Ende September feiert man in Katalonien das größte und bunteste Fest des Jahres – das Fest im Zeichen der Jungfrau von Merce. Am Plaza Jaume, im gotischen Viertel der Millionenmetropole, recken sich zu Ehren der „Castellers“ (Erbauer) riesige Menschentürme gen Himmel, die so hoch sein sollen, wie es ihnen nur möglich ist. Kolossale Figuren von Königen, Königinnen und Heiligen ziehen durch die Stadt und tanzen – begleitet von Flötenmusik und Trommeln. Entscheidend ist eine starke Basis der symbolischen Riesen. Jeder muss richtig positioniert sein und die Spitze kann ohne die richtige Formation nicht erklommen werden. So wird eine der zentralen Tugenden des katalanischen Volkes versinnbildlicht: „Ohne eine starke Basis hast du nicht!“ Diese Allegorie überträgt sich auch auf eine stille Institution der Stadt, den Steinbruch des FC Barcelona. Die verbrachte Zeit in der Jugend kreiert lebenslange Verbindungen und schafft Freunde fürs Leben. Manche Akademien sind gar wie ein vollständiger Familienersatz, eine davon ist La Masia. Die Nachwuchskicker wachsen hier auf, werden erzogen, genießen Bildung und leben durch den Fußball ihren Traum. Während uns Kultur sagt wie wir uns verhalten sollen, erzählt uns die Identität wer wir sind – eine Philosophie, dem der Klub ein Gesicht verleiht.

La historia – Ein Klub mit wechselvoller Geschichte

„Für uns Nichtgläubige ist Barca ideal. So haben wir etwas, woran wir glauben können. Barca verspricht uns ein Leben nach dem Tod.“
(Sergie Pámies, spanischer Autor)

Mit 144.500 Mitgliedern gehören die Blaugrana zu den zehn größten Fußballklubs der Welt. Der Fußballtempel „Camp Nou“ bietet 99.354 Zuschauern Platz – damit ist es das größte Vereinsstadion Europas. Für die Katalanen ist der FC Barcelona eine der wichtigsten Ikonen für den Nationalstolz und den Widerstand gegen Unterdrückung. Die Wurzeln sind, wie es das „FC“ im Klubnamen andeutet, nicht national. 1899 gründet mit Hans „Joan“ Gamper ein Schweizer einen der größten Klubs der Moderne. Aufgrund der Ausgrenzung von Nicht-Katalanen wollte er ein Zeichen für Toleranz und Integration setzen. Entgegen aller „clubs de futbol“ entstand der erste „Football Club“ Kataloniens. Nach unruhigen Zeiten politischer Dissonanz und in Folge einer schweren Depression nimmt sich Gamper 1930 das Leben. Die Joan Gamper Trophy, die der FC Barcelona jährlich ausrichtet, gilt als Andenken an jenen Mann, dessen Mitgliedsnummer für immer gesperrt wurde – die Nummer Eins!

Der Erfolg hält nach zwei Jahrzehnten Anlaufzeit erstmals ab 1919 richtig Einzug. In zehn Jahren gewinnt man acht katalanische Meistertitel, fünf Mal den spanischen Pokal und 1929 die erste spanische Meisterschaft überhaupt. Die Folgezeit wird dann zum Prüfstück. Eine Militärdiktatur, ein Putsch und die nationalistische Führung Spaniens ab in den 30er-Jahren setzen dem Klub im gleichen Maße zu, wie der Region Katalonien selbst. Eine umfängliche Hispanisierung Barcas ist ein Stich, den die Culés (Anhänger des Klubs) bis heute nicht vergessen haben. Trotz finanzieller und sportlicher Probleme wächst die Zahl der Mitglieder weiter, weswegen 1957 nach drei Jahren Bauzeit das Camp Nou eröffnet, das zu jener Zeit 90.000 Zuschauern Platz bietet. 288 Mio. Peseten verschluckte das Großprojekt. Kredite und Hypotheken waren die Folge, die durch Barcas Fangruppen, den sogenannten „penyes“, unterstützend beglichen werden konnten. Aus diesem Grund haben sie bis heute großes Mitspracherecht in Vereinsangelegenheiten.

