Russland. Land der Oktoberrevolution und des Zarentums. Der flächenmäßig größte Staat der Erde hat über die Jahrhunderte Politik und Kunst geprägt – Lenin, Stalin, Trotzky, Dostoevsky und Gorbatschow sind hier als die Größen zu nennen. Seit jeher ist Russland auch Projektionsfläche für Legendenbildung und verklärte Ängste: Sei es, der für viele noch immer als Schreckensgespenst geltende Kommunismus, oder die Sexualpraktiken des Hofgelehrten Rasputin – kaum ein Land hat es vermocht, die Imagination der Menschen derart zu prägen wie Russland. Dabei gilt der „russische Bär“ als Nationalallegorie: Aufgrund seiner Fläche und politischen Bedeutung ist Russland immer wieder als „Bär“ bezeichnet worden und führt dieses Bild mittlerweile auch selbst. Obgleich es heute vor allem durch die harte Hand Vlads, oder Korruptionsskandale, die nicht zuletzt auch vor der FIFA WM-Vergabe halt machen, auffällt, kann man auch nicht verschweigen, dass das asiatische Land – wohl nicht zuletzt aufgrund seiner Finanzkraft – auch ein beliebtes Ziel für deutsch-stämmige Fußballer darstellt(e): Serdar Tasci, Malik Fatih, oder Kevin Kuranyi. Hinzu kommen brasilianische Ballkünstler wie Vagner Love, oder Hulk. Zwar ist es dort schweinekalt, doch Russland zieht. Am heutigen Tag findet ein Fußballspiel statt, dass die Gemüter in Russland ähnlich erhitzt wie Proteste von Pussy Riot: Das Große Moskauer Derby zwischen ZSKA und Spartak. Wir bringen euch kurz den geschichtlichen Hintergrund näher, bevor wir uns auf die größten Talente der Partie stürzen.

Ein Hauch von James Bond – ZSKA, Spartak und Dynamo zwischen Fußball und Politik

Das große Moskauer Derby gilt nicht nur als Derby zwischen zwei Vereinen. Nein, es sind sogar im engen Sinne drei Klubs involviert: Da die Fangruppierungen von ZSKA und Dynamo Moskau eine enge Verbundenheit umgibt, sind in der fußballerischen Dreiecksbeziehung der Moskauer Klublandschaft stetig hochkochende Emotionen von drei Seiten zu erwarten. Über lange Strecken des 20. Jahrhunderts galten die Partien zwischen Dynamo und Spartak als vorherrschendes Derby in der russischen Hauptstadt. Seit der Jahrtausendwende hat sich nicht zuletzt aufgrund der sportlichen Erfolge die Rivalität zwischen ZSKA und Spartak verstärkt in den Vordergrund gespielt – aber wie gesagt, Dynamo ist ja schließlich immer noch irgendwie involviert.

Die enge Verbundenheit zwischen ZSKA und Dynamo lässt sich vor allem auch dadurch erklären, dass beide Klubs als politische Vessel gegründet wurden. ZSKA als Armeesportverein des Verteidigunsministeriums, Dynamo geführt vom Innenministerium rund um den Geheimdienst KGB – eine Partie gegen den “Oppositionsverein” Spartak, bis heute noch beliebtester Klub in Russland, bedeutete also immer auch ein Politikum. Von Nikolai Starostin, einem bis heute verehrten Spieler und Funktionär, und seinen drei Brüdern gegründet, erlangte Spartak, welches nach verschiedenen Versionen wohl entweder nach der legendären Revolte des Sklaven Spartacus, oder der politischen Organisation des Spartakusbundes benannt worden ist, vor allem dadurch Beliebtheit, dass es politisch unabhängig bleiben und damit Unmut bei den totalitären Herrschern auslösen sollte. Spartak konnte zwar von Machthaber Stalin durch Gefangennahme der Starostin Brüder zeitweise unterdrückt werden – der sich daraufhin formierende Protest hat den Mythos Spartak jedoch unentwegt befeuert.

