,,Denn in der Tat, an Seele und Leib bin ich erstarrt und weiß dir nichts zu antworten;
wiewohl ich schon tausendmal über die Tugend gar vielerlei Reden gehalten habe vor vielen, und sehr gut, wie mich dünkt. Jetzt aber weiß ich nicht einmal, was sie überhaupt ist, zu sagen.“

Menon zu Sokrates in Platon: Menon

Was reichlich abstrakt klingt, ist ein vertrautes Phänomen für jeden, der sich intensiv und kritisch über einen langen Zeitraum mit einer Thematik auseinandersetzt: Das Gefühl, plötzlich nichts mehr zu wissen, und alles bisher gewusst Geglaubte in Frage gestellt zu sehen. Menon beschreibt sich angesichts dieses Gefühls im berühmten Dialog mit Sokrates wie von einem Zitterrochen erstarrt, und aller Verwirrung zum Trotz ist dieses Erstarren der Beginn einer eigentlichen Erkenntnis. Auf so eine hohe Stufe will sich dieser Artikel freilich nicht stellen, aber auch er ist das Resultat vieler Fragezeichen, die sich uns bei und um unsere Arbeit im Fußball vermehrt gestellt haben. Ohne den Anspruch auf irgendeine Vollständigkeit oder Gesamtlogik haben wir drei scheinbare Gegensätze formuliert, die wir als riesige Herausforderung für Trainer – vor allem im “Talentbereich“ – erachten und schriftlich versucht, unsere Gedanken dazu kurz und bündig zu ordnen. Ziel ist es, interessierten Lesern Anhaltspunkte und andere Sichtweisen auf vertraute Schwierigkeiten zu geben. Natürlich handelt es sich hier nicht um Patentrezepte oder den heiligen Gral des Nachwuchstrainings, auch wenn es inhaltlich an mancher Stelle recht idealistisch formuliert ist – die Sprache ist eben von schwer greifbaren, komplexen und hoch individuellen Gegebenheiten, bei denen wir im Tagesgeschäft oft genug unseren Ansprüchen nicht gerecht werden und die letztendlich jeder für sich selbst betrachten und behandeln muss.

Es schreibt in grau:

Lukas Brandl, NLZ-Trainer bei Wacker Burghausen

Es schreibt in schwarz: 

Christian Dobrick, NLZ-Trainer bei Holstein Kiel

Bild: Holstein Kiel


1 Anweisungen und Prinzipien – Orientierung vs. Hemmung

LB:

Die Daseinsberechtigung, der Daseinssinn eines Fußballtrainers liegt zu großen Teilen darin, einer Mannschaft und deren Spielern Orientierung in so einer Art und Weise zu geben, dass diese im akuten Moment der Hilfestellung, aber auch planvoll auf lange Zeit besser Fußball spielen kann. Zwei Gegebenheiten erschweren diese Aufgabe dramatisch: Die Komplexität des Spiels, die mit sich bringt, dass es fast für keine Situation auf dem Platz ein ,,richtig“ und ,,falsch“ gibt, sondern allenfalls etliche Handlungsoptionen, die alle über vielfach bedingte und voneinander abhängige Wahrscheinlichkeiten zu bewerten sind. Und ein grundsätzliches zwischenmenschliches Problem: Jenes der Kommunikation. Schon wenn Person A mit Person B redet, wird Person B niemals im Detail die Äußerung von Person A in deren gemeinten Ursrpungscode decodieren können. Und bei unseren Szenarien findet sich dieses Problem in dynamische Situationen eingebettet, mit oftmals mehreren Rezipienten auf einmal, die dazu noch einen nicht hauptsächlich dieser Kommunikation zugewandten Aufmerksamkeitsfokus haben.
Diese Probleme werden nun flächendeckend so gemeistert, dass es Übereinkünfte gibt, die, basierend auf ,,Wahrheiten“ (wie Spielsysteme, Positionsbezeichnungen, Regeln), dem Trainer und seinen Spielern in Kommunikation und Spielverständnis auf ein Spektrum beschränken, das die Anzahl der möglichen Missverständnisse reduziert. Ausgewählt werden diese Übereinkünfte danach, wie erfolgsversprechend sie erscheinen oder sich erwiesen haben.
Festzuhalten bleibt: Jeder Versuch des Trainers, diesen Teil seiner Arbeit in der Interaktion mit den Spielern effizienter zu machen, geht unweigerlich damit einher, Handlungsmöglichkeiten zu streichen.