Die alte La Masia – ein 1702 errichtetes Landhaus im Schatten des Camp Nou

Während das Stadion der Blaugrana zur Kathedrale des Widerstands und katalanischer Identität wird, implementiert man im Klub ein Leitmotiv, das bis heute gilt: „Més que un club“  (Mehr als nur ein Klub). Damit formiert man eine Opposition, die sich der Willkür und Unterdrückung des Franco-Regimes einen katalanischen Unabhängigkeitswillen entgegenstellt. Mit Johan Cruyffs Ankunft im Jahre 1973 und der historischen Meisterschaft im darauffolgenden Jahr, kennt man in Katalonien kein Halten mehr, als man nach über einem Jahrzehnt wieder die spanische Meisterschaft gewinnt und den Erzrivalen Real Madrid geschichtsträchtig mit 5:0 aus dem Bernabeu vertrieb. Der exzentrische Holländer ist es dann auch, der bei seiner Rückkehr als Trainer im Jahre 1988 den Verein von Grund auf revolutioniert und eine Basis schafft, die heute globale Bewunderung findet und dessen Talentschmiede zu den renommiertesten des Weltfußballs zählt. Denn Cruyff ist es, der La Masia ins Leben ruft, die spanische Identität neu aufleben lässt und den ersten europäischen Landesmeister-Titel nach Katalonien holt. Ab hier, wird „la cantera“ (Der Steinbruch) zum Anker der Blaugrana, welchem sich später vor allem Cruyff-Schützling Pep Guardiola verpflichtet. Spätestens als der ehemalige La Masia-Absolvent 2008 auf die Trainerbank seines Klubs nachrückt, überschlagen sich die Resultate Barcas-Jugendarbeit. Mit 14 aus 19 möglichen Titeln und einer Basis aus Barcas Jugendakademie erobert der Klub um Messi, Iniesta und Xavi den Weltfußball. Der Ruhm La Masias gipfelt dann bei der Weltfußballerwahl im Jahr 2010, als mit den oben genannten drei, die Endauswahl gänzlich durch Zöglinge aus Barcas Jugendarbeit besetzt wird.

Cartera vs. Cantera

„Wenn du Fußball nicht lebst, isst und atmest, bist du kein wahrer Fußballer. Du trägst nur ein Trikot.“
(Sergio Ramos)

Cartera vs. Cantera – Brieftasche gegen Nachwuchs: Das Motto Barcas. Allerdings gilt das nicht für deren gesamte Geschichte. Schon in den 70ern herrscht ein enormer Stardrang, ein Wettbewerb mit den königlich finanzierten Madrilenen, jedoch ohne Erfolg. Wie schon angesprochen ist es Johan Cruyff, der den FC Barcelona daran erinnert, dass Identität und Spielphilosophie aus den eigenen Reihen entstammt. Auch in der heutigen Zeit gerät das Motto wieder ins Hintertreffen. Kommerz, zunehmende Inflation auf dem Transfermarkt und Erfolgsdruck zwingen Klubs zu Investitionen, die auch jenseits des moralischen Verständnisses liegen. Der Spielraum für die Einbettung von Jugendspielern in die Profikader der Großklubs ist mittlerweile schwindend gering. Das Kosten-Nutzenverhältnis verschiebt sich klar zugunsten von Spielerkäufen, die den Standard halten, Erfolge verheißen und das Geld von Sponsoren sowie Wettbewerbsgelder in die Vereinskassen spülen – bis die Blase irgendwann platzt. Bis dahin profitieren Ausbildungsklubs, die auf ihre Youngsters angewiesen sind, weil sie andernfalls in finanziellen Schwierigkeiten stecken würden.

