Dieser Artikel betrachtet einen grundlegenden Faktor bei Spielerbewertungen – angesichts des Fußballs als Sport und des Menschen als emotionales Lebewesen hat er den Begriff Ästhetik auserkoren, um diesem Faktor einen Namen zu geben. Der Autor ist der Meinung, dass dieser Begriff letztendlich am Besten passt, möchte aber auf zwei Sachen noch ausdrücklich hinweisen:
1. Es wird nicht beansprucht, “Ästhetik“ in einem wissenschaftlich-philosophischen Sinn korrekt zu verwenden.
2. Die beiden unten erläuterten Modelle dienen der Veranschaulichung, in welcher Weise der “Ästhetik-Faktor“ Spielerbewertungen  vielschichtig beeinflussen kann. Dass die beiden Transfers natürlich aus etlichen anderen Perspektiven weniger abstrakt und offensichtlicher beleuchtet werden können, ist klar – soll aber hier nicht vorgenommen werden. Dies heißt aber nicht, dass diesen Perspektiven weniger Bedeutung zugemessen werden würde.



Pressekonferenz im südtirolerischen Trentino im Sommer 2013, Pep Guardiola fordert: ,,Thiago oder nix!“

Manchester im Sommer 2016, Paul Pogba wird zum teuersten Fußballer der Geschichte, um unter Jose Mourinho Fußball zu spielen

Die Transfers von Thiago Alcantara und Paul Pogba sind in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Beim Einen war es die ganze mutmaßende Vorgeschichte, als Anhänger des Rekordmeisters um die Identität ihres Mia-san-Mia-Vereines bangten, befürchteten, da würde irgendein Dahergelaufener den FC Bayern hispanisieren, entfremden. Und der brachte die so Denkenden mit seiner totalitaristischen Forderung erst einmal noch mehr gegen sich auf, zudem stellte sich einigen die Frage: Kann denn dieser Thiago wirklich so unersetzbar sein?
Beim Anderen holte Manchester United, zuletzt geplagt vom Nichterreichen der eigenen Ansprüche und der scheinbar fruchtlosen Investition von viel Geld, für 105 Millionen Euro einen Spieler, den man noch vor einer überschaubaren Zeit vom Hof geschasst hatte. Das Erreichen dieser neuen Zwischendimension der Transfersummen in diesem Kontext warf ebenso eine Frage unweigerlich auf: Ist dieser Paul Pogba wirklich so gut?

Die Bedeutung des Thiago- und des Pogba-Transfers

Beide Spieler – Thiago wie Pogba – begleitet eine gewisse ästhetische Konnotation. Beides sind Mittelfeldspieler, noch dazu zentrale. Publikumswirksam gesprochen zaubern beide im Kreativzentrum der Mannschaft und des Spiels, und auch trotz dieser verklärenden und angesichts der dem Fußball aus Wettkampfsicht inhärenten Effektivität ziemlich realitätsfernen Begrifflichkeiten ist die Rolle der Ästhetik und der Unterhaltung bei diesen Transfers kaum wegzuleugnen. Dabei wohnt die Unterhaltung, – die an dieser Stelle auf jeden Fall hauptsächlich dem Pogba-Deal zuzuschreiben ist – ja der Ästhetik inne. Diese ist es ja, die auf dem Fußballplatz Elemente generiert, welche Unterhaltung versprechen: aesthetic sells. Beim Thiago-Deal gilt dieses Versprechen auch, allerdings nicht primär im Bereich der Unterhaltung. Hier ist die Nähe zum eigentlichen Sport viel mehr gegeben, Guardiola, den der Philosoph Wolfram Eilenberger einmal als Ästhet bezeichnet hat, bestand deshalb so sehr auf die Verpflichtung von Thiago, weil er den Spanier eben auch aus ästhetischen Gründen für die Etablierung seiner Spielidee beim FC Bayern München benötigte.

Zack Goldman, Gründer des Projekts whereisfootball.com, twitterte angesichts der Tatsache, dass der für mindestens 120 Millionen Euro zum FC Barcelona gewechselte Coutinho vor einigen Jahren noch bei Inter Mailand auf der Bank saß, ein Gedankenspiel über das Hätte-wäre-wenn von Fußballkarrieren:

Crazier to think about the number of superstars the game has missed out on because of:
-terrible scouting
-clear biases from Football Men (…)
-blatant prejudice in recruitment
-financial pressures that force kids out of the game or leave them unable to pursue it at a top level.