Das hört sich nicht besonders gut an, ist aber letztendlich Kernaufgabe des Trainers. Sich auf Prinzipien zu verständigen, ist erforderliche Grundlage für die Funktionsfähigkeit eines Kollektivs. Die Auswahl dieser Prinzipien ist demzufolge also nicht nur absolut erfolgskritisch, sondern hat auch massive Auswirken auf die Entwicklung der Spieler, da eine Art Filter auf deren Entscheidungsfindung gelegt wird.

Als Trainer gilt es, meiner Meinung nach, vor allem im Entwicklungsbereich (wo hört der auf…?), Filter zu konstruieren, die den einzelnen Spieler A) hellhörig und tolerant für seine Umgebung – vor allem für die Mitspieler – machen, denn nur so ist Zusammenarbeit möglich, ohne welche man einen Mannschaftssport nicht betreiben kann. Das bedeutet ganz banal die Beachtung der Prinzipien der bewussten Wahrnehmung erstens und des Deutens und Verstehen-Wollens der Interaktionspartner zweitens.
Und B) geht es um Filter, die die konkrete Entscheidungsfindung betreffen. Grundsätzlich dreht sich hier viel um Reflexion, keine Entscheidung ist irrelevant, und nur durch die Interpretation der Konsequenz einer Entscheidung kann es so etwas wie Entwicklung geben. Ein Trainer als zentrale Vermittlungs- und Koordinierungsinstanz einer Mannschaft muss das berücksichtigen, ermöglichen und steuern. Wenn das gewährleistet ist, denke ich, dass es bei diesem Filter B) wichtig ist, sich einzugestehen, dass man seinen Spielern niemals die Entscheidungen abnehmen kann, denn man kann sich niemals gänzlich ,,in den Spieler denken“ und seine exakte Rolle in der augenblicklichen Situation einnehmen. Daraus ergibt sich, dass man dem Spieler Entscheidungs- und Handlungskompetenz einräumen muss. Und wenn man das schon tun muss, sollte man zumindest eine optimistische Sicht auf die Spieler pflegen. Dementsprechend geht es um Prinzipien, die eben nicht hemmen, sondern ermutigen und Zuversicht vermitteln.

CD:

Seit einiger Zeit ist das sogenannte Prinzipientraining ein geflügeltes Wort unter Fachleuten, die sich mit dem Thema der Talententwicklung beschäftigen. Das Prinzipientraining bildet im Grunde das Gegenstück zu den unpräzisen und situationsspezifischen Anweisungen, die Trainer nur allzu häufig ihren Schützlingen mit an die Hand geben. Dabei leitet die Trainer die wage Hoffnung, dass der Spieler die konkrete Situation noch lebhaft und objektiv im Kopf hat und fähig ist, für sich aus der gegebenen Anweisung eine allgemeingültige Aussage für sein Spiel ableiten kann. Schon anhand der Schilderung dieses komplexen Denkprozesses sollte einem aufgehen, dass dies für den Jugendfußball wohl eher keine geeignete Art ist, Spieler zu verbessern, denn selbst der ein oder andere Profi verfügt wohl kaum über die Abstraktionsfähigkeit, situationsspezifische Anweisungen auf das große Ganze zu projizieren.

