Es läuft die 23. Minute im Spiel Leverkusen gegen Augsburg. Ein Angriff, der symbolisch für den Fußball steht, den Bayer am liebsten spielen möchte: Ballgewinn auf Höhe der Mittellinie durch Henrichs und sofort wird der Gegenangriff eingeleitet. Pass aus der Mittelfeldzentrale auf Chicharito, der einen Innenverteidiger aus der Kette herauszieht und den Pass direkt steil nach rechts weiterleitet. Die entstehende Lücke wird für einen Sprint an den Strafraumrand genutzt, der Ball flach hereingegeben und Bellarabi vollendet den Konter. 50.000. Tor der Bundesliga-Geschichte. Endlich ist auch dieses Medien-Phänomen vorbei.

Dass Bellarabi der glückliche Torschütze ist, verwundert nicht wirklich. Schließlich hält er auch schon den Rekord für den schnellsten Bundesligatreffer. Bemerkenswerter ist hingegen der Vorlagengeber. Wie selbstverständlich eingereiht in diesen Schmidt’schen Reißbrett-Angriff ist der 17-Jährige Kai Havertz. Vor dem heutigen Champions League Spiel gegen Atletico Madrid holen wir die Lupe raus und analysieren das neuste Bayer-Talent, das aktuell für Furore sorgt.

Typische Karriere im Fußball-Westen

Das Augsburg-Spiel hat nicht nur aufgrund des Jubiläumstreffers für ein großes Medien-Echo gesorgt. Die Leistung des 17-jährigen Offensivspielers Kai Havertz hat die Fußballwelt überrascht. Wie ein alter Bundesligahase wühlte der Jung-Nationalspieler im vorderen Bayer-Drittel, tauchte vor dem Tor auf, legte Torchancen auf und durfte sich am Ende Spieler des Spiels nennen. Ein Auftritt wie ein großes Zukunftsversprechen.

Man hat sich ja bereits daran gewöhnt, dass die Werkself ein gutes Händchen bei jungen Spielern hat, die man in der eigenen Jugend heranführt an den Profifußball. Geschickte Transfers im Jugendbereich sind essentiell hierfür, siehe Julian Brandt. Auch Havertz, Jahrgang 1999, hat den Weg in der Jugend nach Leverkusen gefunden. Ausgebildet bei Alemannia Mariadorf, wechselte er im Alter von neun Jahren zur benachbarten Alemannia aus Aachen, nachdem er bei einem Jugendturnier für Aufruhr gesorgt hatte. Wieder nur zwei Jahre später folgt dann der Sprung in die Jugendabteilung von Bayer Leverkusen. Ein durchaus gängiger Verlauf einer jugendlichen Fußballkarriere im Aachener Raum für Spieler, die zu höherem als der Alemannia berufen sind. Lieblingsziele sind dann in der Regel Mönchengladbach, Köln oder eben Leverkusen, um den Traum vom Profifußball (sorry Alemannia!) verfolgen zu können.

Zur richtigen Zeit muss man am richtigen Ort sein

Fortan wirbelt Kai Havertz unter dem Bayer-Kreuz. Seine Ausbeute kann sich dabei mehr als sehen lassen. Er wird Deutscher Meister mit der U17 und erzielt dabei 19 Treffer in 29 Spielen. Bei der U17-EM in Aserbaidschan wird er in allen fünf Spielen von Anfang an eingesetzt, scheitert jedoch mit der deutschen Elf im Halbfinale. Zur Belohnung gibt es dennoch die Fritz-Walter-Medaille in Silber für den zweitbesten Spieler seines Jahrgangs im vergangenen Jahr, direkt hinter dem Wolfsburger Gian-Luca Itter. Die Krönung folgt aber erst in dieser Saison am 7. Spieltag beim Auswärtsspiel in Bremen. In der 83. Minute wird Havertz zum ersten Mal in der Bundesliga eingesetzt. Mit 17 Jahren, vier Monaten und vier Tagen wird er zum jüngsten Bayer Spieler aller Zeiten. Es folgen Einsätze im Pokal, in der Champions League gegen Tottenham und der erste Startelfeinsatz gegen Darmstadt. Innerhalb von nur drei Wochen.

Dabei hat Havertz zweifellos von einer unglaublichen Verletzungs- und Ausfallmisere profitiert, die Leverkusen in der Hinrunde heimgesucht hat. Bellarabi verletzt. Pohjanpalo verletzt. Volland gesperrt und verletzt. Mehmedi verletzt. Kießling läuft bestimmt auch irgendwo herum. Da blieben nur noch Calhanoglu, Brandt und Chicharito als ausgewiesene Offensivspezialisten übrig. Dass Roger Schmidt irgendwann auf Havertz setzen musste, scheint auf der Hand zu liegen. Dass sich dieser aber durchsetzen konnte und aktuell gesetzt ist, liegt nicht nur an dem weiter anhaltenden Spielermangel der Leverkusener.

