokus auf wissenschaftliche Trainingsmethoden, um das letzte Auge fürs Detail in Perfektion einfließen zu lassen. Eben dafür ist mit Adidas ein geeigneter Partner vorhanden – sowohl sportlich, als auch technologisch. Der idealtypische Entwicklungsplan kann anhand der frühsten Eintrittsstufe verdeutlicht werden – an einem siebenjährigen Nachwuchskicker. Ab dem ersten Moment indem er ein Ajax-Shirt überstreift, liegt der Fokus auf dem Erlenen von Basis-Skills. Es ist enorm wichtig, verschiedenste Techniken zu meistern, um später in jeder Situation das Handwerk zu besitzen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Dieser Ansatz erstreckt sich in der Regel bis hin zu den U12-Teams. Hier geht es nicht ausschließlich darum, dass sie beide Füße technisch ideal abrichten, sondern ebenso ihre Balance zu schulen, den eigenen Rhythmus steuern und sowohl links wie rechts eine kongruente Leistung abrufen zu können. Diese rudimentären Eigenschaften werden in den ersten Jahren sehr spielerisch erlernt. Ajax teilt nachweislich Arsène Wengers oben zitierte Meinung, da der Klub im Entwicklungsplan grundsätzliche Ausbildungsmeilensteine definiert hat, die jeder Spieler des Klubs bis zum Alter von 14 Jahren beherrschen muss:

Sportliche Kriterien anhand denen die Nachwuchskicker von Ajax Amsterdam gemessen werden

Bis zum Alter von zwölf Jahren werden die Ajax-Zöglinge zu drei Trainingseinheiten pro Woche gebeten. In der Regel dauern diese Sessions  altersstufenübergreifend zwei Stunden. Pauschal lassen sich die Zeiten in den Vormittag von 10.00 – 12.00 Uhr und in den Nachmittag von 13.00 – 15.00 Uhr unterteilen. Freilich werden hier flexible Anpassungen an die jeweiligen Tagespläne der Nachwuchskicker vorgenommen. Das Spielsystem sowie Trainingssystem bleibt zudem vom Beginn bis zum Ende der Ausbildung statisch. Das Allheilmittel bei Ajax ist und bleibt das 433-System. Während von der U8 – zur U11 die Trainingsform anhand der zahlenmäßigen Besetzung variiert (U8: 4v4, U9: 6v6, U10: 8v8, U11: 9v9) ist ab der U12 das 11-gegen-11 in den Spielformen des Trainings fest integriert. Das soll jedoch nicht heißen, dass gerade ein nahezu perfektes Trainingssystem wie das 4-gegen-4 nicht zusätzlich inkludiert wird. Die Idee ist schlichtweg die stufenweise Implementierung eines wachsenden Spielfeldes und somit einer zunehmenden Vielfalt an Situationen und Möglichkeiten. Ab der U18 wird eine allumfassende Anwendbarkeit der T.I.P.S-Fähigkeiten vorausgesetzt und diese in höchstem Maße trainiert. Auf dieser Stufe der Ausbildung haben sich fünf Trainingseinheiten pro Woche längst in die Wochenplanung der Youngsters integriert. Um jedoch die vier Stufen der Ajax-Ausbildung (U8, U9 – U12, U13 – U16, U17 – U19) auf den Kern herunter zu brechen sei folgendes erwähnt: Wie schon thematisiert wird auch bei Ajax spielerische Vermittlung in der Anfangsstufe priorisiert. Hier wird der generelle Spaß am Spiel vermittelt und ein grundsätzlicher nachhaltiger Konsens zum Klub hergestellt. Anschließend wird ein Teamspirit geschaffen, der die Grundlage für die Einführung des holländischen Spielstils darstellt. Weiter werden individuelle Attribute geschult, um die ganzheitliche Ausbildung dahingehend zu manifestieren, dass die ausgereiften Nachwuchskicker den Übergang in die Profimannschaft schaffen.

Vom Klub der Götter zur Ausbildungsmaschinerie Europas

Die Historie Ajax‘ zeigt eine Vielzahl talentierter Weltklasseakteure, die in den eigenen Reihen groß geworden sind. Noch vor der Jahrtausendwende zählten die Ajacieden zu den großen Vereinen Europas, wenn auch nicht mehr zu den Big Playern der Szene. Auch heute ist der Klub darin bestrebt, seine Sprösslinge in die Profimannschaft zu lotsen, um die eigene Philosophie stets auf höchster Vereinsebene zu erhalten. Leider hat sich der Markt und der Klub dahingehend entwickelt, zwar eine hervorragende Ausbildung zu bieten, jedoch die Toptalent anschließend an den Meistbietenden zu verschachern. So wird Ajax Amsterdam sportlich sicher keine dominierende Rolle im europäischen Fußball einnehmen, jedoch finanziell rentabel wirtschaften. Sollte die UEFA je eine Liga durchsetzen, in der Klubs nur antreten, die finanziell nachhaltig arbeiten, könnten auch die Holländer wieder eine ernst zu nehmende Rolle spielen. Bis dahin leben der Mythos und das Vermächtnis der alten Zeit, der Helden von 1974 und der Generation unter dem Tulpengeneral Luis van Gaal. Auch heute steht Ajax‘ Konzept wie ein Fels in der Brandung, wird weiter gelebt und von Reliquien der Talentschmiede fortgeführt.

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