Diesen Gedanken wäre angesichts der obigen Überlegungen noch eine weiterer – beziehungsweise ein grundsätzlicherer – Grund anzufügen, der ebenso für das Scheitern oder das Verpassen von den ganz großen Karrieren gesehen werden sollte: Das sozusagen unschöne, unharmonische, unästhetische Auftreten mancher Fußballer, welches ja nicht weniger effektiv sein muss.

Wie passt Ästhetik überhaupt zum Fußball?

Ästhetik ist, so der Künstler Eugène Véron, die ,,Wissenschaft vom Schönen“ , die, so Véron weiter, ,, (…) uns zunächst einmal misstrauisch macht, wie alles, was im Gewand der Metaphysik daherkommt.“ Mit dem Gewand der Metaphysik meint er die Abstraktheit des Schönen, aber will man einen Bogen zum Fußball schlagen, so bringt einem am ehesten die Etymologie anschaulichere Anhaltspunkte: Ästhetik kommt vom altgriechischen aísthēsis und bedeutet „Wahrnehmung“ oder „Empfindung“. Und hier lässt sich wiederum anhand der beiden anfänglichen Beispiele wunderbar zeigen, inwiefern Ästhetik und Fußball aus Scouting- bzw. weiterführend aus Transfer-Sicht zusammenhängen.

Modell 1: Ästhetik zum Zweck des taktischen Stils anhand des Beispiels Pep Guardiola – Thiago:

Dieses Modell ist um einiges komplexer und wahrscheinlich auch weniger nachvollziehbar als das andere. Ausgegangen werden muss davon, dass Fußballtaktik in ihrer planvollen Ganzheit einerseits und ihrer zeitlichen Aufdröselung zu individualtaktischen Fragmenten andererseits nicht nur zweckvoll, sondern auch schön ist. Wie das? Als planvolles Ganzes verfolgt Taktik immer ein Ziel, ist hier also in erster Linie zweckvoll. Ein gegnerischer Plan wird vermutet und soll umgangen werden, ein auf die eigenen Spieler ausgerichteter Plan soll auf den Platz und zum Erfolg gebracht werden. Kommt es dann zum Spiel, stellt sich heraus, inwiefern die Theorie auf die Praxis übertragbar ist, was angeglichen oder verändert werden muss, was klappt und was scheitert. Für uns zählt hier in erster Linie der Erfolgsfall. Im altgriechischen Sinn wäre hier die Erleichterung und die Selbstbestätigung zu nennen, die man im Erfolgsfall verspürt, das Triumphgefühl. Und im Sinne einer sinnlich wahrnehmbaren Ästhetik ist es die Kollektivität, die Fluidität und die Bestimmtheit, die der Trainer sieht, wenn ein taktischer Plan auf dem Platz aufgeht. Zum Beispiel wenn nach einem Pressingsignal Spieler um Spieler zum selben Zweck handelt, der eine angreift, der Rest systematisch nachrückt. Im sehr zu empfehlenden Doppelinterview mit Volker Finke und dem Philosophen Gunter Gebauer (http://philomag.de/was-macht-fussball-schoen/) wird das konkretisiert, Gebauer bezieht sich auf die kant’sche Ästhetik: ,,(D)iese Freude, die spontan aufspringt, das meine ich mit interesselosem Wohlgefallen, und es entsteht aus der koordinierten Interaktion von zehn Feldspielern. Das ist unglaublich attraktiv.“ So verbindet sich sogar altgriechische und sinnliche Ästhetik-Ebene.
