Er erinnert an Kingsley Coman, den agilen Franzosen des FC Bayern. Nicht sportlich, aber vom Visuellen her: Gewisse Ähnlichkeiten sind nicht wegzureden, außerdem sind die Haarspitze auch bei Presnel Kimpembe weißblond gefärbt, Kimpembe sieht aus, als sei er beim Backen in eine Mehlwolke geraten. Wir wissen natürlich, dass Kimpembes Haarpracht von Zeitgeist und Modebewusstsein zeugt und bedienen uns nur diesem pseudo-humoristischem Mehl-Vergleich, weil das Getreidepulver ganz gut zu unserem Presnel passt. Der Gute stammt nämlich aus dem romantischen Beaumont-sur-Oise, einem wirklich schönen, ländlichen Ort, wo 1775 der sogenannte Mehlkrieg ausbrach – um diese andeutende Eskalation der thematischen Abschweifung abzuwenden, sei nicht mehr auf die Hintergründe dieses Krieges eingegangen, nur so viel: Besagter Krieg soll eine Hauptursache der französischen Revolution gewesen sein, die bekanntermaßen nicht unwichtig für all das gewesen sein soll, was wir heute ,,modern“ nennen. Womit sich der Kimpembe-Kreis wieder schließt: Der Franzose ist nicht nur äußerlich, sondern auch fußballerisch modern. Dazu aber mehr unter Punkt zwei, wo die sportlichen Fähigkeiten unter die Lupe genommen werden.

Lohnende Geduld

Ob es der Geist von Beaumont-sur-Oise war, der dem jungen Presnel Kimpembe die Karriere als Fußballer mit auf den Weg gab? Wir wissen es nicht, bedanken uns aber für die abstruse Geschichte, die sich dadurch in der Einleitung erschloss. Wie auch immer – Kimpembe, Jahrgang 1995, sollte seine Karriere bei Amicale Sportive Éragny beginnen, im nächst größeren Ort. Wirklich lange blieb er den Éragnien(ne)s aber nicht erhalten, sollte er doch bereits im Alter von zehn Jahren den Verein verlassen und sich Paris St. Germain anschließen, wo er noch heute spielt. Stringent durchlief er die anfallenden Jugendmannschaften, als aber die Zeit nahte, in der andere Mannschaftskollegen bereits zu den Profis geladen wurden oder sich als solche sogar schon etablierten, stagnierte die Entwicklungskurve Kimpembes ein wenig und eine Tugend war plötzlich gefragt, die allzu oft in ihrer Wichtigkeit für Talente unterschätzt wird: Geduld. Kimpembe meisterte die Herausforderung aber und mausert sich zur aktuellen Saison regelmäßig in die erste Mannschaft, es scheint, als wäre der Durchbruch für den 21-Jährigen fast geschafft. Das Durchhaltevermögen zahlt sich auch finanziell aus, hat der Franzose mit kongolesischen Wurzeln doch im vergangenen November einen lukrativen, neuen Vertrag bis 2021 ausgehandelt. Zuvor übte er sich ein wenig im Erfahrungsgewinn: Mit einem intensiven Flirt mit Trabzonspor im Herbst 2016 (dessen Hauptantrieb, zugegebenermaßen, euphorisierte türkische Fans waren) erkundete er die Welt der Vertragsverhandlungen. Lange zuvor, im Oktober 2014, löste er beim französischen Verband mit einem Spiel für Kongos U21 ein wenig Handlungsbedarf aus, die ihn von da an auch regelmäßig in die eigene U21 beriefen. Auch in die erste Garde wurde er bereits berufen, allerdings noch ohne Einsatz, was angesichts der glorreichst luxuriösen Talentfülle der Franzosen nicht verwunderlich ist. Und außerdem hat Kimpembe ja gezeigt: Er kann warten.

Nachhaltiger Spieleröffner mit Marotte(n)