Spartak, dem politischen und fußballerischen Querschläger gegen das Regime – eine Funktion die in Ostdeutschland etwa Chemie Leipzig, oder den Eisernen von Union Berlin zukam – entwickelte sich zum erfolgreichsten Verein der Sowjetunion – dicht gefolgt vom “Spionverein” Dynamo. Nachdem zu Beginn der 2000er Jahre der Newcomer in der Moskauer Fußballlandschaft, Lokomotive, ein Hoch verzeichnen konnte und Spartak erfolgstechnisch in den Hintergrund trat, spielte sich der “Militärtrupp” ZSKA verstärkt an die Front – Erfolg gegen Beliebtheit, ZSKA gegen Spartak – das große Moskauer Derby war geboren.

Russlands nächste Garde – die Talente des Derbys

Trotz dieses kleinen Exkurses sind wir nicht Politkritiker, sondern Talentkritiker. Nun also Borschtsch (russ. Suppe und Nationalgericht, Anm. d. Red.) bei die Fische und Notizblock zur Hand.

Alexandr Golovin (ZSKA) – ZM, Jahrgang 1996

Fangen wir direkt mit dem Toptalent an: Alexander Golovin. Der zentrale Mittelfeldspieler aus Kaltan leitet trotz seiner nur 20 Lenze die Geschicke des Klubs. Unangefochtener Stammspieler und feste Größe – Golovin gehört die Zukunft. Doch warum? Zum einen sammelt Golovin bereits internationale Erfolge und Erfahrung – 2013 wurde er U17-Europameister mit der Auswahl seines Landes in der Slowakei. Zum anderen sind da natürlich seine fußballerischen Fähigkeiten, die ihn herausstechen lassen. Mit einer starken technischen Qualität ausgestattet besitzt Golovin das Zeug dazu, ein für russische Verhältnisse seltene Art von Spieler zu werden: Ein, wie es im heutigen Fußballjargon so schön heißt, kompletter Mittelfeldspieler. Dmitri Khomukha, ehemaliger Coach der russischen U21 attestierte Golovin in seinen jungen Jahren bereits mehr Präsenz und Dynamik auf dem Spielfeld als Nati-Kapitän Roman Shirokov.

Golovin bewegt sich aufgrund seiner Spielintelligenz sowie seiner überlegten Ballkontrolle und Dribblings – die auch auf seinen Hintergrund im Futsal zurückzuführen sind – besonders gut durch Schnittstellen im letzten Drittel, ehe er durch ein zielbringendes Kurzpassspiel die Stürmer einsetzt. Dabei ist er oft eher ein Mann des vorletzten als des letzten Passes. Auch in der Spieleröffnung durch Diagonalpässe und Flanken überzeugt Golovin, bringt seine langen Bälle aus dem Fußgelenk präzise auf den Mitspieler. Auch bei ruhenden Bällen spielt er diese Stärke aus. Zwischen Zehn und Acht pendelnd ist Golovin ein Spielgestalter, der über seine Dynamik und seine Kombinationsstärke kommt.

Trotz seiner Stärke im langen Ball ist er kein tiefstehender Spieler, der zunächst defensiv agiert, um bei eigener Balleroberung schnell durch Diagonalbälle umzuschalten. Vielmehr muss Golovin, wenn er denn eben jener kompletter Mittelfeldspieler werden will, noch an seinen eigenen Qualitäten in der Verteidigung arbeiten. Bekommt er jedoch den Ball von den hinter ihm stehenden Mittelfeldspielern, weiß er das Spiel durch seine große Genauigkeit in der Variation seines Passspiels gut nach vorne zu beschleunigen. Talentkritiker ist sicher: Golovin wird auf Dauer die bestimmende Figur im russischen Mittelfeld und auch bei der WM 2018 verstärkt beeindrucken.

Denis Davydov (Spartak) – ST, Jahrgang 1995

Wenn wir schon geschichtlich unterwegs sind: Dieser Stürmer teilt seinen Namen mit einem Soldatendichter aus den Napoleonischen Kriegen, Denis Vasilyevich Davydov. Aus der bekannten Jugendakademie Spartaks, Academy F Cherenkov stammend, gewann er 2012/2013 die Juniorenmeisterschaft im Land und gehörte zu einem der aufgehenden Sterne Russlands beim Valentin Granatkin Memorial Youth Tournament.

