Philipp Lienhart aus dem Mostviertel hat es geschafft: Er ist der erste Österreicher, der je für Real Madrid gespielt hat. Für die Königlichen, Los Galacticos, diesen Verein, der schillernd ist wie kein Zweiter. Nirgendwo wird eine Mannschaft, ein Verein, so exklusiv und elitär dargestellt, wie in Madrid, man möchte eigentlich sagen: abgehoben. Dabei ist Lienhart genau das nicht, ein Beispiel aus dem Leben bietet da sein Facebook-Profil. Während andere Real-Stars Agenturen beschäftigen, um sich den Fanscharen zuzuwenden und sich tagtäglich von hauseigenen Physios in Form bringen lassen, ist Lienhart da etwas volksnäher. So hat er den Facebookauftritt von Thomas Schmal, das ist der Masseur der österreichischen U21-Nationalmannschaft, einmal großzügig mit der Höchstbewertung von fünf Sternen ausgezeichnet. Öffentlich einsehbare Empfehlungsworte gab’s noch obendrein: ,,Freu mich immer wenn du Zeit hast beim U21 Team.“, so der O-Ton des Königlichen. Man stelle sich vor, ein Cristiano Ronaldo oder Sergio Ramos würde sich beim Masseur von Nebenan öffentlich für dessen Zeit bedanken. Aber diese Anekdote ist etwas, das auch Lienharts Wechsel nach Freiburg ganz gut erklärt und darüber hinaus ein Eckpfeiler seines österreichischen Pioniererfolgs ist.

Aus dem Mostviertel nach Madrid

Philipp Lienhart kam am 11. Juli 1996 im niederösterreichischen Lilienfeld, Mostviertel, auf die Welt. Nach fünf Jahren beim dortigen SC Lilienfeld wechselte er 2007 in die Akademie von Rapid Wien, wo er auch das Gymnasium in der Maroltingergasse besuchte. 2013 debütierte der Innenverteidiger in der zweiten Mannschaft von Rapid, eine Saison (28 Spiele, ein Tor) später lag dann ein Angebot von Real Madrid vor: Das Castilla-Team, also Reals zweite Mannschaft, und die U19, würde Lienhart gerne ein Jahr ausleihen und dann mal weitersehen. Das wurde gemacht, Lienhart überzeugte und wurde im Juli 2015 für 800.000 Euro fest verpflichtet. Zuvor durfte er für Real in der Youth League auflaufen und konnte sogar einen Treffer erzielen. In den folgenden zwei Saisons wurde es ereignisreich: Lienhart debütierte im Pokal als erster Österreicher überhaupt bei Real Madrid (unter Rafa Benitez) und wurde – zwar ohne Einsatz, aber als Bestandteil des Kaders – zwei Mal Championsleaguesieger. Parallel durchlief er die österreichischen U-Teams, über die der SCF auch aufmerksam auf Lienhart wurde. Insgesamt spielte der Abwehrmann von der U18 bis zur U21 (aktuell) 35 Spiele für die Austria, kam bei der EM in Ungarn bis ins Halbfinale und bei der WM in Neuseeland zumindest bis ins Achtelfinale. Und trotz einer scheinbaren Musterkarriere und der vorhandenen Klasse Lienharts war es jetzt an der Zeit, zumindest aus Sicht auf die Vereinsnamen einen Schritt rückwärts zu gehen. Doch eigentlich steigert sich der 21-Jährige Österreicher, der jetzt nach zwei Championsleaguesiegen endlich die Chance erhält, regelmäßig auf höchster Ebene Fußball zu spielen.

Reflektor

Wie schafft man es jetzt eigentlich aus Lilienfeld in die spanische Hauptstadt? Zu Beginn erweist es sich als zielführend, auf zwei Zitate zu blicken. Das erste stammt von Klemens Hartenbach, seines Namens Teil der sportlichen Führung des SC Freiburg, der mit folgenden Worten die Verpflichtung Lienharts (Leihe, Gebühr: 500.000 Euro) begründet: ,,Philipp ist ein junger und entwicklungsfähiger Innenverteidiger, dessen fokussierte und klare Spielweise uns bereits in den österreichischen U-Nationalmannschaften aufgefallen ist.“ Die zweite Aussage kommt von Lienhart selbst. Mitte Juni 2017 wurde er von spox.com interviewt und unter anderem gefragt, was er einem jungen Fußballer sagen würde, der vor einem wichtigen, zukunftsweisenden Spiel stünde. Lienharts Antwort: ,,(…) genießt die Anspannung!“