Das Prinzipientraining wählt einen anderen Ansatz. Julian Nagelsmann – bekannt für seine 31 Prinzipien – lässt seine Spieler wieder und wieder seine Prinzipien trainieren. Die Spieler müssen die Prinzipien seiner Spielphilosophie selbstverständlich nicht ausführlich verbalisieren können. Sie müssen aber sehr wohl erkennen, wann welches Prinzip im spielerischen Kontext Anwendung finden könnte. Auch Trainerkollege Domenico Tedesco sprach im Interview mit spielverlagerung.de unlängst davon, dass er Prinzipien implizit und explizit trainieren lasse. Als Beispiel für ein implizites Prinzipientraining führte er dabei die beliebte Übung „Handball-Kopfball“ an, die er mit der Sonderregel spielen lässt, dass der Ballbesitzende den Ball abgeben muss, wenn er von einem Spieler des gegnerischen Teams getickt wird. Das vermittelte Prinzip dahinter? Um im Spiel selbst einen Ballgewinn zu erzielen, muss der pressende Spieler zum Ballbesitzenden „durchlaufen“ und in den Zweikampf gehen. Um dieses Durchlaufen zu belohnen und das Stellen unattraktiv zu machen, lässt Tedesco das Aufwärmspiel prinzipiell mit dieser Regel spielen.

Auch im Jugendbereich kann diese trainingswissenschaftliche Methode, die sich aus der Taktischen Periodisierung gemäß van Gaal und Mourinho ableitet, gezielt einsetzen. Für die Trainerzunft ist es im Jugendfußball aber ein äußerst schmaler Grad. Besonders das explizite Prinzipientraining ist auch mit einem gewissen Maß an Abstraktionsfähigkeit verbunden. Kinder und Jugendliche neigen zu einem recht ausgeprägten Schwarz-Weiß-Denken und eine geringe Differenzierungsfähigkeit, wenn es darum geht, Anweisungen von Respektspersonen aufzunehmen und umzusetzen. Sind Prinzipien also explizit definiert, ist es aus der Alltagserfahrung heraus durchaus möglich, dass Spieler mit Bezug auf die explizit definierten Prinzipien Hemmungen haben, im Spiel selbst eigene Entscheidungen zu treffen. Nämlich genau dann, wenn ein Prinzip eine konkrete Spielsituation nicht erfasst oder eine konträre Handlungsweise wohl möglich die bessere Option wäre.

Gerade im Jugendbereich ist also unbedingt darauf zu achten, wie Prinzipientraining altersgerecht in das Training integriert werden kann, um einen bestimmten Spielstil schon mit Kindern umzusetzen, ohne gruppen- oder mannschaftstaktische Konzepte zu erklären oder trainieren zu müssen. Prinzipientraining sollte somit inzidentell und implizit erfolgen und erst mit zunehmenden Alter der Spieler expliziter und intentionaler werden. Ein guter Lehrer ist eben jemand, der seinem Schüler zwar zeigt, wo er hinschauen muss, nicht aber, was er dort sehen soll.

2 Die goldene Mitte – Sorglosigkeiten und Beklemmung

LB:

