ManCity ausgeschaltet, 5:0 gegen PSG gewonnen – die jüngsten Erfolge einer Salzburger Jugendmannschaft. Aber durch die Bank lassen sich die Leistungen der Nachwuchsteams der roten Bullen der europäischen Spitze zuordnen. Ein weiteres Zeichen der Vorreiterrolle ist die 2014 fertig gestellte Akademie, die dimensional und fachlich weltweit ihresgleichen sucht. Leiter und Pionier: Ernst Tanner, der in seinem fünften Jahr bei den Österreichern ist.  Der 50-Jährige war zuvor derjenige, der 1860 Münchens Ruf für hervorragende Jugendarbeit festigte und bei 1899 Hoffenheim mitverantwortlich für den Etablierung in der Bundesliga war. Wir haben ihn in seinem Büro in der Akademie besucht, wo sich der Mann, um den sich u.A. mit dem FC Bayern die Größten der Branche bemühen, nahbar und sympathisch zeigt. Tanner beantwortet jede Frage mit größter Sorgfalt und versucht, die Komplexität der Materie immer anschaulich zu äußern. Am Ende merkt man: Es ist kein Wunder, dass Ernst Tanner ein begehrter Mann in der Branche ist. Die Akribie der Akademie, das Streben nach Perfektion und der ständige Wille zur Verbesserung – das ist nicht nur der Fußball in Salzburg, sondern auch Tanner selbst. ,,Wir haben eigentlich so gut wie alles geändert“, sagt er, betont aber auch: ,,Es muss natürlich weitergehen.“ Im heutigen Interview: Tatendrang pur.

Sie sind seit 4 ½ Jahren Leiter des Nachwuchszentrums bei RB Salzburg – was hat sich in dieser Zeit verändert?

Alles. Wir haben damals eigentlich eine ganz andere Richtung eingeschlagen, ich sage immer: Wir haben den Dampfer um 180° gewendet., sind eigentlich in eine andere Richtung gefahren. Nicht zurück, sondern schon progressiv nach vorne. Wir haben in erster Linie unsere Ausbildung umgestellt, nämlich von einem positionsorientierten, technisch ausgerichteten System, das sehr stark auf den Einzelspieler ausgerichtet war, auf ein ballorientiertes Umschaltspiel, hin zur Förderung von Mannschaftsspielern. Das ist die Philosophie, die geändert wurde. Darüber hinaus haben wir extrem viele zuarbeitende Bereiche geschaffen, auch in Hinblick auf den Einzug in die Akademie. Wir haben eine gute athletische Konzeption und im koordinativen Bereich viel gearbeitet, bilden hier an der Akademie jetzt viel ganzheitlicher aus. Wir versuchen, die gegebene Frühspezialisierung im Fußball zu kompensieren, dadurch, dass wir sehr viel Vielseitigkeitstraining machen. Wir haben einen Motorikpark, machen mit den Kindern in der Pause der Nachmittagsbetreuung sehr viel im Bereich anderer Ballsportarten, vor allem auch Rückschlagspiele. Im Endeffekt versuchen wir, koordinative Sachen wie Richtungswechsel, Drehungen und Sprünge zur Körperstreckung einzubauen, damit wir z. Bsp. nicht in den typischen, leistungslimitierenden Watschelgang der Fußballer einschwenken. Das sind alles so Kleinigkeiten, die wir hier umsetzen und die wir neu ins Programm haben. Dann geht es aber auch um technische Geschichten: Analyse über Trackingdaten, über Video, da waren wir aus meiner Sicht sehr rückständig. Da haben wir jetzt sehr viele Möglichkeiten, die Analyseabteilung bauen wir auch weiterhin aus. Außerdem machen wir eine sehr dezidierte Player’s Care, es kommen ja viele Spieler aus Übersee hier her. Die kann man nicht einfach her holen und sich selbst überlassen, sondern die gehören angegliedert, begleitet, und dann muss man auch ständig schauen, wie es ihnen geht und muss die Entwicklung begleiten. Darüber hinaus haben wir in der Ernährung Einiges getan. In der medizinischen Betreuung: Eigene Ärzte, auch für die Jugend. Wir haben eine deutlich höhere Anzahl an Physiotherapeuten, die nahezu rund um die Uhr für die Spieler da sind.
Auch im Sichtungssystem haben wir viel verändert. Anfangs hatten wir zwei Scouts, die in Salzburg beheimatet waren und sich um den kompletten Jugendbereich hätten kümmern sollen. Das hat in der Form nicht funktioniert, wir haben das Ganze flächendeckend auf ganz Österreich ausgeweitet, dann natürlich auch auf Europa.
Deshalb habe ich vorhin gesagt: Wir haben eigentlich so gut wie alles geändert. Und man sieht ja auch, dass es in eine vernünftige Richtung gegangen ist.