Wo soll das hinführen?

Havertz‘ Spiel ist unglaublich ausgereift für sein Alter, seine Stärken lassen sich in allen Bereichen des Spiels festmachen. Da wäre zunächst seine Torgefahr, die er aus der U17 in die Bundesliga übertragen konnte. Obwohl er noch keinen Treffer selbst erzielen konnte, taucht er immer wieder gefährlich vor dem Tor auf. Gegen Augsburg hätte er um ein Haar selbst den 50.000. Treffer in der Anfangsphase erzielt, nur Hitz‘ Glanzparade verhinderte dies. Er profitiert im Abschlussspiel von seiner Beidfüßigkeit, die ihn auszeichnet. Durch seine Spielübersicht ist er darüber hinaus in der Lage, Chancen für seine Mitspieler zu kreieren, wie der Bellarabi Treffer beweisen konnte. Er antizipiert Laufwege sehr gut, positioniert sich geschickt im Spiel nach vorne und ist ein sicherer Teil des Passspiels. Dazu gesellt sich noch eine mehr als ordentliche Schnelligkeit, die er für das Spiel auf beiden Außenbahnen nutzen kann, um hinter die Abwehrreihen zu gelangen.

Als wäre das noch nicht genug, ist er noch mit einer hervorstechenden Physis gesegnet worden. 1,86m groß, bundesligataugliche Statur und ein unbändiger Wille, sich in jeden Zweikampf zu schmeißen. Havertz kann auch als Zielspieler fungieren, der Bälle festmacht und Innenverteidiger anläuft. Er führt überdurchschnittlich viele Zweikämpfe, gewinnt diese zahlreich und setzt sich in Kopfbällen zu 60% durch. Beängstigende Werte für einen 17-Jährigen. Wo soll das hinführen?

Auf Langfristigkeit ausgelegt

Wenn man Schwächen finden möchte, dann muss man schon sehr genau hingucken, aber wir wollen hier auch nicht sofort einen Teenager zum nächsten Messi machen. Havertz’ Flanken haben durchaus Verbesserungspotenzial und sind noch zu ungenau. Das liegt aber vor allem daran, dass die Leverkusener kaum mit diesem Stilmittel arbeiten. Auch seine Zweikampfführung führt noch zu oft zu Fouls, die nicht immer geschickt sind. Auf der Außenbahn unterlaufen ihm auch noch zu viele Ballverluste, gerade auf engem Raum muss er seine technischen und physischen Vorteile noch besser nutzen. Um das aber nochmal klarzustellen, wir meckern hier auf allerhöchstem Niveau. Wir sprechen schließlich von einem Spieler, der in der kommenden Saison noch A-Jugend spielen kann. First World Problems.

Mit seinen Schwächen und vor allem seinen Stärken ist er wie gemacht für das Spiel der Leverkusener, das hat die Rückrunde bereits gezeigt. Rechtsaußen, Linksaußen, zweite Spitze. Havertz fügt sich mühelos ins Kollektiv ein. Diese Polyvalenz ist gerade zu Beginn der Karriere Gold wert, um wertvolle Profi-Erfahrungen zu sammeln. Jetzt muss sich herausstellen, wo er auf Dauer am besten aufgehoben ist. Momentan wirkt er neben der kleinen, mexikanischen Erbse im Sturm gut aufgehoben, um den er seine Kreise zieht. Die Bayer-Verantwortlichen werden weiterhin versuchen, das ganz große Rampenlicht auf andere scheinen zu lassen. Langfristige Entwicklung steht über kurzfristigen Schlagzeilen. Aber da ist er am Rhein genau an der richtigen Stelle, wie die aktuellen Situationen von Tah, Henrichs und Brandt zeigen.

Die große Bühne ruft

Am Abend steigt also das Champions League Achtelfinale gegen die Defensiv-Fetischisten aus Madrid, mit ihrer Abwehr-Domina Diego Simeone an der Seitenlinie. Auf Havertz wartet also, sofern er wirklich von Anfang an auflaufen darf, u.a. Diego Godin, ein Abwehrspieler, der mit allen Wassern gewaschen ist. Eine ganz neue Erfahrung für das Bayer-Talent, der sich auf der ganz großen Bühne beweisen will. Es gibt bestimmt angenehmere Möglichkeiten, seine Qualitäten unter Beweis zu stellen, als in einem 90-minütigen K(r)ampf gegen die Colchoneros aus der spanischen Hauptstadt.

Doch wenn eine Sache klargeworden sein sollte, dann, dass Kai Havertz kein typischer 17-Jähriger ist. Er wird auf das Spiel hinfiebern, denn er möchte sich mit den Besten messen, jetzt schon. Was gibt es Besseres als Offensivspieler, als gegen eine der gefürchtetsten Abwehrreihen Europas zu spielen? Gegen sie zu treffen. In diesem Sinne: viel Spaß heute Abend, Kai.

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