Nach dem Sieg der mexikanischen Nationalmannschaft gegen Deutschland bei der WM 2018 hieß es, Trainer Osorio habe nach dem Spiel sinngemäß gesagt, seine Mannschaft habe gewonnen, weil sie nicht aus Angst vor der Niederlage, sondern aus Liebe zum Sieg gespielt hätte. Es ist aus psychologischer Sicht naheliegend, dass man zu Höchstleistung am ehesten fähig ist, wenn, bildlich gesprochen, ,,Herz“, ,,Kopf“ und ,,Bauch“ eine Tätigkeit gleichermaßen als relevant erachten: Wenn man das ,,ethisch Richtige“, etwas ,,rational Sinnvolles“ mit ,,gutem (Bauch-)Gefühl“ macht, ist man im Flow und arbeitet effizienter und qualitativer. Wenn Juan Carlos Osorio also davon spricht, dass seine Mannschaft aus Liebe zum Sieg und nicht aus Angst vor der Niederlage gespielt hätte, dann meinte er damit wohl, dass die Mexikaner mit der Motivation, ihr Heimatland bei der WM zu vertreten, mit einem überzeugenden Matchplan im Gepäck und – das war sicher auch der reaktiven, fast trägen Art der deutschen Mannschaft an diesem Tage zu verdanken – euphorisierenden Spielerlebnissen auftraten, und das Spiel folgerichtig an sich rissen und verdient gewannen.
Ist das Erfolgsrezept also so einfach? Gute Gründe für Kopf, Herz und Bauch finden und dann jeder Herausforderung mühelos gewachsen sein?
Freilich nicht, denn diesen Zustand des Flows zu erreichen, ist extrem kräftezehrend und sehr eigendynamisch – würde man versuchen dieses ,,Erfolgsrezept“ also zu erzwingen, verliert man schnell viel Kredit und Energie. Motivation, wenn sie nachhaltig und gesund sein soll, ist kein Zustand, der sich auf Knopfdruck anschalten lässt.

Als Trainer motiviert man meiner Meinung nach am besten weder durch pathetische, heroische Ansprachen, welche die Gegebenheiten völlig überzeichnen und den Sinn des Spiels entfremden, noch durch ebenso untreffende übertriebene Sachlichkeit, die durch Sinnwegnahme Gefahr läuft, die Spieler mutlos werden zu lassen. Motivation erachte ich nicht als kurzfristiges Werkzeug, dessen Einsatz stets in der Kabine kurz vor Beginn des Spiels und in der Halbzeit stattfindet und durch das ,,Coaching“ des Trainers auf das Spielfeld getragen wird. Motivation ist nicht direkt steuerbar, sondern eher auf lange Sicht durch eine konstante Atmosphäre, einen konstanten Umgangston in der Mannschaft zu erreichen. Ziel muss es sein, als Trainer (als der man eine wichtige Bezugsperson gerade für junge Fußballer ist), seine Spieler stets Ernst zu nehmen, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, eine gewisse Wichtigkeit des Trainings- und Wettkampfalltags auf Basis der Identitätsfindung der Spieler zu vermitteln und gleichzeitig auch den Fakt, dass es sich um ein Spiel, das man freiwillig spielt, handelt, mit der nötigen Lockerheit berücksichtigen. Ein solches Umfeld führt dazu, dass sich der einzelne Spieler ernstgenommen fühlt, sich seiner Stärken bewusst ist und demzufolge auch gewillt, diese zu zeigen. Aber gleichzeitig ist er bestenfalls im Falle des Scheiterns – was angesichts der letztendlichen Unausrechenbarkeit des Fußballs absolut unvermeidlich ist – nicht in seiner grundsätzlichen Identität angegriffen und findet in seinem Mannschaftsumfeld Halt und Orientierung, aber auch den nötigen Ansporn, Dinge besser machen zu wollen.

Die goldene Mitte zwischen Sorglosigkeit und Beklemmung ist also eine Gratwanderung, die sich meiner Ansicht nach nur auf lange Zeit insofern bewältigen lässt, dass man, durch das Mannschaftsumfeld gestützt, auf keiner Seite mehr allzu weit herunterfallen kann.

CD:

Die Talententwicklung kämpft besonders im Leistungsfußball stets mit dem sportpsychologischen Spagat zwischen Übermut und Angst. Wohl jeder Trainer – sei es Breitensport oder Leistungssport – kennt dieses Phänomen, das nicht zuletzt mit dem Selbstbewusstsein der Schützlinge im außersportlichen Rahmen zu tun hat. Spieler, die den Fußball zu einer Einzelsportarten machen und für die der Teamerfolg bestenfalls zweitrangig ist gegenüber Spielern, die sich aufgrund ihrer Angst davor, Fehler zu machen und dem Team zu schaden, in einen negativen Feedbackloop begeben, der ihre Leistungen und Talententwicklung nachhaltig behindert.