Also sind Sie auch zufrieden mit der Entwicklung, mit dem was sich getan hat?

Ich bin zufrieden mit dem, was sich getan hat, aber das heißt noch nicht, dass das das Ende der Fahnenstange ist, sondern es muss natürlich weitergehen.

Welchen Anteil haben Sie selber an der Entwicklung? Waren Sie der Auslöser, der Hauptantrieb?

Das liegt mir irgendwie ein bisschen fern, dass ich darüber spreche. Das sollen andere beurteilen.

Dieses Bild bietet sich einem, wenn man das Akademiegelände betritt. Tanners Büro befindet sich ganz vorne im Erdgeschoss. Immer wenn ein Spieler von der Schule kommt, zum Training geht oder nach Hause fährt – Tanner sieht’s.

Wie wichtig ist in Salzburg die schulische Ausbildung neben der fußballerischen?

Unser organisatorischer Leiter sagt immer: 51 Prozent Schule, 49 Prozent Sport. Ich sage nicht, dass das umgekehrt ist, aber es zeigt, dass uns die schulische Ausbildung sehr wichtig ist. Man darf jedoch Eines nicht vergessen: Die Jungs kommen aufgrund ihrer sportlichen Entwicklungsmöglichkeit hier her. Wir müssen ihnen halt klar machen, dass das alleine im Leben nicht reicht, sondern dass man für den späteren Werdegang eine gewisse Grundlage erwerben muss, wo die Schule dazu gehört. Bei uns gibt es im Jugendbereich Niemanden, der nicht auch etwas Schulisches oder eine Ausbildung machen würde. Wenn es dann mal nach Liefering geht, kann man mal akzeptieren, dass Einer für ein Jahr lang versucht, sich auf den Fußball zu konzentrieren, um zu sehen, wo es dann hingeht. Aber immer vor dem Hintergrund, dass man auch schulisch was machen könnte. Wir bieten durchaus an, dass jemand ein Fernstudium beginnt. Wir haben viele Kooperationen mit verschiedenen Institutionen, wo man auch studieren kann, das ist wesentlich. Und das können die auch neben ihrer Karriere immer wieder machen, das ist kein großes Problem. Ein sehr gutes Beispiel aus Deutschland: Marcel Schäfer, ein ehemaliger Schützling von mir. Was weiß ich, wie viele Studiengänge der schon hinter sich hat und jetzt steht er schon kurz vor seinem beruflichen Einstieg. Kurzum: Es ist bei uns ähnlich wichtig wie die sportliche Ausbildung.

Könnten Sie dann mal eine typische Woche von einem Spieler der Akademie skizzieren?

Am Sonntag Abend kommt er her, mit genügend Schlaf für die Schule am Montag. Da geht er dann ganz normal in die Schule, mittags kommt er wieder, isst, macht Hausaufgaben, hat Training, nach dem Training die entsprechende Pflege, dann Abendessen, eine Lernstunde, dann Freizeit. Je nachdem, wie alt er ist, ist zwischen 21:30 Uhr und 22:30 Uhr wieder Schluss.
Am Dienstagmorgen ist Frühtraining nach dem Frühstück, circa von 07:30 Uhr und 09:00 Uhr. Um 10:00 Uhr geht es in die Schule, mittags kommen sie wieder, der Dienstag ist relativ kurz in der Schule. Dann dieselbe Routine wie am Vortag.
Der Mittwoch ist in der Regel frei, da haben sie dann einen längeren Schultag, kommen etwas später zurück. Für diejenigen, die nacharbeiten müssen, haben wir nochmal eine Art Individualtrainingstag, wo an den Stärken/Schwächen entsprechend gearbeitet wird.
Der Donnerstag läuft wie der Dienstag ab, Freitag in der Regel wie der Montag mit etwas früherem Trainingsbeginn. Am Samstag gibt’s ein Spiel, je nachdem, ob es auswärts, oder hier ist, gleicht man die Routine vor dem Spiel an. Danach ist bis Sonntag normalerweise frei.

Ist das für alle Altersklassen gleich?

Es ist in der Akademie von der U15 bis zur U18 genau so.