Anhand dieser Aussagen gelingt es recht gut, ein Porträt von Philipp Lienhart zu zeichnen. Als erstes wäre da die fokussierte, klare Spielweise, von der Hartenbach spricht. Diese ist tatsächlich das erste, was einem bei einer Analyse von Videomaterial Lienharts auffällt. Der Innenverteidiger wirkt permanent voll auf der Höhe des Geschehens, korrigiert ständig sein Stellungsspiel und ist stets bemüht, sein Blickfeld durch Umschauen größtmöglichst zu halten. Der anatomische Fokus des Sehorgans wird ergänzt durch einen Fokus mit Ziel-Bedeutung, den Lienhart stets versucht, möglichst rational auszurichten und immer wieder situativ neu anzupassen. Lienhart ist also kein Versessener, der um jeden Willen eine gewisse Spielidee durchsetzen und eine Marke setzen möchte, sondern ein Spieler, den Flexibilität auszeichnet und eben auch diese gewisse uneitle Art, immer nur die für den Verlauf des Fußballspiels beste Lösung zu finden und keine persönlichen Faktoren mit einfließen lässt. In einer Castilla-Partie, in der Lienhart als rechter Innenverteidiger eingesetzt wurde, passierte es ihm während seines Leihjahres zum Beispiel einmal, dass er einen kurzen Pass des Torhüters nicht offen annehmen konnte, obwohl der Ball ohne bemerkenswerten Druck oder Schnitt gespielt worden war. Lienhart versprang der Ball also Richtung eigene Eckfahne, zwar vom Tor weg, aber ihm die Spielrichtungen minimierend. Ein gegnerischer Stürmer erkannte das Pressingsignal und versuchte Lienhart weiter zu isolieren, welcher aber ungetrübt von seinem Fehler aufdrehen konnte. Und wo jetzt etliche andere Spieler versucht hätten, das technische Missgeschick durch einen gut angebrachten Pass oder ein kurzes Dribbling (welches im Bereich des Möglichen gewesen wäre) in Vergessenheit geraten zu lassen, hatte Lienhart mit dem Faux-pas bereits wieder abgeschlossen, erkannte, dass sein Außenverteidiger auch im Zuge war, angelaufen zu werden und der Rückpass zum Torwart mehr oder weniger zugelaufen war, und schlug den Ball trocken (und in diesem Fall eben: absolut richtigerweise) aus der Gefahrenzone.

Diese Anekdote zeigt: Lienhart ist kein Innenverteidiger, der so über die Maßen technisch beschlagen, wagemutig oder zweikampfstark wäre. Sein Skillset ist in der Qualität eher durchschnittlich, absolut erwähnenswert ist aber seine Fähigkeit, Situationen extrem schnell zu erkennen, zu bewerten und Schlussfolgerungen daraus zu ziehen, also: Entscheidungen zu treffen. Und Entscheidungen sind nun einmal der Schlüssel dazu, dass auch ein eigentlich schwächerer Fußballer im Spiel effektiver als Andere sein kann.

Wie macht dieser Philipp Lienhart das, der ja nicht nur immer die sicherste Option wählt, sondern im Spielaufbau auch gerne einmal einen schlecht gestaffelten Gegner erkennt und das Dribbling mitten durch die ersten zwei Reihen sucht? Seine Rationalität ist dem von Hartenbach hervorgehobenen Fokus zu verdanken. Als Lienhart zum ersten Mal für die erste Mannschaft von Real Madrid eingewechselt wurde und neben dem vierten Offiziellen an der Auslinie stand, da hätte man als Zuschauer denken können, dass Lienhart – ein blonder, blasser Bubi – gleich kollabieren würde vor Aufregung. Die Augen schienen zu flackern, das Herz hörte man praktisch pochen. Als Lienhart dann aber auf den Platz sprintete, sich fünf Mal umsah und einige Kommandos gab, merkte man: Diese Nervosität ist bewusst provoziert. Und weil eine Angst keine hemmenden Effekte mehr mit sich bringt, wenn Ursache und Lösungsmöglichkeit rational erfasst werden, liegt es auch nahe, dass eine selbst geförderte Angst keine solchen Nebenwirkungen mehr hat, sondern vielmehr nur die Sinne schärft und den Adrenalinspiegel hebt. Und deshalb fügt sich auch Lienharts Aussage, man solle ,,die Anspannung genießen“ so wunderbar erfrischend in das Bild eines reflektierten, selbstkritischen und uneitlen jungen Spielers, der gerade deshalb par excellence zu seinem neuen Trainer Christian Streich passt.

Unter Seinesgleichen

Wie bei jeder guten Analyse darf am Ende nicht vergessen werden, auch den Konjunktiv zu benutzen. Natürlich hat Lienhart bisher nie im allergrößten Rampenlicht gespielt, ist gerade erst 21 Jahre alt geworden und sieht seinen schwierigsten Herausforderungen erst noch entgegen. Dass dann Dinge wie Unsicherheit durch unkontrollierbare Nervosität eine Rolle spielen könnte, liegt auf der Hand. Auf der anderen Seite darf sich Lienhart jetzt in einem Umfeld beweisen, das sich durch Ruhe und Unaufgeregtheit auszeichnet, Lienhart ist also quasi unter Seinesgleichen gelandet. Man darf sich auf regelmäßige Auftritte des braven Pioniers freuen, die dessen Konstanz zum ersten Mal so richtig auf die Probe stellen werden.

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