Barca hat 2011, um dem eigenen Trend gegenzusteuern, die neue La Masia eröffnet. Erstrahlend in einem funktionellen Design, bietet sie komfortable Unterkünfte und verfügt über die Fähigkeit, beliebig erweitert zu werden – ganz nach den Bedürfnissen des Klubs. Hier soll die intellektuelle, persönliche und soziale Entwicklung der Jungspunde gefördert werden. 20 Mio. EUR verursacht La Masia an jährlichen Kosten, die Kosten für die Aufstellung von U19 und Barca B miteingerechnet. Sind die Nachwuchskicker reif für die Profiabteilung werden sie zur Feuertaufe vorerst bei der Reserve der Blaugrana eingesetzt und durch einen Drei-Stufen-Plan sukzessive an die erste Mannschaft herangeführt. Sergi Roberto hat diesen erfolgreich meistern können und steht als einer der wenigen Absolventen der letzten Jahre im Stammkader einer der prestigeträchtigsten Mannschaften der Welt.

Laut Jordi Cruyff, dem Sohn von „König Johan“, interessiert es beim FC Barcelona niemanden, wie kräftig die jungen Nachwuchskicker sind, solange sie laufen können. „Es interessiert nur: Was kann er mit dem Ball. Darauf ist die Ausbildung ausgerichtet. Technisch einmalige Spieler hervorzubringen. Barca lehrt, nicht kräftig, sondern intelligent zu sein.“ Allerdings lernen die Sprösslinge mehr als nur den Ball zu führen, sondern bekommen auch Werte für das alltägliche Leben vermittelt. Der Klub will gut ausgebildete Individuen, die auf etwas zurückgreifen können, sollten sie es durch den Fußball nicht an die Spitze schaffen. In La Masia zählen Kameradschaft und Bescheidenheit. „Zwar sind sie (Talente) etwas Besonderes, als ein Teil der Barca-Familie. Jedoch verdienst du dir nur mit Bescheidenheit Respekt“, konstatiert Carles Folguera (ehemaliger La Masia Direktor). So sollen Barcas Rohdiamanten nicht umherlaufen und über große Geldsummen sprechen, sondern sich mit dem Verein identifizieren und den Barca-Stempel mit Stolz tragen. Bescheidenheit ist freilich stark mit dem Umfeld verknüpft – geradlinig zu bleiben ist somit nicht einfach.

Um den Jungs den Fokus auf den Fußball so angenehm wie möglich zu machen, zahlt Barca Stipendien für seine „Schüler“, damit ihnen und ihren Familien keine Kosten entstehen. Lernmaterialen, Essen, Lehrer und ein kleiner Lohn machen die Jungs schon früh zu kleinen Profis. Dieses Vertrauen Barcas ist auch begründet und hat klare Wurzeln. „Seit Cruyff haben alle Verantwortlichen Glauben in das Jugendsystem, das Guardiola noch einen Schritt weiter gebracht hat, weil er hier aufgewachsen ist“, erklärt Albert Puig, ein ehemaliger La-Masia-Trainer. Die Katalanen erfahren bereits unter Johan Cruyff, der sein Dream-Team im Jahr 1992 um La Masia Sprösslinge baute, dass ihr Jugendsystem funktionierte. Erst Manchester United hat 1999 als kleines Echo Barcas gleichartigen Erfolg, als die Engländer den FC Bayern im Champions-League-Finale in Barcas Heimstätte Camp Nou mit 2:1 schlagen, während Eigengewächse wie David Beckham, Paul Scholes, Ryan Giggs, Nicky Butt oder die Neville-Brüder in ihren Reihen stehen. Anschließend wird auch Fergusons United fortwährend zu einem Recruiting-Verein.

