Als Shaun O’Brien 2013 von den Plänen Manchester Citys erfährt, ein neues, hochmodernes, 100 Millionen Pfund teures Trainingszentrum zu bauen, traut er seinen Augen nicht. Der Konkurrent seines Lieblingsvereins versucht, sich durch den Ausbau der Infrastruktur endgültig auf eine Ebene mit dem Rekordmeister zu stellen? Das kann doch nicht wahr sein! Moment, da war doch was. O’Brien zieht einen verstaubten Ordner aus dem Regal, in dem sich ein vergilbtes Papier befindet. Mit dieser Besitzurkunde hatte er zuvor Teile eines 80-acre großen Grundstücks genau an der Stelle erworben, an der die neue Zeremonienstätte der Citizens entstehen sollte. In der Folgezeit glühen die Telefondrähte bei den O’Briens heiß, der Geschäftsmann stellt seine Kampagne auf einer Internetseite ausführlich vor. Seine Idee: Er zerstückelt sein Grundstück in mehrere hundert Einzelteile, die von Manchester United Fans zu einem Symbolwert erworben werden sollen. Der Clou: So muss Manchester City mit jedem einzelnen Neu-Besitzer einzeln über den Kauf verhandeln, der Baubeginn könnte sich ähnlich der Odyssee um den Berliner Flughafen um Jahre verzögern. Dieses Einzelbeispiel zeigt, wie tief verwurzelt die Rivalität zwischen beiden Klubs aus der Stadt im Nord-Westen Englands ist. Insbesondere seitdem Manchester City durch den spendablen Geldgeber aus Dubai finanziell in andere Dimensionen als in der jüngeren Vergangenheit des Klubs vorstoßen konnte, wehrt sich Manchester United, welches ebenfalls von vermögenden Eigentümern gestützt wird, mit aller Kraft gegen den aufstrebenden lokalen Konkurrenten. In der heutigen Ausgabe unserer Kolumne erfahrt ihr mehr über die Geschichte des Manchester Derbys und lernt die größten Talente beider Klubs, die am Wochenende aufeinander treffen, etwas näher kennen.

Von geeinten Fans zu gespalteten Lagern: Die Geschichte des Manchester Derbys

Am 12. November 1881 trafen sich zwei Klubs im Heimatland des Fußballs zum ersten mal: St. Mark’s/Ardwick City, heute als Marke Manchester City weltweit bekannt, empfing Newton Heath – das heute von Zampano Jose Mourinho dirigierte Manchester United. Aus dem unbedeutenden Zusammentreffen zweier lokaler Vereine, die zu jenem Zeitpunkt mit einem Kaleidoskop an anderen Klubs in Manchester um Erfolg und Anerkennung kämpften, entwickelte sich noch vor der Jahrhundertwende ein prestigeträchtiger Kassenschlager. Beide Vereine spielten den Manchester Cup in der Folgezeit nur unter sich aus. Zu jener Zeit hielt sich die Rivalität der Fanlager jedoch äußert in Grenzen. Während der stetig fortschreitenden Etablierung der Football League in England galten beide Vereine vielmehr als lokale Aushängeschilder, die von den Bewohnern der Stadt unterstützt werden sollten. So besuchten Fans abwechselnd die Spieler der Teams, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend in eine weitreichende, fußballerische Feindschaft verwickelten, die auch die Anhänger aus dem urbanen Manchester in zwei Lager spaltete.

Eines der bedeutendsten Spiele beider Teams ist als Dennis Law Game in die Geschichtsbücher eingegangen. Am vorletzten Spieltag der Saison 1973/74 erzielte Ex-ManU Spieler Dennis Law per Hacke das entscheidende Tor für Manchester City, welches Manchester United in die Relegation und in letzter Konsequenz in die zweite Liga beförderte – kurios: Law gab kurz danach sein Karriereende bekannt. Nach relativ ausgeglichenen Schlagabtauschen in den 1980er Jahren leitete United mit der Neubesetzung des Trainerpostens im Jahre 1987 eine Wende im Derby ein: Sir Alex Ferguson übernahm das Zepter und führe seine Mannen zu einer nie dagewesenen Dominanz in der nächsten Dekade. Manchester United verlor keines der Derbys in den 1990er Jahren. Ältere Fans werden sich auch noch an die Fehde zwischen Roy Keane und Alf-Inge Håland erinnern, die nach einem brutalen Foul von Keane, welches er in seiner Autobiographie später als pure Absicht zur Verletzung des Norwegers bezeichnete, erinnern. Manchester United dominierte City zwar nicht immer im Derby, in der Endplatzierung jedoch deutlich. Dies änderte sich durch die Übernahme Citys im Jahre 2007, welche auch die sportliche Rivalität um die Meisterschaft endlich wieder an die Anfänge des Manchester Cup erinnern lässt.

