Das deutsche Fußball-Regelwerk beschreibt Vergehen, welche der Schiedsrichter als Foulspiel bewerten muss, mit den Attributen ,,fahrlässig, rücksichtlos oder (…) unverhältnismäßig“.  Möchte man die Bedeutungen der drei Adjektive auf einen gemeinsamen Nenner bringen und würde man angesichts einer dichotomischen Herangehensweise nach einem Attribut für nicht zu ahndende Aktionen suchen, könnte man bei “berechnend“ landen. Und auch mit dem Wissen, dass diese sachdienliche Wortklauberei natürlich keinen Leitfaden für einen Schiedsrichter bilden kann, steckt doch ein kleiner Urteilsfaktor in “berechnend“. Ein Verteidiger zum Beispiel, der den Ballführenden ohne Rücksicht auf Verluste zu Boden tackelt, wird wohl härter bestraft als ein solcher, der den Verteidiger ebenso hart, aber kontrollierter zu Fall bringt. Diese gegenüberstellende Grundlage könnte man nun auf alle möglichen Situationen anwenden.
Augustin Rogel, der am heutigen Tage seinen 20. Geburtstag feiert, vertritt absolut überwiegend die vorteilhaftere Seite der Tackling-Herangehensweise-Medaille. Die Abweichung zwischen der Tacklings-Planung des Uruguayers und der            -Ausführung ist extrem gering – und  das macht ihn zu einem der potentialstärksten Innenverteidiger-Talente, die es derzeit gibt.

Durch Griezmanns Karrierestarter

Augustin Rogel, vor exakt 20 Jahren in der uruguayischen Hauptstadt Montevideo das Licht der Welt erblickend, begann seine Fußballlaufbahn beim kleinen montevideischen Namensvetter des mexikanischen Großclubs América. Der dortigen Mannschaft entwuchs er aber schnell und steigerte sich stringent durch die Schritte zu den guten Jugendabteilungen von Deportivo Oriental und später Club Rincón de Carrasco, ein Verein, der einigen begabten Spielern als Sprungbrett zum großen Club Nacional dient. So auch Rogel, der im Februar dieses Jahres den altersgemäßen Sprung aus der U19 in die erste Mannschaft schaffte und seither mit eindrucksvollen Leistungen aufmerken lässt. In seinen zwölf Spielen, in welchen er ausnahmslos als Innenverteidiger eingesetzt wurde, konnte er sogar schon zwei Mal ein Tor erzielen und zählt seit August – also seit der entscheidenden Clausura-Phase in Uruguay – zum absoluten Stammpersonal. Parallel brachte er es seit Oktober 2016 auf 18 Einsätze und ein Tor in Uruguays U20-Nationalmannschaft. Der Trainer, der ihm bei Nacional aktuell Vertrauen schenkt, ist Martin Lasarte, der übrigens während seiner Zeit bei Real Sociedad den Franzosen Antoine Griezmann über eine Zeitspanne von 74 Einsätzen hinweg bei dessen Karriereanfang begleitete.

