Die Knappen und der Klub: Zwei Traditionsvereine, eine innige Fanfreundschaft, drei Spieler, die in drei aufeinander folgenden Wintertransferperioden aus dem Frankenland in den Ruhrpott wechseln. Nach den beiden Österreichern Alessandro Schöpf und Guido Burgstaller in den Spielzeiten 2015/2016 und 2016/2017, unterschreibt nun also der deutsche U21-Nationalspieler Cedric Teuchert bei den Königsblauen. Was auf der einen Seite für umschwängliche Lobeslieder, fast schon Liebesbekundungen zwischen dem gerade erst verpflichteten Teuchert und Jungcoach Tedesco führt, sorgt auf der Nürnberger Seite für Unmut. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass Teuchert – bei aller Leistung – stets auch abseits des Platzes für Kontroversen sorgte: René Weiler schickte ihn einst aus dem Trainingslager wieder nach Hause, Michael Köllner monierte unlägst, dass sich Teuchert mit seinem Verhalten über die Mannschaft stelle. Doch was war passiert? Wir wagen eine Einordnung der Geschehnisse. In unserer Transferkritik erfahrt ihr zudem alles zum Spielertypen Teuchert und warum der FC Schalke 04 durchaus einen Coup gelandet hat.

Zwischen Genie und Größenwahn

Teuchert ist das, was man gemeinhin wohl als “waschechten Franken” bezeichnet: 1997 in Coburg geboren zieht es ihn 2009 als 13-Jährigen vom lokalen DVV Coburg in die Jugend des 1. FC Nürnberg. Einer der größten Förderer Teucherts, André Rackisch, langjähriger Jugendtrainer in Coburg, prophezeihte ihm schon damals den Sprung nach ganz oben. Rackisch stellt dabei vor allem die “brutale Effektivität” des “Vollblutstürmers” heraus, der in der D- und E-Jugend manchmal wie ein Gespenst wirkte, in den entscheidenden Momenten aber oft goldrichtig gestanden habe. Auch Günther Weidlich, ein weiterer großer Mentor Teucherts, findet positive Worte über den Jungspund mit dem feinen Näschen für Tore. In Nürnberg durchläuft Teuchert sämtliche Jahrgänge der dortigen U-Mannschaften, zumeist mit einer brutalen Torausbeute: In der U17 netzte Teuchert 27mal in 38 Einsätzen, in der U19 traft er in 23 Spielen 16 mal. 2014/2015 absolviert er seine erste und bis dato einzige Bundesligaminute, etabliert sich über mehrere Kurzeinsätze in der Saison 2015/2016 schließlich in der letzten Saison.

Die Entwicklung Teucherts, und auch seine bisweilen steile Karriere in den Jugendauswahlen des DFB, blieben auch Hansi Flick nicht verborgen, der ihn in einem Interview aus dem Jahre 2016 als “interessanten Spieler” bezeichnete. Im Nachgang des Interviews, in dem Flick interessanterweise durchaus auch einen fehlenden “Egoismus” und “Killerinstinkt” im deutschen Sturm anprangerte, wurde Teuchert von der Medienlandschaft bereits kurzzeitig als neuer Messias im deutschen Offensivspiel stilisiert. War dies ein Knackpunkt in der noch jungen Karriere Cedric Teucherts? 2017 lässt er sich jedenfalls zu der Aussage hinreißen, dass es in der 2. Bundesliga keinen besseren Spieler in seiner Altersklasse gäbe. Ob dies nun selbstbewusst oder hochmütig ist – daran scheiden sich die Geister. Fest steht, dass sich Teuchert anscheinend zu Höherem berufen fühlte: immer wieder zeigte er mangelnden Einsatz auf dem Trainingsplatz, was schließlich in seiner Degradierung durch Weiler mündete. Eine Vertragsverlängerung schlägt Teuchert immer wieder aus, möchte sich dem Vernehmen nach eine Ausstiegsklausel einbauen lassen, der Klub lehnt ab. Auch dies führte wohl zu Köllners Aussagen, dass Teuchert sich selbst über die Belange der Mannschaft stelle. Das Tischtuch scheint trotz der langjährigen Vereinstreue Teucherts angeschnitten. In der offiziellen Stellungnahme des FC Schalke 04 lobt Domenico Tedesco in der Zwischenzeit die “freche Spielweise” des jungen Stürmers. Ob auf oder neben dem Platz, Teuchert ist forsch, frech und balanciert irgendwo zwischen Genie und Größenwahnsinn.