Wie sieht es bei den Jüngeren aus?

Bei den Jüngeren ist es ein bisschen abgespeckt, die haben keine Frühtrainingseinheiten. Die haben zwar in der Schule den normalen Sport, also keine fußballspezifische Einheit, beziehungsweise an vielen Schulen polysportiv gemäß unserer Konzeption gestaltet. Dann kommen sehr viele unserer Jungs direkt nach der Schule hierher, essen zu Mittag, machen Hausaufgaben, kriegen eine Nachmittagsbetreuung, in die wir auch einen sportlichen Inhalt miteinbauen, aber ebenso polysportiv ausgerichtet, ab 17:00 Uhr, 17:30 Uhr, je nach Alter, gehen sie in Ihre Trainingseinheit. Das ist ab der U11 so, vier Tage in der Woche. Die noch Kleineren trainieren 2 – 3 mal pro Woche zum Teil schon ab 16:30 Uhr.

Sieben Fußballfelder auf 27.000 Quadratmetern – die Akademie aus der Vogelperspektive

Ab welchem Alter werden Spieler hier her geholt?

Wir haben Mannschaften von der U6 streng genommen, gut, U6/U7 ist ein bisschen ein Mischkader, bis zur U18. Wenn wir aufs Sichtungssystem schauen, sagen wir: Bei den Kleinen wollen wir vor allem Spieler hier aus der Stadt, bis zur U13, U14 haben wir eigentlich nur den Salzburger Bereich, logischerweise auch das angrenzende deutsche Eck. Wir schränken uns aber im Hinblick auf die Fahrzeiten deutlich ein. Wir wollen nicht, dass die Jungs länger als eine halbe Stunde, beziehungsweise eine dreiviertel Stunde im Bereich ab der U12, einfach fahren, da haben wir dann meistens Konzepte mit den LAZs (Landesverbands-Ausbildungs-Zentren, Anm.d.Red.), dort können die Jungs dann zwei Mal trainieren, zusätzlich zwei Mal bei uns, sodass wir die Fahrzeiten einigermaßen verträglich gestalten. Wenn einer zu weit weg wohnt und das ist im Salzburger Bereich durchaus der Fall, können wir keinen Spieler z. B. aus Zell am See hier her holen. Der würde viel zu viel im Auto sitzen, der Aufwand wäre viel zu hoch und das heißt, wir müssen solche Spieler unterbringen. Machen wir auch, wenn sie in die U15 kommen, dann ohnehin aus ganz Österreich, aber der ein oder andere kommt auch schon mal in der U14, wenn der Aufwand zu groß wäre und er vor Ort keine richtige Ausbildungsmöglichkeit mehr hat.

Welche Argumente hat Salzburg in unteren Jugendklassen gegenüber Bayern, 1860 oder Unterhaching, die ja regional auch nahe liegen würden?

So sehr überschneiden wir uns eigentlich nicht. Wenn einer hinterhalb vom Chiemsee wohnt, kann er eigentlich zu uns gar nicht mehr herfahren, weil es zu weit wäre. Wir haben ja auch die FIFA-Richtlinien, die wir beachten müssen, wenn einer über der Grenze zu weit weg wohnt, dann geht es eh schon nicht. Dann kann er erst wechseln, wenn er 16 ist. Und dann sind die Guten sowieso alle bei Sechzig oder Bayern. Es gab schon ein paar Fälle aus dem Berchtesgadener Land, wo wir auch dran waren und die sich dann für München entschieden haben – aber das hört sich sehr schnell auf, die kommen alle wieder. Von der Autobahn geläutert, sozusagen.

Wohlfühlatmosphäre: Die Akademie von Innen

,,Der Verein Salzburg hat rein gar nichts mit dem Verein Leipzig zu tun“

Was sagen Sie zu den Vorwürfen, dass RB Salzburg als 2. Mannschaft für RB Leipzig gilt?

Zunächst hat der Verein Salzburg rein gar nichts mit dem Verein Leipzig zu tun. Wenn sich ein Spieler in Salzburg allerdings über die Maßen entwickelt und interessant für den deutschen oder andere Märkte wird, dann bietet sich Leipzig natürlich auch für den Spieler an, da er in derselben Philosophie auf höherem Niveau spielen kann. Allerdings steht es jedem Spieler frei für welchen zukünftigen Klub er sich entscheidet. So gesehen ist die Bezeichnung als zweite Mannschaft von Leipzig faktisch nicht richtig.