Besonders im deutschen Nachwuchsleistungsfußball lässt sich vermehrt beobachten, dass technisch und taktisch gute Spieler ihrer eigenen Psyche zu Opfer fallen und es deswegen nicht bis ganz nach oben in die Spitze der Leistungspyramide schaffen. Das hat nicht zuletzt, wie ich bereits für Talentkritiker.de analysierte, mit dem historisch-gewachsenen Fußballverständnis zu tun, welches in Deutschland tendenziell stärker als andernorts von Angst und Sicherheitsdenken geprägt ist. Trotzdem lässt sich das Problem der übermäßigen Angst vor Fehlern auch in vielen Sportarten nachweisen – allesamt mit negativen Auswirkungen auf die konkrete Leistung des Spielers/Sportlers. Diese Angst beruht nicht nur auf der eigenen Enttäuschung gegenüber selbst erbrachten Leistungen, sondern auch auf der Erwartungshaltung von Club und Elternschaft. Besonders junge Menschen reagieren dabei sehr weniger stabil auf Misserfolge als erfahrene Sportler. Die Folge ist eine Abwärtsspirale, aus der sich ein Jugendfußballer nur selten ohne Hilfe von Außen wieder befreien kann. Es beginnt mit einem tendenziell stärker ausgeprägten Neurotizismus (gem. Modell der „Big Five“ der Psychologie) bei einem Spieler. Dieser Spieler macht nun einen entscheidenden Fehler in einem entscheidenden Moment der Partie und ist verantwortlich für eine Niederlage Auch wenn er nun weder von Seiten des Trainers, der Mitspieler oder der Eltern Druck für diesen Fehler bekommt, ist es durchaus möglich, dass er dieses Erlebnis als einschneidend empfindet, weshalb sich seine Angst vor Fehlern weiter verstärkt. In der Folge beherrscht diese Angst sein Handeln auf dem Feld – er ist so beklemmt, dass sich seine Entscheidungsfindung verschlechtert. Weitere Fehler sind die Folge, ein persönlicher Abstieg innerhalb der Teamhierarchie (in Bezug auf Ansehen bei den Mitspielern und auf lange Sicht des Trainerteams) ist schwer aufzuhalten. Diese Spieler, die tendenziell zur Beklemmung neigen, sind im Grunde diejenigen, bei denen der menschliche Grundtrieb der Bindung am ausgeprägtesten ist gegenüber den anderen beiden Grundtrieben, der Aggression und der Neugier. Sie wollen gemocht werden.

Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die das Spiel und sich selbst auf der entgegengesetzten Spur bewegen. In ihnen ist der Grundtrieb der Aggression am ausgeprägtesten. Sie wollen sich zeigen und betreiben den Fußball mitunter schon mal als Einzelsportart. Ihre Extraversion sorgt dafür, dass sie Erfolge durchaus für sich reklamieren, aber Verantwortung für Misserfolge auf andere übertragen. Der wesentliche Unterschied zwischen diesen beiden Extrempolen der Sorglosigkeit und Beklemmung ist das Selbstbild und die daran gebundenen Rückkopplungseffekte, die sich aus Fehlern ergeben. Während der Spieler durch seinen Neurotizismus und die Beklemmung, die eigene Fehler oder auch neutrale Anweisungen der Trainer bei ihm auslösen können, zunächst nur seine eigene Leistung langfristig sabotiert, neigt der aggressive und sorglose Spieler dazu, auch das Team in eine Abwärtsspirale zu ziehen.