Was für ein Spieler ist Presnel Kimpembe aus Beaumont-sur-Oise? Der 21-Jährige ist Innenverteidiger, ein moderner noch dazu, wie man ja gerne sagt. Wie es sich heutzutage gehört, ist der erste auffällige Pluspunkt Kimpembes positionelle Polyvalenz, er kann also auch die drei anderen Positionen in der Kette besetzen und tritt konkret somit auch des Öfteren als linker Verteidiger in Erscheinung. Um die Behauptung eines grundsätzlich “modernen“ sportlichen Stiles zu begründen: Der Linksfuß rückt defensiv gerne aggressiv aus der Kette heraus und forciert so einen unerwartbaren Ballgewinn, der im Umkehrschluss gute Chancen für eine profitable Kontersituation bietet. Die Kehrseite ist offensichtlich: Scheitert Kimpembe, reißt er eine Lücke in die letzte Reihe und öffnet so Tür und Tor für einen hochgradig gefährlichen Schnittstellenball. Wenn der Angreifer dieses großzügige Angebot ausschlagen sollte, hat Kimpembe gnädigerweise aber immer noch die eigene Defensive nominell und verteidigungstechnisch um seiner selbst reduziert.
Aber genug auf Kimpembe geschimpft: Dass dem jungen Verteidiger eine Talentkritik gewidmet wird, hat ja einen Grund. Und der liegt hauptsächlich in den zweifellos vorhandenen Fähigkeiten der Spieleröffnung, die beim Franzosen gern und oft in einem ersten diagonalen Weg beginnt. Anschaulicher: Besonders nach einem nicht ganz zentralen Ballgewinn eröffnet Kimpembe das Umschaltspiel, indem er seinen Laufweg im ungeordneten Überraschungsmoment nach der Eroberung durch die erste verteidigende Kette des Gegners (also die zuvorigen gegnerischen Stürmer) nach innen kreuzt und diese so mehr oder weniger aus dem Spiel nimmt. Ein weiterer Vorteil neben der Dezimierung der Gegenspieler: Das Objekt der Begierde, der Ball, befindet sich jetzt in einem komprimiertem zentralen Mittelfeld, was auf den ersten Blick nicht sinnvoll aussieht und den Gegner auch sehr schnell zum Verschieben auf die gegenüberliegende Seite des Ballgewinns lenkt. Die andere Seite ist aber, wenn man vom Umschaltspiel Kimpembes Mannschaft ausgeht, beim jetzt verteidigenden Team relativ weit aufgerückt und defensiv ungeordnet, fuhr man doch gerade noch einen Angriff. Kimpembe bestraft das dann oft und lenkt das Spiel weiter auf die gegenüberliegende Seite, was in letzter Konsequenz eine Spielverlagerung ermöglicht, die eine Überzahlsituation auf dem Flügel zur Folge hat – alles in allem also eine sehr nachhaltige Spieleröffnung. Dass das Beschriebene keine Momentaufnahme, sondern ein alltägliches Mittel Kimpembes ist, zeigt folgendes Video:

Ein weiterer Vorteil des Verteidigers, der weniger taktischer, sondern mehr athletischer Natur ist, ist sein dynamischer Körperbau, der ihm seine schnellen Vorstöße aber auch erst ermöglicht. Im Gegensatz zu anderen hochgepriesenen Innenverteidigertalenten wie Niklas Süle oder José María Giménez ist Kimpembe relativ schlaksig und verfügt über eine hohe Beweglichkeit, vor allem mit den bei ihm besonders langen, unteren Extremitäten. Dass das im direkten Zweikampf von Vorteil ist, liegt auf der Hand.
Das führt schließlich zum Ende der Spieleranalyse, die mit einer marginalen, aber doch auffallenden Schwäche geschlossen werden soll: Im 1 vs 1 positioniert sich Kimpembe – wohl aus schlechter Angewohnheit – seinem Gegenspieler oft nicht frontal genug, was dazu führt, dass er einer schnellen Bewegung in Richtung seines Rückens nicht mehr folgen kann und sich drehen muss. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, aber trotzdem muss der 21-Jährige diese Marotte abstellen, wenn er auf höchster Ebene bestehen will und nicht vorgeführt werden möchte.

Wille schlägt Talent

Mit dem Verkauf von David Luiz und dem neuen Vertrag bis 2021 scheint die mittelfristige PSG-Zukunft von Presnel Kimpembe gesichert. Das Abwehrtalent tut aber gut daran, weiter an sich zu arbeiten, um sich im demnächst besten Fußballprofi-Alter als ein solcher zu etablieren und die hohen Erwartungen zu bestätigen. Dass er sehr viel Potenzial mitbringt, wird niemand in Frage stellen. Aber in Zeiten, in denen es unglaublich viele junge Spieler gibt, die mit viel Potenzial gesegnet sind und zum Talent deklariert werden, schaffen es nur diejenigen, die dieses auch bis zum letzten Tropfen ausschöpfen. Dass Kimpembe das noch nicht ganz erreicht hat, zeigt auch das Zögern von PSG bei den Vertragsverhandlungen im November (Paris bot 150.000€ monatlich, Kimpembe (bzw. sein Berater) forderte 250.000€, wie sport.sfr.fr berichtet). Wille schlägt Talent – das sollte sich der Linksfuß im Hinterkopf behalten, wenn er im Sinne von Beaumont-sur-Oise einen modernen, stabilen Innenverteidigertypus schaffen will und nicht mit viel Mehl (Rauch) um Nichts enden möchte.

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