Wie groß ist die Rolle von Dietrich Mateschitz, was Ihre Arbeit betrifft?

Zunächst einmal zeugt die Akademie davon, wie ernst es Herr Mateschitz mit der Jugendförderung meint, denn sonst hätte er nicht so ein riesiges Investment getätigt. Er ist immer über alles informiert, aber das Gute ist, dass wir hier sehr selbstverantwortlich arbeiten können, und das ist auch das, was ich hier schätze. Das muss ich ganz klar sagen.

Investoren spielen ja immer vermehrter eine Rolle im Fußball, da gibt es aber auch andere Fälle als den, den Sie schildern, in München zum Beispiel…

Eines ist klar: Investoren sind notwendig, schon daher, weil Vereine sonst vielerorts nicht mehr existieren würden. Investoren ermöglichen auch oftmals innovatives Arbeiten. Aber da ist eben die Eigenschaft von einem Investor wichtig: Wenn er von einem Geschäft nicht so viel versteht, muss er sich halt zurückhalten, und da gibt’s eben einige Negativbeispiele. Es ist auch eine Kunst, dass man die richtigen Leute holt und da einsetzt, wo sie was bewirken können. Macht auch weit mehr Sinn, als selbst zu versuchen, irgendwie Einfluss geltend zu machen ohne den nötigen Background zu haben.

Dann würde es sich ja jetzt anbieten, ein paar Unterschiede zu nennen. Sie waren ja bei Hoffenheim tätig, auch bei 1860.

Gut, bei Sechzig habe ich es Gott sei Dank nicht miterlebt, da kann ich nichts dazu sagen, das ist mir erspart geblieben. In Hoffenheim war es auch nicht so, dass sich der Herr Hopp in alles eingemischt hätte.

Zurück nach Salzburg. Sie haben vorhin erwähnt, dass das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht sei – wo soll es noch hingehen?

Mit der Jugend sind wir mittlerweile so weit, dass wir sagen können: Im Kreise der Großen in Europa können wir gut mitspielen. Das hat man letztens gesehen in der Youth League, wo wir ManCity eliminiert haben, zwar erst im Elfmeterschießen, aber wenn man das Spiel sieht, müssen wir es ganz klar in den 90 Minuten schaffen. Wir merken das und kriegen das auch rückgemeldet, wenn wir auf große Turniere fahren, wo wir eigentlich immer vorne dabei sind und auch sehr gut mitmachen können. Das ist früher außerhalb von Österreich nicht immer der Fall gewesen. Da sind wir jetzt – wir wollen aber natürlich noch weiter gehen. Wir wollen möglichst viele Spieler aus unseren eigenen Reihen in die erste Mannschaft bringen und nur noch sporadisch von Außen Zukaufen. Auch wenn das im Profibereich zu hundert Prozent nie möglich ist, gerade in Österreich ist das ein schwieriges Thema, denn so viele Gute haben wir de facto hier auch nicht, das muss man auch klar sagen. Sonst würden wir ja ständig in der Jugend Europameister werden oder was weiß ich. Aber wir haben eine gute Ausbildungsqualität, wir haben eine sehr gute zweite Mannschaft mit Liefering in der zweiten Liga, eine sehr gute Plattform, und wir speisen darüber jetzt sukzessive noch mehr unsere erste Mannschaft, sodass wir verschiedene Transfers, die wir in der Vergangenheit getätigt haben, in der Zukunft eigentlich nicht mehr tätigen müssen. Und was wir hier natürlich auch machen: Wir feilen ständig an der Akademie, auch an unserer eigenen Ausbildung. Man wirft uns ja immer vor, dass wir nur gegen den Ball spielen können, was ja schon lang nicht mehr stimmt. Auch mit dem Ball haben wir mittlerweile sehr gute Lösungen (lacht). Aber da müssen wir uns trotzdem weiterentwickeln, wie man sich in allen Bereichen weiterentwickeln muss. Ich glaube, ein ganz großes Feld wird in Zukunft der kognitive Bereich sein, wo man noch sehr viel machen kann. Ist auch irgendwie logisch: Je enger es auf dem Feld zugeht, je größer die Dynamik wird, desto schneller und sicherer werden Entscheidungen in Zukunft getroffen werden müssen. Und das hängt nicht nur davon ab, wie gut du mit deinen zwei Füßen die Kugel triffst. Sondern in erster Linie davon, was sich da oben abspielt (Tippt sich an den Kopf). Und das ist noch nicht sonderlich gut erforscht, es läuft zwar Einiges, wir sind da auch mit dabei und versuchen, Dinge zu entwickeln.