Wie im bekannten Ying & Yang-Symbol ist es individuell und auch kollektiv stets die Gratwanderung zwischen Ordnung und Chaos. Auf der einen Seite stehen die taktischen Anweisungen, Prinzipien und Entscheidungen des Trainers, die die Spieler beachten sollen, um die kollektive Idee des Spiels umsetzen zu können (Ordnung) und auf der anderen Seite die Kreativität, die Unberechenbarkeit und die Gabe der Spieler, neue Lösungen zu finden, die der Trainer nicht kalkuliert hat (Chaos). Zu viel Ordnung sorgt für Beklemmung, zu viel Chaos für Sorglosigkeit. Sowohl der einzelne Spieler als auch die Mannschaft als Ganzes schwingen nun wie ein Pendel zwischen den Polen Chaos und Ordnung auf einer Achse hin und her. Je stärker das Pendel in die eine Richtung ausschlägt, desto stärker wird es früher oder später in die andere Richtung ausschlagen. Die unglaublich schwierige Aufgabe des Trainers ist es nun, die Ausschläge des Pendels den einzelnen Spieler und des Teams als Kollektiv so klein wie möglich werden zu lassen, um es in der Mitte zu halten.

Nur mit hervorragender Menschenführung und einem gewissen Maß an kommunikativer Intuition kann der Trainer dieses auf einer horizontalen Achse schwingende Pendel ökonomisieren und die goldene Mitte zwischen diesen sich konträr gegenüberstehenden Menschentypen individuell und kollektiv mit den Spielern erarbeiten. Das Lern- bzw. Trainingsumfeld und die Atmosphäre bestimmt hierbei wesentlich, wie Spieler mit Fehlern umgehen. Eine kollektive Identifikation mit der Spielphilosophie und der gemeinsamen Idee können dafür sorgen, dass die Beklemmung weicht und der Übermut gezügelt wird. Am Ende lautet die Frage: „Trial and Error“ und lebenslanges Lernen oder doch Frustration?

3 Entscheidungsfindung: Umsichtigkeit vs. Kurzentschlossenheit

LB:

Jeder, der einmal im Fußballtraining war und am Wochenende seine Spiele bestritten hat, wird von seinen Trainern diese beiden ,,Anweisungen“ zumindest sinngemäß gehört haben: ,,Kopf hoch!“ und ,,Spiel schneller!“. Dabei ist erstere ein beliebter Reflex auf Fehlpässe vielerlei Art, denen so etwas wie Planmäßigkeit abgesprochen wird. Und zweitere ertönt, wenn ein Spieler mal wieder nicht weiß, wohin mit dem Ding, weil er wahrscheinlich einfach unkonzentriert ist…
Man kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass unter weiten Teilen der Fußballtrainerschaft diese ,,Anweisungen“ anerkannte Handlungsstrategien zum ,,idealen Fußball“ sind. Erhobener Kopf, das Feld stets im Blick, schnell spielen. Das hört sich zurecht gut an! Aber: Wer sagt denn, dass die zahllosen Spieler, denen das immer und immer wieder nicht dauerhaft so gelingt, tatsächlich nicht genau nach diesem Ideal spielen wollen?

Was bei vielen Fußballprofis wohl als weitgehend automatisierte Handlungs- und Entscheidungsmuster zu betrachten ist, ist gerade bei Nachwuchsfußballern eine viel bewusster wiederkehrendes Dilemma: Ich will einen guten Pass spielen bzw. in die richtige Richtung dribbeln, aber das kostet viel Zeit. Und gleichzeitig will ich schnell spielen, aber weiß doch noch gar nicht, wohin am besten. (Defensiv formuliert: Ich will klug verteidigen und keine Räume entblößen, aber der Ball ist mittlerweile schon wieder ganz wo anders. Und gleichzeitig will ich dem Gegner keine Zeit lassen und schnell in den Zweikampf kommen, aber da hat er mein Herausrücken schon bestraft und den freigemachten Raum schon bespielt.)
Man ist versucht, angesichts dieser Polarität von Umsichtigkeit und Kurzentschlossenheit eine andere Polarität zur erklärungshalber zugrunde zu legen: Umsichtige Spieler, das sind eben solche, die bewusst spielen und bewusste Entscheidungen treffen, ,,intelligente Spieler“. Und kurzentschlossene Spieler kommen über ihre Intuition, treffen eher unbewusst gute Entscheidungen, das sind dann ,,instinktive“ Spieler. Wer selbst Trainer ist und an die eigene Mannschaft denkt, dem fällt es nicht so schwer, einige Spieler in dieses Schema zu klassifizieren. Und auch beim Blick auf die bekannten Fußballgesichter könnte man einordnen: Sergio Busquets z.B. als intelligenten Spieler, Thomas Müller als instinktiven. Ein wunderbares Streitthema, bei dem sich allerdings die Frage nach der Sinnhaftigkeit angesichts einer Praxisrelevanz für Trainer stellt. Was soll ich als Trainer also meinem Spieler sagen? Spiel schnell oder Kopf hoch?