Rogel, El Trampero

Was bedingt die einleitende Behauptung, dass Rogel eines der potentialstärksten Innenverteidiger-Talente aktuell wäre? Zweifel sind angebracht, schließlich spielt der heutige Jubilar nicht in Europa sondern nur in Südamerika auf höchster Ebene und kann bisher auch nur eine dünne Anzahl von zwölf Senioren-Spielen aufweisen. Letzten Endes ist aber auch genau das ein Grund für die Formulierung der Prognose, denn es dient als Beweis für Rogels hohe Druckresistenz und seine große Selbstkontrolle, auf die später noch detailliert eingegangen wird. Der junge Abwehrspieler brauchte nur wenig Zeit und vor allem nur wenige Spiele, um sich im Männerfußball zu etablieren und beim augenblicklich Tabellensechsten Nacional eine tragende Rolle zu spielen.
Ersichtliche Voraussetzung für diese Entwicklung ist zuallererst einmal Rogels Statur. Seine 1,90 Meter sind für einen Innenverteidiger zwar nicht riesig, aber durchaus groß, und seine bei WyScout aufgeführten 83 Kilogramm Gewicht verhältnismäßig wenig. Doch Rogels Körperbau verteilt diese Maße, sicherlich auch durch diszipliniertes Training, optimal. Rogel hat die Statur eines Zehnkämpfers, er ist schlank, aber sehr breitschultrig, hat ein harmonisches proportionales Verhältnis von Unter- zu Oberkörper. Dies erleichtert auch saubere koordinative Abläufe immens, die für Rogels Spielstil von großer Bedeutung sind. Rogel ist ein Trampero, ein Fallensteller, der sich auf dem Platz durch sehr ausgeklügeltes Verhalten Vorteile schafft. Wenn man als Verteidiger in die Situation kommt, einen Spieler stellen zu müssen bzw. die Wahl hat, einen Spieler zu stellen oder den Raum zu sichern, dann begibt man sich auf sehr risikoreiches Terrain und hofft auch darauf, dass der Ballführende eine eindeutige Aktion vollzieht, und einem die Entscheidung abnimmt. Legt sich dieser den Ball beispielsweise zu weit vor, erzwingt er ein Tackling, zieht er nach Innen, erzwingt er ein Tackling, zieht er nach Außen, erzwingt er das Verschieben des zu sichernden Raumes etc. Bleibt der Stürmer undurchschaubar, so gerät der Verteidiger z.b. angesichts von nachrückenden Angreifern oder fehlenden fallenden Mitspielern in Handlungsnot und nimmt seinerseits dem Stürmer die Entscheidung ab, indem er versucht, ihn zu stellen usw.
Rogel hat hier – ob bewusst oder unbewusst – eine sehr schlaue Methode entwickelt, die er immer anwendet, wenn ihm die Situation genügend Freiheiten bietet. Sehr als Paradebeispiel geeignet ist eine Szene aus dem Ligaspiel gegen Danubio: Ein gegnerischer Angreifer zieht nah am Strafraum á la Robben von der rechten Seite ins Zentrum, Rogel ist als rechter Innenverteidiger ballfern positioniert, hat außer seinem Nebenmann noch einen Sechser und den hastig einrückenden linken Verteidiger vor sich. Trotzdem ist es Rogel, der das Geschehen bestimmt: Durch zwei schnelle, kleine Schritte nach Vorne täuscht er einen Stell-Versuch an, der in dieser Situation völlig unangebracht und wahrscheinlich fatal gewesen wäre. Dementsprechend reagiert der Ballführende und setzt zum Chipball in den aufgerissenen Raum hinter Rogel an, Danubios Stürmer wartet eifrig darauf, diesen zu besetzen und aus kürzester Distanz abzuschließen. Doch Rogel hatte das Herausrücken nur angetäuscht, er lässt sich sofort wieder in die vorherige Ordnung fallen und kann den Chipball beinahe unbedrängt aus der Gefahrenzone köpfen, nebenbei lässt er den Vorlagen-Versuch von Danubios ehemaligen Ballführenden wie eine schlechte Flanke aus dem Halbraum aussehen. Und so nutzt der 20-Jährige defensiv jede Gelegenheit, die sich ihm bietet, um seinem Gegenspieler eine Falle zu stellen. Oft geschieht das auch, wenn ein Stürmer, der mit dem Rücken zu ihm steht, einen Pass empfängt, Rogel aber zu weit entfernt steht, um antizipieren zu können. Trotzdem deutet er das an, der Stürmer bekommt das peripher mit und startet scheinbar folgerichtig einen Versuch, sich um Rogel herumzudrehen – welcher aber nie vorhatte, den Armlängen-Abstand zu verlassen und den Stürmer nun in sich hinein laufen lässt. Es bleibt festzuhalten: Augustin Rogel ist ein sehr gewiefter Spieler, der individualtaktische Abläufe hervorragend kennt und dies nutzt. Auch seine koordinativen Fähigkeiten sind für die Fintier-Fallen von nicht zu unterschätzender Bedeutung, ginge er ja doch ein großes Risiko ein, wenn er nicht unter höchstem Tempo und centimetergenau die Richtung wechseln könnte.

Trotz kleiner Makel bald in Europa

Beim Spiel mit dem Ball zeigt sich Rogel zunächst sehr gelassen, man merkt deutlich, dass er versucht, im Aufbau gute Entscheidungen zu treffen und profitable Bälle zu spielen. Auffallend ist jedoch, dass seine Pässe oftmals zu scharf gespielt werden, etwa, wenn er einen zu klatschenden Ball auf einen herannahenden Sechser spielt, um die gegnerische Mannschaft ein wenig in die Vertikale zu ziehen. Es sei eine Vermutung gewagt: Rogel ist generell mit den Gedanken immer schon ein wenig Voraus bzw. zu schnell, und leidet deshalb unter diesen technischen Unsauberkeiten. Sein Defensivverhalten würde diese vorrausschauende Art bekräftigen, seine gute Koordination, die auch in seinen perfekt getimten, präzisen Offensivkopfbällen sichtbar ist, spricht auch gegen eine fehlende technische Fertigkeit.
Abschließend bleibt noch zu erwähnen, dass Rogel in der Defensive zwar wirklich clever, fast schon perfide, zu Werke geht, in seinen Tacklings selbst aber bisweilen zu endgültig ist, sich also keine Optionen offen hält, sondern in erster Linie Varianten wählt, in denen er den Ball ins Aus oder weit nach vorne klärt oder in seiner ganzen Wucht in einer zuvor berechneten Aktion am Ende die Kontrolle verliert. Dies ist aber ein Merkmal, das verschwinden wird, wenn Rogel an Erfahrung gewinnt und vor allem mit einem spielstärkeren zentralen Mittelfeld ausgestattet ist.

Der letzte Satz der Spielerbetrachtung impliziert es bereits: So lange wird es Rogel nicht mehr in Uruguay halten. Er ist ein Innenverteidiger par excellence: Zweikampfstark und -schlau, koordinativ makellos, überlegt in der Spielereröffnung und gefährlich bei Standards. Spätestens in der Wechselperiode Sommer 2018 wird man ihn wohl in Europa sehen dürfen.

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