,,Im Kreise der Großen können wir mittlerweile gut mitspielen“

Dazu fällt mir ein Zitat von Lionel Messi ein: ,,Egal wie gut du als Fußballer bist, dein eigenes Spiel wird letztendlich im Kopf entschieden“

In vielerlei Hinsicht. Da geht es um Entscheidungen, aber auch um die Tagesform und um Wohlbefinden, auch der Biorythmus spielt eine Rolle. Wer selber Fußball gespielt hat, der weiß: An manchen Tagen macht man die Dinger mit einer Sicherheit rein, wo man sich denkt: Das gibt’s gar nicht. Und an anderen Tagen vergibt man die Möglichkeiten und sagt: Was mach ich hier eigentlich?
Das sind Komponenten, die da durchaus mit reinspielen. Hat auch einiges mit Psychohygiene zu tun.

Lassen Sie uns wieder über Ihre eigene Person reden. In letzter Zeit gab es einige Gerüchte, dass Sie zum FC Bayern wechseln wollen würden. Das wurde aber relativ flott wieder revidiert.

Das war und bleibt ein Gerücht.

Dann stellen wir die Frage gar nicht, warum Sie sich dagegen entschieden haben…

Ich habe immer gesagt: Ich habe hier in Salzburg einen Vertrag und fühle mich sauwohl. Es gibt für mich nicht viele Gründe, etwas anderes zu machen.

Mit der Landschaft im Hintergrund (Anm. d. Red.: Die Akademie liegt an der Saalach, außerhalb von Salzburg. Es wird aus dem Fenster auf die Berge gezeigt) will man wahrscheinlich gar nicht weggehen.

Ja… (zögert) Heuer geht mal was mit’m Skifahren. Jetzt bin ich vier Jahre da und hab drei Scheißwinter erlebt (lacht). Aber heuer, muss ich sagen, heuer hab ich a Entschädigung gekriegt.

,,Ich fühle mich hier sauwohl. Es gibt nicht viele Gründe, etwas anderes zu machen.“

Sie haben ja vorhin die Akademien in Übersee erwähnt – USA,…

Ja, USA, wobei ich sagen muss, dass der Akademiegedanke dort ein bisschen ein anderer ist. Da haben wir ein riesiges Grassroot-Programm dabei, auch aus Gründen des Images, der Markenbildung, da trainieren wir um die 27.000 Kinder im Jahr. Das ist ein Riesenprojekt. Aber wir haben natürlich auch eine Akademie nahe Sao Paulo, wo wir den ein oder anderen Spieler herholen. Andre Ramalho war der Allererste, der spielt jetzt in Mainz, Lucas Venuto und Felipe Peres, das waren so die Nächsten, spielen bei Austria Wien. Dann kam Bernardo, jetzt haben wir Igor da, der auch schon an der ersten Mannschaft schnuppert. Also da kommt schon der Ein oder Andere.
Dann haben wir in Afrika die Kooperation mit der WAFA (West African Football Academy, Anm. d. Red.), wir bringen auch immer wieder Spieler hier her, auch zum Trainieren, ich pflege auch einen sehr engen Austausch mit der WAFA. Atanga ist momentan nach Mattersburg ausgeliehen, der ja von unserer RedBull Akademie kommt, die ja mehr oder weniger von der WAFA übernommen wurde. Raphi Dwamena, der da in der ersten Liga (Name der österr. zweiten Liga, Anm. d. Red.) alles weggeschossen hat, spielt jetzt in St. Gallen. Sind alles Spieler von uns, die über Liefering dann mehr oder weniger in die große weite Welt geschickt worden sind. Und wir haben noch dazu natürlich den ein oder anderen Afrikaner, der über unsere Kontakte und unser Scouting kommt. Die ersten Beispiele sind ja schon irgendwo in der Welt, mit Sadio Mané, Naby Keita, im Grunde mit Amadou Haidara, Gideon Mensah, Samuel Tetteh, das ist die nächste Generation, die vor der Tür steht. Das sind richtig gute Spieler.

Wie intensiv ist der Austausch mit anderen Nachwuchsleitern, evtl. auch in Richtung der großen bekannten Akademien wie La Masia, Ajax Youth Academy, oder Sporting Lissabon?