Ich denke, dass das Kommentieren und Bewerten von erfolgten Entscheidungen nur in seltenen Fällen einen Effekt hat, der nicht kontraproduktiv ist. Demzufolge macht es weder Sinn, seinen Spieler für eine schnelle, noch für eine langsame schlechte Entscheidung zu rügen, vor allem deshalb, weil man als Trainer niemals in der Position ist, das gänzlich nachzuvollziehen. Scheinbar schlechte Entscheidungen werden einfach immer passieren, und unmittelbar kann diese sowieso nicht korrigieren, aber auch darauf aufbauend nicht vorbeugen. Die gewünschte Vorbeugung, die Reduktion von schlechten Entscheidungen, erfolgt auch hier über einen längeren Zeitraum im alltäglichen Training und mit einem entsprechend gelassenen – also Entscheidungsfreudigkeit fördernden – ,,Coaching“ während des Wettkampfs. Trainingsziel sollte es sein, den Spielern zu vermitteln, dass es elementar wichtig ist, sich selbst in Bezug auf seine Spielumgebung wahrzunehmen, ob nun bewusst oder unbewusst, sei dahingestellt… Aber nur wer (irgendwie) weiß, welche Rolle er im Augenblick der Spieldynamik einnimmt, kann, in Anbetracht der Gegner- und Mitspielerkonstellationen, eine angemessene Entscheidung treffen. Nach diesem Verständnis ist eine ,,langsame/schnelle schlechte Entscheidung“ nur noch die folgerichtige letzte Konsequenz einer komplexen Wahrnehmungs- und Entscheidungsfindungskette. Ich bin der Überzeugung: Je besser die Basis, also das grundsätzliche Selbst- und Umfeldverständnis im Spiel, desto größer auch die Chance auf eine gute Entscheidung, ob nun ,,umsichtig“ oder ,,kurzentschlossen“.

 

CD:

 

“You’re going to pay a price for every (…) thing you do and everything you don’t do. You don’t get to choose to not pay a price. You get to choose which poison you’re going to take. That’s it.”

Prof. Jordan B. Peterson, Kanadischer klinischer Psychologe, Autor und Kulturkritiker

Das Leben ist wie der Fußball und der Fußball ist wie das Leben. Es ist manchmal schon erstaunlich, dass der Fußball eine Art Brennglas für Weisheiten ist, die das Leben genauso betreffen, wie das schöne Spiel mit dem runden Leder. In neunzig Minuten durchläuft das Spiel sämtliche Phasen, die wir Menschen nur zu gut in unseren eigenen Lebenswegen wiedererkennen könnten, wenn wir nur genau hinsehen würden. Der Zyklus des Lernen, des Wachstums und des Niedergangs scheint auch im Fußball eine universelle Wahrheit darzustellen.

Nicht zuletzt ist jede Situation im Fußball so, wie in der Welt der Roten Königin im Roman „Alice im Wunderland“. „Hier bei uns musst du so schnell laufen wie du kannst, um an der gleichen Stelle zu bleiben. Und wenn du woanders hin willst, dann musst du mindestens doppelt so schnell sein.”