La Cantera hilft somit, Barcas Identität weiter zu formen. Als Hüter der Ideale soll die Akademie eine nie versiegende Quelle und die Basis des Zusammenhalts sein, welche den Kompass für den Weg in die Zukunft repräsentieren. Aufgrund der Außenwahrnehmung und alter Tugenden sind ungewöhnlich gefärbte Haare, Piercings sowie Tattoos während der Zeit in den Jugendmannschaften verboten. Zum Schutz der Kinder werden auch keine Beratergespräche vor dem Alter von 15 Jahren gestattet. Zudem knüpfen die Blaugrana auf der Basis ihres Jugendkonzepts auch Kooperationen. Jene mit der Samuel Eto’o Foundation, die jungen afrikanischen Fußballern ein Jugendprogramm bietet, ist eine der bekanntesten. Zudem existiert mit dem FC Barcelona Juniors Lujan in Buenos Aires eine Initiative, die jährlich 100 südamerikanischen Talenten eine zusätzliche Ausbildung neben der vereinseigenen offeriert.

Raus aus dem Schatten der Stars – Die neue La Masia

„Wir passen nicht, um den Ball zu bewegen, sondern den Gegner“
(Pep Guardiola)

Die 2011 eröffnete, neue La Masia im Ciutat Esportiva Joan Gamper

Während die alte Akademie noch im Schatten des Camp Nou steht, erstreckt sich die neue La Masia auf 6.000 m2 und auf fünf Stockwerken in Sant Joan Despi (kleine Stadt der Provinz Barcelona), in der Ciutat Esportiva Joan Gamper, dem Sportzentrum des FC Barcelona. Drei der fünf Stockwerke werden durch die Akademie genutzt – die verbleibenden werden für die Zukunft freigehalten, um sich kommende, strukturelle Veränderungen offen zu halten. So innovativ der erste Eindruck eines externen Betrachters sein mag, so schlicht sind die Zimmer der Kids ausgestattet: Schreibtisch, Bett und Schrank zählen zur Grundausstattung. In der Regel leben auch mindestens zwei Talente in einem Zimmer. 19 Monate dauerte es, bis im Juli 2011 die neue „Masia“ eingeweiht wurde und 120 Nachwuchskicker einziehen durften, sportbereichübergreifend – denn neben der Sparte Fußball nutzen unter anderem auch Barcas Basketball-Talente die Räumlichkeiten des Sportzentrums. Im Speiseraum des 11 Mio. EUR teuren Ausbildungszentrums zieren Fotos ehemaliger Akademie-Absolventen die Wände, um die Jungs daran zu erinnern, wer vor ihnen die Ausbildung absolviert hat und wo diese heute stehen. Das Trainingsgelände ist indes etwa 137.000 m2 groß und umfasst acht Fußballplätze – fünf Natur- und drei Kunstrasen.

 

Schultag, Scouting und Coaches

„Erfolg ist kein Zufall. Es ist harte Arbeit, Beharrlichkeit, Lernen, studieren, Glaube und mehr als alles andere, die Liebe für das was du tust“
(Pele)

Anders als die Allgemeinheit denken mag, besuchen Barcas Jungkicker keine Eliteschulen, die für Kids der Prominenz oder ausgewähltes Klientel stehen. Klar ist jedoch auch, dass sie an keiner Brennpunktschule auflaufen. Der Kompromiss daraus sind die besten lokalen Schulen, gemeinsam mit Gleichaltrigen, welche nicht zu kommenden Stars der Sportbranche aufsteigen werden. So soll die Zentralität der Bescheidenheit weiter gefördert und die Youngsters geerdet werden. Ein normales Umfeld soll helfen, sich auf das intensive Training am Nachmittag einzustellen und ein fundiertes Heranwachsen gewährleisten. Sämtliche Vorlesungen werden auf Katalanisch abgehalten – eine erste Challenge für Kids von außerhalb Kataloniens. Der Tagesablauf ist klar strukturiert: Schule ab morgens, zuvor gemeinsames Frühstück. Um 14.00 Uhr werden die Schüler zurückerwartet, ehe es in die Siesta geht. Nach dem Training wird dann noch eine Hausaufgabenbetreuung mit privaten Lehrern angeboten, ehe es um 22.00 Uhr in die Nachtruhe geht.