Der Frechdachs unter den Stürmern: Teucherts Kaltschnäuzigkeit

GSN-Vergleichsgrafik zu den Schalker Stürmern

Auf dem Platz ist bei Teuchert vor allem eins auffällig: seine freche Spielweise. Doch was ist damit überhaupt gemeint? Zum einen bezieht es sich wohl auf das Selbstbewusstsein Teucherts, das sich in seinen Dribblings, aber auch in der hohen Anzahl an Torschüssen, die er durchschnittlich pro Spiel abgibt, niederschlägt. Vergleicht man den jungen Stürmer mit seinen drei größten Konkurrenten im Schalker Sturm (siehe GSN Grafik links), so fällt auf, dass er nicht nur am häufigsten den Schussversuch wählt (2,0 pro Spiel), sondern auch die meisten Schüsse auf das gegnerische Tor bringt (0,9). Beobachtet man Teucherts Spielweise genauer, so ist es auch die Art und Weise, wie er den Abschluss wählt, die man als frech, oder aber als äußerst klug bezeichnen kann. Oft spielt sich Teuchert durch Tempodribblings oder kluge Laufwege im Strafraum in Position, um dann entweder den Torhüter in letzter Konsequenz auch noch zu umdribbeln oder aber flach und häufig auch gegen die Laufrichtung des Torwarts abzuschließen. Hier offenbart sich ein Element in seinem Spiel, was ihn in seinem Alter zu einem so kaltschnäuzigen Torjäger macht: Für den gegnerischen Torwart ist es unheimlich schwer, aus relativ geringer Distanz einen gezielten Flachschuss noch mit dem Fuß abzuwehren. Ein auffälliges Gegenbeispiel zu Teuchert bildet in dieser Saison Thorgan Hazard, der häufig den halbhohen Abschluss wählt, welcher dann durch den Torhüter einfach abzufangen ist, wenn er denn die Fläche seines Oberkörpers mit den Armen vergrößert. Obwohl Teuchert weit von der unkonventionellen Schusstechnik eines Thomas Müller entfernt ist, sind seine Abschlüsse dennoch oft tückisch für den Torwart: Aufsetzer und verspringende Bälle zählen zu seinem Repertoire, welches bisweilen so wirkt als treffe er den Ball nicht richtig.

Teucherts Schnelligkeit, im Sprint aber auch gedanklich, schlägt sich auch in der Anzahl seiner Dribblings wieder (3,35 pro Spiel; Platz 2 hinter Guido Burgstaller). Im Vergleich zu Burgstaller, dessen Dribblings eher im letzten Drittel stattfinden, lässt sich Teuchert oft weiter nach hinten fallen, um dann mit Tempo auf die gegnerischen Verteidiger zuzusteuern. Dabei ist er in der Lage, die Verbundsleistung in der Defensive zu antizipieren und beispielsweise falsche Laufwege der beiden Innenverteidiger blitzschnell auszunutzen, in die Lücke zu stoßen und abzuschließen – oder aber einem Mitspieler aufzulegen. Im Vergleich der Schalker Stürmer weist Teuchert die zweithöchste Erfolgsquote im offensiven Dribbling hinter Breel Embolo auf, der sich im Schnitt jedoch seltener in derartige Situationen begibt. Die Tatsache, dass Teuchert häufiger das Dribbling wählt ist nicht nur Ausdruck seiner Qualität, sondern auch der Überzeugung von sich selbst. Von allen Schalker Stürmern spielt er die wenigsten Pässe und weist die schlechteste Passquote auf (58,76%). Hier besitzt er deutlichen Nachholbedarf, sollte er sich in das Kombinationsspiel auf Bundesliganiveau einfügen wollen. Dennoch gelangen ihm bisher nach Burgstaller die zweitmeisten Vorlagen in dieser Saison. Reißt Teuchert erst einmal Lücken, gibt es Platz für den Gegenspieler, den er auch zu bedienen weiß, sollte sein eigener Abschluss nicht aussichtsreicher sein. Nicht zuletzt ist er – trotz der Tatsache, dass er in der 2. Bundesliga gespielt hat – gemessen an der Anzahl der Spiele an den meisten Toren beteiligt gewesen. Obwohl sich Teuchert, der auch als hängende Spitze auflaufen kann, oft hinter den Strafraum fallen lässt, wird er sich an die spieltaktischen Kniffe eines Tedesco, zu denen auch die Defensivarbeit gehört, gewöhnen müssen.

Tedesco, Teuchert und das veränderte Schalke

Der Transfer Teucherts verdeutlicht wie kein zweiter das, was Tedesco langfristig aus Schalke machen möchte: ein hungriges Spitzenteam. Mit Cedric Teuchert gewinnen die Knappen einen Spieler hinzu, der vor Selbstbewusstsein strotz, aber manchmal am Hang zur Diva wandelt. Es ist diese positive Verrücktheit, die, solange sie Tedesco in die richtigen Bahnen lenken kann, für Schalke zukünftig sehr wertvoll werden kann. In Tedesco’schen Spielsystem ist Teuchert prädestiniert für den Part des zweiten Stürmers neben Burgstaller, der diesen umschwärmen kann. Burgstaller physische Präsenz verspricht dabei, weitere Lücken für den schnellen Teuchert zu öffnen, welche dieser bekanntlich auszunutzen weiß. Der Transfer ist daher angesichts der relativ geringen Ablöseseumme und des Potenzials, welches in dieser Verpflichtung schlummert, nicht nur ein echter Coup, sondern auch ein Zeichen an die Konkurrenz, dass Schalke nicht mehr nur teure Starspieler verpflichtet, sondern mit Tedesco vermehrt wieder hoch veranlagte, junge Spieler. Die Abkehr Heidels und Tedescos vom teuren Weg hin zu einer langfristigen Zukunftsvision wird der vom Strukturwandel geplagten Region gut tun. Reißt sich Teuchert am Riehmen und stellt seine Eskapaden ab, hat er das Zeug zum neuen Publikumsliebling.

Facebook-Kommentare