Wer keine Entscheidung trifft, der hat die schlechteste mögliche Entscheidungen getroffen, denn die Option, keine Entscheidung zu treffen, ist nicht mehr als eine Illusion. Unzählige Optionen. Unheimliche Dynamik. Ständige Interaktion. Bereits in der nächsten Sekunde kann sich die Spielsituation radikal verändert haben. Zögern wird im modernen Fußball, in dem Ballkontakte im Schnitt nur wenig mehr als eine Sekunde dauern, radikal bestraft. Wenn ein Spieler auch nur kurz zu lange überlegt, was er tun soll, und in Folge dessen nicht handelt, verliert er das Spielgerät. Will er zumindest an der gleichen Stelle bleiben, muss er also so schnell laufen wie er kann.

Doch was soll ein Trainer seinen Spielern nun raten, wenn dieser ihn fragt, welche Entscheidung die richtige wäre? Wenn er fragt, ob er auf dem Platz alle Optionen in Erwägungen ziehen soll oder seinem Gefühl, seiner Intuition folgen soll? So unterschiedlich die Spielertypen sind, die der Fußball seit seiner Erfindung hervorgebracht hat, so unterschiedlich kann die Antwort auf diese Frage ausfallen. Spieler wie Kroos, Xavi und Busquets würden vermutlich antworten, dass sie den Fußball denken. Ihr Spiel zeichnet sich dadurch aus, vermeintlich jede Handlungsoptionen bereits in Erwägung gezogen und bewertet zu haben, bevor sie entscheiden, ob sie den Ball abspielen oder halten müssen. Ob ein Gegner überdribbelt, oder überspielt werden muss. Busquets sagte einmal im Rahmen eines Interviews, dass er auf dem Platz permanent zählen würde, wie viele Spieler auf welcher Seite und in welcher Linie stehen. Da wo weniger Gegenspieler als Mitspieler sind, spielt er den Ball hin. So simpel das klingt, so komplex ist es in der Realität. Es sind Spieler, deren Ziel es ist, ein Spiel zu lenken und zu rhythmisieren und stets die rationale Option zu wählen. Umsichtigkeit und Übersicht sind nicht nur ihre Stärke, es sind Prinzipien ihres Wesens, denn sie sind der Inbegriff der Komplementärspieler. Bei ihnen spielt, ganz im Sinne von König Johan, der Kopf Fußball und eben nicht die Füße. Entscheidungen werden getroffen, weil sie logisch erscheinen und nicht, weil der Spieler einer spontanen Eingebung folgt.

Das Gegenteil dieses denkenden Spielertyps sind Spieler wie Leroy Sané, Neymar oder Kylian Mbappé. Künstlerseelen, die ihrer Kurzentschlossenheit nachgeben und dem folgen, was man gemeinhin als Intuition versteht. Sie müssen nicht verstehen, was sie dort tun. Sie müssen nicht verstehen, warum sie damit Erfolg haben. Sie müssen nur verstehen, dass es funktioniert. Spieler wie sie, die immer den Tanz auf der Rasierklinge suchen, weil er ihre Stärke und ihr Kryptonit zugleich ist, sind der Inbegriff von Chaos. Chaos, das gegnerische Abwehrreihen ins Verderben stürzen kann. Chaos, das aber auch die eigenen Mitspieler an den Rande des Abgrundes katapultieren kann, wenn es den Rahmen des Vernünftigen zu sprengen droht. Nur selten wägen Spieler, die ihrer Intuition vertrauen, ernsthaft ab, ob es eine bessere Handlungsoption gäbe. Wenn sie das Gefühl haben, es ist an der Zeit, erst einen, dann zwei und dann auch noch den dritten Gegenspieler aussteigen zu lassen, dann gibt es kein Zurück oder Zögern. Das birgt selbstverständlich mehr Risiken, als Spieler die umsichtig handeln. Doch wie war das noch gleich mit dem Risiko im Fußball? Wer nichts riskiert, der riskiert alles.

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