Entdeckt und nach Katolonien geholt, werden die künftigen Weltstars von 25 Scouts, deren Präsenz sich global streckt. Ausschau gehalten wird nach schnellen, wendigen und technisch versierten Offensivspielern, die später beliebig umfunktioniert werden. Die primäre Scouting-Zone ist jedoch Katalonien und Andalusien. Trotz der offensiven Ausrichtung, werden freilich auch Defensivspieler gescoutet und in die Akademie aufgenommen. Der Fokus auf den offensiven Gedanken ist eine Beobachtungelche auch schon Johan Cruyff frühzeitig erkannte. Ein offensivdenkender Akteur ist wie gemacht für eine Philosophie, wie sie Barca lebt. Somit ist die Umerziehung eines Flügels oder zentralen Mittelfeldspielers zum Außenverteidiger beziehungsweise Innenverteidiger eine rein defensivtaktische Herausforderung. Den Drang das Spiel selbst gestalten zu wollen, haben sie bereits von Natur aus.

Anders als „König Johan“ den Anspruch bei Ajax Amsterdam gesetzt hatte, ist eine Vergangenheit als Profifußballer auf hohem Level kein Dogma eines Trainers beim FC Barcelona. In der Regel sind die Coaches relativ jung und müssen in erster Linie den Spielern Benehmen und Anstand beibringen. Erst anschließend werden sie anhand Barcas Ideologie fußballerisch ausgebildet, wofür fast 40 Trainer sorgen sollen.

Die Rezeptur – Barcas Ausbildungsschwerpunkte

„Wenn wir die ganze Zeit nur laufen, wann werden wir dann lernen Fußball zu spielen? Fußballer laufen nie konstant über das ganze Spiel, oder? Sie machen kurze Sprints, Stopps, Richtungswechsel und lange Sprints. Fokus auf physisches Training ist nicht notwendig und solle in das Training mit dem Ball verbunden werden“                                                                                 (Laureano Ruiz, ehemaliger Trainer des FC Barcelona)

Wie das obenstehende Zitat schon erwähnt sind Barcas Ausbildungsschwerpunkte nicht physischer Natur. Im Zentrum stehen Selbstverständlichkeiten des Spiels: präzises, schnelles Kurzpassspiel und Handlungsschnelligkeit. Bis zum 16. Lebensjahr sehen die Youngsters keinen Kraftraum und absolvieren keinen Dauerlauf. Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit werden durch exzessives Training am Ball verbessert. Das schnelle Spielen auf minimalem Raum, verbunden mit der Schulung technischer Fertigkeiten ist die vorgegebene Doktrin. In der Akademie werden sieben Einheiten pro Woche absolviert: drei Mal bis 13.00 Uhr und vier Sessions nach 14.00 Uhr – angepasst an den jeweiligen Stundenplan der Schule.

Barcas Schwerpunkte sind grob in zwei Jahrgangsblöcken darzustellen. Von der U8 – U12 steht das Teamtraining im Vordergrund. Individuelle Aufgaben wie das Abschirmen des Balles, Dribblings und Ballkontrolle werden parallel geschult. Das Mantra heißt Ballbesitz: „Wenn ich den Ball habe, kann ihn der Gegner nicht haben“. Das generelle Fußballkonzept soll gemeinsam mit der individuellen Technik stimuliert werden, ehe gruppen- und mannschaftstaktische Schwerpunkten in den Fokus rücken.

Ab der U13 stehen Spielformen auf dem Plan. Offensive sowie defensive Taktikkonzepte werden erarbeitet. Synchron entwickeln die Nachwuchskicker Skills in der Feldpositionierung und in Situationen, in denen der Raum auf ein Minimum reduziert ist. Der Fokus liegt zudem auf der Bewegung zwischen den Zonen und weiterhin auf dem Passspiel. Als vorranginge Spielform wird das Vier-gegen-Vier sowie das Sieben-gegen-Sieben gewählt. In der Regel dauern Trainingseinheiten 90 Minuten und eine Stunde bei den Teams bis zur U12.