Wann ist man noch ein Talent? Die jungen Spieler aus Manchester

Kommen wir nun zu den Talenten. Was eine Auswahl! Auf der Seite United könnten wir beispielsweise über Linksverteidiger Luke Shaw oder Sturmtalent und Modell-für-die-FIFA-Journey Marcus Rashford schreiben, für City über den Ukrainer Zinchenko, derzeit an die PSV Eindhoven ausgeliehen. Auf den ersten Blick mag unsere Auswahl hier Mainstream erscheinen – und ja, das ist sie auch. Wie aber soll man an diesen Talenten vorbeikommen, die trotzt ihres jungen Alters weltweit die Marketingmaschinen bestimmen und Fußballfans, sowie Experten gleichsam zum Schnalzen mit der Zunge veranlassen? Richtig, gar nicht. Es geht also los mit zwei Spielern von Manchester City, die an der Schwelle vom Talent zur Karriere als Weltstars stehen. Für Manchester United präsentieren wir einen Youngster, der zwar derzeit noch unter dem Radar fliegt, sich auf Dauer jedoch als Größe im defensiven Mittelfeld etablieren kann.

Kelechi Iheanacho

Iheanacho ist wahrscheinlich so etwas wie der nigerianische Romelu Lukaku. Mit einer unbändigen Physis ausgestattet findet der zwar muskulöse, aber durchaus wendige Spieler durch seinen explosiven Antritt und seine hohe Endgeschwindigkeit ins Spiel. Dabei überzeugt er sowohl als Anspielstation in der Box, als auch als Stürmer, der sich zwischen den Linien bewegt und für Schnittstellenpässe in die Gasse startet. Mit einem guten und kräftigen Schuss ausgestattet ist Iheanacho nur schwer zu stoppen, wenn er sich mit Tempo auf das Tor zu bewegt. Einer derartigen Naturgewalt stellen sich wohl nur die tapfersten Krieger vom Stamme der Alderweirelds, Xhakas und Cahills entgegen. Überraschenderweise ist Iheanacho trotz seiner ordentlichen Größe und Athletik kein Kopfballungeheuer – die Bälle festmachen kann er als Stoßstürmer, der mehrere Gegenspieler auf sich zieht, jedoch vorzüglich. Nicht nur deshalb trägt er sich auch als Vorbereiter in die Spielberichte ein. Seine Qualitäten ermöglichen es ihm auch, auf den Außen eingesetzt zu werden. Verbessert Iheanacho seine Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor kontinuierlich weiter und arbeitet an seiner Spielübersicht, stößt er auf kurz oder lang in die Weltklasse vor.

Gabriel Jesus

Wenn Ronaldinho über einen Spieler sagt, dass er in einigen Jahren der neue Messi sein kann, dann muss dieser Spieler etwas ganz besonderes sein. Der einstige Weltfußballer meint damit nicht etwa Neymar, sondern dessen Landsmann Gabriel Jesus, der seitdem er im Winter endgültig fest zur Mannschaft Guardiolas zählt, einen Blitzstart hingelegt hat: Tore wie am Fließband, Kun Agüero auf die Bank verdrängt, Mittelfußbruch. Obwohl er zu dieser Pause gezwungen ist, wird sie Gabriel Fernando de Jesus nicht stoppen. Der dribbelstarke, pfeilschnelle Stürmer, dessen Ballbehandlung und -kontrolle in der Premier League an vorderster Front schon jetzt zur Creme de la Creme gehören, vereint Stellungsspiel und Übersicht in seiner Position. Mit dem allseits bekannten „richtigen Riecher“ ausgestattet, trifft Jesus aus nahezu allen Lagen. Problemlos fügt er sich in das anspruchsvolle Pass- und Kombinationsspiel, welches die Spielweise der Mannschaften Guardiolas auszeichnet, ein. Die Krux: Ein Spielertyp wie Gabriel Jesus ist quasi von Geburt an auf Offensive programmiert! Seine großen Schwächen liegen in der Defensive. Hier muss er noch gewaltig zulegen, um den Ansprüchen des Raumenthusiasten Guardiola gerecht werden zu können. Aber, die Anlagen dazu hat der Brasilianer allemal.

Timothy Fosu-Mensah

Defensives Denken wurde diesem Talent hingegen in die Wiege gelegt. Der holländische Jungspund macht seine Physis durch seine aggressive Zweikampfführung zu einer echten Waffe. Mit Luft nach oben im Stellungsspiel, verteidigt er in der Zentrale vor allem eng am Mann, wodurch er häufig Ballverluste des Gegners provoziert und den Ball abfängt. Unermüdlich im Zermürben des Gegenspielers und im eigenen Laufspiel ist Fosu-Mensah prädestiniert für den Part eines defensiv denkenden Sechsers mit einem eher offensiv ausgerichteten Mann neben sich. Er spielt schnörkellos, kann jedoch durch komplizierte Taktikverschiebungen aufgrund seiner deutlich ausbaufähigen Spielübersicht und seines Stellungsspiel zu positionellen Fehlern im Defensivverbund neigen. Systemische Stabilität werden ihn jedoch zukünftig zu einem wichtigen Baustein einer entsprechend ausgerichteten Mannschaft werden lassen. Falls sich Fosu-Mensah doch mal nach vorne wagt, verhilft ihm seine Qualität in starken Distanzschüssen zu aussichtsreichen Abschlüssen.

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