Die weiterführend noch genannten individualtaktischen Fragmente spielen hier auch eine große Rolle, sollen aber erst beim zweiten Modell genauer unter die Lupe genommen werden.
Kann es nun wirklich sein, dass ein Trainer, ein Scout, ein Manager Transfers oder Spielerentscheidungen aufgrund von diesen Zusammenhängen trifft? Ja. Natürlich wird ein Trainer zuvorderst daran denken, welcher Spieler ihm bei einem gewissen Vorhaben objektiv am ehesten weiterhilft, er wird sich Videos anschauen, auch Statistiken, er wird sich beraten lassen. Aber letztendlich entscheidet er sich wohl für den Spieler, bei dem er das beste Gefühl hat. So der Psychoanalytiker Prof. Dr. Wilfried Datler: ,,Doch nehmen unsere Gefühle auch Einfluss auf unser Wahrnehmen und Denken. Das bedeutet, dass es von unseren Gefühlen mit abhängt, wie wir bestimmte Gegebenheiten interpretieren, woran wir uns erinnern, was wir erwarten oder befürchten und welche bewussten und unbewussten Entscheidungen wir in Hinblick auf unser Verhalten treffen.“ In diesem Sinne gibt es schwerlich überhaupt rein rationale Entscheidungen, gerade wenn es aber, wie hier, um Menschen und zwischenmenschliche Beziehungen geht, ist das fast ausgeschlossen.
Bei einem Scout, dessen Arbeitsplatz in erster Instanz der Spielfeldrand oder die Tribüne ist, wird es angesichts der emotionalen Atmosphäre in verschiedenen Situationen, in denen Meinungsbildung beim Scout stattfindet, ebenso einen großen ästhetischen Einfluss geben. Freilich sitzt auch der gewissenhafte Scout im Büro, wertet aus, schaut Videos und Statistiken, aber ein gewisser Einfluss ist nicht wegzudenken. Der Manager, der kategorisch gedacht ja wohl noch am weitesten weg ist vom Rasen und von der Praxis, wird letztendlich eher weniger beeinflussbar von solchen Dingen sein, bei ihm spielt allerdings dann der der Ästhetik entspringende Unterhaltungswert eine größere Rolle – mehr dazu im folgenden Modell.
Eine interessante Randnotiz findet sich noch beispielsbezogen bei Pep Guardiola: Guillem Balague, einer seiner Biographen, stellte an einigen Punkten explizit heraus, inwiefern der Trainer Pep Guardiola Beziehung und Emotion in seine fachliche Arbeit miteinbezieht. Guardiola, so heißt es, würde seine Spieler lieben bzw. er möchte und muss sie auch lieben, wenn er gemeinsam und erfolgreich mit ihnen arbeiten wolle. Allerdings würde das nur funktionieren, wenn die Spieler auch Pep lieben würden. Bei Samuel Eto’o hätte er diese Gegenliebe nie gespürt, letztendlich wurde der Kameruner auch aus diesen Gründen nicht mehr in großem Maße berücksichtigt.
Und so kam es einige Zeit später, dass Guardiola in Südtirol forderte: ,,Thiago oder nix!“ Kann dieser Thiago denn wirklich so unersetzbar sein? Objektiv betrachtet wahrscheinlich nicht, aber situationsbezogen: Ja, definitiv, denn nur durch ihn konnte Guardiola letztendlich mit Wohlbehagen in das Trainingsgeschäft beim FC Bayern einsteigen, durch ihn ergänzten sich bei Guardiola taktische Vorstellungen zu einem harmonischen Plan, der durch Trainings- und Spielbetrieb peu à peu umgesetzt und modifiziert wurde.