Wissentlicher Verfall – Die Abkehr der einstigen Reliquie

„La Masia no es toca – Lasst La Masia in Ruhe“
(Fan-Banner nach der gegen Barca verhängten Transfersperre)

Einst bildete Barcas Starmaschinerie den Grundstock eines der besten Teams der Welt. Unter den Großen Europas präsentierten sich die Blaugrana als Pioniere der „Kraft aus dem Inneren“. Niemand verkörperte das Vertrauen in die eigene Jugendarbeit so stark wie Pep Guardiola. Als physisch schmächtiger Akteur weiß Pep, wie sehr es auf Förderung und Vertrauen in eine strikte Philosophie ankommt. Ohne Cruyff wäre er nicht jener, der er heute ist. Gleichum würde Messi heute andere Stadien verzaubern, hätten die Katalanen nicht frühzeitig durch Cruyff eine neue Identität erhalten. Nach der bereits angesprochenen Übernahme der Weltfußballerwahl 2010 durch La-Masia-Zöglinge, folgte im November 2012 ein weiterer Höhepunkt: Beim 4:0-Ligaerfolg gegen UD Levante standen 60 Minuten lang 11 Spieler aus den eigenen Reihen auf dem Feld.

„Lasst La Masia in Ruhe“ – ein Fanbanner nach der verhängten Transfersperre gegen den FC Barcelona

Heute sehen sich die Anhänger des FC Barcelona allerdings einer anderen Situation gegenüber. Mit Luis Enrique änderte sich, trotz seines Barca-Backgrounds, die Sensibilisierung für dieses Thema. Körperlich robuste Spieler im Mittelfeld waren gefragt, um dem einstigen Traumsturm „MSN“ genug Freiheiten zu gewähren. Freilich entfaltete sich so die individuelle Klasse der Ausnahmespieler um Lionel Messi und zu Recht gewann man in Enriques erster Saison feierlich das zweite Triple der Vereinsgeschichte, indem man auf nationaler wie internationaler Bühne über die Gegner hinwegfegte. Die Kehrseite der Medaille ist allerdings die Rückstellung vereinsinterner Eigengewächse. Mit Spielern wie Andre Gomes und Paco Alcacer verpflichteten die Blaugrana Spieler für viel Geld, welche sich erst an die Ideologie Barcas gewöhnen mussten – rückblickend ist klar, dass die Transfers für keine spielerische Rendite gesorgt haben. Im Umkehrschluss gab man mit Sergi Samper und Munir El Haddadi Spieler ab, denen im Vorfeld einiges zugetraut wurde. Die Frage die weiterhin im Raum steht: Hätten sie ihren Job so viel schlechter gemacht als ihre teuren Pendants?  Enrique, ebenso wie nun Ernesto Valverde, der aktuelle Barca Coach, sind eben primär ergebnisorientiert. „König Johan“ fragte zu seiner Zeit noch danach, wie die Jugendteams sich präsentieren würden, nie nach dem Resultat. Dass dies auf Topniveau nicht möglich ist, versteht sich von selbst – ebenso wie stetig hoher Druck auf den Mann, der den Trainerposten bei Barca bekleidet. Dennoch, kommt man nicht umher zu erkennen, dass sich der Klub von der einstigen Ausnahmephilosophie entfernt. Einst standen technisch versierte Kicker auf dem Zettel – heute sucht man vermehrt nach physisch starken Spielern, auch wenn sie technisch nicht ins Raster passen – eine Art von Betrug an der eigenen Ausrichtung. Josep Maria Bartomeu kritisierte unter anderem nach der Erfolgssaison der Juvenil A, welche 2014 den UEFA Youth League Titel nach Katalonien holte, mangelnde Einstellung der Jugend. Die Einzigartigkeit bleibt aus. Die enge Bindung zu Barcas Farben und der Philosophie schwindet. Dabei braucht es doch nur eine sportliche Perspektive um im Camp Nou zu überleben. Fans und Mitglieder zeigen für Spieler in den eigenen Reihen eine deutlich höhere Toleranzstufe, was Debütanten und Jugendspielern mit mangelnder Form regelmäßig positiv zu spüren bekommen.