Es gibt verschiedene Plattformen, wo man sich austauschen kann. Das sind alle Veranstaltungen der ECA, also der europäischen Klubvereinigung, wo ich eigentlich immer hingeh, wenn es um die Jugend geht. Und da trifft man natürlich die entsprechenden Leute. Jetzt auch zur Auslosung der Youth League ,sieht man den Ein oder Anderen oder auf großen Turnieren, wie kürzlich in Katar, da sind auch meistens die Akademieleiter dabei. In Katar haben wir jetzt auch angeregt, dass wir da nächstes Mal ein Symposium machen, wo wir uns inhaltlich besser begegnen können. Schaun wir mal ob das was wird. Dann haben wir ja hier ein großes U16-Turnier im August, wo man interessante Vertreter der Jugend trifft. Also es gibt verschiedene Ebenen, wo wir einen Austausch pflegen, aber auf der anderen Seite darf man nicht vergessen: Wir sind alle Konkurrenten.

In Deutschland werden Trainer ja vom Verband ausgebildet, Jugendrichtlinien wie Altersklasseneinteilungen werden auch von diesem vorgegeben. Wie ist das hier an der Akademie? Orientieren sich Trainer an der Verbandsausbildung?

Überhaupt nicht. Wir haben unsere eigene Philosophie implementiert und wir suchen uns gezielt Trainer, bei denen wir glauben, dass sie bereits in unserem Sinne denken und wir sie in diesem Sinne weiterbilden können. Da laufen bei uns sehr viele Veranstaltungen ab, wo wir uns damit beschäftigen. Es bekommt auch jeder ein entsprechendes Briefing und eine Einschulung, wenn er hierherkommt. Und dann gibt es auch Rückmeldung über die sportlichen Leiter, in Sitzungen, wo wir über sportliche Themen sprechen. Aber das ist immer in der Art und Weise wie wir Fußball denken. Also ich muss es leider so sagen: Wir haben zum Teil ganz unterschiedliche Auffassungen zu dem, was die Verbände machen.

Tanner in Action beim Talenttag

Wie beurteilen Sie die Entwicklung von Talenten in den vergangenen 10 – 15 Jahren?

Es hat sich viel getan. Der Fußball hat sich komplett geändert. In den 90er-Jahren hatten wir es sehr viel mit Positionsorientierung zu tun, wie ich vorhin gesagt habe. Ausbildung hin auf Positionen. Auch im Jugendbereich. Ich weiß noch, als die Bayern damals von Ajax Amsterdam gelernt haben und dann hat der rechte Verteidiger plötzlich Zweier geheißen und der Linksaußen Elfer, das hat sich extrem gewandelt. Zunächst einmal hat man dann versucht, ballorientiert zu spielen und dann ist man darauf gekommen, dass sich das perfekt dafür eignet, um Umschaltbewegungen hinzuzufügen. Wenn wir schon Überzahl schaffen, dann kann man die auch gleich ganz gut nutzen, um nach vorne zu spielen und den Gegner aus der Ordnung zu bringen. Das hat sich in den letzten Jahren, ich würde sagen seit 2006, 2007, entwickelt. Und da sind wir mittlerweile an einem Punkt angelangt, wenn ein Torwart einen Abstoß macht oder ein langer Ball kommt, wie sich da die Leute an einem Punkt versammeln in einem Pulk, da sind dann auf einem Achtel der Spielfläche zwanzig Mann und kämpfen um den Ball. Da kann man sich vorstellen, was da los ist. Da wirds finster (lacht). Das hat sich geändert. Was sich auch geändert hat: Der Jugendbereich ist total professionalisiert worden. Wenn ich heute sehe, dass Vereine in den Jugendabteilungen mit 30, 40 hauptamtlichen Kräften rumlaufen, dann sage ich: Das war vor 15 Jahren undenkbar. Weil einfach keiner bereit war, aus dem Profilager so viel Geld für die Jugend locker zu machen. Die haben lieber den 27. oder 28. Spieler gekauft und finanziert, als den zweiten oder dritten Jugendtrainer hauptamtlich anzustellen. Da ist ein klares Umdenken passiert. Wir sind aber auch auf einem gefährlichen Weg, das darf ich auch nicht ganz verhehlen. Mir scheint im Moment der Entwicklungsansatz zu sehr in den Hintergrund zu rücken. Ich meine damit ein langfristiges Arbeiten über alle Altersstufen hinweg, das findet nur noch an wenigen Orten statt. Und das killt uns. Weil auf der anderen Seite der Scoutingansatz mittlerweile überwiegt und sich die Vereine überbieten und sehr viel Geld in sehr frühen Stadien für die Spieler locker machen. Und das hat sehr viele gefährliche Aspekte und zerstört Mentalitäten sehr früh. Das ist nicht gut. Da muss man aufpassen, nicht zu stark in diese Richtung weiterzugehen. Wenn ich das so höre, was teilweise in den Ballungszentren passiert – Gute Nacht. Und im Grunde macht sich jeder selbst schuldig, der da über die Maßen mitmacht.