Von Murat Yakin 2015 während seines Trainerjahres in Spartak gefördert und von Fabio Capello damals ins Nationalteam berufen, gehört Davydov mittlerweile zum Stamm des Teams aus Moskau und der Nationalmannschaft.

Davydov, der von Teambesitzer Leonid Fedun als “russischer Messi” bezeichnet wird, teilt im Ansatz einige Attribute mit dem vielleicht besten Spieler der Welt: Schnell und agil mit dem Ball, gepaart mit einer starken Ballkontrolle im Dribbling. Doch Davydov überzeugt auch in dieser Saison erneut durch einen starken Torinstinkt, der durch seine gute Schusstechnik begünstigt wird. Wie Messi ist er ein Spielertyp, der auch aus der Tiefe des Raumes kommt und Qualitäten sowohl im eigenen Torabschluss als auch in der Vorarbeit aufweisen kann. Durch seine Reaktionsschnelligkeit weiß er es nicht nur gegnerische Spieler unter Druck zu setzen, sondern Bälle auch entscheidend an erster Linie abzufangen. Davydov ist Kombinationsstürmer – dabei überrascht es nicht, dass er nicht nur im Sturmzentrum, sondern auch hängend oder auf den Außen eingesetzt werden kann. Trickreichtum und eine starke technische Grundaussattung kann sich der Junge ebenfalls auf die Karte schreiben – Davydov hat ohne Zweifel Momente, die man als besonders bezeichnen kann.

Man muss jedoch auch konstatieren, dass er noch erfolgreicher sein könnte, wenn er in seinem Dribbling öfter zum richtigen Zeitpunkt abspielen würde. Seine Ballverliebtheit, die ihm in wichtigen Momenten auch entscheidende Vorteile verschafft, lässt ihn ab und zu jedoch auch auflaufen. An dieser Stelle soll bewusst nicht seine Physis kritisiert werden, da er zwar ein schmächtiger Spieler ist, sich seine Vorteile jedoch aufgrund eben jener Atrribute zu verschaffen weiß.

Fedor Chalov (ZSKA) – ST, Jahrgang 1998

In dieser Saison aus der Zweitvertretung ZSKAs in die erste Mannschaft hochgezogen, kann Chalov getrost als nächstes hoffnungsvolles Sturmtalent Russland bezeichnet werden. Chalov zeigte hier besonders in der UEFA Youth League überzeugende Leistungen, traf gar in 5 Spielen 5 mal. In der Premier League stehen für ihn drei Torbeteiligungen in 10 Spielen zu Buche – interessant dabei: Er kommt nur auf 348 Spielminuten. Es liest sich also ganz vielversprechend. Was macht Chalov stark? Dies sind ohne Zweifel seine Schnelligkeit, Explosivität und Torgefahr. 2015 bei der U17-WM in Chile fiel Chalov bereits durch seinen Torinstinkt auf – eine Fähigkeit, die seine Jugendtrainer in den höchsten Tönen loben. Diese buchstäbliche Torgeilheit paart sich bei ihm mit Willen und Aggressivität, die dazu führen, dass er unbändig den Ball fordert und nachsetzt.

Chalov ist ein Arbeitstier, das sich in den Dienst der Mannschaft stellt und buchstäblich die russischen Acker beackert. Hierbei sind ihm Wege nach hinten nicht zu weit; Chalov versteht es, sich als Stürmer auch selbst die Bälle zu holen und dann energisch nach vorne zu treiben – auch im Kombinationsspiel ist er an vorderster Position gut einzubinden. Obwohl Vágner Love das Vorbild seiner Kindheit ist, kommen bei ihm unweigerlich Assoziationen mit einem Spielertypen a la Luis Suarez auf. Das ist natürlich ein fast nicht zu erreichender Vergleich, doch geht es uns hier ja auch um eine grobe Orientierung seiner Rolle in der Spielstruktur. Chalov verfügt vor der Box und im Mannschaftsgefüge über ein starkes Positionsspiel, welches ihm gepaart mit seiner Entschlossenheit zu einem starken Talent im russischen Fußball macht.

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