31 ist die Zahl, die den Abschluss der Analyse einleiten soll. Am 24. Juni wird der Weltbeste, Lionel Messi, 31 Jahre alt. Barca seit Jahren auf seinen Schultern tragend, stellen sich berechtigt die Fragen: Wie lange noch? Was ist der FC Barcelona ohne ihn? Fragen, die einige mit der überzogenen Kreditkarte beantworten. Andere hingegen hoffen weiterhin auf ein Wunder aus dem eigenen Nachwuchszentrum. So melodramatisch wie die Situation hier dargestellt wird und so harsch sie diskutiert wird, so ernst ist sie. Das sportliche Ende einer Koryphäe wie Messi wird den Klub härter treffen, als der eine oder andere denken mag. La Masia innerhalb des Profiteams altert – die goldene Generation schwindet. Durch die inflationäre Entwicklung auf dem Transfermarkt wird man künftig darauf angewiesen sein, die eigene Jugend zu stärken und sich auf seine Wurzeln zu besinnen. Der einstige Vorsprung ist lange aufgebraucht. Die Obrigkeit des Klubs ist zunehmend gefragt, finanzielle und persönliche Interessen hintanzustellen, um sich der Zukunft des Klubs zu widmen. Denn am Ende, so scheint es, sind auch Bartomeu und Co. nur Politiker, die daran interessiert sind, den Kommerz auszuweiten, die Ideologie im Schein zu wahren und die Brieftasche zur Sicherung des eigenen Postens weit zu öffnen.

Xavi Simons – die Hoffnung in Kinderschuhen

„Wenn du keine ausreichenden, technischen Fähigkeiten bis zum Alter von 14 hast, kannst du es vergessen ein professioneller Fußballer zu werden“
(Arsene Wenger)

Xavi – das ist ein Name, der melodisch die Erinnerungen aller Barca-Fans weckt. Einer der bekanntesten La-Masia-Zöglinge, Weltmeister, Europameister, mehrfacher Champions-League-Sieger und Ikone aller im Trikot der Blaugrana. Der Katalane ist eine Ausgeburt der Barca-Philosophie, ein kleiner Kicker, der mit Technik auf höchstem Niveau, exzellentem Passspiel und einem dritten Auge geboren schien. Auch wenn sein Ruf für ewig durch die Hallen des Camp Nou ziehen wird, ist seine spielerische Präsenz und das Phänomen in Hinblick auf Temposteuerung und Vision nicht länger Teil seines FC Barcelona. Mit Thiago ist sein Erbe in München, Iniesta auf dem Weg ihm gleichzuziehen und der Rest nicht in der Lage, seine Lücke zu füllen. Einmal mehr zeigt jenes Beispiel, welch große Bedeutung der Ausbildung eigener Leistungsträger zukommt.