Wie ist es denn bei Red Bull Salzburg? Sie sprechen ja von langfristiger Entwicklung. Was passiert mit Jenen, die den Sprung nicht schaffen? Werden Sie vom Verein in irgendeiner Weise abgesichert?

Gott sei Dank haben wir die schulische und berufliche Ausbildung, die noch daneben steht. Aufgefangen wird der Spieler dadurch immer. Aber eines ist auch klar: Wenn hier einer bis zum Schluss dabei ist, also in der U18 oder sogar in Liefering spielt, dann ist er immer noch gut genug, dass er irgendwo bei einem hochklassigen Amateurverein seine Heimat finden kann. Und dann ist es auch immer noch möglich, dass er dort in seiner Ausbildung weiterarbeitet. Der geht ja dem Fußball nicht verloren und hört auf und sagt ,,jetzt mach ich irgendwas anderes“. Sondern in der Regel spielen sie weiter und der Fußball öffnet ihnen auch sehr viele Türen.

Wie nah sind Sie denn als Akademieleiter an ihren Talenten? Welche Rolle übernehmen Sie für die jungen Kicker?

Na ich sehe sie jeden Tag. Natürlich sucht man immer wieder das Gespräch zwischen Tür und Angel. Ich sehe sie beim Mittagessen, ich sehe sie durch die Akademie laufen, ich sehe sie hier von der Schule kommen (deutet aus dem Fenster) und wieder herausgehen.

Abschreckung durch Red Bull? ,,Naaa! Na, na, na.“

Merkt man in Gesprächen mit den Jungs, dass sie von der Dauerkritik gegen Red Bull berührt werden?

Das stimmt so nicht. Das kann ich so bei uns nicht bestätigen. Stimmt vielleicht für die erste Mannschaft, aber in Österreich ist Red Bull einfach akzeptiert. Natürlich werden wir von manchen ein bissl angefeindet, aber das hat halt viel mit Neid zu tun. Und da wird auch mal ein schlechtes Wort verloren, aber das ist uns eigentlich wurscht. Man muss auch sagen: Ohne Red Bull wäre der Fußball in der Form in Salzburg nicht möglich. Und dann ginge es uns nicht anders wie in vielen anderen Städten in Österreich. Das ist Fakt, da brauchen wir nicht drüber reden.

Also werden Spieler und Talente, die von Außen kommen, durch so etwas nicht abgeschreckt?

Naaa! Na, na, na. In der Regel sind wir klar akzeptiert, da kommen wir wieder zurück auf die Akzeptanz dieser Akademie hier in Liefering, die ist unumschränkt. Jeder weiß, was hier gemacht wird, jeder schätzt das und jeder akzeptiert das. Natürlich, wenn ein Verein einen Spieler an uns verliert, dann findet der das nicht toll. Genau so wenig, wie wir das toll finden, wenn wir einen Spieler nach England verlieren. Aber das gehört zum Geschäft. Damit muss man leben.

Sie sprechen davon, Spieler nach England zu verlieren. Die österreichische Bundesliga gilt gemeinhin als Ausbildungsliga. Versucht Salzburg hier gegenzusteuern?

Da muss ich eigentlich fragen: Sind Sie schon mal gegen den Strom geschwommen?

Ist vielleicht nicht so einfach.

Der Strom, was Attraktivität von Ligen anbelangt, ist ziemlich breit und ziemlich stark. Und wenn man da dagegen schwimmen will: Das geht nicht, da hast keine Chance. Um es so zu sagen: Wenn ein Spieler sich über das Level in der Liga hinausentwickelt, sind die Begehrlichkeiten von anderen Vereinen in entsprechenden Topligen so groß, dass der Spieler einfach gehen wird. Und wenn ich zu einem Spieler sage: Du kannst hier in der Akademie spielen, bei deinem Verein spielst Gruppenliga, dann geht der Spieler auch immer zu mir in die Akademie! Der sagt doch nicht, dass er Gruppenliga spielen will, das ist genau das gleiche. Das ist ganz logisch, dass wir unsere Spieler nicht bis zum St. Nimmerleinstag halten können.

