Der Abgang des Toptorjägers Guido Burgstaller wog beim 1.FC Nürnberg schwer, doch die Franken haben nicht allzu lange gebraucht, um wieder ein torgefährliches Talent aus dem Hut zu zaubern. Abdelhamid Sabiri heißt der Mann, der den österreichischen Neu-Schalker vergessen machen soll und sich in die Reihe der Torjäger, die beim Club den Durchbruch geschafft haben, einreihen möchte. Doch eines unterscheidet ihn grundlegend von Kießling, Cacau, Drimc, Ginczek und Co: Er ist gar kein Stürmer…

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Eigentlich muss man zu Sabiris Spielstil und Position gar nicht viel sagen, es reicht aus zu erwähnen wo er seine Wurzeln hat. Die 1,86m große Neuentdeckung wurde nämlich am 28.11.1996 in Marokko geboren, dem Ursprungsland einer Phalanx offensiver Kreativkräfte. Belhanda, Bousouffa, Boufal, Amrabat, Dirar und Ziyech, man möchte gar nicht aufhören Namen aufzuzählen, die in diese Reihe passen. Und vielleicht kommt in naher Zukunft noch ein weiterer hinzu, sollte Sabiri seine Karriereleiter auch weiter mit solch großen Sprüngen erklimmen, wie bisher. In der U19 von Koblenz und Darmstadt ausgebildet, wechselte er 2015 zu den Sportfreunden Siegen in die Oberliga Westfalen. Doch er verweilte nicht lange in der fünfthöchsten deutschen Spielklasse. Mit 30 Scorer-Punkten schoss er Siegen in die Regionalliga, wechselte allerdings darauffolgend in den Süden, zur zweiten Mannschaft des 1.FC Nürnberg, wohl aufgrund der besseren Perspektive. Zum FCN gelockt hatte ihn damals Scout Dieter Nüssing in Kooperation mit der momentanen Interimslösung in der ersten fränkischen Garde, Michael Köllner. Und auch dort überzeugte Sabiri schnell: 12 Tore und 6 Torvorlagen in 21 Einsätzen machten ihn mannschaftsintern zum zweitbesten Scorer und ließen ihn zur richtigen Zeit in den Fokus rücken. Denn bei den Profis verschärften sich die Probleme in der Offensive, allen voran durch den Wechsel von Guido Burgstaller zu Schalke 04, aber auch durch etliche Verletzungen und das Fehlen von Edgar Salli, aufgrund des Afrika-Cups. So kommt es, dass Sabiri nicht nur das Trainingslager in Alicante während der Winterpause mit bestreitet, sondern in der Rückrunde auch zu seinen ersten Einsätzen kommt. Prompt trifft er drei Mal in den ersten drei Spielen. Perfektes Timing, für ihn und für den Verein. Zumindest bis zu seiner Verletzung…

Fränkischer Zidane

Die Euphorie in Nürnberg kann schnell angefacht werden und auch schnell wieder erlöschen. Im Falle Sabiris gab es eine Stichflamme des Enthusiasmus in Mittelfranken. Wer nicht gerade im Scouting-Bereich arbeitet oder Fan der zweiten Nürnberger Mannschaft ist, der war wohl ebenso überrascht über das neue Gesicht auf dem Rasen, wie auch über seine Fähigkeiten. Eine beim FCN lange vermisste Mischung aus Eleganz und Torgefahr schien sich Anfang der Rückrunde auszubreiten, ausgehend vor allem vom Protagonisten dieser Talentkritik, Abdelhamid Sabiri. Dass der große Zinedine Zidane sein Vorbild ist, wird schnell ersichtlich, wenn man ihn spielen sieht. Technisch sehr stark, enge Ballführung und unheimlich torgefährlich. Das merkt auch sein früherer U21-Trainer und jetziger Coach bei den Profis Michael Köllner gerne an. Besonders bemerkenswert, ist seine Beidfüßigkeit, was ihn noch unberechenbarer macht. Meist hat er vor der Ballannahme bereits eine gute Idee zur Weiterverarbeitung und dementsprechend elegant wirkt auch seine Spielweise. Da kommt ganz der Zidane in dem jungen Marokkaner zum Vorschein. Auch deshalb würde der kreative Spielgestalter lieber auf der 10 spielen, doch in seinen fünf Profi-Einsätzen, kam er stets über die linke Außenbahn. Dass er das allerdings auch beherrscht konnte er bereits unter Beweis stellen.