Modell 2: Ästhetik zum Zweck der Unterhaltung/des Schönen per se am Beispiel Pogba-Mourinho:

Hier ist erst einmal von der Sicht des Zuschauers, der im Stadion sitzt, auszugehen. Und wie angekündigt steht dann hier sinnvollerweise nicht ein taktischer Plan im Ganzen oder mannschafts-/gruppentaktische Elemente im Vordergrund, sondern das individualtaktische Geschehen. Anschaulich sind die obigen Videos: Thiagos Ballverlagerung im Dribbling ist erst einmal tatsächlich eher zweckmäßig, um sich mehr Platz zu verschaffen, auffälliger ist dann der hohe Ball zu Moreno, der eigentlich gar nicht so überragend gut ist, aber trotzdem für Raunen im Publikum sorgt. Bei Pogba ist es zwar unfassbar beeindruckend, wie er sich von drei Gegenspielern löst, aber auch das ist eigentlich rein zweckmäßig, um aus der Bredouille zu kommen. Weniger auffällig, aber mindestens genauso schön ist dann der Pass in die vorderste Linie, der unglaublich fließend und ansatzlos erfolgt.
Zur grundsätzlichen Eingliederung von Ästhetik zu den beiden Situationen von Thiago und Pogba lässt sich der Philosoph Franz von Kutschera heranziehen:
,,Wir stehen nicht wie im Alltag einer ebenso gewohnten wie vieldeutig-ungreifbaren Welt gegenüber, sondern sehen unsere Aufmerksamkeit auf ganz bestimmte Vorgänge gerichtet, die durch ihre Auswahl und Aufeinanderfolge, durch Beleuchtung und Spiegelung auf bedeutsam-sinnvolle Weise sich zusammenfügen und eine eigene Einheit gewinnen.“ Diese Aussage tätigte von Kutschera zwar in Bezug auf die Form eines Gedichtes, doch sie lässt sich wunderbar auf eine isolierte Aktion eines Fußballspiels beziehen. Konkreter wäre da bei Thiago erst die rhythmische Verlagerung des Balls während des Dribbelns vom einen auf den anderen Fuß und wieder zurück, mit welcher er einen Gegenspieler aus dem Spiel nimmt, und bei Pogba das verlangsamende Abschirmen des Balles und dann das explosive Lösen, hinter dem Standbein vorbei, durch die Beine des Gegners. ,,Sport“, so der Sportpädagoge Meinhart Volkamer, ,,besteht in der Schaffung von willkürlichen Hindernissen, Problemen und Konflikten, die vorwiegend mit körperlichen Mitteln gelöst werden.“ Und sowohl Thiago, als auch Pogba, sind in diesen Situationen sehr explizit an so ein Hindernis geraten und beide lösen sich äußerst elegant aus dieser Situation. Jörg Biertz und Ralf Laging von der Uni Marburg schlussfolgern im Kontext der Volkamer-Definition: ,,Da sportliche Bewegungen um ihrer selbst willen ausgeführt werden, kann Sport als musisch-ästhetisches Fach angesehen und analysiert werden.“ Doch die Situation ist ja noch nicht zu Ende: Thiagos Ball auf Moreno und Pogbas Ball auf Lingard kennzeichnen beide vor allem die Ansatzlosigkeit, die in dieser Form auftretende Überraschung, die unangekündigte und mühelose Ausführung, die sich mit der eindrucksvollen Gestalt der Pässe selbst kontrastiert. Hier geht es weniger um das Überwinden von Hindernissen oder um eine rhythmische Gestalt, sondern mehr um die Zelebration und Zur-Schau-Stellung von Können.
Beide Arten der in diesem Kontext auftretenden bzw. angeglichenen Ästhetik – das “schöne“ Überwinden von Hindernissen und der Kontrast von offensichtlicher Mühelosigkeit und beeindruckendem Ergebnis – haben gleichermaßen Einfluss auf den Unterhaltungswert eines Fußballspiels. Also: Ist dieser Paul Pogba wirklich so gut, dass das einen neuen Transferrekord rechtfertigt? Pogba ist mit Sicherheit ein Ausnahmekönner, aber letztendlich nicht so gut, sondern so schön in seinem Tun. Die Verpflichtung von Pogba als Marke wurde andernorts schon hinreichend diskutiert, doch grundlegender ist die Verpflichtung von Paul Pogba als Ästheten, der bei einem Verein wie Manchester United, der immer noch zu einem der Größten der Welt gehört, durch seine besonderen Momente für Aufbruchsstimmung und damit auch Erfolg sorgen soll.

Schlussgedanken

Durch die beiden Beispiele Thiago und Pogba konnte gezeigt werden, dass Ästhetik im Fußball wohl eine grundlegendere und vielschichtig bedeutsamere Rolle hat, als man vielleicht angenommen hatte. Es ist – im Sinne von Zack Goldman – wirklich crazy, wenn man daran denkt, wie viele Spielerentscheidungen aufgrund dieses Faktors schon maßgeblich beeinflusst wurden.
Aber um den Zweck der Überlegungen bis hierhin nicht falsch zu deuten, ist es wichtig, dass hervorgehoben wird, dass der ästhetische Faktor beim Fußball nichts Schlechtes ist, sondern unverzichtbar. Durch ihn besitzt der Fußball die Faszination, die diesen Sport zum größten der Welt macht, er generiert Emotion, die nicht nur neben, sondern auch auf dem Platz konstitutiv ist.
Es soll vielmehr der Fokus auf Entscheidungen gelegt werden, die die Bewertung von Spielern betreffen – sei es bei der Mannschaftsaufstellung, beim Scouting, bei der Gegneranalyse, bei Vertragsverhandlungen, beim Schimpfen auf der Tribüne, ja bei unserer Arbeit hier bei Talentkritiker. Allerdings soll die Schlussfolgerung nicht lauten, dass alles Ästhetische ausgeblendet werden solle, was ja auch im Sinne des Fußballs und der menschlichen Psyche gar nicht geht. Vielmehr sollen die Überlegungen dazu führen, dass man sich in selbstreflektiven Art und Weise an Spielerbewertungen wagt, und dann aber nicht Entscheidungen gegen scheinbar ästhetischere Spieler zu treffen (die ja, wie oben erläutert, durch ihre Ästhetik einen realen Einfluss haben), sondern sich die Faktoren, die zur Entscheidung geführt haben, bewusst macht und abwägen kann. Das führt zu einer größeren Deutungsmacht und Handlungskompetenz der Entscheidungsträger und wegen des hierdurch entstehenden größeren Handlungsspielraums zudem dazu, dass vielleicht weniger “unästhetische“ Spieler, die unter dem Strich nicht weniger effektiv wären, durch das Raster fallen.

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