Was wäre jetzt, wenn sich wirklich was entwickelt mit der Champions League in Salzburg? Oder ist das überhaupt ein Ziel?

Ich finde nicht, dass es unbedingt notwendig ist. Das ist ein Thema, das uns teilweise auch angedichtet wird. Natürlich haben wir es oft selber verbockt, dass wir nicht da spielen, aber für mich ist die Euro League das A und O, das muss man ganz klar sagen. Es ist für uns wichtig, dass wir dauerhaft im internationalen Geschäft sind, aber es muss nicht die Champions League sein. Wenn man heuer die Gruppe anschaut, in der wir in der Euro League gespielt haben: Da sind nicht viele Champions League Gruppen besser. Mit Nizza, die in Frankreich vorne mitspringen, Krasnodar ist in Russland ein Topverein, und dann hast dich noch mit Schalke rumärgern können, die ja auch nicht die Schlechtesten sind. (lacht). Das war heuer echt fast wie eine Champions League Gruppe.

Eine abschließende Frage zur Akademie: Wo sehen Sie den Punkt der die Sie von allen anderen Big Playern wie La Masia, Ajax Amsterdam und Co. unterscheidet?

Wir spielen anders. Wir spielen deutlich anders mittlerweile, das sehen wir bei sehr vielen Jugendspielen, auch wenn ich jetzt die Vergleiche in Katar mitnehme, wo wir auch gegen Real Madrid spielen, oder jetzt gegen Manchester City. Da sieht man ganz deutlich, dass wir einen anderen Spielstil pflegen. Und dahingehend bilden wir auch aus. Das sind schon mal deutliche Unterschiede. Dazu haben wir hier in der Akademie eine sehr gute technische Ausstattung, die es uns erlaubt, uns in einigen anderen Bereichen gut weiterentwickeln zu können.

Ok. Und wie sieht für Sie dann ein Top-Talent aus? Welche Attribute muss es für Sie mitbringen? Als Laie wird man sagen: Es muss Schnelligkeit, technisches Geschick und bereits frühzeitig Spielintelligenz mitbringen.

Ich wehre mich immer dagegen, zu früh von Top-Talenten zu sprechen. Für mich ist ein 13- oder 14-Jähriger maximal ein Talent. Ich hab da schon zu viel erlebt von vermeintlichen Top-Talenten, die dann irgendwo in der Bezirks- oder Landesliga geendet sind, die einfach mit 13 Jahren einen massiven Vorteil gehabt haben anderen gegenüber. Im Grunde ist das, was Sie sagen, was die motorische Komponente und Spielverständnis belangt, alles gut, alles richtig. Auch bei der Beurteilung von einem Talent. Wir haben hier noch den speziellen Aspekt, dass wir halt versuchen zu sehen: Denkt der auch in unserem Sinne? Dass er auch das lernen kann, was wir später von ihm verlangen. Und bringt er da auch die entsprechenden Voraussetzungen dafür mit? Also wenn halt einer ständig stehen bleibt, wenn er einen Ball verliert, um es einmal ganz überspitzt zu sagen, dann wird er bei uns nicht spielen. Wenn er sozial nicht interagieren kann, dann hat er auch ein Problem. Und dann werden wir auch „zwei Mal drauf schauen“. Das sind so Faktoren, die da maßgeblich mit reinspielen. Passt der zu uns? Können wir mit dem was anfangen? Ist er bereit, das, was wir spielen wollen, mitzutragen?

Zum Schluss, um noch ein bisschen nostalgisch zu werden: Gibt es in ihrer langen Laufbahn im Jugendbereich einen Spieler, an den Sie besonders gerne zurückdenken?

Mei, da gibt’s Mehrere. Ich hab vorhin schon mal einen genannt: Marcel Schäfer war für mich immer ein Musterschüler (lacht). Und er ist einfach ein super Typ geworden, ein super Mensch, der sich weiterbildet, der wird irgendwann ins Management jetzt einsteigen. Hat es bis zum Nationalspieler gebracht, was will man mehr? Ich hab neulich zu meinem Fünfzigsten etliche Videos gekriegt, und die Jungs liegen mir alle am Herzen. Unabhängig vom Marcel. Wenn ich euch die alle zeig, dann kommen euch die Tränen (lacht). Das ist schon ein schönes Event gewesen. Aber zeigt eben auch, wie die Leute einen wahrgenommen haben und was man geschaffen hat.

 

Made by: Michael Käser & Lukas Brandl

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