Doch der schnelle, scheinbar reibungslose Sprung von der vierten in die zweite Liga, lässt auch sofort seine Defizite zum Vorschein treten. „Die letzte taktische Reife“ würde Spielern aus der zweiten Mannschaft noch fehlen, so Köllner. Dass der Mittelfeldspieler laut des neuen Cheftrainers auch immer wieder in einem Spiel abtauche, ist wohl eher dem Alter und der fehlenden Erfahrung geschuldet. Aber auch Sabiri selbst merkt deutliche Unterschiede zur Regionalliga. Der Ton ist rauer, Tempo und Intensität deutlich höher. Auch deshalb muss er körperlich noch deutlich robuster und stabiler werden, um seine Schwächen in der Arbeit gegen den Ball auszugleichen und auf Dauer dem deutlich körperbetonteren Fußball auf Profi-Ebene standzuhalten.

Achterbahnfahrt der Stammplatzperspektive

Der schnelle Aufstieg des Abdelhamid Sabiri mag zwar ein Hoffnungsschimmer am tiefschwarzen „Club-Himmel“ sein, die Talfahrt stoppen konnte der Marokkaner im Alleingang aber natürlich auch nicht. So durfte sich Trainer Alois Schwartz bereits von der Mannschaft verabschieden. Ein neuer Trainer ist meist gleichbedeutend mit einem Reset der Einsatzchancen. Glück für Sabiri, die vorläufige Lösung des 1.FC Nürnberg auf dem Trainerstuhl ist der bereits genannte Michael Köllner und dieser soll, auch um die Finanzen zu schonen, am besten langfristig übernehmen. Damit ist der junge Spielmacher keine Unbekannte für den Trainer und trainiert dabei auch noch unter seinem Förderer. Eigentlich gute Voraussetzungen für einen Stammplatz, zumal ja in der Nürnberger Offensive immer noch akute Personalnot herrscht. Wäre da nicht die Verletzung am Meniskus, die ihn wohl den Rest der Saison wortwörtlich in die Knie zwingt. So muss sich Nürnbergs neues Ass im Ärmel dann wohl zur neuen Saison mit der ebenso wieder genesenen Konkurrenz messen und die wird dann deutlich größer sein, als zu Beginn der Rückrunde. Im zentralen Mittelfeld stehen Sabiris Chancen ohnehin eher schlecht, da Möhwald offensiv gesetzt ist und hinter ihm Behrens, Petrak und ein vielleicht bald wieder einsetzbarer Erras die Startelfplätze blockieren. Die Konkurrenz auf der Außenbahn wird sich im Sommer auch formieren, schließlich kehren dann Langzeitverletzte wie Shawn Parker oder Tim Leibold zurück in den Kader. Zudem bleibt abzuwarten, ob die gute Durchlässigkeit zwischen den Mannschaften beim FCN und die chronische finanzielle Not nicht noch das ein oder andere Talent emporkommen lassen.

Zu Beginn immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort, erfährt Sabiris steile Karriere jetzt ein erstes Tal. Hoffen wir in seinem Sinne, im Sinne des 1.FC Nürnberg und im Sinne aller Fußballfans, dass er auch zur neuen Saison seine Leistung nach der verletzungsbedingten Pause wieder abrufen kann. Und wer weiß schon, ob die momentane Situation beim Club nicht sowieso schädlich für seine Entwicklung gewesen wäre. Tabellarisch ungünstig liegend, fehlt Nürnberg immer öfter der Zugriff auf das Spiel. Keine optimalen Bedingungen für das Aufblühen eines offensiven Jungspundes. Das mussten zuletzt leidlich Timo Werner und der VfB Stuttgart am eigenen Leib erfahren. Eins ist jedoch sicher, sollte Abdelhamid Sabiri im Sommer an seine bisherigen Leistungen anknüpfen, ist er auch im neuen Spieljahr ein Kandidat für die Startaufstellung und ein Mann für besondere Momente.

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