Mit Xavi Simons steht ein, im Juni 15 Jahre alt werdender, Niederländer in Barcas Talentschmiede bereit. Ein Junge, der anfangs von bereits angesprochener Transfersperre betroffen war, jedoch aufgrund seines Aufwachsens in Spanien für nachträglich spielberechtigt erklärt wurde. Sein Name kommt nicht von ungefähr. Sein Vater, Regillio Simons, ehemaliger Profi und heutiger Trainer in der Ajax-Akademie „De Toekomst“ benannte seinen Sohn nach seinem fußballerischen Helden – Xavi Hernandez. Betitelt mit „Wunderkicker“ oder als „nächster Messi“ kommt dies freilich noch zu früh für den jungen Ausnahmefußballer – und auch nur aufgrund von Schlagzeilen! Dennoch ist nicht zu leugnen, dass da ein überdurchschnittliches Potenzial in La Masia heranwächst. Mit seiner aggressiven Spielweise und spürbarem Enthusiasmus reißt der Captain der U-14-Mannschaft das Spiel an sich. Regiert über die Geschwindigkeit des Spiels und glänzt mit hervorragender Technik. Der Junge mit den blonden Locken kämpft um jeden Ball und erweist schon jetzt sehr hohes Laufpensum. Eine Parallele zu seinem Idol Xavi lassen sich ohne jeden Zweifel feststellen, alleine wenn man sich seine oben genannten Fähigkeiten ansieht. Auch die Größe ist ein Äquivalent, da Simons eine sehr zierliche und kleine Statur hat, welche er allerdings durch schon jetzt sehr reife Spielweise und enorme Spielintelligenz im Verhältnis zu seinem Alter wettmacht. Weder spielt er wie Xavi als natürlicher Sechser, noch denkt er auf dem Feld wie Andres Iniesta. Kompromisse sagen, er ist eine Mischung aus Messi, Iniesta und Xavi. Zu leicht gemacht, da der junge Holländer dem Spiel seinen ganz eignen Flair verleiht. Eine Prognose über seine künftige Entwicklung sowie eine Festsetzung in der Weltspitze ist leichtes, mediales Futter, jedoch für einen Jungen seines Alters nicht angemessen.  Eins ist jedoch sicher, dass er ein Zögling der neuen Generation Z ist – Smartphone in der Hand, prachtvolle Locken, fußballerisches Ausnahmetalent bei einem der größten Klubs der Welt und schon ein „Star“ auf Instagram, mit über einer Millionen Follower.

Ideologie als Schlüssel zum Erfolg

„Es ist, als bleibe für Barcelona die Welt stehen“
(Thierry Henry)

Die meisten Klubs orientieren sich am Trainer der ersten Mannschaft oder dem Präsidenten. Diese Menschen wechseln alle paar Jahre, der Coach im schlimmsten Fall sogar nach wenigen Monaten. Personalrotation in Verbindung mit wechselnden Idealen bedeutet Unruhe, bedeutet Selbstfindung und kostet Zeit – Zeit, welche Vereine in der Moderne in der Regel nicht gewähren können oder schlichtweg nicht wollen. Der FC Barcelona steht hier für eine Ausnahme, auch wenn mit Enrique und Valverde von dieser Regel abgewichen wird. Die Philosophie diktiert den Klub, nicht umgekehrt. Die Katalanen stehen für die Sichtbarmachung ihres Spielstils und die Liebe zum Spiel, um ihren Zuschauern die Verkörperung von Freiheit und Leidenschaft auf dem Spielfeld genießbar zu machen.

Das Hauptziel war ehemals, so viele Spieler wie möglich auf höchstem Level in die erste Mannschaft zu integrieren. Deren Integration und Identifikation mit den Leitmotiven ihres Vereins schaffen eine ganz besondere Verantwortlichkeit gegenüber dem Spiel und eine starke Verbindung zu den Fans. Das war das Erfolgsgeheimnis und sollte es weiterhin sein. Ebenso wie in der Jugend, sollte sich auch die erste Mannschaft auf die Grundtugenden des vergangenen Barca-Geistes zurückbesinnen, das Scouting optimieren und der eigenen Jugend mehr Chancen für Debüts zu geben – für die sie jahrelang arbeiten! Denn wer aufgrund von Kommerz, Eigeninteressen und sportlichen Erfolgen zulasten der eigenen Identität handelt, verliert das Besondere aus zweitrangigen Motiven, die, speziell für die Menschen, welche es mit dem „wahren FC Barcelona“ halten, ein derartiges „Opfer“ nicht rechtfertigen.

 

Bildquellen: Barcawelt // Offizielle Homepage des FC Barcelona // Barcecentral // Cheer On!

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